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Held, Heldin oder Hexe

Wie eine Stimme eine Sängerin auf eine Rolle festlegt

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Es gibt hohe Stimmen, tiefe Stimmen; manche Stimmen sind sehr wandlungsfähig; andere sind mächtig und schwerfällig; und manche sind schwer in eine Schublade zu stecken.

Die Bandbreite der menschlichen Gesangstimme ist sehr groß. Deswegen ist jede Stimme einzigartig, was es jedoch für den Komponisten schwierig macht. Ein Komponist betrachtet die Stimme hauptsächlich von drei Blickwinkeln: dem Stimmumfang, dem stimmlichen Timbre (also die Klangfarbe der Stimme, beispielsweise ob die Stimme weich oder hart, hölzern oder metallisch klingt) und der stimmlichen Gewichtigkeit (ob die Stimme leicht der gewichtig ist).

In der Tradition der europäischen klassischen Musik wurden Systeme entwickelt, um verschiedene Stimmtypen zu klassifizieren. Solche Klassifikationen dienen dazu, Stimmen mit möglichen Opernrollen zu assoziieren: ob Held(in) oder Bösewicht, jung oder alt – Stimmen werden eingeteilt und singen normalerweise immer die gleichen Rollen.

Die einfachste Einteilung ist jene, welche auf dem Stimmumfang basiert, genauer gesagt dem Umfang, in dem sich die Stimme am wohlsten fühlt (ihre tessitura, italienisch für ‚Textur’). Stimmen werden dann von hoch nach tief angeordnet. Weibliche Stimmen werden in drei Gruppen eingeteilt: Sopran, Mezzosopran und Alt. Männliche Stimmen werden in vier Gruppen unterteilt: Countertenor, Tenor, Bariton und Bass.

Weibliche Stimmlagen

Sopran: dies ist die höchste Stimmlage, mit der höchsten tessitura. Es ist zugleich die häufigste weibliche Stimmlage. Wichtige Rollen werden von Sopranstimmen gesungen, häufig die Protagonisten der Oper. Die Stimmlage reicht vom mittleren C über zwei Oktaven nach oben (also insgesamt über ein Intervall von 15 Ganztönen). Es gibt verschiedene Soprantypen, je nach Timbre und Gewichtigkeit der Stimme: die herausragendste Untergruppe von Sopranstimmen heißt Koloratursopran.

Ein Koloratursopran hat die schnellste, wendigste, und höchste Stimme. Sie kann einige Noten über der normalen Soprantessitura singen. Die berühmte Rolle der Königin der Nacht in Mozarts Zauberflöte ist für Koloratursopran geschrieben.

Patricia Petitbon ist eine Koloratursopranistin.

Mezzosopran (wörtlich „Halbsopran“). Dies ist die Stimmlage zwischen Sopran und Alt. Die Mezzostimme ist in ihrem Umfang dem Sopran sehr ähnlich: vom A2 unter dem mittleren C zum A5 (zwei Noten unterhalb der Obergrenze des Sopranstimmumfangs). Allerdings ist das Timbre dunkler. Mezzos verkörpern meistens Nebenrollen in Opern, mit nur wenigen Ausnahmen (Bizet’s Carmen ist beispielsweise ein Mezzo).

Elina Garanca ist eine Mezzosopranistin.

Alt: Dies ist die tiefste weibliche Stimmlage, vom F3 unter dem mittleren C bis zum F5. Sie ist sehr selten, weswegen Rollen für Alt oftmals von Mezzos mit dunklem Timbre gesungen werden. Ein Opernsprichwort besagt, dass Alti „Hosen, Hexen und Huren“ spielen, sprich: dass sie Männer, Bösewichte oder Prostituierte verkörpern.

Nathalie Stutzmann ist eine Altistin.

Kontratenor: dies ist die höchste männliche Stimmlage, mit einem ähnlichen Stimmumfang wie jener der Altstimme (E3 – E5). Diese Stimmlage war sehr populär während des Frühbarocks, ist während der Romantik jedoch beinahe gänzlich verschwunden. Im 20. Jahrhundert ist es Komponisten wie etwa Britten, der Musik speziell für Kontratenöre schrieb, zu verdanken, dass diese Stimmlage nicht in Vergessenheit geriet.

Philippe Jaroussky ist ein Kontratenor.

In vielen heutigen Opernproduktionen fällt es Countertenören zu, jene Rollen zu verkörpern, die ursprünglich für Kastraten geschrieben wurden. Kastraten waren Sänger, welche niemals in den Stimmbruch gerieten, indem sie vor der Pubertät kastriert wurden. Dadurch behielten Kastraten ihre kindliche Stimmlage, während sie zugleich über größeres Stimmvolumen verfügten, da sie die Lungen eines Erwachsenen hatten. Virtuosität, Stimmumfang und Stimmgewalt der Kastraten war besonders populär in italienischen Opern des 17. und 18. Jahrhunderts. Allerdings hatten sie einen anderen (meist höheren) Stimmumfang und ein ganz anderes Timbre. Farinelli gilt wohl als der berühmteste Kastrat aller Zeiten.

Tenor: dies ist, nach dem Countertenor, die zweithöchste Stimmlage. Der Name kommt vom lateinischen Verb tenere, wörtlich „halten“, da Tenorstimmen zumeist die Melodieträger waren. Tatsächlich sind Tenorrollen zumeist die Helden in Opern. Der Stimmumfang reicht vom C3 bis zum C5.

Murat Karahan ist ein Tenor.

Bariton: Diese Stimmlage liegt zwischen dem Tenor und dem Bass. Es ist die häufigste männliche Stimmlage. Im späten 18. Jahrhundert entwickelte sich der Bariton aus dem ursprünglichen Bassbariton zu einer separaten Stimmlage. Er ist eine sehr vielseitige Stimmlage, manchmal eingesetzt um Helden zu verkörpern, öfter jedoch als Bösewicht. Der Stimmumfang reicht vom A2 zum A4.

Pietro Spagnoli ist ein Bariton.

Bass: dies ist der tiefste menschliche Stimmumfang, vom E2 bis zum E4 reichend. Der Bass wird meist assoziiert mit Rollen von Weisen, Greisen, und gelegentlich komischen Charakteren.

Bryn Terfel ist ein Bassbariton.