Preloader Operavision
Attila Nagy

Hungarian State Opera

Andrea Chénier

Die Revolution will keine Dichter!

Opern | Giordano

Im blutigen Schatten der Schreckensherrschaft der Französischen Revolution buhlen ein Dichter und ein Revolutionär um die Zuneigung einer Adeligen. Ist die Guillotine noch abzuwenden, als ihre Freundschaft zur Rivalität wird?

 

In Andrea Chénier transzendiert das Schicksal des Dichters die tatsächlichen Ereignisse und erzählt die Geschichte einer tragischen Dreiecksbeziehung, in der das Leben der Protagonisten den Kräften der Geschichte, des Verrats und der amourösen Leidenschaft ausgesetzt ist. Währenddessen fängt die Musik von Umberto Giordano mit ihren eleganten aristokratischen Tänzen und populären Revolutionsliedern perfekt die Atmosphäre von Paris vor und während der Französischen Revolution ein. Der Preisträger des International Opera Award 2016 als bester Nachwuchsregisseur, Fabio Ceresa kehrt für diese beeindruckende traditionelle Produktion an das Erkel-Theater zurück.

Aufgezeichnet am 29. Mai 2021, Erkel Theater, Budapest.
 

In italienischer Sprache. Mit englischen, italienischen und ungarischen Untertiteln und zusätzlich automatische Übersetzungen in mehr als hundert andere Sprachen.

Verfügbar von
02.07.2021 um 19:00 MEZ

bis
02.01.2022 um 12:00 MEZ

Andrea Chénier, ein DichterBoldizsár László
Maddalena de CoignyEszter Sümegi
Carlo GérardMichele Kalmandy
Die Gräfin von Coigny / Old MadelonBernadett Wiedemann
Bersi, ihr DienstmädchenIldikó Megyimórecz
Pierre Fléville / Roucher / Fouquier-TinvilleLajos Geiger
Mathieu, ein Sans-culotteMáté Fülep
Der Abt / Der Unglaubliche, ein SpionJános Szerekován
Herr des Hauses / Dumas / SchmidtAndrás Hábetler
ChorHungarian State Opera Chorus
OrchesterHungarian State Opera Orchestra


MusikUmberto Giordano
TextLuigi Illica
Musikalische LeitungBalázs Kocsár
InszenierungFabio Ceresa
BühneTiziano Santi
KostümeGiuseppe Palella
ChoreografieMattia Agatiello
ChorleitungGábor Csiki
DramaturgieEszter Orbán
RegieassistenzJudit Niklai, Katalin Kovács
Musikalische AssistenzKatalin Doman, Anikó Katona, Kálmán Szennai
Ungarische Übersetzung (Untertiteln)Márton Karczag
Englische Übersetzung (Untertiteln)Arthur Crane

1. Akt
Frankreich, 1789. Im Haus der Gräfin von Coigny bereiten sich Carlo Gérard und die anderen Bediensteten auf das abendliche Fest vor. Als er allein ist, äußert Gérard seine Antipathie gegenüber der Aristokratie und prophezeit den bevorstehenden Untergang der herrschenden Klasse. Die Gräfin betritt in Begleitung ihrer Tochter Maddalena den Ballsaal, um zu überprüfen, ob alles für den Empfang der Gäste bereit ist. Gérard sinniert über die Schönheit des Mädchens. Die Gäste treffen ein. Unter ihnen befindet sich Fléville, ein Schriftsteller, der zusammen mit seinem Freund, dem Dichter Andrea Chénier, den Raum betritt. Einer der Eingeladenen, ein Priester, bringt beunruhigende Nachrichten direkt aus Paris. Es folgt ein kurzes Theaterstück: die Aufführung eines Hirtenspiels von Fléville. Die Gräfin bittet auch Chénier, ein Gedicht zu rezitieren, aber er weigert sich. Maddalena beginnt, den Dichter zu verspotten und zu provozieren, bis er schließlich einlenkt. Er trägt ein Gedicht vor, das mit einem romantischen Thema beginnt, dann schnell politisch wird und als Parabel gegen die Tyrannei endet. Die Aristokraten sind empört, aber die Worte des Dichters haben eine große Wirkung auf Maddalena. Um die Spannung zu lösen, gehen die Gäste zum Tanz über, der von einer Schar hungriger Menschen unterbrochen wird. Gérard hat sie ins Haus gelassen, jagt sie dann aber auf Geheiß der schockierten Gräfin wieder hinaus, deren Dienst er verlässt, als er zusammen mit den unerwünschten Besuchern abreist. Die Gäste versuchen, ihre Stimmung mit einem weiteren Tanz zu heben.

2. Akt
Paris, 1794. Die Stadt steht unter der Schreckensherrschaft von Robespierre. Maddalena und ihre Dienerin Bersi, sind in die Hauptstadt gekommen, wo Bersi als Kurtisane ihren Lebensunterhalt bestreitet. Das Mädchen unterhält sich mit einem Spitzel, während beide den in der Nähe sitzenden Chénier und dessen Freund Roucher beobachten. Roucher rät Chénier, aus Paris zu fliehen, doch das Herz des Dichters drängt ihn zum Bleiben: Seit einiger Zeit erhält er regelmäßig Briefe von einem geheimnisvollen, unbekannten Mädchen. Roucher überzeugt ihn, dass es sich bei dem geheimnisvollen Mädchen mit Sicherheit um eine Frau mit loser Moral handelt, und so beschließt der enttäuschte Chénier, sich mit einem gefälschten Pass davonzumachen. Gérard, inzwischen einer der Anführer der Revolution, beauftragt den Spitzel, Maddalena für ihn zu finden, was dieser auch verspricht. Bersi wendet sich an Chénier und überbringt eine Nachricht von seiner Geliebten: Sie bittet den Dichter, auf sie zu warten. Roucher und der Spion beobachten dies aus der Ferne. Maddalena erscheint als Dienstmädchen verkleidet, und als sie Chénier aus dem Gedicht zitiert, das sie ihn fünf Jahre zuvor auf dem Ball von Madame de Coigny hatte vortragen hören, erkennt der Dichter sie. Maddalena, die sich in großer Gefahr befindet, findet Zuflucht in Chéniers Armen, und die beiden gestehen sich ihre Liebe. Der Spitzel teilt Gérard mit, dass er die Dame gefunden hat, und er und Gérard verhaften das Paar, bevor sie ihre Flucht antreten können. Der Dichter bittet seinen Freund, sich um Maddalena zu kümmern; er selbst begibt sich in ein Duell mit dem Revolutionsführer. Gérard, der den Dichter erkennt, wird verwundet und ermutigt ihn zur Flucht, da sein Name auf der Liste steht, die von Fouquier-Tinville, dem Staatsanwalt des Revolutionstribunals, geführt wird. Andrea Chénier entkommt, Gérard erzählt der sich um ihn versammelnden Menge, dass er von einem unbekannten Angreifer verwundet worden ist. Der Mob schiebt die Tat auf die Girondisten.

3. Akt
Im Warteraum des Revolutionsgerichts spricht der etwas angetrunkene Mathieu Populus zum Volk. Das Vaterland ist in Gefahr: Frankreich wird von ganz Europa angegriffen. Gérard, dessen Wunden wieder verheilt sind, erscheint und führt Mathieus Rede fort. Das Volk ist gerührt und wirft letzte Wertsachen in die Sammelbüchse. Eine alte, blinde Frau namens Madelon bietet sogar ihren Enkel, das letzte lebende männliche Mitglied ihrer Familie, für die Verteidigung des Landes an. Der Junge wird angenommen, und bald ist die Menge auf der Straße und singt La Carmagnole, die Revolutionshymne. Der unermüdliche Spitzel bringt weitere Nachrichten: Chénier ist gefangen genommen worden. Obwohl Maddalena verschwunden ist, wird Gérard versichert, dass, wenn die Anklage gegen den Dichter stichhaltig genug ist, er zum Tode verurteilt werden kann, und in diesem Fall wird es nicht nötig sein, nach Maddalena zu suchen, da sie von selbst kommen wird, um für das Leben ihres Geliebten zu betteln. Gérard schreibt die Anklageschrift gegen Chénier und obwohl er nicht die Absicht hat, sich unehrenhaft zu verhalten, überkommt ihn schließlich die Leidenschaft für Maddalena. Genau wie der Spion vorausgesagt hat, trifft diese ein. Gérards wahnsinniges Liebesgeständnis stürzt das Mädchen, das schon viel gelitten hat, in tiefste Verzweiflung. Alle ihre Lieben sind dem Tode nahe, ihre Mutter wurde umgebracht, Bersi hat ihr zuliebe ein Leben in Sünde aufgenommen und Chénier darbt im Gefängnis. Im Austausch für das Leben ihres Geliebten ist sie bereit, sich Gérard hinzugeben. Gérard erfährt einen Sinneswandel und verspricht Maddalena, dass er Chénier auch um den Preis seines eigenen Lebens retten wird. Das Volk strömt in den Saal, neugierig, um die Anhörung und die Hinrichtung zu verfolgen. Die Geschworenen und der Präsident erscheinen, ebenso wie Fouquier-Tinville, der Staatsanwalt. Schließlich werden die Angeklagten hereingeführt. Chénier wird des Hochverrats angeklagt, sowie des Schreibens aufrührerischer Gedichte gegen die Revolution. Der Dichter beteuert seine Unschuld, aber vergeblich: Das Tribunal glaubt ihm nicht. Gérard erscheint, um zu seinen Gunsten auszusagen, und gibt zu, dass er derjenige war, der die Anklagen verfasst hat, und dass er die Anschuldigungen nun öffentlich zurückzieht. Fouquier-Tinville bleibt unerbittlich, und im Volk wird von Bestechung gemurmelt. Das Urteil der Geschworenen: Tod.

4. Akt
Im Gefängnis von Saint Lazare. Andrea Chénier vollendet sein letztes Gedicht und zeigt es seinem Freund Roucher. Es wird spät, der Wärter schickt seinen Freund weg. Gérard begleitet Maddalena ins Gefängnis. Sie bezahlt den Wärter mit Gold und Bargeld, damit sie, wenn die Hinrichtungen durchgeführt werden und der Name von Idio Legray aufgerufen wird, den Platz des Verurteilten einnehmen und so gemeinsam mit ihrem Geliebten sterben kann. Die Liebenden treffen sich in der Zelle und bereiten sich gemeinsam auf den Tod vor. Es wird hell, und die Stunde des Gerichts naht.

Intensive Musik, endlose Spannung - Interview mit dem Dirigenten Balázs Kocsár

Wo steht Andrea Chénier in der Operngeschichte?

Umberto Giordanos Stück wurde in einer Zeit geschrieben, in der viele aufregende Opern uraufgeführt wurden. Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts hatte sich in allen Kunstgattungen ein besonderes Medium entwickelt: Künstler:innen wendeten mutige neue Ansätze an, die ihrer Fantasie keine Grenzen setzten. Dies ist auch typisch für die Komponist:innen dieser Zeit: Andrea Chénier wurde dementsprechend in einer mutigen Ära der Sinnsuche geboren.

Dieses Stück wird relativ selten aufgeführt. Warum ist das so?

Das Stück wird nicht so oft aufgeführt wie die Opern von Verdi oder Puccini und die anderen emblematischen Werke des Verismo: neben Carmen, Cavalleria rusticana oder Pagliacci bleibt Andrea Chénier oft auf der Strecke. Dennoch gibt es auch in diesem Stück eingängige Lieder und kraftvolle Chorszenen. Das einzige, was vielleicht fehlt, sind Zwischenspiele. Nichtsdestotrotz kann dieses extrem dicht gepackte Stück mit mehr als zwei vollen Stunden Musik perfekt ausdrücken, was es will, und wir werden nicht im Stich gelassen: Es gibt einen einzigen großen, dramatischen Bogen, den der Autor durchgehend beibehält.

Die Geschichte entfaltet sich mittels der drei Hauptfiguren Chénier, Gérard und Maddalena. Die Sänger:innen, die sie spielen, müssen wirklich hart arbeiten, damit die Oper so klingt, wie sie soll. Um die musikalischen und theatralischen Aspekte der übertriebenen emotionalen Momente des Verismo herauszuarbeiten, suchten und testeten die Komponist:innen die Grenzen der Aufführungsmöglichkeiten und dachten nicht in den traditionellen Rollen. Es ist schwer, solche universellen Sänger:innen zu finden, was wahrscheinlich einer der Gründe ist, warum es selten in die Opernrepertoires aufgenommen wird.

Wie würden Sie die Musik von Giordano beschreiben?

Andrea Chénier spielt in einer sehr spannenden historischen Periode, die dem Komponisten die Möglichkeit bietet, die Charaktere mit einer breiten Palette von Musik zu präsentieren, einschließlich Tableaus, der Ausarbeitung dramatischer Momente, Ariosi, Duetten und im szenischen Spiel. Die Musik ist spannend und unglaublich intensiv, mit wiederkehrenden Motiven. Sogar die Arien schreibt der Komponist in einer anderen Form als üblich: Sie sind viel eher dramatische Monologe. Auch im Umgang mit dem Orchester ist Giordano wagemutig: Er schwelgt in Farben, er funkelt, mit frenetischer Dynamik, die enorme Energie freisetzt.

Geschichte und Liebe sind in dieser Oper miteinander verwoben. Wie kombiniert Giordano diese beiden Themen?

Die Regie von Fabio Ceresa zeichnet ein spannendes Bild der französischen Revolution. Der Regisseur nutzt einen traditionellen Regieansatz, um die Geschichte dieser historischen Ereignisse zu erzählen - und der Effekt ist noch stärker als die Arbeit des Komponisten, was die Produktion gleichzeitig traditionell und modern macht. Giordano illustriert den romantischen Faden mit den für die Zeit typischen exzessiven Ausdrücken. Doch während in einer Belcanto oder romantischen Oper schöne, minutenlange Melodien vorkommen, sind diese in diesem Fall sehr verdichtet: ein paar Takte, Motive, die jeden sofort treffen, oder nur ein einfacher Intervall oder ein einziges Wort, mit dem alles ausgedrückt wird. All das muss mit einem enormen emotionalen Gehalt vorgetragen werden, aber auf eine Weise, die sich nicht negativ auf die Gesangstechnik auswirkt.

Sie haben schon viele Opern dirigiert. Welchen Platz nimmt Andrea Chénier in Ihrer Karriere als Dirigent ein?

Das Ende des 19. und der Beginn des 20. Jahrhunderts war eine besondere Epoche, ich habe viele Opern dirigiert, die in dieser Zeit geschrieben wurden. Die Oper in Foggia, Giordanos Geburtsstadt, 2008 anlässlich des sechzigsten Todestages des Komponisten zu dirigieren, war eine ganz besondere Erfahrung.

Das Interview führte Diána Eszter Mátrai