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Martynas Aleksa

Lithuanian National Opera & Ballet

Der Spieler

Rien ne va plus!

Opern | Prokofiev

Ein General und seine Stieftochter sind beide hoch verschuldet. Als der Hauslehrer, der in das Mädchen verliebt ist, Glück im Spiel hat, will er sie aus ihrer ausweglosen Lage retten, doch sie weist ihn brüsk ab.

 

Prokofjews erste abendfüllende Oper Der Spieler, welche auf Dostojewskis teils autobiographischen Roman fußt, der ironischerweise entstand, um eine Spielschuld zu begleichen, wird heute selten aufgeführt. Diese 2020er-Produktion vereint Regisseur Vasily Barkhatov und Dirigent Modestas Pitrenas, die Gewinnerin der 2019er Opera Awards Asmik Grigorian wird in der Rolle der Polina und Dmitrij Golovnin in der des Alexei zu erleben sein.

Aufgezeichnet am 12. Februar 2020

 

In russischer Sprache. Mit englischen Untertiteln und zusätzlich automatische Übersetzungen in mehr als hundert andere Sprachen.

Verfügbar von
11.09.2020 um 19:00 MEZ

bis
10.12.2020 um 12:00 MEZ

Alexej, Hauslehrer der Kinder des GeneralsDmitrij Golovnin
Polina, Stieftochter des GeneralsAsmik Grigorian
GeneralVladimiras Prudnikovas
Blanche, eine HalbweltdameIeva Prudnikovaitė
MarquisTomas Pavilionis
Mr. AstleySteponas Zonys
Baron WürmerhelmArūnas Malikėnas
Fürst NilskiRafailas Karpis
Die Tante des GeneralsInesa Linaburgytė
PotapytschArminas Skirvainis
Der erste CroupierEdmundas Seilius
Der zweite CroupierJuozas Janužas
Kinder des GeneralsNojus Žalys, Kotryna Chmieliauskaitė


MusikSergei Prokofiev
Musikalische LeitungModestas Pitrėnas
InszenierungVasily Barkhatov
BühneZinovy Margolin
KostümeOlga Shaishmelashvili
LichtAlexander Sivaev
ChorleitungČeslovas Radžiūnas
Video-Direktor2BLCK (Maria Feodoridi, Kirill Malovichko)

I. Akt

In Roulettenburg ist der junge Russe Alexej in Polina, Schützling des Generals, verliebt. Sie bat ihn, ihren Schmuck zu verpfänden und mit dem Erlös zu spielen, damit sie ihre Schulden begleichen könne, aber er hat alles verloren. Der General kommt mit seiner Geliebten Blanche, dem Engländer Mr. Astley und dem kalten, gerissenen Marquis, der dem General Darlehen zu exorbitanten Zinsen gewährt. Blanche befragt Alexej zu seinen Verlusten, aber er schützt Polina und behauptet, es sei sein eigenes Geld gewesen, das er von seinem Gehalt gespart hat. Der General erhält ein Telegramm von Polinas Großmutter in Moskau. Er wartet verzweifelt auf den Tod der alten Frau, Babulenka, damit er ihr Geld erben und seine Schulden begleichen kann. Er reist mit den anderen ab, um auf das Telegramm zu antworten.

Polina ärgert sich darüber, dass sie ihre Schulden an den Marquis nicht zurückzahlen kann, da Alexej ihr Geld verloren hat. Als Alexej darauf beharrt, dass er sie liebt, bittet sie ihn, dies zu beweisen, indem er ihrem Wunsch nachkommt und eine deutsche Baronin beleidigt, die mit ihrem Mann in der Nähe spazieren geht. Alexej tut, was man ihm sagt, provoziert den Zorn des Barons und verursacht eine Szene.

II. Akt

Der General tadelt Alexey für sein Verhalten und enthebt ihn von seinen Aufgaben als Hauslehrer. Alexej verteidigt seine Freiheiten und fordert den Baron zum Duell heraus. Der General, der einen Skandal vermeiden will, bittet den Marquis um Hilfe im Umgang mit seinem ehemaligen Mitarbeiter. Alexej kehrt grübelnd zurück und erfährt von Astley, dass der General einen Skandal vermeiden möchte, weil dieser seine Absichten, Blanche zu heiraten, gefährden könnte. Astley erklärt auch, dass die Hochzeit erst stattfinden kann, wenn der General sein Erbe von Babulenka erhält.

In dem Versuch, Alexejs Verhalten zu kontrollieren, versucht der Marquis vergeblich, ihn zur Vernunft zu bringen. Schließlich legt der Marquis ein angeblich von Polina geschriebenes Billet vor, in der sie Alexej auffordert, sich nicht wie ein Schuljunge zu benehmen. Der junge Mann beschuldigt den Marquis, Polina gezwungen zu haben, das Billet zu schreiben, und stürmt hinaus. Der General geht mit Blanche hinein, begierig zu hören, ob der Marquis Glück mit Alexej hatte. Dieser verlagert das Gespräch auf Babulenkas Gesundheit. Sobald der General ihren bevorstehenden Tod vorhersagt, hören sie die Stimme der alten Dame. Sie ist zurückgekommen, hat sich von ihrer Krankheit erholt und verkündet, dass sie sich auf das Glücksspiel freut. Blanche verdächtigt den General falscher Versprechungen, während der Marquis hofft, dass seine übliche Hinterlist ausreichen wird, um wieder Herr der Situation zu werden.

III. Akt

Babulenka hat beim Glücksspiel große Summen verloren. Der General versucht verzweifelt, einen Weg zu finden, sie aufzuhalten, und als er erfährt, dass sie noch mehr verloren hat, gerät er in Panik und beschließt, die Polizei zu rufen. Blanche verlässt ihn und reist mit einem anderen Mann, Nilsky, ab. Alexej denkt über das Schicksal der Familie seines ehemaligen Arbeitgebers nach: Nur seine Liebe zu Polina verbindet ihn noch mit ihnen. Polina erscheint, und Alexej bringt sie dazu, das unehrenhafte Verhalten des Marquis ihr gegenüber zuzugeben. Sie werden von Babulenka unterbrochen. Nachdem sie das ganze Geld, das sie mitgebracht hat, ausgegeben hat, will sie nach Moskau zurückkehren und lädt Polina ein, sie zu begleiten, aber das Mädchen sagt, sie könne noch nicht gehen. Als Babulenka weg ist, kehrt der General zurück. Er hat Blanche verloren und ist finanziell ruiniert.

IV. Akt

Alexej findet Polina in seinem Zimmer wartend vor. Sie ist verzweifelt und gesteht zum ersten Mal die Art ihrer Beziehung mit dem Marquis, der sie verlassen hat und sie drängt, das Geld zurückzuzahlen, das sie ihm schuldet. Alexej, begeistert, dass Polina sich an ihn um Hilfe gewandt hat, läuft davon, um ihr Geld zurückzugewinnen.

Alexej schließt sich einer Gruppe eingefleischter Glücksspieler an und gewinnt immer wieder, schließlich schlägt er die Bank. Er nimmt das Geld, kehrt in sein Zimmer zurück und bietet Polina die Summe an, die sie für ihre Schulden beim Marquis benötigt. Sie bietet ihm zum Ausgleich ihren Körper an. Alexej ist beleidigt, aber als Polina ihm ihre Liebe und ihre Hoffnungen anvertraut, umarmen sie sich leidenschaftlich. Sie bereut ihre Tat sofort, und als Alexej ihr das Geld überreicht, wirft sie es ihm ins Gesicht und rennt hinaus. Alexej, wieder verlassen, erinnert sich im Wahn im Wahn an sein Glück am Roulettetisch.

Russisch Roulette in Roulettenburg

Als Sergej Prokofjew 18 Jahre alt war, war er von Fjodor Dostojewskis Kurzroman Der Spieler fasziniert. Der 1866 erschienene Roman behandelte ein Thema, das dem Autor nicht unbekannt war: das Glücksspiel. In der Tat war Dostojewski selbst Opfer einer starken Neigung zum Roulette, die ihn mit hohen Schulden belastete. Um sie zu begleichen, vereinbarte er einen riskanten Vertrag - selbst eine Art Spiel -, dass, wenn er einen Roman nicht innerhalb einer strikten Frist ablieferte, sein Verleger das Recht erhielt, seine Werke neun Jahre lang zu veröffentlichen, ohne dass er eine Entschädigung erhielt. Die Geschichte, die er seiner Stenografin Anna Grigorevna diktierte, trug viele autobiografische Züge.

Es geht um eine eigentümliche Gruppe Menschen, die am Rande des finanziellen Ruins im fiktiven Kurort Roulettenburg auf den Segen einer beträchtlichen, alles einlösenden Erbschaft warten. Aus Gier nach Geld und Leidenschaft werden ihre Hoffnungen enttäuscht und dem Untergang geweiht. Das Kapitel in Dostojewskis eigenem Leben endete jedoch glücklich. Mit Grigorevnas Hilfe gelang es ihm, das Manuskript rechtzeitig fertigzustellen. Einen Monat später waren Autor und Stenographin des Romans verlobt und wollten heiraten.

Eine Sprache für starke Gefühle

Im September 1915, mitten im Ersten Weltkrieg, besuchte Prokofjew, inzwischen 23 Jahre alt, erneut das Konservatorium, um dem Militärdienst zu entgehen. Er flüchtete sich in die Welt von Dostojewskis Roman und beschloss, seinen Plan, daraus eine Oper zu machen, zu verwirklichen. In hektischer Arbeit schrieb er selbst das Libretto. Er verkürzte einige Dialoge, erweiterte andere und schrieb die Rouletteszene völlig neu. Seiner Autobiografie zufolge entstand die Oper in einer Zeit, in der er nach „einer Sprache für starke Gefühle‟ suchte. Das Ergebnis ist ein rasantes, radikal antiromantisches Werk, das aus kontinuierlicher musikalischer Deklamation besteht. Da Prokofjew, abgesehen von kurzen dekorativen Einwürfen in der Rouletteszene, auf die Verwendung von Arien, Chor- und Ensemblestücken verzichtete, ist allein das Orchester für die Charakterisierung der Protagonisten verantwortlich.

Die Musik von Prokofjew ist typisch für Komponisten des Zeitalters der Angst. Sie ist eine Ästhetik des zwanzigsten Jahrhunderts mit einem starken Gespür für die nahenden Katastrophen. Damals schienen die geopolitischen Interkontinentalplatten begonnen zu haben, aneinander zu reiben... Dies spiegelte sich natürlich auch in der Musik wider.

Modestas Pitrenas, Dirigent

Der Klavierauszug wurde in nur fünfeinhalb Monaten fertig gestellt, die Gesamtpartitur war im Januar 1917 fertig. Die erste Orchesterprobe fand noch im selben Monat statt. Die Sänger*innen protestierten jedoch gegen Passagen, die sie für zu schwierig hielten, und die Produktion wurde schließlich im Mai 1917 nach der Russischen Revolution im Februar abgebrochen.

Das Werk sollte erst ein Jahrzehnt später uraufgeführt werden. Zwischen 1927 und 1928 überarbeitete Prokofjew die Gesangspartien und die Instrumentierung des Spielers. In einem Brief an den Komponisten Nikolai Myakovsky schrieb er, dass es „im Wesentlichen eine völlig neue Version war, obwohl die Hauptthemen und der Aufbau gleich blieben‟.

Die zehn Jahre, die seit der Komposition vergangen waren, gaben mir die Gelegenheit, klar zu sehen, was Musik darin war und was sie mit schrecklichen Akkorden erfüllte. Ich strich diese Stellen und ersetzte sie durch andere, die ich hauptsächlich aus den Abschnitten entnahm, die ich für gelungen hielt.

Sergei Prokofjew in seiner Autobiographie

Die neue Fassung wurde schließlich am 29. April 1929 im Théâtre Royal de la Monnaie in Brüssel in einer französischen Übersetzung des belgischen Schriftstellers Paul Spaak uraufgeführt. Die Produktion erwies sich als sehr erfolgreich und stand zwei Jahre lang auf dem Spielplan. Problematischer war jedoch die Rezeptionsgeschichte in Russland. Versuche, die Oper in Leningrad oder Moskau zu inszenieren, scheiterten, da Prokofjew nach seiner Emigration 1918 als Staatsfeind galt. Nach seiner Rückkehr in die Heimat 1936 entsprach Der Spieler nicht der aktuellen Ideologie des Sozialistischen Realismus. Letztlich fand seine russische Erstaufführung unter der Leitung von Gennadi Roschdestwenski erst 1963 in Moskau statt.

Von Dostojewski über Prokofjew zu Barkhatov

In der Produktion der Lithuanian National Opera & Ballet, die im Februar 2020 uraufgeführt wurde, blieb der Regisseur Wassili Barkhatov so nah an Prokofjews Oper wie der Komponist selbst an Dostojewskis Roman. Er erinnert sich an die Zeit, als er 2012 in Vilnius bei Eugen Onegin Regie führte: „Ich habe oft betont, dass die Oper nicht mit Alexander Puschkins Werk verwechselt werden sollte; hier ist das Gegenteil der Fall: Die Oper ist deckungsgleich mit dem Roman. Es ist Dosotjewskis Spieler nach Prokofjew.‟

Barkhatov ließ sich von dem ersten Absatz in Dostojewskis Roman inspirieren, der beschreibt, wie man sich Kasinos normalerweise vorstellt: Spieltische und Abendkleider, Diamanten und Champagner. Die Realität, warnt uns der Autor, ist viel dunkler und gefährlicher. Barkhatov beschloss daher, die Kluft zwischen Fantasie und Realität zu betonen. Er übertrug die Handlung in die heutige Welt, in eine schäbige Herberge, in der das Glücksspiel in ein virtuelles Reich vorgedrungen ist. Diese Wahl unterstreicht „so wie ein echter Alkoholiker sich nicht darum kümmert, was in seinem Glas ist - Cristal-Champagner oder Kölnisch Wasser, so kümmert sich ein Spieler nicht darum, wie man spielt‟. Das Ergebnis ist eine Studie über die Einsamkeit.