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Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper

Les Indes galantes

Wie liebt man richtig?

Opern | Rameau

Während die Jugend Europas die Liebe aufgibt, um Bellone in den Krieg zu folgen, macht sich Amor auf, seine Pfeile in die Welt zu schießen.

 

Les Indes galantes, ein Meisterwerk der Aufklärung, ist funkelnde Unterhaltung. Doch Rameaus erstes Opernballett zeugt auch von der zweideutigen Sicht der Europäer auf sogenannte wilde Kulturen. Der belgische Choreograf und Regisseur Sidi Larbi Cherkaoui bringt Les Indes Galantes in einen zeitgenössischen Rahmen, in dem die Globalisierung die Vorstellungen von Exotik verändert hat.

Aufgezeichnet in Juli 2016

 

In französischer Sprache. Mit deutschen, englischen, französischen und spanischen Untertiteln und zusätzlich automatische Übersetzungen in mehr als hundert andere Sprachen.

Verfügbar von
02.10.2020 um 19:00 MEZ

bis
01.01.2021 um 12:00 MEZ

HébéLisette Oropesa
BelloneGoran Jurić
L'AmourAna Quintans
OsmanTareq Nazmi
EmilieElsa Benoit
ValèreCyril Auvity
HuascarFrançois Lis
PhaniAnna Prohaska
Don CarlosMathias Vidal
TacmasCyril Auvity
AliTareq Nazmi
ZaireAna Quintans
FatimeAnna Prohaska
DamonMathias Vidal
Don AlvaroFrançois Lis
ZimaLisette Oropesa
AdarioJohn Moore
DancersTänzer der Compagnie Eastman, Antwerpen
ChorBalthasar-Neumann-Chor, Freiburg
OrchesterMünchner Festspielorchester


MusikJean-Philippe Rameau
Musikalische LeitungIvor Bolton
Inszenierung & ChoreographieSidi Larbi Cherkaoui
BühneAnna Viebrock
KostümeGreta Goiris
LichtMichael Bauer
DramaturgieAntonio Cuenca, Miron Hakenbeck
ChorleiterDetlef Bratschke

Prolog

Hébé versammelt die Jugend, um ihr Wissen über die menschliche Natur und die Liebe an sie weiterzugeben. Sie wird dabei durch Bellona gestört, die für ihre kriegerischen Ideale zahlreiche Jungen gewinnen kann. Während letztere in die Schlacht ziehen, bleibt Hébé ratlos zurück. Da kommt ihr die Liebe zur Hilfe. Bestärkt macht sich Hébé auf die Suche nach Möglichkeiten, ihre Vorstellungen und Werte Realität werden zu lassen.

Erster Aufzug – Der großmütige Türke

Emilie ist das Objekt der Anbetung Osmans. Unablässig drängt dieser sie, seinem Liebeswerben nachzugeben. Sie aber bleibt ihrem Geliebten Valère treu, den sie aus den Augen verloren hat, als beide durch eine Katastrophe getrennt wurden. Emilie befürchtet, Valère könne nicht mehr leben. Ihre Ängste überwältigen sie und finden ihr Echo in einem plötzlich ausbrechenden Unwetter. Nach dem Abklingen des Unwetters entdeckt Emilie Valère in einer Gruppe von Neuankömmlingen. Ihre Wiedersehensfreude wird von Osman unterbrochen, der Emilie jedoch gegen jede Erwartung mit Valère ziehen lässt und dem Paar eine glückliche Zukunft wünscht.

Zweiter Aufzug – Die Inka Perus

Der Priester Huascar liebt Phani, eine Gläubige seiner Gemeinde. Sie aber hat einen Fremden namens Carlos erwählt, der sie ebenso liebt und sie ermuntern will, ihren Glauben aufzugeben. Huascar versucht, diese Liebe zu durchkreuzen und Phani für sich zu gewinnen, indem er sich als Sprachrohr des göttlichen Willens ausgibt und Phanis Schuldgefühle weckt. Um seinen Einfluss auf sie zu steigern, geht er während einer religiösen Zeremonie so weit, übernatürliche Phänomene vorzutäuschen. Carlos erkennt, durch welche Mittel Huascar die Wunder hervorruft und enthüllt Phani dessen Machenschaften. Phani und Carlos fliehen. Allein zurückgelassen erfleht Huascar, von Gottes Zorn getroffen zu werden.

Dritter Aufzug – Die Blumen, ein persisches Fest

Tacmas und Fatime verkleiden sich um der Liebe willen: Getarnt als das jeweils andere Geschlecht hoffen sie, ihren Angebeteten näher zu sein. So liebt Tacmas Zaïre, die Sklavin seines Freundes Ali, dieser wiederum liebt Fatime, die sich im Besitz von Tacmas befindet. Nach zahlreichen Verwicklungen und Verwechslungen feiern zwei glückliche Paare ihre Liebe, doch müssen sie schon bald in ein anderes Leben aufbrechen.

Vierter Aufzug – Die Wilden

Dem Befehlshaber der Streitkräfte Adario ist es gelungen, seiner Nation den Frieden zu sichern. Trotz dieses Erfolges ist er von der Sorge erfüllt, die von ihm angebetete Zima könne einen anderen lieben. Er versteckt sich, um zwei Fremde zu belauschen, die Zima ebenso umwerben: Damon und Alvar. Der eine ist so freigeistig und frivol, wie der andere treu und eifersüchtig. Zima gibt jedoch Adario den Vorzug, der beider Vorzüge in sich verbindet, ohne dabei ihre Schwächen aufzuweisen. Nachdem der Versteckte sich zu erkennen gibt, versichern sich Adario und Zima gegenseitig ihre Liebe. Mit dieser Gewissheit zelebrieren sie sowohl ihren Liebesbund als auch den gerade errungenen zerbrechlichen Frieden.

Der Fremde in uns

In Les Indes galantes, einem 1735 komponierten französischen Barock-Opernballett, erzählt Jean-Philippe Rameau in vier verschiedenen Episoden und in ebenso vielen verschiedenen kulturellen Kontexten Geschichten über Liebe, Eifersucht und Erlösung. Wo der Komponist von der Exotik fremder Länder verführt wurde und seine Oper mit Türken, Peruanern, Persern und Indianern bevölkert, zeigt der belgische Regisseur und Choreograf Sidi Larbi Cherkaoui das Vertraute im Unbekannten.

Das Verhältnis zu fremden Kulturen in diesem Werk hat einen Hauch von Naivität. Ich liebe es, diese Naivität beizubehalten, weil sie etwas Schönes an sich hat, aber dann drehe ich sie um und vergleiche diese Kulturen viel mehr mit dem, was wir kennen.

Sidi Larbi Cherkaoui

Zusammen mit einem großen Gesangsensemble und den Tänzer*innen seiner Compagnie Eastman aus Antwerpen bringt Cherkaoui Rameaus Opernballett auf die Bühne des Prinzregententheaters in München. Cherkaoui setzt die Handlung in eine mehr oder weniger zeitgenössische Welt setzt und nähert sich ihr mit einer typisch barocken Fülle.

Cherkaoui verbindet die vier verschiedenen Episoden, die an weit entfernten Orten spielen, zu einer übergreifenden Geschichte. Die Solisten singen verschiedene Rollen, die jedoch zu einer einzigen Figur verschmelzen. „Es gibt weniger Figuren, dafür leben sie komplexere Liebesgeschichten‟, erklärt Cherkaoui. „Weil diese Liebesgeschichten vielschichtiger sind, sind sie tatsächlich realer und sie verbinden sich mehr mit dem, was Liebe heute ist.‟

Die Sopranistin Lisette Oropesa zum Beispiel verkörpert sowohl Hébé als auch Zima. Im Prolog wird die Jugendgöttin Hébé als Lehrerin dargestellt. „Sie versucht immer, die Ideen der Natur, des Friedens, der Liebe und der Harmonie hervorzubringen, denn in der Welt, die wir in dieser Oper aufgebaut haben, gibt es viele Spannungen. Die Menschen sind immer auf der Suche nach Liebe unter kulturellen Spannungen‟, sagt Oropesa. 

Da in diesem Opernballett die Bewegung eine zentrale Rolle spielt, ist Cherkaoui besonders auf den Rhythmus bedacht. Das Bühnenbild wechselt über den Tanz, da dieser die Bühnenausstattung gegen Ende jedes Aktes bewegt. Die Szenerie des folgenden Aktes wird in fließenden Übergängen vor dem Ende des vorhergehenden Aktes aufgebaut. Dies bricht nicht nur mit der Idee eines einzigen Raumes, sondern unterstreicht auch die Kontinuität des Themas zwischen verschiedenen Akten. Auch wenn wir von einem Kontinent zum anderen gebracht werden, bleiben wir unserem Thema treu: der Liebe.

Im zweiten Akt, zum Beispiel, verwandelt Cherkaoui den Inkapriester Huascar frech in einen katholischen Priester. Als dieser ein Ballett von Paaren heiratet, sehen wir, wie er einem schwulen Paar seinen Segen verweigert. Hier zeigt sich die für Cherkaouis Werk charakteristische scharfe Religionskritik.

Wenn Sie sich mit anderen Kulturen vergleichen, stellen Sie fest, dass Sie genauso sind wie sie. Sie haben den gleichen Handlungsrahmen. Was immer ihnen passieren wird, könnte auch Ihnen passieren.

Sidi Larbi Cherkaoui

Mit dem explosiven Titel Die Wilden zeigt Akt IV Migranten, die in als Putzkräfte tätig sind. Einmal choreographiert Cherkaoui den außergewöhnlichen Soloakt eines Reinigungstänzers um seinen Besen, und dort das Ballett einer Menschenkette, die sich wie in einer Kette von fallenden Dominosteinen bewegt.

Als Lisette Oropesa in der Rolle der Zima auf die Bühne zurückkehrt, ist sie immer noch eine Lehrerin. „Inzwischen ist mit unserer Flüchtlingsgruppe viel passiert,‟ erklärt Oropesa. „Mehrere verschiedene ethnische Gruppen sind in einen Konflikt verwickelt, und die Welt ist im Grunde zerstört. Zima versucht immer noch, diesen kleinen Kindern beizubringen, wie sie in dieser Welt voller Gewalt weiterleben können.‟

Die übergreifende Aussage, ist nicht so sehr eine verkürzende oder pessimistische Weltsicht als vielmehr eine bunte Darstellung der Menschlichkeit. Die Tänze sind zusätzliche Charaktere in dieser Vision. „Alle diese Sängerinnen und Sänger‟, so Cherkaoui, „sind Facetten unserer eigenen Menschlichkeit. Und ich glaube, die Tänzer sind es auch. Selbst wenn sie nichts sagen, sind sie sehr wichtig, denn manchmal sind es die Menschen in Ihrem Leben, die am wenigsten sagen, die am meisten bewirken‟.

Durch die Sprachen der Musik und des Tanzes erzählt Cherkaouis Inszenierung von Les Indes galantes eine Geschichte des Aufeinandertreffens von Kulturen und letztlich eine Geschichte über uns.