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Rahi Rezvani

Grand Théâtre de Genève

Pelléas et Mélisande

Ein lyrisches Drama aus anderen Welten von Sidi Larbi Cherkaoui, Damien Jalet und Marina Abramovic

Opern | Debussy

Ein Prinz, der sich im Wald verirrt hat, trifft eine geheimnisvolle Frau und nimmt sie mit nach Hause in ein dunkles Schloss, das von verdrängter Leidenschaft gezeichnet ist. Dort entwickelt sie eine tiefe Zuneigung zum Halbbruder ihres neuen Mannes, was eine fatale Dreiecksbeziehung zwischen den dreien auslöst.

 

In einem perfekten Einklang der Künste inszenieren die Choreografen Sidi Larbi Cherkaoui und Damien Jalet gemeinsam mit der legendären Performance-Künstlerin Marina Abramovic Pelléas et Mélisande als einen kosmischen Traum. Wie Debussy durch seine impressionistische Musik verzichten die Darsteller*innen und Schöpfer*innen dieser Produktion auf jegliche Bebilderung und bringen stattdessen die unterschwelligen Emotionen der Figuren zum Vorschein.

Aufgezeichnet am 18. Januar 2021  

 

In französischer Sprache. Mit englischen Untertiteln und zusätzlich automatische Übersetzungen in mehr als hundert andere Sprachen.

Verfügbar von
19.02.2021 um 19:00 MEZ

bis
19.08.2021 um 12:00 MEZ

PelléasJacques Imbrailo
MélisandeMari Eriksmoen
GolaudLeigh Melrose
ArkelMatthew Best
GenevièveYvonne Naef
YnioldMarie Lys
Ein Arzt / ein HirteJustin Hopkins
TänzerinnenShawn Fitzgerald, Ahern Oscar Ramos, Robbie Moore, Pascal Marty, Jonas Vandekerckhove, Xavier Juyon*, Valentino Bertolini*, Carl Crochet
(*Tänzerinnen an Ballet du Grand Théâtre)
ChorGrand Théâtre de Genève Choir
OrchesterOrchestre de la Suisse Romande


MusikClaude Debussy
Musikalische LeitungJonathan Nott
InszenierungDamien Jalet, Sidi Larbi Cherkaoui
BühneMarina Abramović (design, concept)
KostümeIris van Herpen
LichtUrs Schönebaum
ChoreografieDamien Jalet, Sidi Larbi Cherkaoui
ChorleitungAlan Woodbridge
DramaturgieKoen Bollen
Video-DirektorMarco Brambilla
Musikalische DramaturgiePiet De Volder
FilmregisseurAndy Sommer

Verloren in einem Wald, trifft Prinz Golaud ein geheimnisvolles junges Mädchen, das weinend an einem Brunnen steht. Alles, was er in Erfahrung bringt, ist, dass sie vor denen, die ihr schaden, weggelaufen und ihr Name Melisande ist. Golaud gelingt es schließlich, sie zu überreden, mit ihm zu kommen. 

Monate später, inzwischen verheiratet, kommen sie nach einer langen Seereise in Golauds Heimat Allemonde an, wo sein Großvater König Arkel sie in seinem dunklen Schloss im Wald empfängt. Elend und Hungersnot herrschen in Allemonde, doch im Schloss wird über das Wesentliche geschwiegen. Seine Bewohner leiden an Traumata und unterdrückten Sehnsüchten. 

Nur zu Pelléas, dem Halbbruder von Golaud, kann Mélisande eine tiefe Bindung aufbauen. Die junge Frau und ihr Schwager finden sich in dem gemeinsamen Bewusstsein wieder, dass das Wesentliche nicht immer sichtbar ist. Zwischen Mélisande und den beiden Brüdern entwickelt sich eine seltsame und bittere Dreiecksbeziehung.

Pelléas & Mélisande aus 5 Blickrichtungen

1º Die des Komponisten
Ich stelle mir eine ganz andere Art von Drama vor als bei Wagner, in dem die Musik dort ansetzen könnte, wo die Worte machtlos sind. Musik ist für das Unsagbare gemacht: Ich möchte, dass sie aus den Schatten auftaucht und von Zeit zu Zeit wieder in sie zurückkehrt, und sie sollte immer diskret sein.‟ (Debussy im Jahr 1889). Dennoch lernte der Komponist von Wagner die zentrale Rolle des Orchesters und das ineinandergreifende Netzwerk musikalischer Motive, so wie er auch den russischen Einfluss von Mussorgsky aufsog, indem er Gesangslinien schrieb, die auf natürlichen Sprachmustern basieren. Während er seinen entfernten Vorgänger Rameau bewunderte, arbeitete Debussy gegen die lyrischen und dramatischen Exzesse der französischen und italienischen Oper des späten 19.

2º Die des Dramatikers
Der belgische Schriftsteller Maurice Maeterlinck mochte Musik und Komponisten nicht und sagte: „Sie sind alle verrückt, alle krank im Kopf‟. Obwohl er zustimmte, Debussy zu treffen, hoffte er, dass die Oper eine „sofortige und durchschlagende Katastrophe‟ sein würde und ließ sich erst 20 Jahre nach der Uraufführung überreden, einer Aufführung beizuwohnen. Dennoch erwies sich seine einfache Sprache als ein Geschenk für einen Komponisten, der mit Musik ausfüllen konnte, was seine Worte nicht sagten. Er schuf eine geheimnisvolle Welt, die über den Realismus hinausgeht. Scheinbar unschuldige und banale Phrasen verbergen Tiefen von Emotionen. Es ist schwer zu sagen, ob die Figuren sich gegenseitig belügen oder die Wahrheit sagen.

3º Symbolismus
Maeterlinck gehörte zu der als Symbolismus bezeichneten künstlerischen Bewegung, die am Ende des 19. Jahrhunderts aufblühte. Dichter wie Rimbaud und Mallarmé, Maler wie Moreau, Khnopff, Klimt und Munch reagierten gegen den Realismus und zogen Evokation und Suggestion der Beschreibung und Erzählung vor. Mallarmé schrieb: „Male nicht den Gegenstand, sondern seine Wirkung‟. Obwohl diese Künstler Komponisten wie Rachmaninow, Schönberg und später Martinů und auch Debussy beeinflussten, war das Ziel ihrer Kunst der Anspruch, das Wesen einer Idee in der Art der Musik zu vermitteln.

4º Impressionismus
Debussys berühmteste Orchesterpartituren, Prélude à l'après-midi d'un faune, Nocturnes, La mer, stellen die Natur nicht wörtlich dar, sondern evozieren einen Eindruck, der ihr Wesen einfangen soll. In diesem Sinne werden sie oft als klangliche Äquivalente zu den Gemälden der Impressionisten zitiert. Debussy selbst mochte diese Bezeichnung nicht. Er wandte ein: „Ich versuche, etwas anderes zu machen als das, was die Schwachköpfe 'Impressionismus' nennen, ein Begriff, der so schlecht wie möglich verwendet wird, besonders von den Kritikern‟. Als der Komponist Pierre Boulez eine berühmte Inszenierung von Pelléas in Covent Garden dirigierte, vermied er entschlossen die schwammige Aufführungstradition und bestand auf klaren Akkordierungen und musikalischen Linien.

5º Lesarten
Boulez lenkte die Aufmerksamkeit auf die häufige Gegenüberstellung von Dunkelheit und Licht im Text, besonders in der kulminierenden Szene für die beiden Liebenden vor dem Mord im vierten Akt. Er kontrastierte auch den durchsetzungsfähigen Charakter von Golaud, der stets versucht, dem Leben ein Muster aufzuerlegen, mit den passiven Eigenschaften von Pelléas und Arkel, die bereit sind, auf das zu warten, was das Schicksal für sie bereithält. Mélisande liegt dazwischen, sowohl als Manipulatorin als auch als Opfer. Debussy wollte „das ‘Nichts’, aus dem Mélisande besteht, einfangen‟. Sie bleibt das rätselhafte Herzstück des Puzzles. Die Genfer Produktion beleuchtet diese schwer fassbare Welt mit der choreografierten Bewegung von Sidi Larbi Cherkaoui und der symbolischen Installation von Marina Abramović, die zusammen neue Schichten der Interpretation in Debussys Meisterwerk bringen.

Nicholas Payne