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Hugo Segers

La Monnaie / De Munt

The Time of Our Singing

Singen könnte dem Leben mehr Sinn geben, als es das Leben zu Beginn hatte.

Opern | Defoort

Während des historischen Konzerts von Marian Anderson vor dem Lincoln Memorial im Jahr 1939 verlieben sich ein weißer Mann und eine schwarze Frau ineinander. Im folgenden turbulenten halben Jahrhundert versuchen sie, ihre drei musikalisch begabten Kinder vor Vorurteilen zu schützen, unter denen sie selbst gelitten haben.

 

Die neue Oper des belgischen Avantgarde-Jazzpianisten und Komponisten Kris Defoort ist eine faszinierende Symbiose zwischen Jazz und klassischer Musik und könnte aktueller nicht sein. Inspiriert von Richard Powers' großem amerikanischen Roman, erzählt The Time of Our Singing die Geschichte einer ethnisch gemischten Familie vor dem Hintergrund der Rassentrennung in den USA. Die Weltpremiere in Ted Hoffmans Inszenierung im La Monnaie lässt offizielle und intime Geschichten aufeinanderprallen, um Fragen von Identität, Herkunft und Kunst zu erkunden.

Weltpremiere am 14. September 2021. Wird auf OperaVision am 24. September 2021 live aus Brüssel gestreamt.

 

In englischer Sprache. Mit englischen Untertiteln (Live). Mit deutschen, französischen, englischen und niederländisch Untertiteln kürzlich nach der Live-Übertragung und zusätzlich automatische Übersetzungen in mehr als hundert andere Sprachen.

Verfügbar von
24.09.2021 um 19:30 MEZ

bis
24.03.2022 um 12:00 MEZ

Delia DaleyClaron McFadden
William DaleyMark S. Doss
David StromSimon Bailey
JonahLevy Sekgapane
JoeyPeter Brathwaite
RuthAbigail Abraham
Lisette SoerLilly Jørstad
StudentsChloé Bryan, Issaïah Fiszman, Eva Rose Thys
PianistDavid Zobel
ChorKinder- und Jugendchor von La Monnaie und andere Kinder aus Brüssel unter der Leitung von Benoît Giaux
OrchesterLa Monnaie Kammerorchester, Jazz-Quartett (Mark Turner, Lander Gyselinck, Nicolas Thys, Hendrik Lasure)


MusikKris Defoort
TextPeter van Kraaij, nach Richard Powers
Musikalische LeitungKwamé Ryan
InszenierungTed Huffman
BühneJohannes Schütz
KostümeAstrid Klein
LichtBernd Purkrabek
ChoreografieAlan Barnes
DramaturgiePeter van Kraaij & Antonio Cuenca Ruiz
Video-DirektorPierre Martin
Filmregisseur Live-AufnahmeAnaïs Spiro

1. AKT

I. Ostern 1939
Die afroamerikanische Sängerin Marian Anderson tritt im Lincoln Memorial in Washington, D.C. auf. Unter den 75.000 Besuchern des legendären Konzerts sind Delia Daley und David Strom, die sich ineinander verlieben. Aber sie ist schwarz, und er ist weiß und jüdisch. Für Delia spielt die Hautfarbe keine Rolle - was ihr Vater William nicht verstehen kann. Er hat sie zu einer unabhängigen Frau erzogen, und nun muss er akzeptieren, dass sie ihren eigenen Weg geht.

II. Nest
Delia und David haben aus Liebe geheiratet, aber sie lernen gerade, was es bedeutet, ein gemischtes Paar zu sein. Sie haben ein erstes Kind, Jonah, und bald darauf einen zweiten Sohn, Joey. Sie hoffen, ihre Kinder auf ihre eigene Art und Weise zu erziehen, damit sie frei sind, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen.

III. Die Welt geht zu Ende
Delia erwartet ihr drittes Kind. In den Nachrichten hört man nur, dass die Atombombe auf Hiroshima gefallen ist und der Krieg zu Ende geht.
In ihrer Verzweiflung fragt sich Delia, ob die Forschung ihres Mannes zu dieser totalen Vernichtung beigetragen hat. David ist fassungslos, als er einen Brief erhält, in dem William ihn für die zweite Atombombe verantwortlich macht.
Delia und David laden William ein, die Angelegenheit zu besprechen. Die jungen Eltern wollen die Rassenproblematik in der Schule ausblenden. Aber für William ist die Verleugnung der Hautfarbe wie die Verleugnung der schwarzen Identität. Er knallt die Tür zu.
So bringt Delia ohne die Hilfe ihrer Familie ihre Tochter Ruth zur Welt.

IV. Die Schule des Lebens
Anders als ihre Brüder identifiziert sich Ruth stark mit ihren schwarzen Wurzeln. Die Ungleichheiten zwischen Schwarzen und Weißen empörten sie. Jonah bittet seine Mutter, ihn nicht wegzuschicken, um seine musikalische Ausbildung fortzusetzen, zumindest nicht ohne Joey. Delia versammelt die Familie um das Klavier: Wie immer singen und improvisieren sie gemeinsam - ein Moment der perfekten Harmonie.

V. Die Musikschule
Herbst 1952: Jonah geht auf die Academy of Music, wo Joey ein Jahr später zu ihm stößt. Die Jungen lernen in der Schule zu überleben. Jonah verliebt sich, aber ein gemischtrassiger Junge darf nicht mit einem weißen Mädchen ausgehen. Beide Brüder fühlen sich als Freaks: Wenn sie ganz schwarz wären, wäre alles klarer. Jonah fragt sich, ob es richtig ist, dass sie sich mit klassischer Musik beschäftigen - der weißen Musik schlechthin.
David holt plötzlich seine Söhne von der Schule ab: Ihre Mutter ist bei einem Brand ums Leben gekommen.

2. AKT

VI. Verwandlung in Staub
David und seine Kinder trauern um Delia. Das Gefühl von Harmonie und Sicherheit, das die Familie zuvor hatte, ist dahin. Ruth weigert sich, sich von ihrem Vater trösten zu lassen. Sie glaubt nicht, dass der Brand, bei dem ihre Mutter starb, ein Unfall war.

VII. Das Leben beginnt neu
Jonah möchte an einem großen Gesangswettbewerb teilnehmen, aber er nicht ohne seinen Bruder, der der einzige ist, der ihn wirklich begleiten kann, auch wenn das bedeutet, dass Joey sein Studium aufgeben muss.

VIII. Glückseligkeit
Joey erzählt uns, dass Jonah bei dem Wettbewerb triumphiert hat. In dem Raum steht die Zeit in einem Moment absoluter Glückseligkeit still - als ob ihre Mutter Delia anwesend wäre.

IX. Eine Ausbildung
Nach dem Wettbewerb trifft Jonah Lisette Soer, eine junge, schöne Diva. Sie drängt ihn dazu, so oft wie möglich aufzutreten und die Welt der Musik zu erobern. Sie werden bald ein Liebespaar.

X. Weihnachten 1962
Ruth fragt sich, wie ihre Mutter es fand, schwarz zu sein. Die Meinungsverschiedenheiten zwischen Ruth und Jonah verschärfen sich. Er wird durch ein Konzert aufgehalten und nimmt nicht am Marsch für Arbeit und Freiheit teil. Ruth kritisiert die vergangenen Entscheidungen ihres Vaters - als ob sie ihn für den Tod ihrer Mutter verantwortlich machen würde: Hat er sie durch die Heirat mit einer schwarzen Frau nicht zur Zielscheibe gemacht? David ist verblüfft: Haben er und Delia sich so geirrt?

XI. Eines Tages...
August 1963: Martin Luther King wendet sich während des Marsches für Arbeit und Freiheit an die Menge. Lisette erzählt Jonah, dass sie ihre Schwangerschaft bereits abgebrochen hat.

XII. Watts aufgezeichnet
August 1965 in Los Angeles: Jonah hört sich im Studio eine Aufnahme von Purcells Werken an, die er gemacht hat, während Joey einen Bericht über ihr Konzert in der Carnegie Hall liest.
Draußen kommt es zu Ausschreitungen, nachdem ein betrunkener Fahrer festgenommen wurde. Jona mischt sich unter die Menge; er ist verletzt. Joey fängt ihn auf und schützt ihn mit seinem Körper.

XIII. Ruth und Robert
Ruth stellt Joey ihren Mann Robert Rider vor, mit dem sie sich den Black Panthers angeschlossen hat. Sie zeigt ihm auch den Polizeibericht über den Brand im Haus der Familie. Wie sie schon immer vermutet hatte, gibt es einen Hinweis auf kriminelle Absichten - etwas, das ihr Vater nie zugeben wollte oder konnte.

XIV. Ein Ausweg
Joey erzählt Jonah von dem Polizeibericht und informiert ihn über Ruths Heirat mit einem Black Panther. Jonah wird gebeten, in einer neuen MET-Produktion einen Schwarzen zu spielen. Er fühlt sich geehrt, weigert sich aber, in ein Klischee zu verfallen, bevor seine Opernkarriere überhaupt begonnen hat.
April 1968: Die Brüder hören in den Nachrichten, dass Martin Luther King ermordet wurde und dass es in mehreren amerikanischen Städten zu Rassenunruhen gekommen ist. Jonah spürt, dass er die Vereinigten Staaten verlassen muss um seine Karriere in Europa fortzusetzen. Aber dieses Mal wird Joey ihm nicht folgen.

3. AKT

XV. Intensivstation
Joey besucht seinen sterbenden Vater im Krankenhaus. Dies ist eine Chance, endlich offen zu reden. Bevor er stirbt, gibt David Joey eine Botschaft für Ruth mit auf den Weg: "Die Wellenlänge ist unterschiedlich, je nachdem, wohin du dein Teleskop richtest."

XVI. Depression
Joey räumt die Wohnung des Vaters alleine aus: Ruth ist seit Monaten mit Robert auf der Flucht, und Jonah, der auf Tournee ist, ist nicht zu erreichen. Das Telefon klingelt; es ist Jonah, der erst dann vom Tod seines Vaters erfährt. Er will Joey davon überzeugen, nach Europa zu gehen. Ruth erscheint unerwartet und verkündet, dass Robert tot ist, erschossen bei einer Polizeikontrolle.

XVII. Philadelphia
Joey besucht William zuhause und erzählt Ruth von der Nachricht ihres Vaters, aber sie interessiert sich nicht für die kryptischen Worte. Es steht in einem zu großer Kontrast zu ihrem Leben. Jonah ruft aus Europa an und hofft immer noch, seinen Bruder zu überreden, mitzukommen, aber Joey hat sich entschieden: Er will Ruth bei der Gründung ihrer Schule helfen.

XVIII. Deep River
Nach dem Tod seines Großvaters kommt Joey zu Ruth nach Oakland, um an ihrer Schule Musik zu unterrichten. Zum ersten Mal in seinem Leben hat er das Gefühl, dass er eine nützliche Arbeit leistet. Trotz Joeys Drängen weigert Ruth sich, an Jonahs erster Amerika-Tournee teilzunehmen. Joey lädt Jonah in seine Schule ein, wo er mit jungen Leuten Musik macht und dabei etwas über ihre eigene Musikkultur lernt. Jonah kritisiert die musikalischen Stereotypen, die seiner Meinung nach in Joeys Arbeit zum Ausdruck kommen...

XIX. Wir haben gesungen
... aber seine Neugierde führt ihn zu Ruth und Joeys Schule. Joey probt gerade mit einer Gruppe von Schülern, die über die von ihm vorgeschlagenen musikalischen Themen improvisieren. Auf der Schwelle des Klassenzimmers fängt Jonah erstaunt an, mit ihnen zu singen - aber diesmal folgt er Joey, nicht andersherum.

XX. Mittendrin im Geschehen
April 1992: Die Polizeibeamten, die Rodney King verprügelt haben, werden freigesprochen. In Los Angeles kommt es zu Unruhen. In einem Hotelzimmer der Stadt verfolgt Jonah die Ereignisse im Fernsehen. Er wurde selbst schwer verletzt als er sich unter die schwarzen Demonstranten gemischt und angeschossen wurde. Ausnahmsweise wollte er das Richtige tun. Er ruft Joey an, um es ihm zu sagen, vor allem in der Absicht, dass Ruth es erfährt.
Er legt auf und stirbt allein vor dem flimmernden Fernsehbildschirm.

Das musikalische Universum von Kris Defoort: Vom Jazz zur Oper

Bernard Foccroulle

The Time of Our Singing ist nach The Woman Who Walked into Doors (2001), House of the Sleeping Beauties (2009) et Daral Shaga (2014) die vierte Oper von Kris Defoort. Diese vier Opern sind sehr unterschiedlich, weisen aber auch starke Ähnlichkeiten auf. Die erste ist "institutionell": Seit mehr als zwanzig Jahren unterhält Kris Defoort eine besondere Beziehung zu dem flämischen Ensemble LOD muziektheater, das alle seine Opern koproduziert hat. La Monnaie hat sich auch an drei dieser Projekte beteiligt und richtete die Uraufführung des zweiten und vierten Projekts aus. Dank dieser doppelten Partnerschaft und des internationalen Netzwerks von LOD konnten die Opern von Kris Defoort in mehreren europäischen Ländern und in Japan aufgeführt werden. 

FÜHRENDE LITERARISCHE QUELLEN

Für jede seiner Opern hat Kris Defoort einen Schriftsteller mit einer starken Persönlichkeit, einem bahnbrechenden Werk, einer einzigartigen Welt und einem spezifischen kulturellen Hintergrund ausgewählt. Kris Defoort war von The Time of Our Singing (2003) so beeindruckt, dass er sich umgehend mit Richard Powers in Verbindung setzte, um die Rechte für die Umsetzung in eine Oper zu erwerben. Er erhielt bald das Einverständnis des Schriftstellers, dem er Aufnahmen seiner Jazzkonzerte und seiner früheren Opern geschickt hatte. Der umfangreiche Roman erzählt die Geschichte einer Familie, bestehend aus einer schwarzen Mutter, einem deutsch-jüdischen Vater, der vor dem Nationalsozialismus geflohen ist, und drei Kindern. Die Kinder tauchen in die Musik ein, Jonah beginnt eine internationale Karriere als Tenor, Joseph wird sein Pianist, und Ruth, die Jüngste, schließt sich der Black-Panther-Bewegung an. Der Roman enthält viele Themen, die den Komponisten ansprechen: Er umfasst ein halbes Jahrhundert amerikanischer Geschichte, beschreibt in außergewöhnlicher Ausführlichkeit ein ganzes Jahrtausend westlicher klassischer Musik und des Jazz, befasst sich mit der Problematik der - auch musikalischen - Mischkultur, stellt die Möglichkeit einer Welt ohne Rassismus in Frage und wirft schonungslos die Frage nach der Rolle der Musik sowohl in der Familie als auch in der Gesellschaft auf... Nur wenige Bücher haben sich mit der komplexen Beziehung zwischen Musik und Gesellschaft in solcher Tiefe und Relevanz beschäftigt.

Dieses Buch deckt sich in vielerlei Hinsicht mit Kris Defoorts eigenem Leben: Als klassischer Musiker mit einer Leidenschaft für Barockmusik, der zum Jazzpianisten, Improvisator und Komponisten wurde, und als Europäer, der mehrere Jahre in New York lebte, fand Kris in ihr einen Spiegel seiner eigenen Leidenschaften, Obsessionen und Fragen. Die literarischen Inspirationsquellen für die vier Opern sind äußerst vielfältig. Es gibt jedoch zwei Gemeinsamkeiten. Zunächst einmal ist keine von ihnen ein Theaterstück. Es sind adaptierte Romane: Sie mussten den Stoff und die Form eines Opernlibrettos annehmen. Für The Time of Our Singing wurde Peter van Kraaij gebeten, das Libretto gemeinsam mit dem Komponisten zu schreiben.

EIN EINZIGARTIGER MUSIKALISCHER WEG

Musikalisch gesehen ist die Reiseroute von Kris Defoort sicherlich untypisch. Nach dem Studium der Blockflöte und der Barockmusik kam er zum Jazz und studierte nacheinander an den Konservatorien von Antwerpen und Lüttich, wo er so unterschiedlichen Persönlichkeiten wie Barthold Kuijken, Koen Dieltiens, Jos Van Immerseel, Henri Pousseur, Garret List, Frederic Rzewski, Dennis Luxion und Philippe Boesmans begegnete. Danach verbrachte er drei Jahre in New York, wo er bei Fred Hersch Jazzpiano studierte und sich seinen Lebensunterhalt mit einer sechsmonatigen Tournee mit Lionel Hampton und seiner Big Band verdiente. Das führt nicht unbedingt zu einer Karriere als Opernkomponist!

ERWARTUNGEN AN THE TIME OF OUR SINGING

All dies deutet darauf hin, dass die vierte Oper von Kris Defoort, The Time of Our Singing, den Höhepunkt und die Krönung seiner zwanzigjährigen Tätigkeit als Opernkomponist darstellen wird. Der Roman von Richard Powers bündelt wichtige Themen des Komponisten und gibt ihm die Möglichkeit, die Geschichte der westlichen Musik und des Jazz zu problematisieren. Es wird faszinierend sein zu sehen, wie die bewegenden Figuren des amerikanischen Autors in diesem Werk eine musikalische und szenische Verkörperung finden. Innerhalb von zwei Jahrzehnten hat sich Kris Defoort als bemerkenswerter Komponist etabliert. Jeder seiner Ausflüge in die Welt der Oper war geprägt von einem tiefen Sinn für Theatralik, von einem starken Willen zur Teamarbeit, von der Bereitschaft, einen fruchtbaren Dialog mit Regisseur und Dramaturgen sowie mit allen Ausführenden, insbesondere den Dirigenten, zu führen - Eigenschaften, die sich auch im vorliegenden Werk wiederfinden. Die Weltanschauung dieses besonders kultivierten, freien und empfindsamen Musikers hört nicht auf, sein Werk zu nähren. In dieser Hinsicht ist jede seiner Opern ein unendlich wertvolles Zeugnis für unsere Zeit, für den heutigen Menschen. Jedes seiner Werke verbindet auf freudige, tiefe und dichte Weise Musik und Leben.