Preloader Operavision
Sandra Then

Staatstheater Hannover

Trionfo

Vier letzte Nächte

Opern | Händel

Vier Leben am Scheidepunkt. Vier Menschen im Dunkel der Nacht, wenn allein die Hoffnung – auf eine noch so leise Antwort – das Zimmer erhellt.

 

In Händels Oratorium Il trionfo del tempo e del disinganno (1707) liegen die Lust, am Leben zu sein, und die Erkenntnis der eigenen Sterblichkeit im Streit. Dabei vermag es der Komponist in seinem frühen Meisterwerk, der Gleichzeitigkeit des Unvereinbaren klare emotionale Räume zu öffnen. Was bedeutet es, am Leben zu sein – und was, die Erfüllung dieses Leben einzufordern? Und wer bin ich noch, wenn der Spiegel mich nur schweigend ansieht? In Händels Musik beginnen die Fragen zu schweben.

In italienischer Sprache.

 

Die Live-Aufführung wird mit englischen Untertiteln gesendet. Deutsche Untertitel sind bald verfügbar und zusätzlich automatische Übersetzungen in mehr als hundert andere Sprachen.

Verfügbar von
09.10.2020 um 19:30 MEZ

bis
09.04.2021 um 12:00 MEZ

La BellezzaSarah Brady
Il TempoSunnyboy Dladla
Il PiacereNina van Essen
Il DisingannoNicholas Tamagna
ChorChor der Staatsoper Hannover
OrchesterNiedersächsisches Staatsorchester Hannover


MusikGeorg Friedrich Händel
LibrettoBenedetto Pamphili
Musikalische LeitungDavid Bates
InszenierungElisabeth Stöppler
Bühne & KostümeValentin Köhler
LichtElana Siberski
TonMaria Anufriev
ChorleiterLorenzo Da Rio
DramaturgieMartin Mutschler

Was ist Wahrheit, und wie sähe ein Leben in Einklang mit ihr aus? Diese Frage steht im Kern von Georg Friedrich Händels frühem Oratorium Il Trionfo del Tempo e del Disinganno, das 1707 in Rom entstand. Vier Allegorien – Bellezza, die Schönheit, Piacere, das Vergnügen, Tempo, die Zeit, und Disinganno, die Erhellung bzw. Desillusionierung – liegen hier miteinander im Streit; am Ende hat die Schönheit eine Ahnung des Wahrhaftigen erfahren und schaut hoffnungsfroh in die Zukunft. Soweit das religiös geprägte Libretto. In Händels zupackender, dabei immer transparent aufleuchtender Musik wird die reine moralische Belehrung des Textes darüber hinaus zum konkreten Ringen um existentielle Fragen.

Diese Dringlichkeit greift auch die Inszenierung auf, indem wir die vier Allegorien in Menschen aus Fleisch und Blut verwandelt erleben. Sie heißen hier B., P., T. und D. und stehen mitten im Leben auf der Schwelle zu einem ungewissen Morgen. Die Hausfrau und Mutter B. fragt sich: Wer bin ich eigentlich jenseits von der Aufopferung für die Familie? Die lebenshungrige P. ist durch eine tödliche Krankheit mit der eigenen Endlichkeit konfrontiert. T. hat das Gefühl, im falschen Körper geboren zu sein. Und D., der Schriftsteller, fragt sich, wie er sich einen Reim machen soll auf eine mehr und mehr unverständliche Welt. Trionfo. Vier letzte Nächte ist ein Stück über die verzweifelte Lust, am Leben zu sein. Es strahlt Melancholie aus – und ist doch nicht ohne Hoffnung für die vier Figuren, denn im utopischen Raum des Musiktheaters wird ihre Sehnsucht nach Begegnung erhört.

Dirigent David Bates über die vier Figuren von Trionfo

Belezza: Eine sensible Figur

Gleich Bellezzas erste Arie „Fido specchio“, in der sie den „treuen Spiegel“ besingt und sich ihrer Sterblichkeit bewusst wird, zeigt uns, dass ihr scheinbar unbeschwertes, frivol hedonistisches Wesen eine Unsicherheit verbirgt. Die Arie steht in a-Moll, was sehr ungewöhnlich ist für eine junge Frauenfigur gleich zu Beginn eines solchen Oratoriums. Der französische Komponist Marc-Antoine Charpentier, den ich sehr liebe und der Zeitgenosse von Händel war, hatte dieser Tonart nur wenige Jahre zuvor die Attribute „tendre et plaintif“ zugeschrieben – zart und klagend. Man könnte auch sagen: sensibel. In Bellezzas Innerem manifestieren sich also bereits von Anfang an existentielle Fragen rund um ihre widersprüchlichen Empfindungen. Von hier aus ist es für sie eine lange Reise vom a-Moll des Beginns bis zum E-Dur ihrer Schlussarie, in der sie die ewigen Wesen des Himmels ansingt. Dazwischen liegt der langwierige Versuch herauszufinden, was für ein Mensch sie sein kann bzw. ob sie überhaupt ein besserer Mensch werden könnte. Diese Entwicklung entspricht also nicht der Aufforderung, brav zu beten, damit alles gut wird, sondern vielmehr dem Geist der aufkeimenden Aufklärung, die auch eine Emanzipation des Denkens bedeutete. In seiner Musik versteckt Händel, der nicht sehr fromm war, eine subversive Kraft, die zwar zu Gott führt – aber auf einem ausführlichen Umweg über den Menschen.

Piacere: Die Dornen hörbar machen

Piacere hat sich eindeutig und rücksichtslos dem verbotenen Vergnügen verschrieben, dessen Namen sie trägt. Ihre Musik ist in ihren Extremen, mit ihren vielen hohen Sprüngen und kühnen chromatischen Wendungen, geradezu skandalös für die Zeit, in der sie entstanden ist. Hoffnungslos ihrer Selbstsucht verfallen, macht sie keine Entwicklung durch wie Bellezza, sondern lebt ohne Rücksicht auf Konsequenzen im Moment und verweigert sich aktiv der Wahrheit, der sich die anderen Figuren zu stellen versuchen. Gerade gegenüber Bellezza, die hin und hergerissen versucht, den richtigen Weg zu finden, verhält sich Piacere wie das kleine Geschwisterkind, das stets versucht, die ernsteren Absichten der großen Schwester zu stören und zu untergraben. Doch auch Piacere hat Momente, in denen wir ihre Unsicherheit spüren, in denen wir hören, wie sie sich fragt, ob sie wirklich auf dem richtigen Weg ist. Dann ist es, als kenne sie tief in ihrem Inneren die Antwort. Im anrührenden „Lascia la spina“ singt sie davon, die Schönheit der Rosen zu bewundern und sich diese Vorstellung nicht mit dem Gedanken an die Dornen zu zerstören. Wie alles, was populär wurde, hat Händel ohne mit der Wimper zu zucken auch diese Arie wieder und wieder verwendet; die meisten werden sie als „Lascia ch’io pianga“ aus Rinaldo kennen. In Trionfo hat er jedoch Oboen hinzugefügt, und ich würde behaupten, dass sie die Dornen sind, die Piacere spürt. Und die Dornen sind der Widerspruch, in dem die Figur lebt: Sie ist ein gefallener Engel, sie kennt die Wahrheit und weiß, dass sie in ihr Verderben läuft, doch sie kann von ihrem eingeschlagenen Weg nicht ablassen. In diesen kurzen, nachdenklichen Momentaufnahmen, die sich nicht in Worten, wohl aber in Musik entfalten, fühlen wir, wie verletzlich Piacere in ihrem ganzen egoistischen Wesen doch eigentlich ist.

Disinganno: Vom Fliegenwollen

Die Figur des Disinganno steht zwischen zwei Gegensätzen und läuft ständig Gefahr, zwischen diesen aufgerieben zu werden. Der barocke Stil des „chiaroscuro“, des direkten Gegensatzes von hell und dunkel nebeneinander, wie wir ihn zum Beispiel aus Caravaggios Gemälden kennen, ist dieser Figur eingeschrieben. Denn die Wahrheit und Aufklärung, die „Dis-inganno“ („Ent-täuschung“) wörtlich in sich trägt, ist stets begleitet von der Erkenntnis über die eigene Verletzlich- und Vergänglichkeit. So bewegt sich die Figur zwischen den Extremen Zynismus und Hoffnung wider besseres Wissen. Zu jeder negativen Empfindung gehört also auch die positive andere Seite. Seine Arie „Crede l’uom“, in der er singt, dass die Zeit im Verborgenen ihre Schwingen ausbreitet, lässt Händel von Blockflöten begleiten, die in der barocken Musik ein ganz klares Symbol für den Tod sind. In der von Luther geprägten Welt, der Händel entstammt, ist der Tod jedoch nicht nur ein Ende, sondern auch ein Anfang. Davon ist Disingannos Musik geprägt: Neben allem Düsteren und Nachdenklichen, das ihn ausmacht, ist sie gleichzeitig wunderschön und hoffnungsfroh. Disinganno steht halb im Schatten, seine Mahnungen wiegen schwer, doch seine Musik ist durchwoben von der Idee des Fliegens.

Tempo: Schmerzhafte Anfänge

Tempos Konflikt steht dem inneren Kampf Bellezzas um nichts nach. Die erste Arie der Figur „Urne voi“ („Ihr Gräber“) folgt schematisch einer strengen barocken Form und ist doch im Ausdruck suchend und schwankend wie ein Accompagnato-Rezitativ. Der Klärungsversuch, den Rezitative oft verhandeln, ist also so dramatisch, dass er von Orchesterinstrumenten verstärkt werden muss. Das drückt sich auch im Text aus: Tempos Schilderungen des Todes, der Knochen, die als einziges Überbleibsel der Schönheit den Zahn der Zeit überdauern, sind kahl und kalt. Die Zeit schreckt angesichts der sich öffnenden Gräber vor den eigenen Taten zurück – ein fantastisches Bild! Als Elisabeth Stöppler mir von der Idee erzählte, in Tempo eine Figur abzubilden, die eine ganz und gar existenzielle Krise hat, leuchtete mir das darum sofort ein. Denn dieser Musik ist das Trauma bereits eingeschrieben. Es gibt Menschen, die ihr Leben leben, ohne jemals Fragen zu stellen, und dann an einen Punkt kommen, wo sie zum ersten Mal ihre Existenz hinterfragen und in eine heftige Krise geraten. Ich habe aufrichtiges Mitgefühl mit Tempo. Selbst sein ruhiges Duett mit Disinganno „Il bel pianto“ („Die schöne Klage“) transportiert diese getriebene Stimmung: Die Morgenröte ist wunderschön und verheißt einen neuen Anfang, doch dieser wird auch furchtbar schmerzhaft sein, voller beißender Dissonanzen. Für mich beinhaltet das den Frust und das Leid der Figur. Das Leben kann verdammt grausam sein.

Belleza (Sarah Brady), Piacere (Nina van Essen), Disinganno (Nicholas Tamagna) & Tempo (Sunnyboy Dladla)