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A.T.Schaefer

Dutch National Opera & Ballet

Lady Macbeth von Mtsensk

Das Fohlen läuft der Stute hinterher.

Rückblick | Shostakovich

Diese Vorstellung ist nicht mehr als Video auf unserer Plattform verfügbar. Sie können aber weiterhin das zusätzliche Material der Produktion nutzen.

Eine gelangweilte, unglücklich verheiratete Frau träumt von Liebe und davon, anderswo neu anzufangen. Als sie eine Affäre mit einem verwegenen Landarbeiter beginnt, treibt ihre Leidenschaft sie zum Verbrechen...

 

Schostakowitsch betrachtete seine zweite Oper als „Tragödien-Satire“. Sie ist abwechselnd grotesk, düster und anzüglich und genießt die zweifelhafte Ehre, Stalin so schockiert zu haben, dass er noch vor der Schlussszene den Saal verließ. Der musikalische Modernismus und die rohe Gewalt von Lady Macbeth achtzig Jahre nach der Uraufführung klingelt immer noch in den Ohren, doch der Heldin - kraftvoll verkörpert durch die niederländische Sopranistin Eva-Maria Westbroek - bringt diese Musik von aufrührerischer Lyrik und herzlicher Emotionalität zu uns.

Katerina Lwowna IzmajlowaEva-Maria Westbroek
SergejChristopher Ventris
Boris Timofejewitsch Izmajlow & Alter ZwangsarbeiterVladimir Vaneev
Sinowi Timofejevitsch IzmajlowLudovít Ludha
Aksinya & ZwangsarbeiterinCarole Wilson
Ein verkommener ArbeiterAlexandre Kravetz
PolizeichefNikita Storojev
Pope / WacheAlexandre Vassiliev
LehrerValentin Jar
SonjetkaLani Poulson
VerwalterMartin Vijgenboom
HausknechtJan Polak
Erster VorarbeiterRuud Fiselier
Zweiter VorarbeiterJan Majoor
Dritter VorarbeiterLeo Geers
MühlenarbeiterHarry Teeuwen
KutscherCor de Wit
WächterWojtek Okraska
Betrunkener GastJohn van Halteren
ChorChor der Dutch National Opera
OrchesterKönigliches Concertgebouw-Orchester


MusikDmitri Shostakovich
LibrettoAlexander Preys und Dmitri Shostakovich, nach einer Kurzgeschichte von Nikolai Leskov
Musikalische LeitungMariss Jansons
InszenierungMartin Kusej
BühneMartin Zehetgruber
KostümeHeide Kastler
LichtReinhard Traub
ChorleitungWinfried Maczewski
DramaturgieMarion Tiedtke

I. Akt

Katerina ist unglücklich mit dem Kaufmann Sinowi Izmajlow verheiratet und schrecklich gelangweilt. Ihr Schwiegervater Boris Izmajlow kritisiert sie auf Schritt und Tritt. Als Sinowi für ein paar Tage verreisen muss, zwingt Boris Katerina, ihrem Mann die Treue zu schwören. Sergej, ein gutaussehender junger Arbeiter, bedrängt das junge Mädchen Aksinja mit einer Reihe von Kollegen. Katerina weist die Männer zurecht, und Sergej fordert sie zu einem Ringkampf heraus. Gerade als er sie zu Boden zwingt, erwischt Boris sie und jagt die beiden auseinander. Unter dem Vorwand, ein Buch ausleihen zu wollen, klopft Sergej nachts an Katerinas Tür und verführt sie.

II. Akt

Der schlaflose Boris sieht, wie Sergej aus Katerinas Fenster kommt. Er verprügelt ihn und lässt ihn einsperren. Dann befiehlt er Katerina, ihm etwas zu essen zu machen. Sie gehorcht, mischt aber Rattengift bei. Bald bekommt der alte Mann Krämpfe. Katerina nimmt seine Schlüssel und befreit Sergej. Während Katerina und Sergej im Ehebett schlafen, erscheint jeden Abend Boris' Geist im Schlafzimmer. Sinowi kehrt zurück; er hat bereits alles erfahren und verhört Katerina. Als er sie mit Sergejs Gürtel schlägt, ruft sie ihren Geliebten, und gemeinsam erwürgen sie Sinowi. Sie verstecken die Leiche im Keller.

III. Akt

Während Katerina und Sergej ihre Ehe besiegeln, geht einer der Arbeiter in den Keller, um Schnaps zu suchen. Er bricht die Tür auf, findet die Leiche Sinowis und warnt die Polizei. Der Polizeichef ist glücklich über die Nachricht, weil er beleidigt ist, dass Katerina ihn nicht zur Hochzeit eingeladen hat. Am Ende der Feier stellt Katerina fest, dass die Kellertür aufgebrochen wurde. Die Polizei trifft ein, als sie und Sergej kurz vor der Flucht stehen. Katerina gesteht, und beide werden verhaftet.

IV. Akt

Die Liebenden werden mit anderen Zwangsarbeitern nach Sibirien überführt. Sergej kümmert sich nicht mehr um Katerina und versucht, die jüngere Gefangene Sonjetka zu verführen. Als Geschenk für Sonjetka gelingt es ihm, Katerina unter einem Vorwand dazu zu bringen, ein Paar Strümpfe auszuziehen. Als sie herausfindet, wie sie ausgetrickst wurde, stößt sie Sonjetka in den Fluss und springt ihr hinterher. Beide ertrinken, während der Zug der Gefangenen weitergeht.

Eine schlammige Affär

Diese Oper ist nichts für schwache Nerven. Schostakowitschs umstrittene zweite Oper Lady Macbeth von Mzensk ist seit langem mit Kontroversen verbunden. Wenngleich ihr freizügiges, brutales und schmuddeliges Thema teilweise für diese Verrufenheit verantwortlich ist, so hat ihre skandalumwitterte Aufführungsgeschichte ihrem Ruf die Krone aufgesetzt. Zwei Jahre nach der überaus erfolgreichen Premiere im Januar 1934 besuchte Stalin eine Aufführung der Oper. Ob er mit der provokativen Handlung oder der progressiven Partitur der Oper nicht einverstanden war, ist nicht dokumentiert. Auf jeden Fall wurde der Erfolgskurs der Oper durch einen denunziatorischen Leitartikel mit dem Titel „Matsch statt Musik‟ in der offiziellen kommunistischen Parteizeitung Pravda gestoppt. Dieser Angriff läutete ein gnadenloses, weit verbreitetes und lang anhaltendes idealogisches Durchgreifen auf die sowjetische Musikwelt ein. Schostakowitsch, damals erst 29 Jahre alt, war nicht mehr der Liebling der sowjetischen Avantgarde, sondern kämpfte um den Erhalt seiner künstlerischen Integrität. Er sah sich gezwungen, seine Oper zurückzunehmen, bis er sie in eine akzeptablere, wenn auch abgeschwächte Fassung überarbeitete mit dem Titel  Katerina Izmajlova, nach der Protagonistin.

Das Libretto von Lady Macbeth von Mzensk basiert auf der Novelle von Nikolai Leskow aus dem Jahr 1865, obwohl Schostakowitsch die Gewichtung der Sympathien deutlich verändert hat. Wo Leskow eine kalte und entsetzliche Frau dargestellt hat, betrachtete Schostakowitsch Katerina als „tragische Schilderung des Schicksals einer talentierten, klugen und herausragenden Frau, die in der albtraumhaften Atmosphäre des vorrevolutionären Russlands stirbt‟ und drückte ihr so sein Mitgefühl aus. Im Nachhinein erscheint es als bittere Ironie, dass diese Oper ausgewählt wurde, um die sowjetische künstlerische Säuberung einzuleiten. Lady Macbeth von Mzensk wurde 1932 komponiert und war als erster Teil einer Trilogie gedacht, die die Unterdrückung und Emanzipation der Frauen vor, während und nach der Revolution skizziert. 

Erst nach Stalins Tod begann die Oper ein Comeback in ihrer unzensierten Form und wurde in Russland erst im Jahr 2000 in ihrer ursprünglichen Fassung aufgeführt. Trotz dieser Hindernisse hat Lady Macbeth von Mzensk weltweit Eingang ins Standardrepertoire gefunden. Die Produktion der Dutch National Opera aus dem Jahr 2006 anlässlich des 100. Geburtstages des Komponisten zeichnet sich durch ihre herausragenden theatralischen und musikalischen Vorzüge aus. Der verstorbene Mariss Jansons, damals Chefdirigent des Königlichen Concertgebouw-Orchesters, trat erstmals als Gastdirigent an der Dutch National Opera auf, wo er Schostakowitschs symphonischste Opernpartitur interpretierte. Darin ist der Tribut an den vom Komponisten sehr bewunderten Mahler offenkundig. Darüber hinaus deutet seine dissonante musikalische Sprache mit kantigen Gesangslinien und scharfen Orchestrierungen auf die emotionale Tonhöhe jeder Szene hin. Jansons' Interpretation ist klar und einfühlsam, und das Orchester ist durchweg hervorragend. 

Vom Orchester getragen brillieren die Interpreten. Die Sopranistin Eva-Maria Westbroek als Katerina hinterlässt einen bleibenden Eindruck: Ihre Hingabe an die Rolle ist sowohl körperlich als auch stimmlich vollkommen. Zuerst stößt sie Wut und sexuelle Frustration aus, am Ende Verzweiflung. Christopher Ventris als Sergej ist ein Inbegriff von sexueller Bedrohung und Arroganz. Die Leistung der anderen Hauptdarsteller ist von ähnlich hoher Qualität, aber es ist der Chor der Dutch National Opera, der eine besondere Erwähnung verdient. Als Knechte und Bauern, die Katerinas Haus plündern, betrunkene Hochzeitsgäste und Sträflinge werden sie als Schauspieler und Kommentatoren gleichermaßen eingesetzt. Ihr Engagement ist in den Nahaufnahmen deutlich greifbar.

Der österreichische Regisseur Martin Kušej', der bei den Salzburger Festspielen und am Stuttgarter Staatstheater für seine intelligenten, eindringlichen Inszenierungen gefeiert wurde, ist in seiner Darstellung der Gewaltspirale und der verzerrten Erotik, die den Kern der Oper ausmachen, ungeschlagen. Seine realistische Inszenierung schafft eine bedrohliche, klaustrophobische Atmosphäre, die von Blitzen der Brutalität durchzogen ist, und unterstreicht die modernistischen Aspekte des Werkes. Auf der Bühne steht ein makelloses Glashaus, in dem Katerina in einer törichten bürgerlichen Existenz gefangen zu sein scheint, von einem Schlammmeer umgeben. Hier findet die meiste Gewalt statt. Über seine Inszenierung sagt Kušej: „Orgasmus und Mord sind zwei diametral entgegengesetzte Pole, die zwei extremen Ausschläge von Liebe und Hass, die beiden grundlegenden zwischenmenschlichen Verbindungen.‟ In dieser düsteren Vision erscheint Kušejs drastische Änderung des ursprünglichen Endes der Oper passend: Katerina ertrinkt nicht mehr durch Selbstmord, sie wird von Sergej und den anderen Verurteilten in einer Szene geschlagen, die an Axinjas Vergewaltigung im ersten Akt erinnert. Als die Gefangenen ihren Marsch nach Sibirien wieder aufnehmen, sieht man Katerinas Leiche an einer Schlinge hängen. Zweifelsohne ist diese Oper nichts für schwache Nerven.