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The Turn of the Screw: Fünf Unterschiede zwischen der Novelle und der Oper  

Wie kann man eine Novelle in eine Oper für die Bühne umsetzen, wenn nicht abschließend geklärt werden kann, ob einige der Figuren tatsächlich existieren?

1° Die Rolle des Erzählers

James' Novelle besteht aus drei Erzählsträngen. Ein erster namenloser Erzähler beginnt die Erzählung und erzählt von einer seltsamen Weihnachtsfeier, bei der die Teilnehmer Geistergeschichten austauschen. Bei der Weihnachtsfeier liest der zweite Erzähler die Geschichte von Miles, Flora und der Gouvernante aus einem alten Manuskript vor. In einer Mise en abyme trägt die fiktive Gouvernante selbst die Erzählung bis zum tragischen Ende der Novelle.

Der Schriftsteller und Librettist Myfanwy Piper hat jedoch die ersten beiden Erzähler aus der Novelle entfernt und durch eine einzige neuen Erzähler ersetzt. Unter der unpersönlichen Bezeichnung Prolog vermittelt Brittens Erzähler die Umstände, die zur Anwesenheit der Gouvernante im Landhaus von Bly führten. Von da an verfolgt das Publikum die Geschichte auf der Bühne in Echtzeit.

2° Sind die Erscheinungen real?

In James' Novelle wird der Eindruck des Lesers von Miss Jessel und Peter Quint durch die Erzählung der Gouvernante über ihre Erscheinung gelenkt. In Brittens Oper kann das Publikum die Erscheinungen direkt sehen, da die Darsteller unweigerlich physisch auf der Bühne anwesend sind. Diese Anwesenheit birgt die Gefahr, die ursprüngliche Unklarheit darüber zu verringern, ob die Erscheinungen real sind oder sich die Gouvernante sie nur eingebildet hat.

Durch die Gespräche der Gouvernante mit der Haushälterin Mrs Grose erhält das Publikum jedoch immer noch Einblick in ihre eigene Interpretation der Motive der Erscheinungen. Mrs. Grose behält ihre Funktion als potenzielle Unterstützerin der Version der Gouvernante bei. Ihre Unfähigkeit, die Erscheinungen in beiden Versionen von The Turn of the Screw zu sehen, lässt Zweifel am Verstand der Gouvernante aufkommen, so dass die Unsicherheit bestehen bleibt.

3° Geisterhafte Stimmen

Brittens Entscheidung, Gesangsrollen für die Erscheinungen zu gestalten, bedeutete, dass Piper viel Text schreiben musste, den es in der Novelle gar nicht gibt. Während es sich bei den Erscheinungen zuvor um Gespenster ohne eigene Stimme handelte, deren Absichten vom Leser gedeutet werden mussten, sprechen die Erscheinungen hier offen ihre Absichten aus und die Kinder direkt an.

Zu Beginn des zweiten Aktes tauchen beispielsweise Peter Quint und Miss Jessel wieder auf und streiten sich darüber, wer wem zu Lebzeiten zuerst etwas angetan hat, und beschuldigen sich gegenseitig, nicht schnell genug zu handeln, um Besitz von den Kindern zu ergreifen. Auch dies könnte die Unklarheit über den Zweck der Erscheinungen in der Novelle weitgehend beseitigen.

4° Wiegenlieder und Lateinlernen

Viele Elemente des Librettos stammen nicht aus Henry James' Text. Die Ergänzungen von Britten und Piper beziehen ihre Inspiration aus einer Vielzahl von Quellen.

• Die Musik der Kinder findet ihre Quellen in Kinderliedern wie Lavender's Blue und Tom, Tom, the Piper's Son.

• Der Text von Miles' tranceähnlicher Arie „Malo“ ist eine Eselsbrücke für Lateinanfänger und spielt auf den verschiedenen Bedeutungen der lateinischen Wurzel: „Malo: Ich wäre lieber | Malo: in einem Apfelbaum | Malo: als ein böser Junge | Malo: in der Not“. Dies stellt Miles als hilflos gegenüber den Geistererscheinungen dar.

• Die Zeile „the ceremony of innocence is drowned“ („(Flut dunklen Blutes stürzt und) schwemmt der Unschuld Feier überall hinweg.“), die wiederholt von Peter Quint und Miss Jessel im zweiten Akt Szene I gesungen wird, ist dem Gedicht The Second Coming von W. B. Yeats entnommen. Die gewalttätige und prophetische Sprache betont das Leid, das Miles und Flora erlitten haben, und deutet an, dass das Schlimmste noch bevorsteht.

5° Der Regisseur lässt uns weiterhin im Dunkeln

Viele Jahre lang haben Kritiker darüber gestritten, ob die Erscheinungen in der Novelle real sind oder nicht. Diese Ambivalenz, die im Mittelpunkt von The Turn of the Screw steht, findet sich in vielen Opern Brittens, weshalb sich die Novelle besonders gut für seine Opernsprache eignet. Britten und Piper haben darauf geachtet, die Geschichte nicht zu interpretieren und den Sinn der Novelle aufzuzwingen, sondern die Mehrdeutigkeit der Novelle auf ein anderes Medium zu verlagern und es den nachfolgenden Generationen zu überlassen, die Novelle zu erforschen und zu interpretieren, wie sie es für richtig halten.

In Alessandro Talevis umjubelter Inszenierung wird die expressionistische Bühne von einem riesigen, schiefen Fenster beherrscht, hinter dem schattenhafte Figuren erscheinen. In der Mitte steht immer ein Himmelbett, was wiederum die Frage aufwirft, ob die ganze Erfahrung tatsächlich in den Träumen der Gouvernante stattfindet. Ihre Präsenz auf der Bühne während der gesamten Oper verstärkt den Eindruck, dass das Publikum durch ihre Augen sehen kann.

Dieser Artikel basiert auf einem Text, der auf der Website von Opera North veröffentlicht wurde.Hinter den Kulissen

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