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Gärtnerplatztheater Munich

Josef E. Köpplinger (Intendant)

Gespräche

„Das Gärtnerplatztheater ist Musiktheater für alle“

Das Staatstheater am Gärtnerplatz wird oft als Münchens Volksoper dargestellt. Was zeichnet das Gärtnerplatztheater in der Opernlandschaft aus - in München selbst und darüber hinaus?

Egal, wer zu uns ins Gärtnerplatztheater geht, kann aus dem, was unser Haus anbietet, wählen. Wir sind eines der wenigen europäischen Häuser, das sämtliche Genres des Musiktheaters unter einem Dach vereint, also Oper, Operette, Musical und Tanz. Darüber hinaus gibt es in allen Genres auch Produktionen, die ganz gezielt auf das Kinder- und Jugendtheater ausgerichtet sind.

Wir lassen die Genres, ohne Schubladen bedienen zu wollen, gleichwertig nebeneinander bestehen. Münchens Volksoper heißt, es ist wirklich Musiktheater für alle. Wir versuchen, soweit es geht, Berührungsängste zu nehmen und wollen zeigen, dass Theater nicht nur etwas Hehres ist, sondern auch Entertainment. Mir ist ganz wichtig, dass unser Staatstheater für eine offene, bunte Gesellschaft steht.

Was kann mich erwarten, wenn ich zum ersten Mal eine Vorstellung im Gärtnerplatztheater besuche?

Wer zu uns ins Theater geht, kann entweder ganz „blind“ hineingehen, oder sich als Opernfan für die Produktionen interessieren, die bei uns von der Spieloper - nahezu dem kompletten Mozart - über Verdis Aida bis zum gehobenen Belcanto-Fach reichen. Auch Uraufführungen gehören dazu.

Als Operetten-Fan habe ich die Auswahl zwischen der Revue-Operette, der Uraufführung einer Operette oder klassischen Stücken wie Die lustige Witwe und Die Zirkusprinzessin.

Beim Tanz haben wir mit Karl Alfred Schreiner einen sehr engagierten Ballettdirektor, der in einem zeitgenössischen Stil Handlungsballette auf die Bühne bringt.

Sie selbst leiten das Haus seit 2012. Wie hat sich das Profil des Gärtnerplatztheaters in fast einem Jahrzehnt verändert?

Als ich das Haus als Staatsintendant übernommen habe, wanderten wir - statt der geplanten drei Jahre - fünf Jahre lang durch die Stadt, weil unser wunderschönes europäisches Opernhaus generalsaniert wurde. Das Spannende daran war, dass wir Publikum gewinnen konnten, welches früher nicht ins Theater ging und uns von der Wanderschaft mit ins Haus gefolgt ist.

Neben der Pflege des Traditionellen war mir immer wichtig, in allen Genres viele Uraufführungen zu machen. Seit wir hier gemeinsam arbeiten, haben wir, das Ballett eingerechnet, gut 20 Uraufführungen gestemmt. Das war wahrscheinlich die stärkste Veränderung am Profil des Hauses: wir wollen zeigen, dass das Publikum keine Berührungsängste gegenüber neuen Werken zu haben braucht. Im Gärtnerplatztheater steht das Neue und das Alte in selbständiger Art und Weise in allen Genres gleichberechtigt nebeneinander.
 
Seit dem zweiten Lockdown haben Sie eine erfolgreiche Reihe von kostenfreien Live-Streams angeboten. Straus & Strauss & Co. ist schon die zehnte Übertragung seit Ende November des letzten Jahres. Weshalb haben Sie den Entschluss gefasst live Aufführungen zu übertragen? Und was haben Sie aus dieser Erfahrung gelernt?

Ich lerne in erster Linie daraus, wie wir Alle, dass Streaming eine wunderbare Sache ist, solange das Publikum in diesen Zeiten nicht ins Theater gehen darf. Es kann aber kein Ersatz für das Gefühl einer Live-Aufführung sein. Das wird es nie sein, bei allen Bemühungen. Es fehlt der Geruch des Theaters, das Fühlen und Atmen mit den Sängern im Kollektiv des Zuschauerraums. 900 Menschen wollen gemeinsam atmen, warten auf die Spitzentöne, folgen der Dramatik der Geschichte, lachen gemeinsam. Das ist etwas, was die Gesellschaft braucht. Es ist unverzichtbar, das Spiel auf der Bühne live mit anderen Menschen zu sehen, den Spiegel vorgehalten zu bekommen, auch um Seele und Geist zu erhalten.

Außerdem habe ich mich zu Livestreams entschlossen, weil es die einzige Chance ist, das Theater lebendig zu halten, und Künstler - feste wie Gäste - nicht nur mit Applaus, sondern auch mit dem zu versorgen, womit sie ihren Lebensunterhalt bezahlen, nämlich mit einer Gage.

Wie konnten Sie die technische Umsetzung ermöglichen?

Wir erhielten tolle Unterstützung vom Kunstministerium, damit wir unser Equipment besorgen konnten, denn wir hatten zu Beginn keine entsprechende Ausrüstung. Die Aufzeichnung selbst machen wir mit hausinternen Kräften und ein, zwei externen Kamerafrauen und -männern, um unsere Aufführungen so professionell wie möglich an die Bildschirme, die iPhones, die Tablets und Computer zu bringen. Die hohen Klickzahlen sind erfreulich. Sie wachsen zwar, aber es wächst gleichzeitig das Verlangen des Publikums, wirklich wieder ins Theater zu kommen. Wir hoffen, dass das bald möglich wird.

Straus & Strauss & Co. fasst Glanzstücke aus Oper und Operette zu einem farbenfrohen Programm zusammen. Nach wie vor ist es die Ausnahme, dass beide Genres auf der Bühne so harmonisch zusammenfinden. Wie entstand die Inspiration für dieses besondere Programm?

Das war die Idee meiner Dramaturgin Dr. Fedora Wesseler. Nach dem ersten Lockdown im Juni 2020 hatten wir zunächst die Möglichkeit, vor 50 Zuschauern zu spielen, in den letzten Sommertagen waren es dann 200 Zuschauer. Bei einem Haus mit 900 Plätzen ist das natürlich nicht ideal. Wir zeigten zwei Module: Das eine war ein Operetten-Programm „Freunde, das Leben ist lebenswert”, in der die Figur von Franz Lehàr, dargestellt von Erwin Windegger, in der Loge saß und über Operette und auch ein bisschen Zeitgeistiges erzählte und so die Hochblüte der Operette neu aufleben ließ. Das andere war ein Opernprogramm mit dem Titel „Mein Sehnen, mein Wähnen”.

Da so wenige Menschen die Programme sehen konnten und sie so gut ankamen, entschieden wir, dass wir sie gerne - gerade unserer Idee des Hauses entsprechend – miteinander verweben wollen, um zu zeigen, wie nahe Oper und Operette einander letztendlich sind.

Ferner diente es auch dazu, das Ensemble wieder bestmöglich zu „trainieren“ und einem Publikum zu zeigen. Die Künstler sind wie Rennpferde, die mit ihren Hufen scharren. Sie warten darauf, ihre wunderschönen Stimmen wieder zur Geltung bringen zu können. Die Resonanz war dementsprechend fulminant.

Wenn Sie im Stream Applaus hören, sind das die Mitarbeiter*innen des Hauses. Circa 50 Damen und Herren saßen freiwillig im Saal, nicht nur um die Kolleg*innen zu unterstützen, sondern auch um zu zeigen, dass es möglich ist, im Theater sicher zu sein.

Wenn wir nach der Pandemie wieder langfristig öffnen können, möchten wir unser Haus auch nach Europa tragen. Wir sind ein europäisch denkendes Opernhaus, kooperieren mit Barcelona, Toulouse, Dresden, Wien und der Schweiz. Wir hoffen, auch in der Zukunft Streams mit Ihnen teilen zu können, um zu zeigen, was in München los ist.

Straus & Strauss & Co. - Sehen Sie die gesamte Aufführung auf OperaVision vom 6. März bis 6. Mai 2021.