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Komische Oper Berlin

Komische Oper Berlin

The Bassarids

Ein urmenschlicher Konflikt zwischen Trieb und Vernunft.

Opern | Henze

Der junge Pentheus hat die Herrschaft in Theben übernommen. Doch ein Fremder unterwandert die Autorität des Königs, indem er zu Ehren des Gottes Dionysos das Volk zu rauschhaften Feiern, zur Hingabe an Vergnügen und Lust verführt.

 

Das Orchester als „Kampfplatz“ dieser antagonistischen Prinzipien sprengt in Barrie Koskys Inszenierung auch räumlich die Grenzen des Orchestergrabens, drängt hinauf auf die Bühne, wo es Zeuge und Mittäter des Geschehens wird.

In englischer Sprache

Deutsche, englischen und französische Untertitel sind bald verfügbar und zusätzlich automatische Übersetzungen in 114 andere Sprachen.

Verfügbar von
13.10.2019 um 18:00 MEZ

bis
12.04.2020 um 23:59 MEZ

DionysusSean Panikkar
PentheusGünter Papendell
CadmosJens Larsen
TiresiasIvan Turšić
Kapitän der Königlichen GardeTom Erik Lie
AgaveTanja Ariane Baumgartner
AutonoeVera-Lotte Böcker
BeroeMargarita Nekrasova


MusikHans Werner Henze
LibrettoWystan Hugh Auden und Chester Kallman
Musikalische LeitungVladimir Jurowski
InszenierungBarrie Kosky
BühneKatrin Lea Tag
KostümeKatrin Lea Tag
LichtFranck Evin
ChoreografieOtto Pichler
ChorleitungDavid Cavelius
DramaturgieUlrich Lenz

Vorgeschichte

Cadmus, Sohn von König Agenor und Bruder der Europa, pflanzte einst auf Geheiß der Göttin Athene die Zähne eines von ihm erschlagenen Drachen in den Boden. Aus der Saat erwuchsen bewaffnete Männer, die Cadmus bei der Gründung der Stadt Theben halfen. Einem dieser Männer, Echion, gab Cadmus seine jüngste Tochter, Agave, zur Frau. Cadmus’ zweite Tochter, Semele, entbrannte in Liebe zu Zeus. Dessen Gemahlin, Hera, näherte sich Semele in Gestalt von deren Amme Beroe und überredete Semele, von ihrem Liebhaber zu verlangen, dass er sich ihr in seiner göttlichen Gestalt zeige. Im feurigen Glanz des Göttervaters verbrannte Semele zu Asche. Zeus aber rettete ihr ungeborenes Kind: Dionysus. Er nähte ihn in seinen Oberschenkel, aus dem Dionysus ein zweites Mal geboren wurde. Semeles Grabmal in Theben ist zur Kultstätte geworden.

Erster Teil

Pentheus, Sohn von Echion und Agave, hat von seinem Großvater Cadmus die Herrschaft über Theben übertragen bekommen. Während das Volk den neuen Machthaber erwartet, verkündet von Ferne die Stimme eines Fremden den Einzug des Dionysus auf den Berg Cytheron. Die Masse folgt dem Ruf und schließt sich dem Gefolge des Dionysus, den Bassariden, an, die den Gott in ekstatischen, rauschhaften Ritualen feiern.

Während Cadmus zur Vorsicht mahnt, es sich mit dem neuen Gott nicht zu verderben, zweifeln seine Töchter Agave und Autonoe Dionysus’ Göttlichkeit an. Der zweigeschlechtige Seher Tiresias hingegen will an den lustvollen Ritualen teilnehmen. Pentheus verkündet, dass er jeden Kult um den vermeintlichen Gott Dionysus und dessen Mutter Semele strikt verbietet. Agave, Autonoe und Tiresias erliegen jedoch dem erneuten Lockruf des Fremden und machen sich auf zum Berg Cytheron.

Pentheus weist alle Warnungen seines Großvaters Cadmus zurück und befiehlt, sämtliche Anhänger des Dionysus gefangen zu nehmen. Der Hauptmann der königlichen Wache bringt die Gefangenen vom Cytheron, unter ihnen Agave, Autonoe, Tiresias und der Fremde. Pentheus’ Versuche, seine in Trance befindliche Mutter Agave über die Ereignisse auf dem Cytheron zu befragen, bleiben erfolglos. Vergeblich will Beroe, Pentheus’ Amme, den jungen König vor dem Fremden, den sie als Gott Dionysus erkannt hat, warnen. Pentheus verhört den Fremden, der von dessen Drohungen und Gewaltausbrüchen ungerührt bleibt. Der König gibt den Befehl, den Fremden einzusperren und zu foltern.

Intermezzo

Tiresias, Agave, Autonoe und der Hauptmann der königlichen Wache spielen Theater, „Das Urteil der Kalliope“: Erzählt wird von der Zeugung und eigenwilligen „Geburt“ des schönen Knaben Adonis (Hauptmann), auf den sowohl die Liebesgöttin Venus (Agave) als auch die Herrscherin der Unterwelt, Proserpina (Autonoe), Anspruch erheben. Kalliope (Tiresias), die Muse der epischen Dichtung, soll Schiedsrichterin im Streit der beiden Göttinnen sein. Sie trifft ein gerechtes Urteil: Jeder der beiden Göttinnen spricht sie den Begehrten für je ein Drittel des Jahres zu, das restliche Drittel jedoch bleibt Adonis zur freien Verfügung. Am Ende berichtet Adonis davon, wie er vom eifersüchtigen Liebhaber der Venus, dem Kriegsgott Mars, in Gestalt eines wilden Ebers zerrissen wurde. Das Stück endet in einem Trauergesang aller Mitwirkenden.

Zweiter Teil

Von Dionysus mehr und mehr verführt, will sich Pentheus ein eigenes Bild vom Treiben auf dem Cytheron machen. Um nicht erkannt zu werden, zieht er als Frau verkleidet los. Von Dionysus dazu angestachelt, tötet die ekstatische Masse der Bassariden, darunter Agave und Autonoe, den Eindringling.

Schreckliches ahnend erwarten Cadmus und Beroe die Rückkehr der Bassariden. Triumphierend ziehen diese ein, angeführt von Agave, die stolz ihre blutige Trophäe präsentiert. Cadmus konfrontiert seine Tochter mit der Realität: Nach und nach begreift Agave, dass sie nicht den Kopf eines jungen Löwen, sondern die sterblichen Überreste ihres eigenen Sohnes in den Händen hält.

Der Fremde gibt sich allen als Gott Dionysus zu erkennen, verbannt die königliche Familie aus der Stadt und gibt Befehl, den Palast niederzubrennen. Er ruft Persephone (Proserpina) an, seine Mutter Semele aus den Fängen des Hades zu entlassen, auf dass sie fortan als Göttin Thyone einen Platz an der Seite der Unsterblichen einnehme.

5 Dinge, die man über The Bassarids wissen sollte

1° Rauschhafte Rasereien

In kultischer Praxis und der Mythologie des alten Griechenlands ist Dionysos der Gott des Weins, der Fruchtbarkeit, des rituellen Wahnsinns, der religiösen Ekstase und des Theaters. Auch bekannt als Bacchus, der von den Römern angenommene Name, inspirierte er einen Kult, in dem seine Anhänger von Rauschmitteln und Trance-induzierenden Techniken Gebrauch machten, um ihre Hemmungen und sozialen Zwänge zu beseitigen. Die weiblichen Anhänger durchstreiften die Berge und Wälder in Fuchshäuten und führten rasende, ekstatische Tänze auf. Unter Bacchus' Einfluss sollten sie eine ungewöhnliche Kraft haben und konnten, Tiere oder Menschen ohne Weiteres in Stücke zerreißen. Diese Frauen waren bekannt als Maenaden, was soviel wie "Wahnsinnige" bedeutet, oder als Bassariden, eine Bezeichnung, die vom griechischen Wort für Fuchshaut stammt.

2° Eine preisgekrönte Tragödie

Die Dionysien waren mehrere große Dorf- und Stadtfeste im alten Athen zu Ehren Dionysos, deren zentrale Ereignisse die Theateraufführungen von Tragödien und Komödien waren. 405 v. u. Z. gewann der Athener Dramatiker Euripides mit seiner Tragödie Die Bacchae den ersten Preis des Stadtfests. In dem Stück kehrt Dionysos verkleidet in seine Heimatstadt Theben zurück. Seine Absicht ist es, die Bewohner zu zwingen, sich an seine Relevanz zu erinnern, indem er die Mutter des Königs dazu bringt, ihren eigenen Sohn zu töten. Da das Opfer in der Wüste jenseits der Stadt in der Dunkelheit der Nacht stattfindet, im Gegensatz zu einem Tempel, hebt Euripides' Darstellung des Dionysoskults die archaische und unzivilisierte Seite der heidnischen Religionsausübung hervor. Die Bacchae gilt als eine der größten Tragödien, die jemals geschrieben wurden, und zeichnet sich dadurch aus, dass der Chor in die Handlung integriert ist und der Gott keine ätherische Präsenz darstellt, sondern der Protagonist des Stückes ist.

3° Kreative Zusammenarbeit

Für seine Oper Elegie für junge Liebende von 1961 nutzte der deutsche Komponist Hans Werner Henze die Schreibkünste des englisch-amerikanischen Dichters W. H. Auden, und die seines Partners, der amerikanische Dichter und Übersetzer Chester Kallman. Auden hatte zuvor das Libretto für Benjamin Brittens Paul Bunyan geschrieben und mit Kallman am Libretto für Igor Strawinskys The Rake's Progress gearbeitet. In einem Interview für The Musical Times erklärt Henze, wie seine Zusammenarbeit mit Auden und Kallman bei The Bassarids zustande kam: „Nach der Glyndebourne-Produktion von Elegie für junge Liebende wollte ich sehr gerne wieder mit ihnen zusammenarbeiten, und Auden sagte etwas über Die Bacchae. Dann las ich Euripides, und ich war sehr beeindruckt. Ich habe die Oper in New York geschrieben, und sie haben mir dieses Libretto geschickt, das sehr stark auf Euripides basiert - es ist keine freie Interpretation, es bringt sozusagen nur 2.500 Jahre Erfahrung mehr mit sich.“ Die Oper wurde 1966 bei den Salzburger Festspielen in deutscher Übersetzung von Maria Basse-Sporleder uraufgeführt.

4° Freiheit und Ekstase

Ein zentrales Thema der Bassariden ist der Konflikt zwischen dem ehrgeizigen und rationalen König Pentheus und dem stolzen und charismatischen Gott Dionysos. Die rechtschaffene Herrschaft des Pentheus lässt wenig Raum für die Verehrung des Weingottes, der darum kämpft, als wichtiger Teil des Lebens der Menschen anerkannt zu werden. Henze schrieb die Oper, nachdem er von Deutschland wegen spürbarer Intoleranz gegenüber seiner linken politischen Einstellung und Homosexualität nach Italien gezogen war. Für ihn sind die Bassariden keine Verherrlichung blinder Ekstase, sondern eine Warnung davor, was passieren könnte, wenn der Genuss systematisch unterdrückt wird, wie er im Interview mit der Musical Times erklärt: „Die marxistisch-freudianische Auffassung des Ganzen wäre, dass Dionysos Recht hat: Die Würde des Menschen ist untrennbar mit der Würde seiner Körperlichkeit verbunden. Pentheus versuchte, diese beiden zu teilen: Er dachte, es sei möglich, die eigenen Genitalien zu verleugnen. Und Dionyse bittet die Menschheit, Ja zum Leben zu sagen.“

5° Verführerische Klänge

Henze nahm an den berühmten Internationalen Darmstädter Ferienkursen für Neue Musik teil und arbeitete in seinen frühen Jahren mit Zwölftontechniken. Nach seinem Umzug nach Italien gab er jedoch das strenge, unemotionale Dogma der deutschen Theorie der zeitgenössischen Musik auf und erreichte neue und vielfältige musikalische Ausdrucksformen. Mit seinen vier Sätzen und einem Intermezzo ist The Bassarids weniger wie eine Oper als vielmehr wie eine klassische Symphonie aufgebaut. Die Partitur enthält Zitate aus Johann Sebastian Bachs Matthäuspassion und der Englischen Suite in d-Moll und die Rhythmen sind von süditalienischen Volksliedern inspiriert. Die Musik von Gustav Mahler hatte auch einen klaren Einfluss auf die reiche Orchestrierung, die, wie Regisseur Barry Kosky betont, perfekt „die Brutalität, Sinnlichkeit, Erotik, Furcht, Angst, Trauma, Schönheit, Freude und Ekstase, die Henze in seiner außergewöhnlichen Partitur zusammenbringt."