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Masahiko Terashi

New National Theatre Tokyo

Carmen

Die Liebe hat bunte Flügel, solch einen Vogel zähmt man schwer

Opern | Bizet

Als eine freiheitsliebende Frau festgenommen wird, lässt sich ein naiver Soldat von ihr bezirzen, sie freizulassen. Da er jedoch alles riskiert und verloren hat, um mit ihr zusammenzusein, wandelt sich seine Liebe in eifersüchtige Wut.

 

Carmen ist ein berauschender Cocktail, der immer wieder die Sinne anregt. Die französische Mezzosopranistin Stéphanie d'Oustrac spielt die verführerische Heldin mit Rock'n'Roll-Attitüde, die in der Inszenierung des spanischen Regisseurs Àlex Ollé unter der Leitung von Kazushi Ono am New National Theatre Tokyo mehr als nur eine gewisse Ähnlichkeit mit Amy Winehouse aufweist.

Neue Produktion der New National Theatre Tokyo. Aufgezeichnet am 8. Juli 2021.

 
In französischer Sprache. Mit englischen, französischen und japanischen Untertiteln und zusätzlich automatische Übersetzungen in mehr als hundert andere Sprachen.

Verfügbar von
18.10.2021 um 10:00 MEZ

bis
18.01.2022 um 12:00 MEZ

CarmenStéphanie d'Oustrac
Don JoséToshiaki Murakami
EscamilloAlexandre Duhamel
MicaëlaRyoko Sunakawa
ZunigaHidekazu Tsumaya
MoralèsKenichi Yoshikawa
Le DancaïreHidekazu Machi
Le RemendadoShuhei Itoga
FrasquitaMari Moriya
MercédèsMika Kaneko
ChorNew National Theatre Chorus, BIWAKO HALL Vocal Ensemble, TOKYO FM Boys Choir (Kinderchor)
OrchesterTokyo Philharmonic Orchestra


MusikGeorges Bizet
TextHenri Meilhac, Ludovic Halévy
Musikalische LeitungKazushi Ono
InszenierungÀlex Ollé
BühneAlfons Flores
KostümeLluc Castells
LichtMarco Filibeck
ChorleitungKyohei Tomihira
KinderchormeisterKeiko Yoneya, Kunie Ito

I. Akt

Die Handlung spielt in Sevilla. Eine Gruppe von Soldaten hat Dienst in einer Zigarettenfabrik. Micaëla, ein "Bauernmädchen mit Zöpfen und blauem Rock", besucht den Gefreiten Don José. Moralès, auch Gefreiter, erzählt ihr, dass José bald zur Wachablösung kommen wird. Micaëla lehnt Moralès' Vorschlag, mit ihnen zu warten, ab und geht. Kurz darauf kommen die Stadtkinder, gefolgt von Leutnant Zuniga und seinen Soldaten. Moralès berichtet José, dass Micaëla nach ihm gesucht hat. José kennt Micaëla und seine Mutter aus seiner Heimatstadt. Die Mittagsglocke ertönt und die Arbeiterinnen der Fabrik kommen heraus. Die Männer haben auf diesen Moment gewartet. Ihr Hauptaugenmerk liegt auf Carmen. Als sie merkt, dass José sich nicht zu ihr hingezogen fühlt, nimmt Carmen die Blüte von ihrer Brust und wirft sie nach ihm, bevor sie die Szene verlässt. Micaëla erscheint erneut und übergibt José einen Brief und etwas Geld von seiner Mutter. Sie wünscht sich in dem Brief, dass er bald nach Hause zurückkehrt und Micaëla heiratet. In der Zwischenzeit bricht in der Fabrik eine Schlägerei aus, und Carmen, die einen Kollegen verletzt hat, wird verhaftet. José soll sie abführen, aber er lässt sich von ihr verführen, befreit sie von den Fesseln und hilft ihr bei der Flucht.

II. Akt

In der Taverne von Lillas Pastia. Zuniga teilt Carmen mit, dass José, der seine Haftstrafe verbüßt hat, weil er Carmen entkommen ließ, heute entlassen wird. Ein beliebter Toreador namens Escamillo tritt ein. Er und Carmen fühlen sich zueinander hingezogen, aber zu diesem Zeitpunkt ist Carmen noch in José verliebt. Zwei Schmuggler, Le Dancaïre und Le Remendado, treffen ein. Sie überreden Carmen und ihre Freunde, in ihr Geschäft einzusteigen. Schließlich erscheint auch José aus dem Gefängnis. Carmen begrüßt ihn, ist aber verärgert, als José versucht, mit dem Trompetensignal zu gehen. Er trifft auf den betrunkenen Zuniga und es kommt zu einer Schlägerei. José bleibt keine andere Wahl, als sich den Schmugglern anzuschließen.

III. Akt

1. Szene

In den Bergen, auf dem Weg zur Schmuggelware. Carmens Liebe zu José ist völlig erkaltet. Sie schließt sich Frasquita und Mercédès an, um ihnen die Karten zu legen, wobei sie ihren Tod vorhersieht. Escamillo erscheint und erkennt José als Liebesrivalen. Er beginnt ein Duell, das Le Dancaïre und die anderen verhindern. Micaëla trifft auf der Suche nach José ein und verkündet ihm, dass seine Mutter im Sterben liegt. José steigt mit Micaëla die Berge hinab.

2. Szene

In der Stierkampfarena von Sevilla. Der Kampf steht kurz bevor und der Einzug der Stierkämpfer wird von der Menge mit lautem Jubel begrüßt. Der letzte in der Prozession ist Escamillo, der von Carmen begleitet wird. Carmens Freunde warnen sie, dass José in der Stadt ist. Außerhalb der Arena, wo der Jubel noch immer zu hören ist, fleht José Carmen an, sich mit ihm zu versöhnen. Carmen lehnt dies jedoch kühl ab. Aus Eifersucht sticht José ein Messer in Carmens Brust.

Carmen, Symbol von Mut und Freiheit

Regisseur Àlex Ollé über seine Heldin

Die spanische Carmen ist ein Mythos, der seit der Veröffentlichung des Romans von Mérimée und der Uraufführung der Oper von Bizet immer noch an der Spitze einer kollektiven Ideenswelt steht - national wie international. Dieser Mythos hat Theater, Film, Tanz, Musik, Malerei und alle Kunstformen überlebt. Er hat sogar die Versuche überlebt, die Eigenschaften zu entmystifizieren, die Carmen zu verkörpern scheint.

Wir könnten uns fragen, warum wir auch 175 Jahre nach der Schöpfung dieser Figur noch von Carmen fasziniert sind. Heutzutage würde die Tragödie als ein weiterer Fall von geschlechtsspezifischer Gewalt in den Nachrichten auftauchen. Was weiterlebt, ist der Antrieb, der sie motiviert, ihr Wunsch nach Freiheit, ihre freien Beziehungen zu Männern, Gleichberechtigung, ihr Wille, selbst zu entscheiden, ihr Schicksal selbst zu bestimmen. Carmen ist selbstbestimmt. Es gibt keinen Mann, der ihren Willen brechen kann. Ihre Lebensfreude ist derselbe Impuls, welcher auch heute Frauen antreibt, die das Gleiche fordern, wofür Carmen gestorben ist. Carmen ist Kraft, Freude, Mut, Trotz, ein Symbol der Freiheit. So gesehen ist Carmen eine zeitlose Geschichte, die für einige der Rechte steht, die Frauen im Laufe von zwei Jahrhunderten erringen konnten.

In Mérimées Werk lebt Carmen in einer Welt von Zigarrenmachern, Zigeunern, Stierkämpfern, Banditen, der andalusischen Bohème und Flamenco-Kunst. In Bizets Oper wird Carmen als Tabakfabrikantin dargestellt, die sich außerhalb ihrer Arbeit, die ihre eigentliche Welt ist, wie jede Flamencosängerin verhält. Wann immer sie mit Frasquita und Mercedes, unter Schmugglern, in der Taverne von Lilas Pastia und sogar mit Leutnant Zuniga zusammen ist, verhält sich Carmen wie eine Künstlerin. Zuniga selbst sagt ihr: „Ich will keine Lieder, sondern eine Antwort.“

Diese Welt des Gesangs und der Taverne führt uns in die Welt der Unterhaltung, der Konzerte. Carmen könnte eine bekannte Sängerin sein, die in Konzerten vor einem großen Publikum auftritt, aber auch in kleinen Lokalen für ein ausgewähltes Publikum. Die Welt der Unterhaltung beinhaltet Reisen, verschiedene Menschen, die Nähe zu Drogen, Alkohol, Partys und Promiskuität. All dies scheint ein geeignetes Universum für Carmen zu sein. Diese Parallelität ermöglicht es uns, die Inszenierung als eine aktuelle Geschichte zu betrachten, der das heutige Publikum folgen kann.

Carmen ist eine Frau von heute. Sie hat Lebenserfahrung und fühlt sich in verschiedenen Umgebungen wohl. Auch wenn sie eine moderne Frau ist, kann all ihre Erfahrung sie nicht davor bewahren, sich in den falschen Mann zu verlieben. Don José ist ein besitzergreifender, eifersüchtiger Mann, der kein Nein akzeptiert.

Bei der Ideensuche gab es eine Figur, die sich für die Umsetzung der Geschichte als nützlich erwiesen hat. Die Sängerin Amy Winehouse ist für uns das Spiegelbild von Carmen. Amys Leben ist der Aufstieg und Fall einer entschlossenen, temperamentvollen jungen Frau, die durch den Druck ihrer unmittelbaren Umgebung in den Sog gerät und wie Carmen ein tragisches Ende nimmt. Für uns ist Amy vor allem eine ästhetische und visuelle Referenz, die es uns ermöglicht, Carmen mit einer real existierenden, weithin bekannten, nahen und leicht verständlichen Figur zu identifizieren, so dass das Publikum Empathie für sie empfinden kann.

Aus der Verbindung dieser Ideen ergibt sich das szenische Konzept eines Bühnenbildes, das aus röhrenförmigen Strukturen besteht, die für jede Rockmusikbühne typisch sind. In unserer Version ist die Hauptfigur eine Sängerin einer angesagten Band. Die Figuren, die sie umgeben, gehören zur Bohème der Kunstwelt. Don José ist ein Polizist, mit dem Carmen anfangs spielt, und schließlich eine stürmische Liebesgeschichte erlebt. Carmens Umfeld besteht aus Musikern, Technikern, Sicherheitsleuten, Veranstaltern und Fans, die ihr folgen. Die Schmuggler sind die Dealer. Ihre Beziehung zum Stierkämpfer Escamillo entsteht vielleicht, weil sie beide berühmt sind, aber was sie vor allem verbindet, ist, dass sie ein Spiegelbild des anderen sind. Sie sind beide risikofreudig und sehen der Gefahr ohne Angst ins Gesicht. So steht Carmen in der Schlussszene Don José genauso gegenüber wie der Stierkämpfer dem Stier, auch, wenn sie dem Aufgespießtwerden nicht entgehen kann.

In diesem Umfeld von Musik, Ruhm, Geld, Drogen, Alkohol, Liebe, Leidenschaft, Eifersucht und Freiheit wird die Tragödie fortgeschrieben, so dass sie auch für das heutige Publikum einwandfrei verständlich ist.