Preloader Operavision
Monika Rittershaus

Komische Oper Berlin

Cendrillon

Ende gut, alles gut?

Rückblick | Massenet

Diese Vorstellung ist nicht mehr als Video auf unserer Plattform verfügbar. Sie können aber weiterhin das zusätzliche Material der Produktion nutzen.

Als eine angehende Ballerina schwer stürzt, brechen ihre Träume und ihr Bein. Gibt es für sie ein Leben jenseits ihrer Phantasie? Und wird der Märchenprinz auf sie aufmerksam werden, auch wenn sie vielleicht nie wieder tanzen wird?

 

Mit der Berliner Premiere von Cendrillon holt die Komische Oper Berlin die selten gesehene Oper Massenets aus der Aschenputtel-Existenz. Der renommierte italienische Regisseur Damiano Michieletto spielt in seiner überraschend tragischen Interpretation mit den Klischees der rücksichtslosen Welt des Balletts und überschreitet die Grenze zwischen Märchenzauber und Wirklichkeit.

Aufgezeichnet am 12. Juni 2016

 

In französisch Sprache. Mit englischen und deutsch Untertiteln.

CendrillonNadja Mchantaf
Madame de la HaltièreAgnes Zwierko
Der charmante PrinzKarolina Gumos
FeeMari Eriksmoen
NoemieMirka Wagner
DorothyZoe Kissa
PandolfeWerner van Mechelen
Der KönigCarsten Sabrowski
Der Dekan der FakultätChristoph Späth
Der Superintendent der PleaserNikola Ivanov
Der PremierministerPhilipp Meierhöfer
ChorChorsolisten der Komischen Oper Berlin


MusikJules Massenet
TextHenri Cain
Musikalische LeitungHenrik Nánási
InszenierungDamiano Michieletto
BühnePaolo Fantin
KostümeKlaus Bruns
LichtDiego Leetz
ChoreografieSabine Franz
ChorleitungDavid Cavelius
DramaturgieSimon Berger

1. Teil

Pandolfe leidet unter seiner neuen Frau, Madame de la Haltière. Die führt die Ehe wie ihr Leben: mit strengem Regiment. Zugleich plagen Pandolfe Schuldgefühle gegenüber seiner Tochter Lucette. Dem Mädchen hat ein Unfall den Zukunftstraum geraubt. Wie Cendrillon – das Aschenputtel – ist sie mit sich allein. Auch Prince Charmant ist ein Gefangener seiner Welt. Sein Vater, ein herrschsüchtiger Impresario, erwartet Leistung und Erfolg von ihm. Außerdem soll er sich endlich für eine Partnerin entscheiden. Doch der Prinz versinkt in Melancholie und möchte davon nichts wissen. Madame de la Haltière indes hofft mit ihren beiden Töchtern Noémie und Dorothée auf gesellschaftlichen Aufstieg. 

Allein zurückgeblieben versinkt Lucette in einen märchenhaften Schlaf: Sind es Geister und Feen, die ihr im Traum erscheinen? Zu ihrer Freude ist sie geheilt und trägt ein wunderschönes Kleid. Sie eilt zum Prinzen, doch mahnt die Fee: Um Mitternacht muss sie zurück sein. 

Die unerkannte Schöne überrascht die Gesellschaft und tanzt mit dem verliebten Prinzen. 

2. Teil

Atemlos erwacht Lucette – also war doch alles nur ein Traum? Ihre Genesung, das Kleid, der Tanz mit Prince Charmant? Gegen den Spott seiner Frau und Stieftöchter nimmt Pandolfe Lucette in Schutz. Er erklärt seinem ungläubigen Kind, es habe im Fiebertraum wirr vor sich hin geredet. 

Mitunter geht es im Leben märchenhaft zuwege: Die neuerliche Einladung zum Tanz stürzt Madame de la Haltière in begeisterte Ekstase. Wieder trifft sich die Ballettgesellschaft – um eine Überraschung zu erleben … 

Im Angesicht der Wirklichkeit

Regisseur Damiano Michieletto über freie Entscheidungen, Märchen und die Gegenwart der Liebe

Sie debütieren mit Cendrillon an der Komischen Oper Berlin und inszenieren erstmals ein Werk von Jules Massenet – ein besonderer Moment für Sie? 

Zu Beginn war mir noch nicht klar, wie man mit der Geschichte und der Musik umgehen sollte, aber mit der Zeit habe ich großes Potential in der Handlung entdeckt und in der Weise, wie diese im Werk präsent ist. Die Arbeit bis zur Premiere bestand vor allen Dingen darin, sich zu fragen, wie man den Charakteren mehr Dimensionen verleihen kann und diese dem Publikum vermittelt. Denn das Publikum braucht Komplexität und die Möglichkeit, die Figuren mit Gefühlen füllen zu können. 

Sie inszenieren einen Märchenabend? 

Es ist selbstverständlich ein Märchen, und diese sind nicht Teil unserer Realität, sondern unserer Phantasien, Träume und auch unseres Unterbewusstseins. Gleichzeitig versuche ich, die Verankerung in der Realität beizubehalten und dem Kontrast zwischen der schmerzhaften Existenz und dem Traum von mehr Würde einen Grund zu geben. In diesem Kontrast gestaltet sich die Geschichte von Cendrillon. In unserer Inszenierung ist sie eine Tänzerin, die sich verletzt hat und im Krankenhaus liegt. Sie kämpft um einen Ausweg, um die Möglichkeit, wieder glücklich zu sein. Ich habe mich entschlossen, diese Geschichte in einer Ballettschule zu inszenieren, das heißt, es gibt Momente, in denen Chorsolisten, Solisten und Solistinnen sowohl singen als auch tanzen. Wir verwenden auch Motive aus dem klassischen Ballett und arbeiten sie in Massenets Oper ein. 

Also sehen wir Menschen und nicht Märchenfiguren? 

Es gibt zwar die Fee, aber auch sie nimmt die Figuren nicht mit in eine andere Welt. Sie betritt den Raum viel subtiler, wie ein schwacher Wind, der Hoffnung verheißt. Sie bietet keine Flucht aus der Realität, sondern die Möglichkeit, der Realität entgegenzutreten. Am Ende bist du nicht jemand anderes oder besseres, sondern du kannst dich mit der Wirklichkeit auseinandersetzen – ohne die Angst vor der Situation oder dir selbst. Die Fee und der Chor von Feen sind bei uns menschlich, alte Frauen, die sich kümmern und zu helfen versuchen. Das ist das beste Geschenk, das es für Cendrillon geben kann – Zufriedenheit mit sich selbst und Hoffnung für die Zukunft. Die Fee ist sozusagen die Möglichkeit der Hoffnung. Das Entscheidende für die Erzählung der Geschichte ist, dass sie in unserer Version auch ohne märchenhafte Elemente funktionieren würde. Natürlich gibt es „magische Momente“, aber diese sind nicht notwendig für die Dramaturgie der Erzählung. Würde man das Märchen selbst erzählen, käme man ohne die Fee als Märchenfigur nicht aus – nichts würde funktionieren. 

„Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute“ – findet sich für diese klassische Märchenformel ein Platz in Ihrer Inszenierung? 

Am Ende finden Cendrillon und der Prinz auch hier zusammen, aber es ist kein typisches Happy End. Cendrillon wird nicht wieder gesund, sondern sie bleibt verletzt – alle ihre Probleme verschwinden nicht auf magische Weise. Aber sie lernt, mit der Realität umzugehen, und der Prinz akzeptiert umgekehrt diese Realität. Durch die Liebe akzeptiert er sie, so wie sie ist. Das ist wahre Liebe in meinem Verständnis. Der Prinz ist bereit, etwas aufzugeben – für die Liebe zu Cendrillon – und wirft die Ballettschuhe weg. Im Wissen, dass Cendrillon nicht mehr tanzen wird, entscheidet er sich für sie, gegen alle anderen, auch gegen den Vater. Dadurch ist er wahrhaft frei in seiner Entscheidung und Lebensweise. Man kann nicht alles haben, aber beide leben in der Gegenwart und für die Zukunft – das ist für mich das wahre Happy End.