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Bart Grietens

Dutch National Opera & Ballet

Der Zwerg

Ein Meisterwerk über das Anderssein

Opern | Zemlinsky

Die spanische Prinzessin erhält ein ganz besonderes Geschenk: einen kleinen Menschen. Zur Belustigung aller ist er sich seiner kleinen Statur nicht bewusst. Schon bald entwickeln sich Gefühle zwischen den beiden, doch welche Chance haben sie in einer Welt, in der Aussehen alles ist?

 

Der Zwerg, nach einer Erzählung von Oscar Wilde, ist Zemlinskys wohl bekannteste und stärkste Oper. Die Aufführung markiert sowohl die erste Produktion des Nachwuchsstars Lorenzo Viotti als Chefdirigent an der Dutch National Opera als auch das Operndebüt der Film- und Theaterregisseurin Nanouk Leopold. Der Heldentenor Clay Hilley singt die Titelrolle, während die Infantin Clara von der Sopranistin Lenneke Ruiten interpretiert wird.

Neue Produktion der Dutch National Opera & Ballet. Aufgezeichnet am 12. September 2021 in Amsterdam.

 

In deutscher Sprache. Mit englischen und niederlandischen Untertiteln und zusätzlich automatische Übersetzungen in mehr als hundert andere Sprachen.

Verfügbar von
18.09.2021 um 19:00 MEZ

bis
18.12.2021 um 12:00 MEZ

Donna ClaraLenneke Ruiten
GhitaAnnette Dasch
Don EstobanDerek Welton
Der ZwergClay Hilley
Drei ZofenJulietta Aleksanyan*, Inna Demenkova**, Maya Gour**
Zwei MädchenClaire Antoine**, Tinka Pypker**
*Alumni Dutch National Opera Studio
**Dutch National Opera Studio
ChorChor der Dutch National Opera
OrchesterNetherlands Philharmonic Orchestra


MusikAlexander Zemlinsky
TextGeorg C. Klaren, nach ‘The Birthday of the Infanta’ von Oscar Wilde
Musikalische LeitungLorenzo Viotti
InszenierungNanouk Leopold
BühneLeopold Emmen
KostümeWojciech Dziedzic
LichtJames Farncombe
ChorleitungAd Broeksteeg
DramaturgieLuc Joosten
Video-DirektorLeopold Emmen
Assistent des DirigentenAldert Vermeulen
Assistentin der RegisseurinAstrid van den Akker
ProbenErnst Munneke, Rupert Dussmann
SprachtrainerMiriam Kaltenbrunner
Regisseur der ProduktionAnne van Dooren
AuflageBoosey & Hawkes

Die spanische Kronprinzessin, die Infantin, erhält zu ihrem Geburtstag ein ganz besonderes Geschenk: einen kleinen Menschen, der sie aufheitern soll. „Der Zwerg“ verliebt sich schnell in die Infantin und singt ihr ein Liebeslied. Zur Überraschung aller ahnt der kleine Mann nichts von seinem wahren Aussehen, und obwohl er sich für einen tapferen Ritter hält, schafft er es, alle mit seinem Gesang zu berühren. Die Prinzessin spielt ein Spiel mit Anziehung und Abstoßung. Es liegt auf der Hand, dass sich zwischen den beiden eine Beziehung entwickeln könnte, aber in einer Welt des äußeren Scheins kann die Realität des Spiegelbildes manchmal tragisch konfrontierend sein.

5 Dinge, die Sie über Der Zwerg wissen sollten

Der Zwerg ist Zemlinskys sechste Oper und wurde 1922 auf Wunsch und unter der Leitung des berühmten Dirigenten Otto Klemperer an der Oper Köln uraufgeführt. Obwohl die Aufführung beim Publikum sehr gut ankam und andere Opernhäuser das Werk bald in ihr Repertoire aufnahmen, gelang Zemlinsky mit diesem Werk nicht der erhoffte Durchbruch als Opernkomponist.

1° Wenn Kunst aus dem Leben schöpft

Der österreichische Komponist Alexander Zemlinsky war eine der zentralen Figuren im Musikleben des frühen zwanzigsten Jahrhunderts, obwohl er stets im Schatten anderer großer Komponisten stand. Er war Arnold Schönbergs Lehrer und lebenslanger Freund, und auch Alban Berg gehörte zu seinem Freundeskreis. Eine leidenschaftliche Beziehung zu Alma Schindler, die später unter anderem Gustav Mahler heiratete, war einer der Gründe für Zemlinskys Interesse an der Geschichte von Der Zwerg. Zemlinsky schrieb etwa neun Opern und zahlreiche andere Kompositionen, darunter die Lyrische Symphonie und Die Seejungfrau. Obwohl er 1906 zum Protestantismus konvertierte, war er aufgrund seiner jüdischen Abstammung gezwungen, 1938 aus Österreich nach Amerika zu fliehen. Dort wurde seine Karriere unterbrochen und seine schwache Gesundheit setzte seiner kompositorischen Arbeit ein Ende. Er starb 1942 an einer Lungenentzündung.

Der Zwerg muss etwas Geistiges darstellen: von jedem Mann gegenüber jedem Weib; seine Hässlichkeit muss ganz allgemein als Bild für jedes Minderwertigkeitsgefühl genommen werden...

Georg C. Klaren, Librettist

2° Eine Tragödie à la Wilde

Das Libretto von Der Zwerg fußt auf einem literarischen Märchen von Oscar Wilde, The Birthday of the Infanta aus dem Jahr 1891. Zemlinsky hatte bereits Interesse an Wildes Werk gezeigt: Eine Florentinische Tragödie (1917) basierte ebenfalls auf einem Fragment des Dramas des irischen Autors. Die Wahl von Der Zwerg fiel auf den jungen Lyriker Georg Klaren (1900-1962), der Zemlinsky u. a. dieses Thema vorschlug. Georg C. Klaren war schon früh von den damals modernen Ansichten über die menschliche Psyche und Sexualität fasziniert. Auf der Grundlage dieser Faszination und dieses Wissens fertigte er eine freie Bearbeitung von Wildes Märchen an. Klaren machte später Karriere als Drehbuchautor und Regisseur und realisierte unter anderem die erste Verfilmung von Büchners Woyzeck/Wozzeck.

3° Im Spiegel un/erkenntlich

Für Der Zwerg ist das anfängliche Verkennen und spätere Wiedererkennen der Hauptfigur in ihrem eigenen Spiegelbild das große tragische Moment. Der Spiegel als zentrales Element der Selbsterkenntnis und der menschlichen Identitätsbildung wurde in der Psychoanalyse vor allem von Jacques Lacan (1901-1981) herausgearbeitet. Er weist darauf hin, dass wir uns im Spiegelbild mit einem Bild identifizieren, das uns von außen, durch den Spiegel, gegeben wird. Auf diese Weise sind wir immer bis zu einem gewissen Grad von unserem Selbstbild entfremdet. Wir sind, wie es der Dichter Rimbaud einmal ausdrückte, immer ein anderer: „Je est un autre“.  

Als junger Mann sah ich einmal auf der Straße ein Gesicht im Profil, das mir höchst unangenehm und widerwärtig war. Ich war nicht wenig schockiert, als ich feststellte, dass es sich um mein eigenes Gesicht handelte, das ich in einem Spiegelbild, das aus zwei einander gegenüberliegenden Spiegeln bestand, betrachtet hatte.

Wissenschaftler und Philosoph Ernst Mach, Zeitgenosse von Zemlinsky

4° Österreichs sonderbarster Philosoph

„Durch die Liebe will ich mich in gewisser Weise selbst finden, statt weiter zu suchen und zu streben, will ich aus der Hand eines Gleichgesinnten nichts weniger und nichts anderes als mich selbst empfangen, ich will von ihm - mich!“

So charakterisierte einer der eigenwilligsten Philosophen Österreichs, Otto Weininger, in seinem erfolgreichen, aber besonders umstrittenen Buch Geschlecht und Charakter die menschliche Suche nach Liebe. Der Librettist Georg Klaren war von Weininger fasziniert und ließ einige seiner Ideen in sein eigenes Werk einfließen, darunter Der Zwerg. Auch Zemlinsky hat höchstwahrscheinlich Weiningers Buch gelesen und war fasziniert von den psychologischen Ideen, die Klaren daraus für das Libretto ableitete.

5° Ein Blick durch die Linse: vom Film zur Oper

Die niederländische Film- und Theaterregisseurin Nanouk Leopold (Rotterdam, 1968) gibt mit Der Zwerg ihr Operndebüt. Ihr erster Film Îles Flottantes (2000) war im Wettbewerb um den Tiger Award des Rotterdamer Filmfestivals, ihr zweiter Film Guernsey (2005) gewann zwei Goldene Kälber und wurde für das Filmfestival in Cannes ausgewählt. Ihre drei folgenden Filme Wolfsbergen (2007), Brownian Movement (2010) und Boven is het stil (2013) wurden für die Berliner Filmfestspiele ausgewählt und gewannen mehrere Preise auf internationalen Filmfestivals. 2017 gab sie zudem ihr Debüt als Regisseurin am Internationaal Theater Amsterdam. Im Gegensatz zum eindringlichen Realismus ihrer Filme setzt sie in ihrer Regie von Der Zwerg auf die Kraft der Abstraktion und das Spannungsverhältnis zwischen den Schauspieler:innen und den Filmprojektionen auf der Bühne.