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Marek Olbrzymek/National Theatre Brno

National Theatre Brno

Schicksal (Osud)

Man sieht sich immer zweimal im Leben

Opern | Janáček

Eine junge Frau, die in einen Komponisten verliebt ist, wird von ihrer Mutter gezwungen, einen reicheren Freier zu nehmen. Als die beiden Liebenden Jahre später wieder zusammenkommen, ist das Glück auf ihrer Seite, aber es geschieht eine Tragödie, die alles verändert.

 

Robert Carsens lang erwartete Premiere von Schicksal eröffnete die 2020er Ausgabe des Janáček Brno Festivals (International Opera Award Gewinner 2019). Das Werk umfasst einige der großartigsten Werke Janáčeks, die von den Gipfeln der romantischen Verzückung bis zu den Tiefen der Verzweiflung und wieder zurück reichen.

Wird auf OperaVision am 27. November 2021 LIVE aus Brünn (Brno) gestreamt.

 

In tschechischer Sprache. Die Live-Aufführung wird mit englischen Untertiteln gesendet. Französische, deutsche und tschechische Untertitel sind bald verfügbar und zusätzlich automatische Übersetzungen in mehr als hundert andere Sprachen.

Verfügbar von
27.11.2021 um 19:00 MEZ

bis
28.05.2022 um 12:00 MEZ

Alter Živný, ein KomponistPhilip Sheffield
Junger Živný, ein KomponistEnrico Casari
Míla VálkováAlžběta Poláčková
Mílas MutterNatascha Petrinsky
Dr. SudaPeter Račko
Lhotský, ein MalerJan Šťáva
KonečnýLukáš Bařák
Fräulein Stuhlá, eine LehrerinDaniela Straková-Šedrlová
Doubek (Kind)Petr Hrůša
Dichter / StudentPavel Valenta
Erste Dame / Fräulein PacovskáAndrea Široká
Zweite Dame / Frau des MajorsTereza Kyzlinková
Alte slowakische FrauJana Plachetková
Frau des StadtratsJana Hrochová
Junge WitweHana Kopřivová
IngenieurPavel Valenta
Verva, ein StudentLukáš Bařák
Součková, ein StudentMarta Reichelová
Kosinská, ein StudentJarmila Balážová
DoubekVít Nosek
KellnerMartin Novotný
HrázdaOndřej Koplík


MusikLeoš Janáček
TextLeoš Janáček, Fedora Bartošová
Musikalische LeitungMarko Ivanović
InszenierungRobert Carsen
BühneRadu Boruzescu
KostümeAnnemarie Woods
LichtRobert Carsen, Peter van Praet
ChoreografieLorena Randi
ChorleitungPavel Koňárek
DramaturgieIan Burton, Patricie Částková

Vor siebzehn Jahren hatte der Komponist Živný eine Affäre mit Míla. Mílas Mutter missbilligte Živný und trennte die Liebenden, indem sie ihre Tochter mit einem reicheren Mann verheiraten wolte. Der Plan scheiterte, weil Míla bereits mit Živnýs Kind schwanger war, aber Živný glaubte, dass Míla ihn für einen reicheren Mann verließ. Seine bitteren Gefühle hat er in die Komposition einer Oper einfließen lassen...

I. Akt – Vor fünfzehn Jahren

Živný und Míla treffen sich im gleichen Kurort wieder. Sie sind von Gästen aus allen Gesellschaftsschichten umgeben, unter ihnen drei Männer, die Míla anziehend finden: Dr. Suda, Lhotský und Konečný. Živný erkennt, dass er Míla zu Unrecht des Verlassens beschuldigt hat und bittet um Verzeihung, er möchte sie und ihr Kind zurücknehmen. Mílas Mutter ist entsetzt, als sie erfährt, dass ihre Tochter wieder mit dem Komponisten zusammen ist.

II. Akt – Vor elf Jahren

Míla und Živný sind jetzt verheiratet und leben mit ihrem kleinen Sohn Doubek zusammen. Živný konnte seine Oper nicht vollenden, aber die bittere Dramatisierung der Vergangenheit hat einen Keil zwischen die Eheleute getrieben. Am Klavier spielt und singt Živný immer wieder das Schicksalsmotiv, das Mílas geistesgestörte Mutter von ihrem Zimmer aus wiederholt. Míla fleht ihren Mann an, die Arbeit aufzugeben, nachdem der kleine Doubek ihr sage hat, dass sie nicht wisse, was Liebe sei. Als Milas Mutter Živný angreift und beschuldigt, ihr Geld und Schmuck stehlen zu wollen, versucht Míla, sie zurückzuhalten. Zu Živnýs Entsetzen stürzen Mutter und Tochter in ihren Tod.

III. Akt – Heute, elf Jahre später

Im Konservatorium, in dem Živný lehrt, lesen Studenten die Sturm-Szene aus der seltsamen unvollendeten Oper ihres Professors vom Blatt, die an diesem Abend uraufgeführt werden soll. Zwei Studenten, Verva und Hrázda, singen Soloszenen aus dem Werk. Verva glaubt, dass Lenský, der Komponist der Oper, Živný selbst sein muss. Zur Verlegenheit des echten Doubek, der jetzt auch am Konservatorium studiert, singt Verva die Szene, in der Doubek seiner Mutter sagt, dass sie nicht weiß, was Liebe ist.

Als die Studenten Živnýs Werk weiter verspotten, erscheint der Komponist. Er beschreibt Lenský als einen einsamen Komponisten, dessen Musik keinen Erfolg hatte, bis er sich in Míla verliebte. Doch es war zu spät: Ihre Liebe war zum Scheitern und zum Tod verurteilt.

Das stürmische Gefühl, Ereignisse aus seinem eigenen Leben noch einmal zu erleben, überwältigt Živný. Er bricht zusammen, als er von Mílas Tod erzählt, und stellt sich den Klang der Stimme seiner sterbenden Frau vor. Verva vermutet, dass dies ein mögliches Ende der Oper sein könnte, aber Živný lehnt die Idee ab und besteht darauf, dass das Schicksal der Schlussszene in Gottes Hand bleiben müsse.

Robert Carsen

Janáčeks Osud (Schicksal)

Janáčeks vierte Oper mit dem Titel Osud (Schicksal) entstand in einer für den Komponisten schwierigen Zeit. Im Februar 1903 starb seine geliebte Tochter Olga, und einen Monat später vollendete er seine Oper Jenufa, an der er fast zehn Jahre gearbeitet hatte und die das Nationaltheater in Prag prompt ablehnte. Diese verzweifelte Phase in seinem Leben trieb den Komponisten jedoch zu noch intensiverer Arbeit an. Nach der Fertigstellung von Jenufa machte er sich sofort auf die Suche nach einem Thema für eine neue Oper. Er erwarb ein Exemplar von Merhauts Roman Die Engelssonate, verwarf diesen Stoff aber bald wieder. Ein Schlüsselmoment für Osud war eine Begegnung während eines Sommeraufenthalts im Kurort Luhačovice zwischen dem geistig erschöpften neunundvierzigjährigen Direktor der Orgelschule Leoš Janáček und der achtundzwanzigjährigen Kamila Urválková, der Frau eines Försters in Zaháji und langjährigen Geliebten des Komponisten und Dirigenten Ludvík Čelanský. Kamila erzählte Janáček von ihrer Liebesbeziehung zu Čelanský, die nicht nur schlecht geendet hatte, sondern auch noch in der Oper Kamila breitgetreten wurde, in der die weibliche Hauptfigur als wankelmütig und unreif dargestellt wird. Urválková weckte in Janáček leidenschaftliche Gefühle und er beschloss, eine „völlig neue, moderne Oper“ zu schaffen, in der Kamila entlastet werden sollte.

Osud Onegin

Nach seiner Rückkehr aus Luhačovice wandte er sich der Handlung zu und suchte nach einem geeigneten Librettisten, der seine Ideen richtig ausarbeiten konnte und bat schließlich Fedora Bartošová. Sie war eine junge Lehrerin und Freundin der verstorbenen Olga, die mit der Familie Janáček im selben Haus wohnte. Im November 1903 begannen sie gemeinsam mit der Arbeit am Libretto. Die Herangehensweise an dieses neue Werk wurde durch den Besuch von zwei Inszenierungen am Prager Nationaltheater beeinflusst; im Mai 1903 sah Janáček zum ersten Mal Gustave Charpentiers Louise und bewunderte sie fortan sehr, und im November besuchte er erneut eines seiner Lieblingsstücke, Eugen Onegin von Pjotr Iljitsch Tschaikowski. Danach schrieb er an Bartošová: „...mir schwebt eine Versform vor, wie sie Puschkin in Onegin verwendet“.  Louise inspirierte ihn auch bei der Schilderung der Atmosphäre des Alltagslebens in den Straßen von Luhačovice. Janáček war sehr zufrieden mit der Arbeit der jungen Bartošová. Sie schrieb für ihn mehrere Fassungen des Librettos, sogar in "Onegin-Versen", wie es der Komponist gewünscht hatte.  Janáček bezog reale Personen in verschlüsselter Form in die Geschichte ein: Míla Válková beruht auf Kamila Urválková, der Komponist Lenský auf Čelanský, usw. Janáček arbeitete schrittweise an der Partitur, und die erste Fassung wurde offenbar in der ersten Hälfte des Jahres 1905 fertiggestellt. Ein Jahr später vertraute er dem Nationaltheater Brno das Stück an, das damals noch "Blindes Schicksal" hieß. Allerdings stellte er drei Bedingungen: Originale Bühnenbilder, eine Erstattung seiner Ausgaben und ein volles Orchester gemäß der Partitur. Auf den ersten Blick mögen diese Bedingungen bescheiden erscheinen, aber die dritte war leider kaum zu erfüllen. Janáček schrieb daher in jedem Band der Partitur die kleinstmögliche Anzahl von Instrumenten auf: 2 Flöten, 1 Oboe, 2 Klarinetten, 2 Fagotte, 2 Trompeten, 3 Waldhörner, 3 Posaunen, 4 erste Geigen, 3 zweite Geigen, 3 Bratschen, 2 Celli und 3 Kontrabässe (die korrekte Anzahl von Instrumenten für die Aufführung der Partitur ist jedoch natürlich viel größer). Daraus ist ersichtlich, wie schlecht die Situation im Orchester des Theaters in Brno war - schließlich kam es mehr als einmal vor, dass eine Aufführung von Jenufa mit weniger als 20 Musikern stattfand. Im März 1907 begann Karel Komarov mit der Vorbereitung des Bühnenbildes, wobei er sich Gedanken über die Gesamtkonzeption und die geeignetste visuelle Herangehensweise für den engen Zuschauerraum des Theaters in der Veveří-Straße machte.

Von Brno nach nirgendwo

Die Situation wurde jedoch kompliziert, als der Verleger Artuš Rektorys Janáček in einem Brief, offenbar vom 14. Mai 1907, empfahl, sein Werk am neu eröffneten Stadttheater in Vinohrady aufzuführen. Und am 17. Mai teilte Rektorys Janáček mit, dass er nach einem Gespräch mit dem Dirigenten Ludvík Čelanský (der natürlich keine Ahnung von seiner Rolle in der Oper hatte) empfehle, Osud sofort dem Stadttheater in Prag anzuvertrauen. Janáček schickte also am 29. Mai die Partitur an František Šubert, den Operndirektor des Theaters in Vinohrady, und drei Monate später nahm er sie zur Aufführung an. Es fiel Janáček nicht schwer, Osud aus Brno zurückzuziehen, da sich die eigentlichen Vorbereitungen noch hinzogen, der Regisseur Komarov auf die Problematik des Librettos hinwies und zudem das Nationaltheater die Aufführung der revidierten Fassung von Jenufa abgelehnt hatte, was Janáček geärgert hatte. Aber auch in Prag war man über das Libretto beunruhigt. Rektorys empfahl Janáček, dass František Skácelík es durchsehen und überarbeiten sollte, und er begann auch mit der Arbeit daran. Im November desselben Jahres schloss Janáček die allgemeine Überarbeitung des Stücks ab und erwartete, dass es aufgeführt werden würde. Doch dazu kam es nicht. Aus dem Stadttheater in Vinohrady kamen immer wieder Entschuldigungen, und der Termin für die Aufführung von Osud wurde immer wieder verschoben. Die Situation eskalierte so sehr, dass Janáček das Theater sogar verklagte. Schließlich einigte sich der Komponist 1913 mit der Theaterleitung auf eine Aufwandsentschädigung von 250 Kronen mit dem Versprechen, dass Osud in Zukunft aufgeführt werden würde. Dies geschah jedoch nicht. Auch auf keiner anderen Bühne wurde die Oper zu Lebzeiten des Komponisten aufgeführt.

Nachleben

Janáček führte später Gespräche mit František Serafinský Procházka und auch Max Brod über eine Überarbeitung des Librettos, aber es wurden keine weiteren Änderungen am Werk vorgenommen. Osud ist somit die einzige Oper, die zu Lebzeiten des Komponisten nicht aufgeführt wurde (wenn man die letzte Oper, Aus einem Totenhaus, nicht mitzählt). Interessant ist, dass Janáček später nicht auf eine Aufführung drängte, anders als z. B. bei seinem Erstlingswerk Šarka. Er war sich offensichtlich des problematischen Librettos und des allgemein schlechten Verständnisses der Geschichte bewusst. Die Oper wurde erst 1934 im tschechoslowakischen Rundfunk von dem Dirigenten Břetislav Bakala aufgeführt. Auf die Bühne kam Osud erst 1958 in Brno und Stuttgart, wenn auch in einer dramaturgisch überarbeiteten Fassung von Václav Nosek. Heute ist Osud ein fester Bestandteil des Repertoires in aller Welt. In gewisser Weise wird das umstrittene Libretto durch die unbestreitbar hervorragende Musik der Oper kompensiert, in der der Komponist nach neuen Möglichkeiten für seine Kompositionstechnik suchte, deren Grundzüge er bereits bei Jenufa gefunden hatte. Polymetrische Schichtungen, der Einsatz von Instrumenten an der Grenze ihres Tonumfangs und das Experimentieren mit den Spielweisen der Streicher gehören ebenso dazu wie die auffällige Verwendung des Dreiertaktes und des "kathartischen Walzers" sowie die Einbeziehung interessanter Instrumente wie Orgel, Klavier und Viola d'amore in die Orchesterpartitur. Osud ist somit zweifelsohne eines der bemerkenswertesten und fortschrittlichsten Werke des frühen 20. Jahrhunderts.

Jiří Zahrádka