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Iko Freese | drama-berlin.de

Komische Oper Berlin

Jewgeni Onegin

Zum Fassen nahe war das Glück!

Opern | Tchaikovsky

Als ein junger Dichter seine Verlobte besucht und einen geheimnisvollen Freund mitbringt, verliebt sich ihre introvertierte Schwester Hals über Kopf in ihn und wird kühl abgewiesen. Jahre später treffen sie sich wieder...

 

Mit Jewgeni Onegin glückte Tschaikowski der Durchbruch als Opernkomponist und zugleich ein einzigartiger Beitrag zum modernen Musiktheater, ein Panorama der Gefühle junger Menschen. Barrie Koskys Inszenierung der “lyrischen Szenen” wartet mit einem opulenten Bühnenbild auf, das der Poesie der Figuren und ihrer Tragödie die Weite des natürlichen Raumes als Metapher unterlegt.

Aufgezeichnet am 31. Januar 2016

 

In russischer Sprache. Mit deutschen, englischen, französischen italienischen und spanischen Untertiteln und zusätzlich automatische Übersetzungen in mehr als hundert andere Sprachen.

Verfügbar von
01.05.2020 um 19:00 MEZ

bis
31.07.2020 um 12:00 MEZ

TatyanaAsmik Grigorian
OlgaKarolina Gumos
LarinaChristiane Oertel
FilippyevnaMargarita Nekrasova
LenskyAleš Briscein
Yevgeny OneginGünter Papendell
CaptainCarsten Lau
TriquetChristoph Späth
ZaretskiYakov Strizhak
Prince GreminAlexey Antonov
ChorChorsolisten der Komischen Oper Berlin
OrchesterOrchester der Komischen Oper Berlin


MusikPyotr Ilyich Tchaikovsky
Musikalische LeitungHenrik Nánási
InszenierungBarrie Kosky
BühneRebecca Ringst
KostümeKlaus Bruns
LichtFranck Evin
ChorleitungDavid Cavelius
DramaturgieSimon Berger

I. Akt

Ein Sommertagsidyll in der russischen Provinz, man macht, was man an solchen Tagen macht: Inmitten einer Ausflugsgesellschaft von Landleuten plaudert die Gutsbesitzerin Larina mit der treuen Hausangestellten Filippewna, der Amme ihrer Töchter Olga und Tatjana. Die beiden Alten kochen Marmelade ein und erinnern sich: an einstige Liebeshoffnungen und die Gewöhnung an Enttäuschung. Larinas Töchter singen ein Lied, die lebenslustige Olga tanzt, ihre introvertierte Schwester Tatjana schmökert lieber in Romanen. Olgas Verlobter, der junge Poet Lenski, erscheint und macht seiner Angebeteten auch heute Liebeserklärungen. Mit sich bringt Lenski einen Unbekannten, den er als seinen Freund und Nachbarn vorstellt: Jewgeni Onegin.

Am Abend ist es um Tatjana geschehen. Sie ist verliebt, gesteht sie der Amme Filippewna und schreibt während dieser Nacht einen Liebesbrief an Onegin. Doch am nächsten Tag weist Onegin Tatjanas Offenbarung kühl zurück.

II. Akt

Ausgelassen feiert die Familie Larin Tatjanas Namenstag, es wird getrunken und getanzt, der Franzose Triquet widmet zur allgemeinen Freude Tatjana ein Couplet. Nur Jewgeni Onegin kann sich nicht recht begeistern und flirtet zum Ärger Lenskis mit dessen Verlobter Olga. Auf den Streit folgt ein Skandal, und Lenski fordert Onegin zum Duell, das in einer Katastrophe endet: Onegin tötet seinen Freund.

III. Akt

Nach Jahren ziellosen Reisens trifft Jewgeni Onegin in Sankt Petersburg auf einem Ball im Hause des Fürsten Gremin ein. Gremin ist frisch verheiratet mit Tatjana –. Allein, verwirrt, verliebt trifft Onegin auf Tatjana und fleht sie an, mit ihm zu kommen! Unter Tränen erinnern sich beide jenes Sommers auf dem Lande. Die einst verlassene Tatjana weist Onegin ab: Es ist unwiderruflich zu spät! Sie ist verheiratet und Onegins Schicksal nicht mehr mit dem ihrigen verbunden…

Onegins Traum

Es war im Jahr 2015, in den Anfängen von OperaVision, und die Komische Oper Berlin war noch neu im Live-Streaming. Einmal überzeugt, war Intendant Barrie Kosky typischerweise kühn und mit ganzem Herzen dabei. Er bot die Uraufführung seiner neuen Produktion von Jewgeni Onegin an. Es war ein Risiko ohne Rückhalt, und niemand wusste, ob es funktionieren würde. Der triumphale Erfolg führte zu einer Reihe von Uraufführungen, die live von derselben Adresse per Streaming übertragen wurden, und etablierte die Komische Oper als einen der Hauptpartner des Projekts.

Kosky liebt die ländliche Intimität der Eröffnungsszene, in der die älteren Frauen Marmelade herstellen. Er lässt seinen Onegin auf dem Land spielen, wo die scheinbare Ruhe der trägen Gewohnheit eine unruhige Sehnsucht überdeckt, wie man sie in den Stücken Tschechows finden kann. Allen Figuren liegt die Frage zugrunde: "Was würde geschehen, wenn...? Diese Figuren suchen nach Liebe und Erfüllung, doch zu einem völlig falschen Zeitpunkt.

Der Ausgangspunkt für Tschaikowsky war Tatjana. Puschkins Originalgedicht beschreibt sie als „schüchtern wie eine Wilde, schweigsam, tränenreich / wild wie ein Waldreh und ängstlich“. Es ist ihre schlaflose Nacht, in der sie den Brief schreibt, in dem sie Onegin ihre Liebe gesteht, was die tragische Handlung auslöst. Kosky ging noch ein weiteres großes Risiko ein, indem er den Höhepunkt dieser Szene Tatjana mit dem Rücken zum Publikum spielen lässt, als sie fragt: „Könnte mein ganzer Traum eine Selbsttäuschung sein? / Bin ich zu unschuldig, um es zu sagen?“ Dies war ihm aufgrund der außerordentlichen Ausdruckskraft von Asmik Grigorian möglich. Ihre Reise durch die Oper vom unbeholfenen jungen Mädchen über die erwachende Weiblichkeit bis hin zur ausgeglichenen, aber immer noch verletzlichen Prinzessin ist hypnotisierend.

Mit einer solchen Künstlerin im Mittelpunkt kann man leicht die Behauptung des Schriftstellers Igor Turgenjew akzeptieren, Tschaikowsky hätte seine Oper in Tatjana Larina umbenennen sollen, aber das würde die Fähigkeit des Komponisten und auch Günter Papendell in der Titelrolle unterbewerten in seiner Leistung, Onegins Reise, die die Kehrseite von Tatjanas Reise ist, nachzuzeichnen. Er taucht zum ersten Mal im ersten Akt auf, in Tschaikowskys eigener Beschreibung, als „ein kalter und herzloser Dandy“, aber er verbirgt seine eigene Verletzlichkeit hinter der oberflächlichen Haltung. Sein Moment des Erwachens kommt im 2. Akt, als er durch sein gedankenloses Handeln dazu gebracht wird, seinen besten Freund Lensky zu töten. Durch den 3. Akt legt er seine innerste Seele ebenso schmerzhaft bloß wie Tatjana im 1.

Was wäre, wenn...? Der ergreifendste Moment in der Oper steht im ruhenden Mittelpunkt ihres letzten Duetts, als Tatjana und Onegin gemeinsam singen: 'Das Glück war uns einst so nah'. Dann verstehen wir, dass diese Oper ebenso Onegins Traum und verlorene Illusion ist wie auch Tatjanas.

Für Tschaikowsky ist das Glück eine Illusion. Es existiert, unerreichbar, jenseits der endlosen Steppe der russischen Landschaft. Einmal, als wir zu jung waren, um seiner gewahr zu werden, war es für uns zum Greifen nah. Jetzt ist es für immer vorbei.

Doch wenigstens ist es dank der Großzügigkeit der Komischen Oper Berlin wieder möglich, diese denkwürdige Premiere vom 31. Januar 2016 noch einmal zu erleben.