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Michel Schnater

Dutch National Opera & Ballet

Faust [Arbeitstitel]

Eine Vielzahl von Komponist*innen, noch mehr Stimmen

Opern

Ausgehend von Goethes Figur ist FAUST [Arbeitstitel] eine groß angelegte Collage-Performance mit Chor, Orchester, Solist*innen und einer Fülle von Musik, die von der Klassik bis zu weniger bekanntem Repertoire reicht.

 

Dutch National Opera lädt eine neue Generation niederländischer Musiktheatermacher*innen ein, neue Landschaften in der Welt des Musiktheaters zu erkunden. Das Ergebnis ist eine poetische, musikalische Reflexion darüber, wer wir sind und wohin wir gehen.

Aufgezeichnet am 24. September 2020.

 

In mehreren Sprachen. Mit englischen und niederländischen Untertiteln und zusätzlich automatische Übersetzungen in mehr als hundert andere Sprachen. Nähere Angaben zu den aufgeführten Werken finden Sie in dem Reiter Handlung.

Verfügbar von
20.11.2020 um 19:00 MEZ

bis
19.02.2021 um 12:00 MEZ

Solisten Olga Busuioc, Polly Leech, Martin Mkhize und Fang Fang Kong
Darsteller Alaaedin Baker, Renato Bertolino, Lidiane Moreira, Federica Panariello, Renzo Popolizio, François Vincent
Orchester The Netherlands Philharmonic Orchestra
Chor Chorus of Dutch National Opera, Nieuw Amsterdams Kinderkoor
Konzept und kreation Lisenka Heijboer Castañon, Manoj Kamps, Niels Nuijten, Antonio Cuenca Ruiz, Hendrik Walther, Janne Sterke, Akim Moiseenkov
Kompositionen Hector Berlioz, Arrigo Boito, Lili Boulanger, Emmanuel Chabrier, Julius Eastman, George Frederic Handel, Reinbert de Leeuw, Gustav Mahler, Florence Price, Franz Schubert, Chavela Vargas, Claude Vivier
Kompositionen und arrangements Lochlan Brown, Bruno Coulais, Ravi Kittappa, Lingbo Ma, Florian Magnus Maier, Grace-Evangeline Mason, Martín Mayo, Marc Migó, Akim Moiseenkov, Vasile Nedea, serpentwithfeet, Thuthuka Sibisi, Rick van Veldhuizen, Maretha van der Walt


Musikalische Leitung Manoj Kamps
Inszenierung Lisenka Heijboer Castañon
Bühne Janne Sterke, Hendrik Walther
Kostüme Janne Sterke
Licht- und Videodesign Hendrik Walther
Sounddesign Akim Moiseenkov
Dramaturgie Antonio Cuenca Ruiz, Niels Nuijten
Dramaturgieberater MeLê Yamomo, Luc Joosten
Chorleiter Ching-Lien Wu
Kinderchorleiter Anaïs de la Morandais

Sommer 2020. Die Welt wird von einer noch nie dagewesenen Pandemie heimgesucht. Die Welt, wie wir sie kennen, steht unter immensem Druck.

Die Krise hat auch die Dutch National Opera in Mitleidenschaft gezogen. Die geplante Neuinszenierung von Arrigo Boitos Mefistofele, einer grand opéra nach Goethes Faust, kann nicht stattfinden. Fast vier Jahre Vorbereitungszeit - die Planung in der Opernwelt geschieht weit im Voraus - können nicht in einer Aufführung gipfeln, die nicht nur eine neue Saison, sondern auch eine neue künstlerische Ära eröffnen sollte.

Vor diesem Hintergrund wurden Lisenka Heijboer Castañón und Manoj Kamps gebeten, die Lücke zu füllen. Ihr Auftrag: ausgehend von Goethes Faust sollte die Inszenierung flexibel sein, um sie an stetig sich ändernde Maßnahmen und Protokolle anpassen zu können.

In einem künstlerischen Schnellkochtopf entstand FAUST [Arbeitstitel] in nur drei Monaten. Der Titel wurde gewählt, als über das Projekt wenig klar war, außer dass es noch in alle Richtungen gehen konnte. Die Arbeit ist im Gange.

Zusätzlich zum bestehenden Faust-Repertoire wurden Elemente aus den persönlichen musikalischen Archiven des künstlerischen Teams und der Darsteller aufgenommen. Die Auswahl ist eine persönliche und in die Körper der Beteiligten eingebettet.

Die musikalische Welt von FAUST [Arbeitstitel] ist vielschichtig und mehrstimmig. Das klassische Repertoire ist präsent, neben weniger bekannten Werken. Darüber hinaus wurden mehrere zeitgenössische Komponistinnen und Komponisten gebeten, ihre Stimmen - egal wie laut oder subtil - zu diesen Werken hinzuzufügen.

FAUST [Arbeitstitel] ist eine aus Einschränkungen geborene Aufführung, die den Überfluss zelebriert. 

 

Das Programm

PROLOGO IN CIELO
(aus Mefistofele)
Arrigo Boito & Martín Mayo

AIR D’HÉLÈNE
(aus Faust et Hélène)
Lili Boulanger & Lochlan Brown
Interpretin: Polly Leech

PÂNĂ CÂND NU TE IUBEAM
(Rumänisches Lied)
Vasile Nedea
Interpretin: Olga Busuioc

ROMANCE DE L’ÉTOILE
(aus Achte Symphonie & L’étoile)
Gustav Mahler, Emmanuel Chabrier & Marc Migó
Interpret: Martin Mkhize

VENTI, TURBINI
(aus Rinaldo)
Georg Friedrich Händel & Rick van Veldhuizen
Interpretin: Polly Leech

PALOMA NEGRA
(Aufnahme)
Tomás Méndez & Chavela Vargas

LAKUTSHON’ ILANGA
Mackay Davashe, Miriam Makeba, Thuthuka Sibisi & Maretha van der Walt
Interpretin: Martin Mkhize

遠和近 FAR AND NEAR
(zu einem Gedicht von Gu Cheng)
Lingbo Ma
Interpretin: Fang Fang Kong

MOON BRIDGE
Florence Price & Meriç Artaç

THE GENERATION

(zu einem Gedicht von Gu Cheng)
Lingbo Ma
Interpretin: Fang Fang Kong

L’ALTRA NOTTE IN FONDO AL MARE

(aus Mefistofele)
Arrigo Boito & Grace-Evangeline Mason
Interpretin: Olga Busuioc

CERF-VOLANT
(aus Les Choristes)
Bruno Coulais

FOUR ETHERS
(nach der Symphonie Fantastique von Hector Berlioz, Aufnahme) serpentwithfeet

LONELY CHILD
Claude Vivier
Interpretin: Olga Busuioc

RIDDA E FUGA INFERNALE
(aus Mefistofele)
Arrigo Boito & Florian Magnus Maier

WE WEAR THE MASK
Paul Laurence Dunbar

KOMM! HEBE DICH ZU HÖHEREN SPHÄREN
(aus Achte Symphonie)
Gustav Mahler & Lochlan Brown
Interpretin: Olga Busuioc

GRETCHEN AM SPINNRADE
Franz Schubert & Reinbert de Leeuw
Interpreten: Olga Busuioc, Polly Leech & Martin Mkhize

VITHIYIN KURAL

(nach dem Schicksalslied)
Johannes Brahms & Ravi Kittappa

JOY BOY
Julius Eastman

EPILOGUE
Akim Moiseenkov
Interpreten: Zeynep Ajar, Alaaedin Baker, Renato Bertolino, Olga Busuioc, Mary-Jane Franker, Polly Leech, Jonathan Lever, Martin Mkhize, Lidiane Moreira, Federica Panariello, Renzo Popolizio & François Vincent 

5 Dinge, die Sie über Faust [Arbeitstitel] wissen sollten

1° Ein Werk in Arbeit

An einem Sonntag Ende Mai 2020, als sich viele Künstler*innen auf der ganzen Welt noch im Lockdown befanden, klingelte das Telefon der Regisseurin Lisenka Heijboer Castañón. Es war Sophie de Lint, die Direktorin der Dutch National Opera, die Heijboer Castañón vorschlug, die neue Spielzeit des Opernhauses mit einer alternativen Produktion zu eröffnen.

Da Heijboer Castañón freie Hand hatte, ihr künstlerisches Team junger niederländischer Theatermacher*innen zusammenzustellen, wusste sie sofort, dass sie den Dirigenten, Komponisten und Theatermacher Manoj Kamps an Bord haben wollte. „Ich habe eine Liste von Leuten, mit denen ich sehr gerne zusammenarbeiten würde. Manoj stand ganz oben auf dieser Liste.‟ Als das Team wuchs und das Projekt immer kollaborativer wurde, wurde Heijboer Castañón klar, dass sie etwas versuchen mussten, „das völlig anders war als das, was für dieses Opernhaus normal ist, denn das war einfach unmöglich‟.

2° Literarische Inspiration

Inhaltlich bestand die einzige Aufgabe für das junge Team darin, Goethes Faust, der sich wie ein roter Faden durch das aktuelle Programm der Dutch National Opera zieht, einzuweben. Das tragische Stück des deutschen Dichters Johann Wolfgang von Goethe über den Gelehrten Faust, der einen Pakt mit dem Teufel schließt, um seine Seele gegen unbegrenztes Wissen und Vergnügen einzutauschen, hat Generationen von Künstlerinnen und Künstlern aus verschiedenen Disziplinen inspiriert, darunter Opern von Arrigo Boito, Charles Gounod und Hector Berlioz.

Heijboer Castañón selbst war weniger daran interessiert, sich künstlerisch mit Fausts Pakt mit dem Teufel auseinanderzusetzen. Ihr Team und sie fühlte sich eher von seinem Wissenshunger angezogen. „Das begeisterte uns: Denn was ist Wissen? Wer entscheidet, welches Wissen es wert ist, erworben zu werden? Was sind die blinden Flecken darin?‟

3° Postkoloniale Stimmen

Als Manoj Kamps zum Team stieß, brachte er*sie einen neuen Bezugsrahmen mit. „Für mich ist es sehr natürlich, die Welt aus einer postkolonialen Perspektive zu betrachten. Ich bin buchstäblich ein Produkt davon, als in Sri Lanka geborenes Kind niederländischer Adoptiveltern, das in einem britischen System aufwächst. Ich trage all diese kolonialen Schichten in mir, und mir ist im Laufe der Jahre immer bewusster geworden, was das für mich und für die Gesellschaft bedeutet‟.

4° Ein vielstimminges Fest

Es war nur natürlich, dass sich dieser vielschichtige Ansatz in jeder Facette der Produktion widerspiegeln sollte. Musikalisch bedeutet dies, dass nicht alles genau so klingt, wie es ursprünglich, manchmal vor Jahrhunderten komponiert wurde. Wie Kamps erklärt, wollten sie, ausgehend von der Idee des Überflusses, alternative Geschichten und mögliche Zukunftsentwürfe nebeneinander existieren lassen, was dazu führte, dass neue Stimmen hinzukamen. Da sie sahen, dass die Musik dafür arrangiert werden musste, um den Sicherheitsvorkehrungen im Orchestergraben zu entsprechen, machten sie aus der Not eine Tugend.

Nicht weniger als zwölf verschiedene Komponist*innen wurden an die Arbeit geschickt, einige sollten nahe am Original bleiben, andere das Werk vollständig auseinander nehmen. „Wir kannten bereits einige von ihnen, aber ich habe auch viel recherchiert und viele neue Entdeckungen gemacht.‟

5° Frische Luft atmen

Von ihren einzelnen Auftritten bis hin zu markanten Ensemblestücken, etwa wenn sie zur Musik von Bruno Coulais’ Schlaflied Cerf-volant eine riesige Rutsche hinuntergleiten, spielen Kinder eine zentrale Rolle in Heijboer Castañóns Bühnenkonzept. Von Abstandsregeln und Masken befreit, dürfen nur sie sich frei auf der Bühne bewegen. 

Da auch ihre Stimme zur Polyphonie der dargestellten Stimmen hinzukommt, gewinnt diese Inszenierung umso mehr ihre offene und erfrischende Wirkung. Michael Klier von Bachtrack meint: „Faust [Arbeitstitel] ist ein wichtiger Beitrag zur Erneuerung der Gattung Musiktheater: weg vom Museum, mitten hinein in die gesellschaftliche Wirklichkeit.‟

Michel Schnater