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Bartek Barczyk

Poznań Opera

Das Gespensterschloss

Wann ist der Spuk vorüber?

Opern | Moniuszko

Nach der Rückkehr aus dem Krieg beschließen zwei Brüder, niemals zu heiraten, um ihrem Land dienen zu können. Doch als sie auf zwei willensstarke Schwestern treffen, die in einem geheimnisvollen Herrenhaus leben, finden sie ihre wahre Leidenschaft.

 

Stanislaw Moniuszkos Das Gespensterschloss gilt als ein Juwel der polnischen Oper des 19. Jahrhunderts, ist aber im Ausland noch weitgehend unbekannt. Voller melodischem Erfindungsreichtum, Belcanto-Inspiration und einzigartigem Lokalkolorit verdient sie sicherlich ein größeres Publikum. Nach David Pountneys Inszenierung für die Polish National Opera (2015 auf unserer Plattform gestreamt) sollte die entschieden moderne Produktion der Oper Poznań - unter der Regie der Gewinnerin des Europäischen Opernregiepreises Ilaria Lanzino - dazu beitragen, mehr Bewunderer für Moniuszkos Meisterwerk zu finden.

Premiere in Poznań wird am 9. Juli 2021 LIVE gestreamt.

 

In polnischer Sprache. Deutsche, französische und polnische Untertitel werden ein paar Tage nach der Liveübertragung verfügbar.

Verfügbar von
09.07.2021 um 19:00 MEZ

bis
09.01.2022 um 12:00 MEZ

HannaRuslana Koval
JadwigaMagdalena Wilczyńska-Goś
StefanPiotr Kalina
ZbigniewRafał Korpik
MiecznikStanisław Kuflyuk
Skołuba / DorfbewohnerDamian Konieczek
CześnikowaAnna Lubańska
MaciejJaromir Trafankowski
DamazySzymon Rona
MartaJulia Mech
GrześBartłomiej Szczeszek
Alte FrauMarcelina Górska
Liebhaber von SkołubaKarolina Pytlak-Zdrojkowska
Liebhaber von DamazyOlaf Przybytniak
ChorChor des Poznań Opera House
OrchesterOrchester des Poznań Opera House


MusikStanisław Moniuszko
TextJan Chęciński
Musikalische LeitungMarco Guidarini
InszenierungIlaria Lanzino
BühneLeif-Erik Heine
LichtWiktor Kuźma
ChoreografieViktor Davydiuk
ChorleitungMariusz Otto
Video-DirektorLeszek Stryła
Assistent/innen des DirigentenKatarzyna Tomala-Jedynak, Rafał Kłoczko
Assistent/innen der RegisseurinBartłomiej Szczeszek, Andrzej Ogórkiewicz, Marta Dorożalska
Choreographie-AssistentinEvgeniia Meissner
TänzerinnenPoznań Opera House Ballet

1. Akt

Die Brüder Stefan und Zbigniew kehren nach dem Krieg in ihre Heimatstadt zurück. Nach ihren Erlebnissen an der Front legen die beiden Brüder einen Schwur ab, Frauen aus ihrem Haus zu verbannen. Sie wollen ledig und ohne Verpflichtungen leben, damit sie jederzeit kämpfen und ihrem Land dienen können. Ihre erste Herausforderung für den Schwur ist jedoch ihre sture Tante Cześnikowa, die bereits eine Hochzeit mit zwei Mädchen ihrer Wahl arrangiert hat, die sie entschieden ablehnen. Als Cześnikowa erfährt, dass ihre Neffen planen, auf das Gut Kalinów zu gehen, um einen Teil der Schulden ihres toten Vaters einzutreiben, ist sie fassungslos. Sie befürchtet, dass Stefan und Zbigniew sich in MIeczniks Töchter Hanna und Jadwiga verlieben könnten.

Die kluge Frau beginnt sofort, diese Möglichkeit zu durchkreuzen - sie erzählt Zbigniew und Stefan, dass das Gut Kalinów ein verfluchter, gefährlicher Ort ist, der jeden, der dorthin geht, eines plötzlichen, gewaltsamen Todes sterben lässt. Die jungen Männer lachen über die Geschichte ihrer pfiffigen Tante.

2. Akt

Die Atmosphäre in Kalinów ist derweil heiter und festlich. Es ist der letzte Tag des Jahres. Die Mädchen haben vor, sich ihre Zukunft und mögliche Liebe voraussagen zu lassen. Jadwiga summt ein Lied namens Dumka über ihre Träume für die Zukunft. Die Frauen gießen Wachs. Sie deuten die Formen, die es nach dem Erkalten annimmt. Herr Damazy sieht eher profane Symbole: eine Perücke, einen Frack... Angeblich ist Herr Damazy in eine von Mieczniks Töchtern verliebt. Allerdings ist er weit von Mieczniks idealem Schwiegersohn entfernt, der ein Soldat, ein Patriot und fromm sein sollte. Nur so ein Freier käme in Frage.

Nachdem sie vor Zbigniew und Stefan in Kalinów angekommen ist, setzt Cześnikowa ihre Intrige fort, indem sie sich abfällig über ihre Neffen äußert. Sie wünscht sich, dass Hanna und Jadwiga die jungen Soldaten als abergläubische Verlierer sehen.

Nachdem eine Gruppe von Jägern einmarschiert und sich darüber streitet, wer ein Wildschwein auf der Straße erlegt hat, kommen Stefan und Zbigniew in Mieczniks Haus an.

Hanna und Jadwiga beschließen zu überprüfen, ob Cześnikowa die Wahrheit über ihre Neffen gesagt hat. In der Nacht geben sie sich als die Geister ihrer Urgroßmütter aus, um die Brüder zu erschrecken.

3. Akt

Die Gäste übernachten im Schlossturm. Skołuba beschreibt dem ängstlichen Diener Maciej anschaulich die erstaunlichen Vorkommnisse, die dort passieren. Als Skołuba geht, beginnen sich die an der Wand hängenden Porträts von Mieczniks Urgroßmüttern tatsächlich zu bewegen. Erschrocken rennt Maciej in das Nebenzimmer, wo Stefan und Zbigniew übernachten. Sie verhöhnen den alten Diener, haben aber schließlich Mitleid mit ihm. Maciej wird das Zimmer mit Zbigniew teilen, während Stefan in die freigewordene Eckkammer mit den Porträts geht, in dem auch eine Uhr steht. Er vergisst seinen Schwur, nicht zu heiraten, und träumt von Hanna. Als Herr Damazy, der in der Uhr versteckt ist, den Glockenschlag auslöst, lenkt dessen Klang Stefans Gedanken auf seine verstorbenen Eltern. Zbigniew, der ebenfalls von Schlaflosigkeit geplagt wurde, kommt ins Zimmer und spricht über Jadwigas Schönheit. Genau wie sein Bruder vergisst er den Schwur. Hanna und Jadwiga, versteckt hinter den Bildern, belauschen das Gespräch der Brüder.

Zbigniew und Stefan bemerken die Bewegung hinter den Bildern und beschließen, die Witzbolde auf frischer Tat zu ertappen. Sie lassen Maciej allein im Zimmer, der schnell einschläft. Dann ergreift Damazy die Gelegenheit, aus seinem Versteck in der Uhr zu schlüpfen. Er tut es jedoch ungeschickt und weckt Maciej. Der Diener fängt Damazy, obwohl er entsetzt ist, auf. Die Brüder kehren zurück und verlangen Genugtuung für seine Verhöhnung. Um seine Haut zu retten, lügt Damazy, er habe die Anwesenheit der jungen Soldaten genutzt, um den Wahrheitsgehalt der Legende zu prüfen. Er sagt, dass Kalinów wegen der hier in der Vergangenheit begangenen abscheulichen Taten verflucht ist, wovon der Name Gespensterschloss zeugt. Stefan und Zbigniew glauben nicht nur seine Geschichte, sondern beschließen auch, das Gut zu verlassen.

4. Akt

Die Brüder wollen keine Gründe für ihre plötzliche Entscheidung nennen. Verärgert beginnt Miecznik, sie der Feigheit zu verdächtigen, doch der empörte Maciej wiederholt Damazys Geschichte. Miecznik will den jungen Männern die Wahrheit über das Gespensterschloss erzählen. Die Erzählung wird durch eine Schlittenfahrt unterbrochen, bei der sie keinen anderen als den verkleideten Damazy antreffen. Von Miecznik verhört, gibt er zu, dass seine Intrige und seine Lügen durch die Liebe zu einem der Mädchen verursacht wurden. Schließlich läuft er weg, verspottet, und Miecznik erzählt die versprochene Geschichte.

Mieczniks Urgroßvater hatte neun Töchter. Sie waren so schön, dass jeder junge Mann, der Kalinów besuchte, sofort um die Hand einer von ihnen anhielt, und so nannten die eifersüchtigen Mütter der Frauen aus den benachbarten Gütern Kalinów das Gespensterschloss. Stefan und Zbigniew entschuldigen sich bei Miecznik für ihre Verdächtigungen und bitten ihn, sie als Schwiegersöhne zu berücksichtigen. Der gerührte Miecznik gibt den beiden Paaren seinen Segen.

Das Gespensterschloss: Die Entstehung eines polnischen Juwels

Stanisław Moniuszko, der weithin als Schöpfer der polnischen Operntradition gilt, wurde 1819 außerhalb der heutigen polnischen Grenzen in dem kleinen Dorf Ubiel im heutigen Weißrussland geboren. Zu dieser Zeit wurde Polen weitgehend von Russland beherrscht, nachdem das Land auf dem Wiener Kongress 1815 geteilt worden war. Moniuszkos Vater, der als Offizier in Napoleons Armee gedient hatte, war ein bedeutender Dichter und Maler. Seine Mutter, selbst eine begabte Amateurmalerin, gab ihrem Sohn den ersten Klavierunterricht. 1827 zog die Familie nach Warschau, wo Moniuszko seinen Unterricht bei dem deutschstämmigen August Freyer fortsetzte, doch wegen finanzieller Schwierigkeiten mussten sie nach Minsk zurückkehren.

Vom „armen Musiker‟ zum Schöpfer der polnischen Oper

Als Folge des wachsenden russischen Einflusses auf die offizielle polnische Bildung nahm sein Vater Moniuszko 1836 von der Schule in Minsk und schickte ihn nach Berlin. Dort schrieb er sich an der Singakademie ein, um bei dem deutschen Komponisten und Musiklehrer Carl Friedrich Rungenhagen zu studieren. Nach seinem Abschluss im Jahr 1840 heiratete Moniuszko Aleksandra Müller, mit der er 10 Kinder hatte. Als sich das junge Paar in Vilnius niederließ, was damals zu Polen gehörte, verdiente Moniuszko seinen Lebensunterhalt als Organist, Klavierlehrer und Dirigent des örtlichen Theaterorchesters.

Seine Rückkehr in die Heimat löste eine rege kompositorische Tätigkeit aus. Unter dem Einfluss des Dichters und Librettisten Włodzimierz Wolski schrieb Moniuszko 1847 die zweiaktige Oper Halka, welche konzertant in Vilnius aufgeführt wurde und über die Stadt hinaus kaum bekannter wurde. Die erweiterte, vieraktige Fassung wurde 1858 in Warschau uraufgeführt. Der Erfolg der Komposition brachte endlich Veränderungen in Moniuszkos Leben: Er erhielt die Stelle des ersten Dirigenten für polnisches Repertoire am Teatr Wielki und zog daraufhin nach Warschau.

Eine Oper, die die patriotische Seele Polens rührt

Im Jahr 1861 begann Moniuszko mit dem Librettisten Jan Chęciński die Arbeit an Das Gespensterschloss. Wie bei Halka stammte die Inspiration aus einer Geschichte des Volkskundlers Kazimierz Władysław Wóycicki und war genau das, wonach Moniuszko gesucht hatte: Eine idyllische Erinnerung an das goldene Zeitalter Polens, die ein Bild des alten, farbenfrohen Lebensstils des Adels heraufbeschwört. Durch die Romantisierung der Vergangenheit wollte der Komponist die nationale Krise angesichts der russischen Vorherrschaft lindern und andeuten, dass die helle und schöne Vergangenheit irgendwann in der Zukunft wieder aufleben könnte.

In dieser Zeit war Moniuszko auch in die politischen Entwicklungen involviert, die im gescheiterten Aufstand von 1863 gipfelten, in dessen Verlauf das Wielki-Theater in eine Kaserne umgewandelt wurde. Moniuszko verlor seine Stellung und war auf seine Arbeit als Professor für Chorleitung am neu gegründeten Musikinstitut (Vorläufer des Warschauer Konservatoriums) angewiesen, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Die russische Herrschaft über Polen verschärfte sich und die Zensur war auf ihrem Höhepunkt. Es überrascht nicht, dass die Behörden Das Gespensterschloss für zu patriotisch hielten. Es musste nach seiner dritten Aufführung 1865 vom Spielplan genommen werden. Nach diesem Schlag erlahmte Moniuszkos Kreativität: Seine nächsten beiden Bühnenwerke, die Oper Paria und die Operette Beata, wurden 1869 und 1872, dem Jahr, in dem Moniuszko an einem Herzinfarkt starb, beide ohne Erfolg inszeniert.

Und heute?

Heute genießt Stanisław Moniuszko nationale Berühmtheit und Das Gespensterschloss, voller fantasievoller Harmonien, melodischer Raffinesse und polnischer Tänze, ist eine der beliebtesten Opern im polnischen Opernrepertoire. Die musikalische Meisterleistung des Komponisten entsprach seinem politischen Idealismus und Patriotismus und begründete ein zentrales Element in der aufkommenden Flut des Nationalismus des 19 Jahrhunderts in Europa. Dennoch ist dieses Meisterwerk im Ausland weitgehend unbekannt geblieben. Der renommierte Europäische Opernregiepreis, welcher von Camerata Nuova in Zusammenarbeit mit Opera Europa vergeben wird, hat sich zum Ziel gesetzt, dies zu ändern, als sie Das Gespensterschloss als Thema der 11. Ausgabe wählte.

Die italienische Regisseurin Ilaria Lanzino und der deutsche Bühnenbildner Leif-Erik Heine gewannen die Herzen der Jury mit ihrem kreativen Konzept zwischen Tradition und Moderne. Auf den ersten Blick mag die Oper mit ihrem offenkundigen Konflikt zwischen patriotischen Bestrebungen und dem Wunsch nach einem friedlichen häuslichen Leben und der Ehe verstaubt wirken. Und doch ist Lanzino überzeugt, dass Das Gespensterschloss auch den heutigen Werten und Geschmäckern standhält. Für ihre neue Inszenierung an der Oper Poznań beantwortet sie die Frage, wie die Geschichte der schönen Jungfrauen von Kalinowo im Zeitalter von Blind Dates und sozialen Netzwerken erzählt werden kann. Was kann Das Gespensterschloss heute sein? Eine bloße Ansammlung von gefühlvollen Melodien? Oder ein Werk, das uns immer noch etwas über uns selbst verrät? Ist es möglich, beides zu verbinden? Ansichten zu ändern, Gewohnheiten aufzugeben und Geschichte und Moderne zu verbinden? Lanzino nimmt die Herausforderung in Poznań an.