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Christian Kleiner

Nationaltheater Mannheim

Hippolyte et Aricie

Die Geschichte einer Leidenschaft, die eine ganze Familie in den Abgrund zu reißen droht

Opern | Rameau

Phèdre liebt Hippolyte, aber Hippolyte liebt Aricie. Und Hippolyte ist kein anderer der Sohn von Phèdres Mann Thésée.

 

Rameau erzählt seine Geschichte mit einer expressiven Wucht, die ihm bei der Uraufführung 1733 den Ruf eines Revolutionärs eingetragen hat. Der Reichtum seiner Harmonien, Rhythmen und Melodien spannt einen ganzen Kosmos von Unterwelt bis Götterhimmel, den Regisseur Lorenzo Fioroni gemeinsam mit dem Barockspezialisten Bernhard Forck in spektakuläre Theaterbilder bannt, die Musik, Text, Film und Tanz zu einer neuen Einheit verschmelzen.

Aufgezeichnet am 21. und 24. April 2021 im Opernhaus des Nationaltheaters Mannheim

 

In französischer Sprache mit deutschen, französischen und englischen Untertiteln. Zusätzlich automatische Übersetzungen in mehr als hundert andere Sprachen.

Verfügbar von
01.05.2021 um 19:00 MEZ

bis
31.07.2021 um 12:00 MEZ

AricieAmelia Scicolone
PhèdreSophie Rennert
Oenone / AmourMarie-Belle Sandis
DianeEstelle Kruger
HippolyteCharles Sy
ThéséeNikola Diskić
TisiphoneUwe Eikötter
Jupiter / PlutonPatrick Zielke
Erste ParzeChristopher Diffey
Zweite ParzeRaphael Wittmer
Dritte ParzeMarcel Brunner
Demonstranten, Gesellschaft u.a.Statisterie und Bewegungschor des Nationaltheaters Mannheim
ChorOpernchor des Nationaltheaters Mannheim
OrchesterOrchester des Nationaltheaters Mannheim


MusikJean-Philippe Rameau
TextSimon-Joseph Pellegrin (nach Jean Racine)
Musikalische LeitungBernhard Forck
InszenierungLorenzo Fioroni
BühnePaul Zoller, Loriana Casagrande
KostümeKatharina Gault
LichtFlorian Arnholdt
ChoreografiePascale-Sabine Chevroton
ChorleitungDani Juris
DramaturgieCordula Demattio
Video (Bühne)Christian Weissenberger
Filmproduktionklangmalerei.tv

Prolog

Als hätte sie ein Eigenleben, setzt sich die Theatermaschinerie in Gang: Schicht für Schicht entsteht eine Welt, in der Figuren der Gegenwart Gestalten begegnen, die wie ein alter Ludwig XIV. aus der Vergangenheit zu kommen scheinen. Als kundige Conférencière begrüßt »Amour« ihr Publikum und erzählt von Schönheit und Gewalt der Liebe. Mit drei Schlägen gibt der alte König das Zeichen zum Beginn der Ouvertüre.

1. Akt: Phèdres Wut

Aricie wird an Thésées Hof festgehalten. Von Phèdre veranlasst, soll sie einen Eid auf Diane schwören und damit für immer von Hippolyte getrennt werden. Zu Recht vermutet die eifersüchtige Phèdre eine Anziehung zwischen den beiden. Als Aricie sich dem Gelübde verweigert, und darin von Diane und dem Hofstaat unterstützt wird, kann Phèdre sich nicht länger zügeln. Nach einem leidenschaftlichen Ausbruch bleibt sie allein zurück.

In dieser Verfassung erreicht Phèdre die Nachricht vom Tod ihres Mannes Thésée. Oenone macht ihrer Herrin Hoffnung: Einer Verbindung mit dem Stiefsohn Hippolyte stünde nun nichts mehr im Wege.

2. Akt: Thésée in der Unterwelt

Thésée hat sich Zutritt zur Unterwelt verschafft. Er ist auf der Suche nach seinem Freund Perithoos, den er aus dem Reich der Toten befreien will. Seine Verhandlungen mit Pluton und dessen Knecht Tisiphone verlaufen ergebnislos, vielmehr werden Thésée die Schrecken der Unterwelt in aller Drastik vor Augen geführt. Eine unheimliche Parade zieht alptraumhaft an ihm vorüber und nur mit Neptuns Hilfe gelingt es Thésée, sich aus den Fängen Plutons zu befreien. Die drei Parzen, die den Schicksalsfaden spinnen und die Geschicke der Welt in ihren Händen halten, prophezeien Schreckliches.

3. Akt: Die Rückkehr des Königs

Phèdre hadert mit sich. Einem von Oenone arrangierten Treffen mit Hippolyte sieht sie mit einer Mischung aus Furcht und Entschlossenheit entgegen. Als er schließlich eintrifft, entdeckt sie ihm ihre Liebe, worauf er mit Abscheu reagiert. In dem Augenblick, als die Lage eskaliert, erscheint Thésée. Er kann die Geschehnisse nicht deuten, doch Oenone lenkt den Verdacht auf Hippolyte. Er habe versucht, seine Stiefmutter zu verführen. Thésée verflucht den Sohn und bittet die Götter, Hippolyte zu töten. Die Hofgesellschaft strömt zusammen, um die Rückkehr ihres Königs zu feiern.

4. Akt: Flucht und Tod

Gemeinsam wollen Hippolyte und Aricie fliehen. Sie besteigen den Wagen, der sie in die Freiheit führen soll, doch es kommt zu einem Unfall, den Hippolyte nicht überlebt. Von den Klagen der Umstehenden herbeigerufen, erscheint Phèdre am Unfallort. Zerrissen von Schuldgefühlen geht sie in den öffentlichen Selbstmord.

5. Akt: Hochzeit und Abschied

Diane und Jupiter verständigen sich darüber, auf welche Weise ein glücklicher Ausgang der Geschehnisse herbeigeführt werden könne. Die Liebe solle siegen und so versichert Diane der traumatisierten Aricie, dass Hippolyte an ihre Seite zurückkehren werde. Aricie reagiert mit Unverständnis, doch tatsächlich wird Hippolyte vor ihren Augen zu neuem Leben erweckt. In einer Trauerszene, die den Hochzeitsgesang unterbricht, nimmt Oenone Abschied von ihrer Freundin Phèdre. Die Gesellschaft löst sich auf, eine neue Zeit beginnt.

Hippolyte et Aricie
Eine wechselvolle Geschichte

Der Traum von der Oper

Es war ein Traum, der Jean-Philippe Rameau lange begleitete: Er wollte eine Oper schreiben. Als Organist, Komponist von Tastenmusik und Verfasser musiktheoretischer Werke hatte sich der 1683 in Dijon geborene Rameau einen Namen gemacht. Aber eine Oper? Er war 50 Jahre alt, als sein Erstlingswerk Hippolyte et Aricie schließlich auf die Bühne kam. 1733 erfolgte die Uraufführung, zwei komplette Umarbeitungen nahm Rameau bis zu seinem Tod 1764 an diesem Werk noch vor. Kehrtwendungen und Überraschungen bestimmten auch die Erarbeitung der Mannheimer Erstaufführung in der Regie von Lorenzo Fioroni und unter der musikalischen Leitung von Bernhard Forck. Geplant war sie für März 2020, im Frühjahr 2021 ist es nun endlich so weit. 

Zwei Lockdowns später: Ein neuer Anfang für Hippolyte et Aricie

Kurz vor der ersten Hauptprobe im März 2020 musste die Arbeit an Hippolyte et Aricie am Nationaltheater pandemiebedingt eingestellt werden. Um dem Projekt eine Zukunft zu geben, wurde eine grundlegende Umarbeitung und Neufassung nötig. Dabei brannte allen eine Frage besonders unter den Nägeln: Wie lässt sich unter Einhaltung der Sicherheitsabstände, Hygieneregeln und reduzierten Personenanzahlen noch von der Welt erzählen, die Hippolyte et Aricie ausmacht? Lassen sich Nähe und Intimität, aber auch Gruppenszenen unter den gegebenen Umständen überhaupt zur Darstellung bringen?

Ja, das geht! Künstlerische und technische Abteilungen erarbeiteten ein Konzept, um genau das zu ermöglichen. Festgelegt ist dort zum Beispiel, wie sich die einzelnen Chorgruppen in Bühnen- und Zuschauerraum verteilen lassen, so dass weder auf noch hinter der Bühne Staus entstehen. Gesungen wird in den Zuschauerlogen hinter Plexiglas. Sicherheitsmasken und Handschuhe werden in Kostüme integriert, das Bühnenbild so umarrangiert, dass es sich von einer verkleinerten Technikmannschaft bewältigen lässt. Die Sehnsucht nach Berührung und der Umbruch zwischen Vergangenheit und Zukunft werden dabei zum zentralen szenischen Motiv – und zum Kern der Erzählung von Hippolyte et Aricie.

Bruchkanten: Ordnung und Chaos

Im Prolog, den Rameau und sein Librettist Simon-Joseph Pellegrin, ihrer Oper in der Urfassung von 1733 voranstellen, treten die beiden Götter Amour und Diane gegeneinander an: Während letztere für die keusche Beherrschung von Trieb und Leidenschaft steht, hat es Amour darauf abgesehen, Unruhe zu stiften. Seine Pfeile verschießt er bekanntlich blind – und wen sie treffen, dem ist nicht mehr zu helfen. Um diesen Konflikt zu lösen, benötigen die beiden Götter ihrerseits Hilfe, die ihnen in der Figur Jupiters erscheint. Als weiser Göttervater ordnet er einen Kompromiss an. So soll es der Liebe an einem Tag im Jahr gestattet sein, ihr Unwesen zu treiben. Am Ende dieses Tages müsse jedoch eine Eheschließung stehen.

Obwohl die Autoren den Prolog in den späteren Fassungen gestrichen haben und er auch in der durch Corona bedingten Mannheimer Neufassung nur noch in Teilen enthalten ist, lässt sich an ihm doch ein Prinzip aufzeigen, das die Geschichte der Oper Hippolyte et Aricie und damit auch die Stoßrichtung der Inszenierung von Lorenzo Fioroni bestimmt. Es geht um den Konflikt zwischen Chaos und Ordnung, zwischen individueller Leidenschaft und einer in der Gesamtordnung aufgehobenen Bestimmung des Einzelnen.

Phädra gegen den Rest der Welt?

Ihre ehebrecherische Leidenschaft für Hippolyte stürzt Phädra ins Chaos. Sie endet im Selbstmord. Die “unschuldige” Liebe zwischen Hippolyte und Aricie hingegen wird von den Göttern belohnt. Hippolyte soll die Nachfolge seines Vaters Theseus antreten und als guter Herrscher auch in Zukunft den Erhalt der Ordnung garantieren. Im absolutistischen Frankreich ein Happy End von geradezu zwingender Logik. 

Dass Rameau aber gerade Phädra mit der schönsten Musik bedenkt, die dem lautstarken Ausbruch die zerbrechlichste Innenschau gegenüberstellt, zeigt, dass sein Blick auf die Figuren sehr viel differenzierterer ist. Die Oper – ihrer Herkunft nach eine dezidiert höfische Kunstform, die im Lob des Herrschers zu kulminieren hatte – schafft es, die radikale Kraft des Menschlichen aufzuspüren und in ihrer Unbedingtheit zu feiern, uns mitfühlen zu lassen und uns mit Phädra die Ordnung der Welt in Frage stellen zu lassen. Und sie dabei doch nicht in den Grundfesten zu beschädigen.

Zwischen Versailles und Straßenkampf

Dieser Kampf zwischen Ordnung und Chaos, zwischen Hierarchie und Umsturz, zwischen Ancien Régime und Revolution schlägt sich in der Bild- und Regiesprache Lorenzo Fioronis nieder. Zugrunde liegt der Inszenierung der Gedanken des barocken Festes, in dem sich “Realität” und “Kunstgenuss” zu einer Einheit verschmelzen. Bühne und Zuschauerhaus werden zu einem gemeinsamen Raum, den das Schauen und Staunen ebenso essenziell bestimmen wie Präsentation und Darstellung selbst. Bilder von Fassade und Innenräumen des Schlosses Versailles lassen dabei die Zeit Ludwigs XIV. fragmentarisch lebendig werden. So wie Phädra unser Mitgefühl gewinnt, gelten die Sympathien durchaus auch dem greisen König, der einem aus allen Götterfiguren von Jupiter bis Pluton entgegenblickt. Dass seine Zeit vorbei ist, weiß er – und doch kämpft und tanzt er weiter. Diese Entschlossenheit fordert Respekt. In Hippolyte und Aricie stehen diesem Herrscher zwei junge, gegenwärtige Menschen gegenüber, die ihren eigenen Weg in die Zukunft suchen und dabei Verletzungen erleiden, von denen sie sich nicht ohne weiteres erholen. Amour treibt in der Gestalt Oenones das Spiel der Leidenschaften an, während Theseus sich als Realpolitiker mit den Gegebenheiten arrangiert und seinen eigenen Vorteil darin findet. Es entsteht ein Panorama, das den Bruchkanten zwischen Historie und Gegenwart nachspürt und dabei auf berührende Weise vom Lieben und Leiden des Menschen erzählt.

Cordula Demattio