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Michele Crosera

Teatro La Fenice

Il sogno di Scipione

Wo des Glückes Schein trügt und man von Beständigkeit nur träumen kann

Opern | Mozart

Als zwei Göttinnen um seine Loyalität wetteifern, steht ein römischer General vor einem heiklen Dilemma. Doch dann erscheinen seine Vorfahren, um ihm bei der Entscheidungsfindung zu helfen.

 

Basierend auf einem Cicero-Text schrieb Mozart seine dramatische Serenade im Alter von 15 Jahren, die für die nächsten zweihundert Jahre vernachlässigt wurde. Mit dieser subversiven, traumgleichen Inszenierung bietet das Teatro La Fenice eine seltene Gelegenheit, eines der weniger bekannten Werke Mozarts zu entdecken.

In italienischer Sprache

 

Mit englischen und französischen Untertiteln und zusätzlich automatische Übersetzungen in mehr als hundert andere Sprachen.

Verfügbar von
31.03.2020 um 19:00 MEZ

bis
01.10.2020 um 12:00 MEZ

ScipioneGiuseppe Valentino Buzza
CostanzaFrancesca Boncompagni
FortunaBernarda Bobro
PublioEmanuele D’Aguanno
EmilioLuca Cervoni
LicenzaRui Hoshina
ChorTeatro La Fenice
OrchesterTeatro La Fenice


MusikWolfgang Amadeus Mozart
LibrettoPietro Metastasio
Musikalische LeitungFederico Maria Sardelli
InszenierungElena Barbalich
BühneFrancesco Cocco
KostümeDavide Tonolli
LichtFabio Barettin
ChorleitungClaudio Marino Moretti
Bühnenbilder und KostümeAccademia di Belle Arti di Venezia

Während der römische General Scipio im Palast von Massinissa schläft, erscheinen ihm die allegorischen Figuren Fortuna (Glück) und Constanza (Beständigkeit) im Traum und verlangen, dass er eine von ihnen als seine lebenslange Gefährtin wählt. Fortuna besitzt alle Reichtümer der Welt und Constanza alle Weisheit. Scipio möchte mehr wissen, bevor er sich für eine von ihnen entscheidet, aber vor allem Fortuna zögert, ihm weitere Zeit einzuräumen, da sie laut Eigenaussage so wandelbar und launisch wie der Wind ist. Während Scipio die erstaunliche Schönheit seiner Umgebung bewundert, erklärt ihm Costanza, dass wir auf der Erde nicht in der Lage sind, solche Wunder zu erkennen, wie wir uns abwenden müssen, wenn wir versuchen, in die Sonne zu schauen.

Scipio fragt, wer im Elysium weile, und wird sofort von einer Schar toter Helden besucht, darunter sein Vater Emilio und sein Adoptivgroßvater Publio. Letzterer erzählt Scipio, dass nur ihre sterblichen Körper vergangen sind, und drängt ihn, ein tugendhaftes Leben zu führen, damit er sich rechtzeitig zu den unsterblichen Helden gesellen kann. Scipio ist beunruhigt, dass sein Vater Emilio nicht glücklich darüber zu sein scheint, ihn zu treffen, aber Emilio antwortet, dass das Glück im Himmel viel ruhiger und weniger auffällig sei. Scipio will im Elysium bleiben, aber Constanza und Fortuna bestehen darauf, dass dies noch nicht erlaubt ist, während Publio und Emilio ihn daran erinnern, dass er zur Erde zurückkehren und den Weg des Schicksals zum Wohle Roms erfüllen muss.

Für Scipio ist die Zeit gekommen, sich zwischen Fortuna und Constanza zu entscheiden. Nacheinander versuchen beide, Scipione zu überzeugen, wobei Fortuna behauptet, das Schicksal der Menschen werde allein von ihrem Willen bestimmt, während Constanza behauptet, nur sie könne Fortuna widerstehen und die Tugend belohnen. Scipio entscheidet sich also für Constanza. Während Fortuna in ihrer Wut einen schrecklichen Sturm heraufbeschwört, erwacht Scipio im Palast in Massinissa und begreift das Omen seines Traums. Er beschließt, sich eher der Beständigkeit als dem Glück zu verschreiben.

In der Schlussszene fasst die Muse Licenza die Moral des Traums zusammen und erklärt, dass es in der Geschichte weniger um Scipio geht und vielmehr um Mozarts Gönner, den Erzbischof Colloredo.

Scipios Traum

Gab es jemals ein jüngeres Talent als Mozart? Er schrieb Il sogno di Scipione, als er 15 Jahre alt war. Und es war bereits sein fünftes dramatisches Werk für die Bühne. Seine lange 3-aktige Opera seria, Mitridate, hatte bereits in Mailand triumphiert, was zu zwei weiteren Opernaufträgen für das Teatro Regio Ducal der Stadt führte. Dieser Junge war es, der Allegris Miserere aus dem Gedächtnis aufschrieb, nachdem er erfahren hatte, dass das Edikt des Vatikans seine Veröffentlichung verbot.

Il sogno di Scipione war eine bescheidenere Angelegenheit, eine azione teatrale in einem einzigen Akt von etwa 90 Minuten. Sie wurde vor Mozarts zweiter Mailänder Oper Ascanio in Alba geschrieben, als Gelegenheitsstück zur Feier des Jubiläums des Fürsterzbischofs von Salzburg. Als Mozart aus Mailand in seine Heimatstadt Salzburg zurückkehrte, war der alte Erzbischof bereits tot, und sein Nachfolger Colloredo war ein insgesamt weniger kongenialer Arbeitgeber, der berüchtigt wurde, weil er anordnete, den aufsässigen jungen Komponisten in seine Schranken zu weisen. Es ist ungewiss, ob das Stück jemals, wie beabsichtigt, bei Colloredos Amtseinführung 1772 aufgeführt wurde.

Mozart schrieb die Musik 1771, der Text hingegen stammt aus dem Jahr 1735 und gehört einer anderen Generation an. Er ist von Pietro Metastasio, dem produktiven Meisterlibrettisten jener Zeit, der es verstand, kunstvolle und doch konventionelle Phrasen zu spinnen, und dessen Werk von einem Komponisten zum anderen recycelt wurde. Es gibt eine Diskrepanz zwischen Metastasios geschwollener Moral und dem Streben des jungen Mozart nach Originalität. Allzu oft ist es Metastasio, der gewinnt, aber nicht immer.

Gegenstand der Oper ist eine historische Figur: Publius Cornelius Scipio Aemilianus, der zwischen 185 und 129 v.u.z. lebte. Er war auch als Scipio Africanus der Jüngere bekannt. Seine Abstammung war kompliziert, wie in der Oper deutlich wird. Er wurde 147 v.u.z. zum Konsul der Römischen Republik gewählt und erhielt das Kommando über die römische Armee während des Dritten Punischen Krieges, in dem Karthago belagert und zerstört wurde. Im Jahr 134 v. Chr. wurde er erneut zum Konsul gewählt.

Sowohl Scipios leiblicher Vater Aemilius als auch sein gesellschaftlich höherstehender Adoptivvater Publio erscheinen im Traum in der Oper. Verwirrend ist, dass alle drei Männer Tenöre sind! Sie geben zweideutige Ratschläge zu dem moralischen Dilemma, mit dem Scipio konfrontiert ist: wie man sich zwischen dem Glück, das die irdischen Vorteile des Reichtums mit dem damit verbundenen Risiko bietet, und der Beständigkeit, die die dauerhafteren Belohnungen von Wahrheit und Tugend bietet, entscheiden kann. Als er sich schließlich für Letzteres entscheidet, entfesselt das verschmähte Glück eine wütende Katastrophe, die ihn aus seinem Traum weckt. Beide allegorischen Figuren werden von Sopranen gespielt.

Wie bei vielen von Metastasios Geschichten ist der klassische Schauplatz ein Vorwand für eine zeitgenössische Moral. Die Wahl des tugendhaften Weges ist als eine Hommage an Mozarts kirchlichen Gönner gedacht. Ironischerweise hatte der Erzbischof den Ruf, Geld zu horten.

Die Idee des Traums mit einer didaktischen Botschaft bietet einen Rahmen für kontrastreiche Arien für die Hauptfiguren. Außerdem bietet er dem Produktionsteam des Teatro la Fenice die Möglichkeit zur Fantasie. Mozart zeigt, auch wenn er sich gegen überkommene Konventionen anstrengt, sein aufblühendes Handwerk, seine Sänger*innen mit Musik zu bekleiden, die ihr Können zeigt; und seine Partitur wird durch einen Chor, wuselnde Streicher und helle Hörner und Trompeten belebt.

Il sogno di Scipione mag selten über die Konventionen seiner Zeit hinausgehen, aber es bleibt faszinierend, die frühen Triebe von Mozarts Genie zu beobachten. Lucio Silla, seine dritte und beste Oper für Mailand, entstand kaum ein Jahr später.