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2021 ROH. Photograph by Monika Rittershaus

Royal Opera House

Jenůfa

Der Preis der Schande - die Grenzen der Liebe

Opern | Janáček

Als eine schöne junge Frau unerwartet schwanger wird, muss sie schmerzlich erfahren, wie oberflächlich die Liebe manchmal ist.

 

Asmik Grigorian als Jenůfa, ihrem Debüt am Royal Opera House, führt mit Karita Mattila als die Kostelnička eine Starbesetzung. Der gebürtige Ungar Henrik Nánási dirigiert die bezaubernde Musik voller traditioneller Volksmelodien aus Janáčeks Heimat Mähren. Claus Guths gefeierte Inszenierung - die sowohl elegant und offen als auch absolut klaustrophobisch und beklemmend ist - fängt die große Menschlichkeit im Herzen der Oper ein.

Wird auf OperaVision am 9. Oktober 2021 LIVE aus Covent Garden (London) gestreamt.

 

In tschechischer Sprache mit englischen Untertiteln.

Verfügbar von
09.10.2021 um 21:30 MEZ

bis
09.11.2021 um 12:00 MEZ

JenůfaAsmik Grigorian
Kostelnička BuryjovkaKarita Mattila
Laca KlemeňNicky Spence
Števa BuryjaSaimir Pirgu
Grandmother BuryjovkaElena Zilio
ForemanDavid Stout
MayorJeremy White
Mayor's WifeHelene Schneiderman
KarolkaJacquelyn Stucker
HerdswomanAngela Simkin
BarenaApril Koyejo-Audiger
JanoYaritza Véliz
ChorRoyal Opera Chorus
Orchester Orchestra of the Royal Opera House


MusikLeoš Janáček
TextLeoš Janáček
Musikalische LeitungHenrik Nánási
InszenierungClaus Guth
BühneMichael Levine
KostümeGesine Völlm
LichtJames Farncombe
ChoreografieTeresa Rotemberg
DramaturgieYvonne Gebauer
Video-Produzentrocafilm
Concert MasterVasko Vassilev

Jenůfa verheimlicht vor allen, dass sie von Števa schwanger ist, der trinkt und ein Schürzenjäger ist. Jenůfas Stiefmutter, die Kostelnička, hatte einen gewalttätigen, alkoholkranken Ehemann und sagt Števa, dass er Jenůfa nicht heiraten darf, wenn er nicht ein Jahr lang nüchtern bleibt. Števas überhebliches Verhalten gegenüber Jenůfa verärgert Laca, der Jenůfa liebt und eifersüchtig ist. Als Jenůfa Števa verteidigt, wird Laca wütend. Sie kämpfen und er verletzt sie mit einem Messer im Gesicht.

Monate später verschwören sich die Kostelnička und Jenůfa, um die Geburt von Jenůfas unehelichem Kind geheim zu halten. Števa weiß, dass er einen Sohn hat, weigert sich aber, Jenůfa zu heiraten, da ihr Gesicht entstellt ist. Laca bietet an, Jenůfas Ruf zu retten und sie zu heiraten, aber er zögert, Števas Kind anzunehmen. Die Kostelnička erzählt Laca und Jenůfa, dass das Kind gestorben ist, während Jenůfa schlief. Doch an Jenůfas Hochzeitstag kommt die Wahrheit ans Licht.

Eine universelle Geschichte

Jenůfa-Regisseur Claus Guth im Gespräch mit Dramaturgin Yvonne Gebauer
(Auszug aus einem ausführlicheren Gespräch, das im Programmheft zur Produktion des Royal Opera House veröffentlicht wurde)

Yvonne Gebauer: Sie haben etwas mehr als hundert Opern inszeniert, aber noch keine von Janáček. Was interessiert Sie an seiner Musik?

Claus Guth: Janáčeks Stil ist insofern minimalistisch, als er nur das Notwendigste zum Ausdruck bringt, um ein Maximum an Emotionen zu erzeugen. Das erscheint mir sehr modern, sehr zeitgemäß. Ich interessiere mich auch sehr für Janáčeks ausgiebigen Gebrauch - sowohl in seiner Vertonung des Textes als auch in der Musik selbst - von Beharrlichkeit und Wiederholungen, die die Spannung immer weiter steigern. Das untergräbt das Klischee, dass seine Werke rein naturalistische Darstellungen der Realität sind, völlig.

YG: Wie kann man Jenůfa verstehen? Ist es ein Milieustück - ein Drama über eine bestimmte Gemeinschaft?

CG: In der Probenphase stellten wir immer wieder fest, dass sowohl die Sänger:innen als auch die Mitglieder des Produktionsteams auf Themen stießen, die sie aus ihrem eigenen Leben wiedererkannten, ein besonders auffälliges Beispiel ist die Art von Wiederholungstrieb, der sich in bestimmten Familiengeschichten zeigt. Wenn sich ein Problem oder ein Versagen einmal manifestiert hat, scheint es unausweichlich, dass dasselbe Problem von Generation zu Generation weitergegeben wird, wie ein Familienfluch. Es ist, als ob all die Kraft und der Eifer, die wir aufwenden, um es zu blockieren, es tatsächlich ins Leben rufen. Das ist ein interessanter Gedanke, der in dieser Oper tief verwurzelt ist.

Trotz unserer großstädtischen, liberalen und aufgeklärten Ansichten werden wir immer wieder mit der Tatsache konfrontiert, dass wir - unabhängig davon, welche Richtung wir später einschlagen - von einem bereits bestehenden Moralkodex geprägt sind, der uns vorschreibt, was richtig und falsch ist und wie wir unser Leben leben sollen. Jenůfa veranschaulicht, wie ein enormer gesellschaftlicher Konformitätsdruck den völligen Untergang eines Außenseiters, eines Menschen, der außerhalb der Norm steht, bewirken kann. Die Figur der Kostelnička ist ein typisches Beispiel dafür. Weil in ihrem früheren Leben viel schief gelaufen ist, versucht sie, die Regeln zu übertreten und begeht dabei sogar einen Mord.

YG: Man könnte also sagen, dass die Oper, während sie eine realistische Geschichte erzählt, auch als Parabel fungiert, die über sich selbst hinausgeht.

CG: Das ist der Kern unserer Interpretation. Während wir die Stimmung und die Musik der Oper schätzen, wollen wir auch, dass das Publikum die Universalität der Geschichte erkennt.

YG: Gabriela Preissovás Roman Její pastorkyňa (Ihre Stieftochter) inspirierte Janáčeks Jenůfa. Was verrät er uns über die Vorgeschichte der Kostelnička?

CG: Als junge Frau hatte die Kostelnička große Hoffnungen für die Zukunft. Sie war hochintelligent und stach immer aus der Masse heraus. Irgendwann verliebte sie sich in Tóma, den Sohn von Buryjovka, und war fest davon überzeugt, dass ihr Leben durch ihn dauerhafte Freude und Sinn erhalten würde. Doch ihre Hoffnungen wurden bitter enttäuscht, als Tóma eine andere Frau heiratete, mit der er ein Kind bekam. Nach dem Tod seiner Frau wurde die Kostelnička Stiefmutter des Kindes und zweite Ehefrau von Tóma, einem unverbesserlichen Trunkenbold, der sein ganzes Geld verprasste und schließlich bei einem Unfall ums Leben kam.

Nachdem ihr das Amt der Küsterin (Kostelnička) übertragen wurde, entwickelt sie sich zu einer unanfechtbaren moralischen Autorität im Dorf. Zu Beginn der Oper besteht ihre Hauptfunktion darin, ihre Stieftochter davor zu bewahren, dieselben Fehler zu begehen, die sie selbst gemacht hat. Doch Jenůfa hat sich in Števa verliebt und die Geschichte beginnt sich zu wiederholen...

YG: Wie wird Jenůfa in der Oper als Außenseiterin dargestellt?

CG: Von Anfang an weigert sie sich, die herrschenden Regeln zu akzeptieren, indem sie sich beispielsweise nicht an den täglichen Arbeitsrhythmus hält, sich mit intellektuellen Dingen beschäftigt oder Jana das Lesen und Schreiben beibringt. Man spürt deutlich, dass Jenůfa bereit ist, sich in Richtung einer neuen Art von Gesellschaft zu bewegen.

YG: Welche Rolle spielt das Bühnenbild in dieser Inszenierung von Jenůfa?

CG: Bei näherer Betrachtung des Werks wird deutlich, dass jeder Akt - während er den Wechsel der Jahreszeiten darstellt - auch eine eigene musikalische Sprache und ein eigenes Thema hat. Dies lässt sich zum Teil dadurch erklären, dass die Komposition der Akte I und II mehrere Jahre auseinander lag. Daraus ergab sich unsere Entscheidung, für jeden der Akte eine eigene Atmosphäre zu schaffen.

Für uns war es im ersten Akt von größter Bedeutung, wie wir Janáčeks durchgängiges musikalisches Motiv des Mühlrads darstellen. Wir haben uns entschieden, dieses Motiv nicht wörtlich, sondern metaphorisch zu interpretieren, als das Mühlrad des Systems, die endlose Wiederholung und unveränderliche Gleichförmigkeit des Alltags. Es ist ein System, das ritualisiert und starr strukturiert ist. Aber in dem Moment, in dem sich ein Rädchen in einem solchen System nicht mehr dreht, kommt alles zum Stillstand. Dieses kaputte Rädchen ist Jenůfa.

Unser Bühnenbild stellt einen Mikrokosmos dar, der vollständig von Wänden umschlossen ist. Diese Welt enthält alles, was die alltägliche Erfahrung ausmacht: ein Bett zum Schlafen, einen Tisch zum Essen, eine Uniform zum Arbeiten und so weiter. Außerhalb dieser Mauern befindet sich das unbekannte Andere, ein unmöglicher Ort, an den man vielleicht eines Tages fliehen kann. Wir haben versucht, Ideen wie diese in das Schlusstableau zu packen, in dem sich für Jenůfa und Laca der Weg in eine andere Welt öffnet - und damit ein Bruch mit dem alten System einhergeht.