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Monika Rittershaus

Komische Oper Berlin

Moses und Aron

Auf manche Fragen gibt es keine Antwort.

Opern | Schönberg

Moses verlässt sich auf die Hilfe seines wortgewandten Bruders, um die abstrakte Vorstellung von Gott in verständliche Bilder zu übersetzen. Aber verfälschen seine überzeugenden Reden nicht die reine Idee, die Moses so unmöglich in Worte fassen kann?

 

In Schönbergs unvollendetes Opus magnum erzählt Barrie Kosky den Exodus der Israeliten als Parabel der nie endende Suche des Menschen nach Antworten mit fast 200 Darstellern auf der Bühne. Der russische Stardirigent Vladimir Jurowski kehrt zum 70. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz an seine einstige Wirkungsstätte, die Komische Oper Berlin, zurück.

Aufgezeichnet am 19. April 2015

 

In deutscher Sprache. Mit englischen Untertiteln und zusätzlich automatische Übersetzungen in mehr als hundert andere Sprachen.

Verfügbar von
12.06.2020 um 19:00 MEZ

bis
11.09.2020 um 12:00 MEZ

MosesRobert Hayward
AronJohn Daszak
Ein junges MädchenJulia Giebel
Ein junger MannMichael Pflumm
Ein anderer Mann / EphraimitTom Erik Lie
Der nackte JünglingJohannes Dunz
Eine KrankeKarolina Gumos
Ein PriesterJens Larsen
1. nackte JungfrauJulia Giebel
2. nackte JungfrauSheida Damghani
3. nackte JungfrauKarolina Gumos
4. nackte JungfrauZoe Kissa
Sechs Solostimmen aus dem OrchesterJulia Giebel, Karolina Gumos, Caren van Oijen, Michael Pflumm, Tom Erik Lie, Jens Larsen
3 ÄltestenTim Dietrich, Henrik Pitt, Matthias Spenke
TänzerMeri Ahmaniemi, Csaba Nagy, Shane Dickson, Zoltan Fekete
ChorChorsolisten, Kinderchor der Komischen Oper Berlin und das Vocalconsort Berlin
OrchesterOrchester der Komischen Oper Berlin


MusikArnold Schönberg
Musikalische LeitungVladimir Jurowski
InszenierungBarrie Kosky
BühneKlaus Grünberg
KostümeKlaus Bruns
LichtKlaus Grünberg
ChoreografieHakan T. Aslan
ChorleitungDavid Cavelius, Dagmar Fiebach (Children chorus)
DramaturgieSusanna Goldberg, Ulrich Lenz

Moses am brennenden Dornbusch erhält den Auftrag, Israel zu dem richtigen Gottesgedanken (also aus dem Ägypten des Diesseitigen) zu führen. Er trifft mit Aron zusammen, der es versteht, diesen Gedanken aufs Volkstümliche zu reduzieren. Er trifft (bereits durch Aron unterstützt und unbemerkbar bekämpft) mit dem Volk zusammen, welches ihm auf Grund gewisser […] Wundertaten glaubt und, sich seiner Führung anvertrauend, mit ihm aus Ägypten flieht.

Moses am Berg Horeb empfängt die Gesetzestafeln, die Gesetze, die sich aus seinen Gedanken von selbst ergeben. Wobei wohl unter- schieden ist zwischen den menschlichen Notwendigkeiten gesellschaftlichen Lebens und den rein abstrakten, die der Gedanke fordert. Während er (in Versunkenheit) dem göttlichen Wort lauscht, bestrebt ist, ihm eine steinerne, unveränderliche Form zu geben, entsteht ein Aufruhr […], in welchem der wesentlichste Zug das leidenschaftliche Aufkommen des sinnlichen Gottesbedürfnisses klar werden muss. Worin also edle Leidenschaften aber menschliche zeigen, dass dieses Volk in voller Ehrlichkeit unreif für den großen Gedanken ist. Zum Schluss wird Moses von Aron zu Konzessionen bewogen.      

Arnold Schönberg

Schönbergs mosaische Bestrebungen

Arnold Schönbergs Oper Moses und Aron stellt vorgeblich ein biblisches Thema dar - das deutsche Libretto schrieb Schönberg nach dem 2. Buch Mose selbst. Ihr Anliegen ist allerdings nur im Kontext der Entstehungszeit zu verstehen, die von Theodor Herzl, dem Vater des modernen politischen Zionismus und  dem Begründer der Psychoanalyse Sigmund Freud, geprägt war.

Schönberg verstand das Werk als direkte Antwort auf eine jüdische Identitätskrise, die durch das Trauma einer antisemitischen Begegnung im Jahre 1921 ausgelöst wurde. Während seines Urlaubs im österreichischen Mattsee musste er unerwartet abreisen, da er dort als Jude nicht willkommen war. Nach seinem Übertritt zum Protestantismus 1898 sah Schönberg diese Erfahrung als Katalysator für sein Bekenntnis zu seiner erneuten jüdischen Identität. Er kehrte 1933, im Jahr seiner Emigration in die Vereinigten Staaten, formell zum Judentum zurück.

Ich habe mich entschlossen, meine bisherige Tätigkeit als Komponist, Schriftsteller, Musiktheoretiker u. s. w. aufzugeben und hinfort nur mehr eines zu tun: für die Errettung des Judentums arbeiten.

Arnold Schönberg

Der biblische Weg

Bald vertiefte er sich in das Thema der ungleichen, aber sich ergänzenden Brüder Moses und Aaron. Ihr Thema taucht bereits in seinem in der Moderne angesiedelten Agitprop-Stück Der biblische Weg (1926-27) auf, in dem der Protagonist Max Aruns - dessen Name kaum versteckte Bezüge zu Moses und Aaron aufweist - als Führer des jüdischen Volkes letztlich scheitert.

Einer hat’s sein müssen, keiner hat’s sein wollen; da hab’ ich mich halt dazu hergegeben.

Arnold Schönberg

Zu seinen biblischen Wurzeln zurückkehrend, schrieb Schönberg zunächst den Text zu einer Kantate mit dem Titel "Moses am brennenden Dornbusch" und wandelte ihn 1928 in ein dreiteiliges Oratorium um, bevor er schließlich zwischen 1930 und 1932 die beiden ersten Akte der Oper komponierte. Den dritten Akt wollte Schönberg bis zu seinem Tod vollenden, schrieb aber nur ein paar Skizzen. Folglich wurde die Oper zu seinen Lebzeiten nie aufgeführt.

Trotz ihres unfertigen Zustands gilt die Oper als ein Meisterwerk. Anhand des biblischen Stoffes arbeitete Schönberg zwei innere Konflikte durch: seinen Kampf mit dem politischen Zionismus und seine Ambivalenz gegenüber seiner eigenen religiösen Mystik. Schönberg war hin- und hergerissen zwischen seinen modernen rationalen Überzeugungen, seinem politischen Engagement und seiner Konfrontation mit irrationalen Glaubenselementen.

Wie beneidenswert erscheinen uns – den Armen im Glauben – jene Forscher, die von der Existenz eines höheren Wesens überzeugt sind!

Sigmund Freud

Musikalische Strenge und Mystik

Gleichwohl läßt sich Schönbergs Mystik - seine Auseinandersetzung mit der Kabbala, seine Faszination für Zahlen, ja sogar seine berühmte Todesangst vor der Zahl 13 - auf sein kompositorisches Schaffen zurückführen. Nachdem er in der Auflösung der Tonalität kompositorische Freiheit erreicht hatte, konzipierte Schönberg einen strukturalistischen Ansatz, die sogenannte Zwölftontechnik, die die Atome des musikalischen Systems selbst angreift.

Trotz seiner musikalischen Radikalität betrachtete sich Schönberg zu Recht als Erbe der europäischen Musiktradition, als „letzter Stein in diesem Gebäude“, so der Dirigent Vladimir Jurowski. Der Tanz um das Goldene Kalb im 2. Akt, zum Beispiel, kann als Fortsetzung des großen Opernballetts der französischen Grand Opéra betrachtet werden, während die Männerchöre an Kurt Weill erinnern.  

Gedankenmensch und Wortmensch

„Moses und Aron bedeuten für mich zwei Tätigkeiten eines Menschen: eines Staatsmannes.“ sinnierte Schönberg. „Dessen beide Seelen wissen nicht voneinander; seines Gedankens Reinheit wird nicht getrübt durch seine öffentlichen Handlungen; und diese werden nicht schwächlich durch Rücksichtsnahme auf jeweils noch ungelöste Probleme die der Gedanke stellt.“

Gedanke oder Wort, Idee oder Abbildung: für Schönberg verkörpern die Geschwister zwei sehr unterschiedliche Konzepte. Moses, der Intellektuelle, benötigt die Unterstützung seines Bruders, um die abstrakte Idee von Gott in verständliche Worte und Bilder zu übersetzen. In Schönbergs Vision wird Aron zum Magier. Er allein vermag das wankelmütige Volk davon zu überzeugen, Moses in seiner Verehrung eines abstrakten Gottes zu folgen.

Das Stammeln ist es, das die Stimme des Himmels zur Erde bringt.

Martin Buber

Der zungengebundene Moses drückt sich nur in einem Sprechgesang aus, der in ungefähren Tonhöhen notiert ist, während Aron, der Ideenvertreter seines Bruders, sich in (atonalen) Melodien ausdrückt.

Die Unvollendete

Schönberg hat seine Oper nie vollendet. Jurowski sinniert: „Wenn das Hauptthema einer Oper das Problem der Abstraktion ist, also dass man etwas Elementares nicht sehen, nicht hören, nicht fühlen kann, dann kann es kein Ende geben.“

Obwohl der dritte Akt der Oper von dem Pianisten und Komponisten Zoltán Kocsis 2010 vollendet wurde, entschied sich der Regisseur Barrie Kosky für eine Aufführung, wie Schönberg sie 1932 verlassen hatte. „Dieser letzte Satz des Moses - ‘O Wort, du Wort, das mir fehlt’ - nicht nur der Text, sondern auch dieses Crescendo-Decrescendo auf der letzten Note, gespielt von den Violinen - es ist wie ein letzter Atemzug, ein letzter Nachhall. Das ist nicht das Ende eines Aktes, das ist das Ende der Oper.“

Kein Moses kommt in das Gelobte Land.

Theodor Herzl

So wie Schönberg nach seinem Tod im amerikanischen Exil 1933 nie wieder europäischen Boden betrat, so blieb auch sein Moses in der Wüste und konnte seine Reise nicht zu Ende führen.