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Pierre Grosbois

Opéra Comique

Orpheus und Eurydike

Hinter dem Spiegel die Unterwelt

Opern | Gluck

Amour verkündet Orpheus, dass er Eurydike aus der Unterwelt zurückholen darf. Sein Lied hat die Macht, die Furien zu besänftigen, kann aber Eurydike nicht beruhigen. Sie verzweifelt an der von Orpheus vorgetäuschten Gleichgültigkeit, Jupiters letzte Prüfung.

 

Orpheus und Eurydike erschütterten das Europa der Aufklärung. Als Verehrer von Gluck erstellte Berlioz eine Synthese der italienischen und französischen Originalfassung für Pauline Viardot, deren Stimme die verschwundene Kunst der Kastraten für das Publikum der Romantik wiederbeleben konnte. Die Inszenierung von Aurélien Bory entfaltet den Schwindel der Räume, durch die Orpheus reist, mental, übernatürlich und darüber hinaus.

Aufgezeichnet am 18. Oktober 2018

 

In französischer Sprache. Mit deutschen, englischen und französischen Untertiteln und zusätzlich automatische Übersetzungen in mehr als hundert andere Sprachen.

 

Produktion Opéra Comique 
Coproduktion Opéra de Lausanne, Opéra Royal de Wallonie, Théâtre de Caen, Les Théâtres de la Ville de Luxembourg, Opéra Royal de Versailles in Zusammenarbeit mit Beijing Music Festival

Verfügbar von
04.09.2020 um 19:00 MEZ

bis
04.12.2020 um 12:00 MEZ

OrpheusMarianne Crebassa
EurydikeHélène Guilmette
AmourLea Desandre
Tänzer / ZirkusartistenClaire Carpentier, Elodie Chan, Yannis François, Tommy Entresangle, Margherita Mischitelli, Charlotte Siepiora
ChorPygmalion
OrchesterPygmalion


MusikChristoph Willibald Gluck
Musikalische LeitungRaphaël Pichon
InszenierungAurélien Bory
BühneAurélien Bory, Pierre Dequivre
KostümeManuela Agnesini
LichtArno Veyrat
DramaturgieTaïcyr Fadel
Kostüm-AssistentinClaire Schwartz
RegieassistentHugues Cohen, Gabrielle Maris Victorin

I. Akt

Nymphen und Hirten trauern an Eurydikes Grab, während ihr Mann seufzend ihren Namen wiederholt. Er beschwört ihre verlorene Liebe, verflucht die Götter und plant, sie in der Unterwelt zu suchen.

Amor, Bote der Götter, erscheint, um Orpheus zu verkünden, dass er in die Unterwelt gehen kann, wenn er zwei Prüfungen besteht. Er wird die höllischen Geschöpfe mit seiner Klangkunst überreden müssen und dann auf dem Rückweg von der Betrachtung Eurydike sowie von jeder Erklärung Abstand nehmen müssen. Die Hoffnung lässt Orpheus wieder Mut schöpfen.

II. Akt

Der beängstigende Eingang zur Unterwelt wird von Geistern und Furien bewacht, die den Durchgang blockieren. Aber Orpheus besänftigt sie allmählich mit dem Lied seiner Klage, seinem Gebet und dem berührenden Ausdruck seiner Liebe. Er betritt die Unterwelt.

III. Akt

In den Elysischen Feldern, welche die toten Heldinnen und Helden willkommen heißen, herrscht eine Glückseligkeit, die Eurydike scheinbar erfüllt. Bewegt von der Harmonie des Ortes, kann Orpheus jedoch seinen Schmerz nicht vergessen und ruft Eurydike in den Schatten. Sie wird zu ihm gebracht, und er ergreift ihre Hand.

IV. Akt

Orpheus und Eurydike dringen in das Labyrinth vor, das aus der Unterwelt herausführt. Überrascht, wieder zum Leben zu erwachen, wird Eurydike schnell von der distanzierten Haltung des Orpheus erschüttert, der ihre Hand losgelassen hat. Sie bittet ihn vergeblich um einen Blick, weigert sich dann, ihm weiter zu folgen und wird bald vor Schmerz ohnmächtig. Erfüllt von Gewissensbissen wendet sich Orpheus ihr zu. Eurydike stirbt ein zweites Mal.

5 Dinge, die Sie über Orphée et Eurydice wissen sollten

1° Ein universeller Mythos

Der Orpheus-Mythos hat schon immer fasziniert, weil sein Thema universell bleibt: der Verlust eines geliebten Menschen und die Ohnmacht im Angesicht des Todes. Er symbolisiert auch die unglaubliche Kraft von Musik und Poesie. Orpheus ist ein virtuoser Musiker, dessen Gesang sowohl die Lebenden, die Objekte als auch die Toten bewegt; er allein stellt die Allegorie der Musik und damit auch der Oper dar.

Wenn auch die Geschichte von Orpheus voller Abenteuer und Protagonisten ist, so beginnt sein Abenteuer erst richtig, als er sich in Eurydike verliebt und sie dem Biss einer Schlange erliegt. Verzweifelt wird Orpheus in die Unterwelt gehen, um sie mit Hilfe seiner Liebe zu finden. Orpheus wird sie nicht anschauen müssen, bis sie auf der Erdoberfläche ankommen, sonst wird er ihr ein zweites Mal den Tod bringen. Natürlich dreht sich Orpheus um, sonst würde der Mythos nicht existieren.

Warum konnte Orpheus der Versuchung nicht widerstehen, sich umzudrehen, obwohl ihm der schwerste Teil gelungen war: Hades davon zu überzeugen, ihn lebend in die Unterwelt zu lassen? Jede*r Autor*in hat seine eigene Interpretation. Liegt es daran, dass Eurydike beinahe stürzt? Zweifelt Eurydike an der Liebe des Orpheus und zwingt ihn zur Umkehr? Will Orpheus einfach nur sicher sein, dass Eurydike weit hinter ihm steht? Ist es einfach das Schicksal, das ihm zum Verhängnis wurde? Die gewählte Schlussfolgerung bringt jedes Mal einen neuen Blick auf das Werk.

2° Berlioz’ Bearbeitung

Als Berlioz, ein wahrer Bewunderer Glucks, 1859 den Auftrag erhielt, Orphée et Eurydice für die große Pauline Viardot zu adaptieren, beschloss er, sich auf beide Versionen Glucks zu stützen: eine italienische (die Rolle des Orfeo war ein Kastrat) und eine französische (die Rolle des Orphée war ein Tenor). Berlioz behielt die französische Partitur bei, kehrte aber zur italienischen Version zurück und transponierte die Tenorstimme in einen für Pauline Viardot geeigneten Tonumfang. Orphée wird so zu einer Transvestitenrolle, die von einer Mezzosopranistin gespielt wird. Berlioz harmonisiert die Tonalitäten für die moderneren Instrumente. Die Ouvertüre, die als zu festlich und alltäglich gilt, wird beibehalten, aber gespielt, während die Zuschauer sich im Saal einrichten. Der Schluss wird gekürzt und modifiziert.

Es handelt sich also um ein offenes Werk, das zu jeder Zeit von zahlreichen Sänger*innen und Komponist*innen, angefangen bei Gluck selbst, überarbeitet und neu interpretiert wurde, was sich Dirigent Raphaël Pichon und Regisseur Aurélien Bory ihrerseits zu eigen machen. Ausgehend von Berlioz' Version, in französischer Sprache und mit drei Frauenrollen, entschieden sie sich, die Ouvertüre nicht zu spielen, da sie als zu extravagant und von der Tragödie abgekoppelt galt. Sie ersetzten es durch ein anderes, dramatischeres Stück von Gluck, Larghetto, das aus dem Ballett Don Juan ou le Festin de pierre (1761) stammt. Auch die langen Tanzszenen, die dem Ballett der Pariser Oper am Ende des Werkes auferlegt wurden, sind nicht alle erhalten geblieben.

3° Die Magie von Pepper’s Ghost

Aurélien Bory versteht sich als Regisseur des Raumes: Er reizt die physikalischen Gesetze des Bühnenbilds aus, spielt mit der Schwerkraft und der Perspektive. Visuell hat er sich für ein Universum und Verfahren entschieden, die aus der Zeit Berlioz' stammen, als wolle er den Betrachter ins 19. Jahrhundert eintauchen lassen. So ist es einem damals erfundenen physikalischen und optischen Gerät zu verdanken, dass Aurélien Bory den “Übergang” des Orpheus zwischen den Welten der Lebenden und der Toten darstellt: Pepper's Ghost, benannt nach seinem Schöpfer, Mr. Pepper. 

Dieser Prozess der optischen Täuschung, der durch das Spiel von Lichtreflexen oder Transparenz das Erscheinen und Verschwinden von Objekten - oder Personen - ermöglicht, verwendet eine dünne Glasscheibe (heute ersetzt durch leichten Kunststoff) und eine spezielle Beleuchtung. Ein hochauflösender Projektor, der sich über der Bühne befindet, wirft ein Bild auf eine durchsichtige Oberfläche. Es wird dann auf einem transparenten Bildschirm gespiegelt, der in der Regel um 45° geneigt ist und einen Eindruck von Tiefe vermittelt. 

4° Das Bild, das eine tragende Rolle spielt

Pepper's Ghost ist nicht nur auf der Bühne, um die Welt der Toten von der der Lebenden zu trennen, sondern auch, um ein großes Gemälde von Jean-Baptiste Corot zu zeigen: Orphée ramenant Eurydice des Enfers (Orpheus, der Eurydike aus der Unterwelt zurückbringt). In der Spiegelung von Pepper's Ghost wirkt Corots Gemälde, als hänge es an Kleiderbügeln, die den Zuschauern gezeigt werden. Für Bory ist dieses 1862 entstandene Werk ein natürliches Echo auf Berlioz' Orphée et Eurydice, die zur gleichen Zeit entstand und erst drei Jahre zuvor im Théâtre-Lyrique präsentiert wurde.

Diese Koinzidenz geht auch Hand in Hand mit dem Geist des Übergangs, des Transits, von der Welt der Toten in die der Lebenden für Orpheus, mit dem Wandel von einer statischen zu einer bewegten Oper, den Gluck herbeigeführt hat, und in Corots Malerei mit spürbaren Strichen von den Anfängen des Übergangs zum Impressionismus.

Durch Bilder und Akustik spricht diese Inszenierung also von diesem Prinzip des Übergangs, der Trennung und den Folgen der Entscheidungen, die in einem Leben getroffen werden. 

5° Eine Oper der Genre-Mischung: vom Zirkus zur Zauberkunst

Die von Aurélien Bory gegründete Compagnie 111 hat zu ihrem Markenzeichen gemacht, dass es der Raum ist, der über allem anderen steht: “Die Bühne ist ein Raum. (...) Dieser Raum ist das einzige Medium der Kunst, in dem man sich den Gesetzen der Mechanik nicht entziehen kann. (...) Körper und Gegenstände sind der Schwerkraft unweigerlich ausgesetzt. (...) Der Körper, bzw. das Objekt sind diejenigen, die uns von der Gravität erzählen können.”

Es sind die Künste des Tanzes, der Magie und des Zirkus, die es dem Regisseur ermöglichen, mit Raum und Schwerkraft umzugehen. Aurélien Bory hat insbesondere mit Raphaël Navarro zusammengearbeitet, einem Spezialisten für neue Zauberkunst, der das Ungleichgewicht der Sinne und die Zerstreuung der Realität in den Mittelpunkt der künstlerischen Auseinandersetzung stellt. Er ließ sich auch von Pina Bauschs Ballett Orphée et Eurydice inspirieren. So verkörpern Zirkusartist*innen und Tänzer*innen, gemischt mit dem Pygmalion-Chor, die Furien der Unterwelt, die Orpheus davon abhalten, sie zu betreten.