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Hans Jörg Michel

Deutsche Oper am Rhein

Romeo und Julia

Ein Sommernachtsalbtraum

Opern | Blacher

Während drinnen ein rauschender Ball die Gemüter erhitzt, treffen sich ein Junge und ein Mädchen am Rande des Geschehens – und verlieben sich auf den ersten Blick. Weil sie aber tödlich verfeindeten Familien angehören, ist die Liebe Romeos und Julias zwar unsterblich, aber vor allem verboten.

 

Die 1943 erstandenen Kammeroper des deutsch-baltischen Komponisten Boris Blacher verdichtet Shakespeares berühmte Tragödie auf ihre Essenz: das Schicksal von Romeo und Julia. Szenischen Miniaturen beschwören eine neblige, liebesfeindliche Welt. Gelegentlich materialisieren sich Figuren wie geisterhafte Erscheinungen, während ein Brechtscher Chansonnier das Scheitern dieser großen Liebesgeschichte humorvoll und untergangstrunken kommentiert.

Aufgezeichnet am 19. März 2021, Duisburg.

 

In Deutscher Sprache. Mit englischen, französischen und deutschen Untertiteln und zusätzlich automatische Übersetzungen in mehr als hundert andere Sprachen.

Verfügbar von
17.04.2021 um 19:00 MEZ

bis
17.10.2021 um 12:00 MEZ

ChansonnierFlorian Simson
RomeoJussi Myllys
JuliaLavinia Dames
Lady CapuletKatarzyna Kuncio
CapuletGünes Gürle
TybaltAndrés Sulbarán
BenvolioBeniamin Pop
AmmeRenée Morloc
MusikantenPeter Nikolaus Kante, Steffen Weixler, Klaus Pütz
Chor - SopranAnna Elisabeth Hempel*, Diana Klee*
Chor - AltEkaterina Aleksandrova**, Karolin Zeinert*
Chor - TenorSander de Jong**, Bohyeon Mun*
Chor - BassJosua Guss*, Andrei Nicoara**
*Mitglied des Opernchores
**Mitglied des Opernstudios


MusikBoris Blacher
TextWilliam Shakespeare
Musikalische LeitungChristoph Stöcker
InszenierungManuel Schmitt
BühneHeike Scheele
KostümeHeike Scheele
LichtThomas Tarnogorski
ChorleitungGerhard Michalski
DramaturgieAnna Grundmeier
Duisburger Philharmoniker
Violine 1Henry Flory
Violine 2Johannes Heidt
ViolaAnnelie Haenisch-Göller
VioloncelloFriedmann Dreßler
KontrabassMax Dommers
FlöteSarah Heemann
FagottJens-Hinrich Thomsen
TrompeteAntony Quennouelle
PianoJames Williams

PROLOG

Zwei hohe Häuser, gleich an Würdigkeit,
im prächtigen Verona hier erhitzen
ein altes Grollen neu zu wildem Streit,
wo Bürgerhände Bürgerblut verspritzen.

Verhängnis wollte, dass aus beider Lenden
ein tragisch‘ Paar von Liebenden entsprang.
Und nichts vermag der Eltern Hass zu wenden
als ihrer armen Kinder Untergang.

Wie diese Liebesleute mit Gefahr
sich liebten und dem düsteren Tod verfielen,
weil ihrer Eltern Wut unlöschbar war;
das wollen wir euch in einer Stunde spielen.

Hört uns geneigt: Mit Fleiß und eurer Gunst
bekämpfen wir die Mängel uns’rer Kunst!

In der Kampfarena des Schicksals

Die größte Liebesgeschichte der Weltliteratur ausgerechnet in Zeiten coronabedingter Abstandsregeln auf die Theaterbühne zu bringen – das klingt nach einem gewagten Unterfangen. Denn ist es nicht gerade der allen Widrigkeiten trotzende, alle sozialen Distanzen überwindende, alle Grenzen sprengende Liebeswille von Romeo und Julia, dem Maler, Dichter, Komponisten und Filmemacher in zahlreichen Bearbeitungen des Stoffes huldigten und der selbst hartgesottenen Romantik-Verächtern heimliche Seufzer der Sehnsucht entlockt? 

„Oh, never was a story of more woe than this of Juliet and her Romeo“, könnte man mit den Worten ihres Schöpfers William Shakespeare das gegenwärtige Theaterschicksal der „star-crossed lovers“ („der Liebenden, deren Schicksal von den Gestirnen durchkreuzt wird“) beweinen, deren Annäherungsversuche derzeit nicht durch ihre verfeindeten Elternhäuser, sondern durch den Zollstock vereitelt werden. Auf frisch desinfiziertem Bühnenboden gedeiht das Liebespflänzlein nicht.

Kein Happy Ending also für Romeo und Julia in diesen sterilen Zeiten? So einfach ist die Sache nicht. Man wird Shakespeares Drama nicht gerecht, versucht man es auf die tragische Teenager-Liebe zweier junger Menschen zu reduzieren, die kaum den Kinderschuhen entwachsen sind. Nicht die Liebe ist das Thema dieses unsterblichen Stoffes, sondern ihre Verhinderung durch schicksalhafte Umstände. Und was könnte aktueller sein?

In dem blutigen Konflikt der Veroneser Adelsdynastien Montague und Capulet gerät die junge Generation unverschuldet in den Mahlstrom eines alles verzehrenden Hasses, dessen Ursache längst niemand mehr zu ergründen weiß. Die besondere Tragik von Julia und Romeo liegt darin, dass sie von der feindlichen Identität des jeweils anderen erst erfahren, als sie einander längst rettungslos verfallen sind: „Ich sah‘ zu früh, den ich zu spät erkannt!“, resümiert Julia niedergeschlagen, nachdem sie vom Chor über Romeos wahre Identität aufgeklärt wurde. Auch der weitere Verlauf der Handlung liest sich wie die Versuchsanordnung einer grausamen Gottheit. Je verzweifelter das Paar versucht, dem Kampfplatz ihrer Familienfehde zu entkommen, desto unbarmherziger schlägt das Schicksal zurück: Noch während ihres Kennenlernens auf einem Fest der Capulets lässt die rasende Wut von Julias Vetter Tybalt keinen Zweifel daran, dass diese Geschichte tödlich enden wird. Und in der Tat: Kaum haben Julia und Romeo ihre gemeinsame Zukunft beschlossen, wird Romeo gegen seinen Willen in eine mörderische Auseinandersetzung hineingezogen, in dessen Verlauf er Tybalt ersticht und aus Verona fliehen muss. Alle Bemühungen, sich dem Fatum zum Trotz die Utopie eines gemeinsamen Lebens zu behaupten, scheinen von höheren Märchen vereitelt zu werden. Shakespeare lässt keinen Zweifel daran: Aus dieser Katastrophe gibt es für die Liebenden kein Entrinnen, denn es muss erst das Schlimmste (der Tod der Liebe) eintreten, damit die verfeindeten Parteien Montague und Capulet die Sinnlosigkeit ihrer Auseinandersetzung begreifen.

Die Macht des Schicksals ist auch das alles bestimmende Thema der Romeo und Julia-Vertonung von Boris Blacher, die zwischen 1943 und 1944 entstand (jedoch erst 1947 uraufgeführt wurde) und als unmittelbarer Kommentar auf die Schrecken der weltumspannenden Kriegskatastrophe gelten kann, in der Feindesliebe häufig genug noch mit der Todesstrafe vergolten wurde. 

Musikalisch steht Blachers Oper unmittelbar in der musikalischen Tradition des Orff-Schülers Heinrich Sutermeister, dessen Romeo und Julia in 1940 an der Semperoper in Dresden uraufgeführt wurde. Schon bei Sutermeister zeigen sich Tendenzen zur lyrischen Verknappung des romantischen Orchesterapparats, die er freilich noch pointiert mit opulenten Klangpassagen wechselt.

Blacher treibt die Kargheit der Mittel drei Kriegsjahre später auf die Spitze. Die Zerbombung der deutschen Opernhäuser sowie eine lebensgefährliche Lungeninfektion sind die prägenden Ereignisse, die seiner Fassung von Romeo und Julia ihren dramaturgischen und musikalischen Charakter verleihen. Die Allgegenwart des Todes, selbst in den scheinbar glücklichen Momenten des Lebens, gewinnt durch die alliierten Bombenangriffe bedrohliche Präsenz. Wie sehr dieses Thema Blacher gefesselt haben muss, zeigt sich auch in seiner Bearbeitung des Romeo-Stoffes.

Aus der Übersetzung von August Wilhelm Schlegel und Ludwig Tieck destillierte der Komponist szenische Miniaturen, die das Shakespeare-Drama radikal auf die ohnmächtig Liebenden im Angesicht ihres Todesverhängnisses zu reduzieren. Jegliche Episoden oder Figuren, die nicht unmittelbar die Tragödie der beiden Protagonisten vorantragen, wurden aus der Handlung gestrichen. Korrespondierend zu der kompromisslosen Prägnanz der Szenen schuf Blacher eine Partitur, die „in ihrer Ausgespartheit an ein kleines Wunder“ erinnert (H.H. Stuckenschmidt). Haiku-gleich skizziert der Komponist mit kargem Instrumentarium – ein Streichquintett, Flöte, Fagott und Trompete bilden den gesamten Orchesterapparat –, aus manchmal einem einzigen musikalischen Motiv entwickelt, darauf aufbauend und darum kreisend, in seinen szenischen Miniaturen die liebes- und lebensfeindliche Nebelwelt, durch die sich Romeo und Julia bewegen, und aus der sich gelegentlich weitere Charaktere wie Geistererscheinungen materialisieren, um nach Erfüllung ihrer dramaturgischen Funktion genauso plötzlich wieder zu verschwinden, wie sie gekommen sind. 

Herr über diesen universellen Schicksalsraum ist der Chor, den Blacher als dritten Protagonisten in die Spielanordnung einbringt. Mit Textanteilen handlungstreibender Figuren wie dem schlaftrunkverabreichendem Pater Lorenzo, der Amme oder Romeos Freund Benvolio oszilliert das achtköpfige Kammerensemble flexibel zwischen der Rolle eines mitfühlenden Beobachters, Handlungskatalysators oder indifferenten Kommentators des tragischen Geschehens – ohne freilich jemals Bereitschaft zu zeigen, Romeo und Julia den vorgezeichneten Weg aus dem Untergang zu weisen. 

Abhängig von der musikalischen Behandlung vor allem des Chores vermag sich der gesamte Klangcharakter von Romeo und Julia in erstaunlicher Weise zu wandeln. Manche der wenigen Aufnahmen, die von dieser Opernrarität verfügbar sind, erinnern in ihrer Akkuratesse und transparenten Durchsichtigkeit an die apollinische Tonsprache eines Frank Martin, dessen weltliches Oratorium Le vin herbé nur ein Jahr vor Romeo und Julia uraufgeführt wurde und Blacher wohl bekannt gewesen sein dürfte. Andere Einspielungen des Werkes, besonders aus dem englischsprachigen Raum, setzen weniger auf makellose Klangreinheit, sondern setzen auf eine rauere, charakteristischere Interpretation im Stile Kurt Weills, in der die Einzelstimme sich nicht dem Kollektiv unterordnen muss. 

In Weillscher Tradition steht auch die merkwürdigste Besonderheit dieser an Besonderheiten reichen Oper: In drei klavierbegleiteten Chansons zersplittert ein Chansonnier in Brecht-Manier das feingliedrige Pathos der übrigen Partitur mit lakonischen Zusammenfassungen des dramatischen Geschehens. Die feine Ironie der Kabarettnummern offenbart das Befremden Boris Blachers über Shakespeares Moralverdikt, dass es zu große Liebe sei, die das Verhängnis von Romeo und Julia herbeigeführt habe.

Diese Partitur, die „mehr verschweigt als aussagt“ (H.H. Stuckenschmidt) entzieht sich in ihrer Komprimiertheit jeder eindeutigen szenischen Festlegung, sondern gibt dem Opernbesucher die Gelegenheit, sich seine eigene Phantasie von den tragischen Ereignissen zu bilden. 

Nach Anna Grundmeier