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Monika Rittershaus

Komische Oper Berlin

Der Jahrmarkt von Sorotschinzi

Der Teufel kommt in Schweinegestalt.

Rückblick | Mussorgsky

Diese Vorstellung ist nicht mehr als Video auf unserer Plattform verfügbar. Sie können aber weiterhin das zusätzliche Material der Produktion nutzen.

Ein Teufel treibt sein Unwesen im ukrainischen Dörfchen Sorotschinzi und versetzt Bewohner und Durchreisende in Angst und Schrecken. So auch einen Bauern, dessen Tochter ihren Liebhaber nicht heiraten darf, weil ihre streitsüchtige Stiefmutter dagegen ist.

 

Trinklieder, Tänze, Volksgesänge und ein wilder Hexensabbat – Barrie Kosky inszeniert Mussorgskis komisch-groteske Oper als buntes, pralles Volksstück. Die als Torso hinterlassenen Oper wurde im Jahre 1932 von Pawel Lamm rekonstruiert und von Wissarion Schebalin instrumentalisiert und zollt dem ungehobelten Duktus des Werkes Rechnung.

Aufgezeichnet am 2. April 2017.

 

In russischer Sprache. Mit deutschen, englischen, französischen, spanischen, italienischen und polnischen Untertiteln und zusätzlich automatische Übersetzungen in mehr als hundert andere Sprachen.

Tscherewik, ein BauerJens Larsen
Chiwrja, seine FrauAgnes Zwierko
Parasja, Tochter TscherewiksMirka Wagner
Grizko, BauernburscheAlexander Lewis
Afanassi IwanowitschIvan Turšić
GevatterTom Erik Lie
ZigeunerHans Gröning
Tschernobog (Oberteufel)Carsten Sabrowski
ChorChor der Komischen Oper Berlin, Vocalconsort Berlin
OrchesterOrchester der Komischen Oper Berlin


MusikModest Mussorgsky
TextModest Mussorgsky
Musikalische LeitungHenrik Nánási
InszenierungBarrie Kosky
BühneKatrin Lea Tag
KostümeKatrin Lea Tag
LichtDiego Leetz
ChorleitungDavid Cavelius
DramaturgieUlrich Lenz

Ein Teufel treibt sein Unwesen im ukrainischen Dörfchen Sorotschinzi. Aus der Hölle vertrieben, habe er, so erzählt man sich, aus Langeweile einst das Saufen begonnen und seinen roten Kittel beim Schankwirt des Ortes versetzt, um ihn nach Jahresfrist wieder auszulösen. Der Schankwirt aber verkaufte den Kittel vor der Zeit. Aus Rache erschien ihm der Teufel des Nachts in Schweinegestalt. Bis heute sucht der Teufel in Sorotschinzi nach seinem roten Kittel und versetzt die Leute in Angst und Schrecken.

So auch den Bauern Tscherewik, dessen Tochter Parasja sich in den Bauernburschen Grizko verliebt hat, ihn aber nicht heiraten darf, weil ihre streitsüchtige Stiefmutter Chiwrja, die ihren Mann Tscherewik fortwährend schikaniert, dagegen ist. Unter der Bedingung, dass Grizko ihm seine Ochsen zu einem günstigen Preis verkauft, verspricht ein Zigeuner, den beiden Liebenden zu ihrem Glück zu verhelfen. Weil sie ihren Liebhaber, den jungen Popensohn Afanassi Iwanowitsch, erwartet, wirft Chiwrja den ewig betrunkenen Tscherewik aus der Küche. Zur Verführung des Popensohns hat sie all ihre Kochkünste aufgeboten. Bevor sie jedoch die Früchte ihrer Bemühungen ernten kann, kehrt Tscherewik mit dem Gevatter und weiteren Saufkumpanen zurück. In aller Eile muss Chiwrja ein Versteck für ihren Liebhaber finden. Auf Drängen der anderen erzählt der Gevatter die Geschichte vom Teufel und seinem roten Kittel. Furcht erfasst die Anwesenden. Als urplötzlich der Popensohn aus seinem Versteck auftaucht, fliehen alle in heller Panik.

Grizko träumt von einem infernalischen Hexensabbat, bei dem satanische Schweinepriester dem Oberteufel huldigen und er den roten Kittel des Teufels findet. Am nächsten Morgen klagt Parasja über ihr verlorenes Glück, singt sich dann jedoch in eine fröhlichere Stimmung. Grizko erscheint, und die beiden Liebenden schließen sich in die Arme. Tscherewik hat beschlossen, die Heirat gegen den Willen seiner Frau durchzusetzen. Als die keifend protestierende Chiwrja erscheint, wird sie vom Zigeuner und den Umstehenden ausgelacht. Gemeinsam tanzt die Dorfgemeinschaft einen Hopak.

Ein kleines Stück dörflichen Lebens…

Regisseur Barrie Kosky im Interview               

Was unterscheidet Mussorgski von all den anderen russischen Komponisten?

BARRIE KOSKY Er kommt zwar aus der russischen Tradition, ergründet seine Themen aber in seiner Musik so radikal, dass er eine vollkommene Außenseiterposition einnimmt. Ich denke, die Komponisten seiner Zeit, die Borodins und Glasunows und Rimski-Korsakows, ahnten, dass er ein sehr besonderer Komponist war. Aber sie konnten es sich selbst nicht eingestehen. Sie dachten, Mussorgski könne einfach nicht richtig instrumentieren. Deshalb haben sich seine Freunde daran gemacht, ihm „zu helfen“. In Wahrheit jedoch war Mussorgski ein Genie und wusste ganz genau, was er tat. Das konnten aber offenbar erst spätere Generationen erkennen. Mussorgskis Oeuvre hatte großen Einfluss auf Komponisten wie Strawinsky oder Schostakowitsch. Es ist bedauerlicherweise sehr klein, und vieles davon hat er obendrein unvollendet hinterlassen. Er war ein komplizierter, manisch-depressiver Alkoholiker, seine Musik ist voll von einer unglaublich misanthropischen Trostlosigkeit.

Der Jahrmarkt von Sorotschinzi ist aber nicht unbedingt trostlos ...

BARRIE KOSKY Ja und Nein. Nach Boris Godunow und parallel zu Chowanschtschina wollte Mussorgski ganz bewusst eine komische Oper schreiben, als eine Art Ausweg aus dieser Trostlosigkeit. So ein wenig nach dem Motto „Ich schreibe mich jetzt einfach mal in eine gute Stimmung!“ Vielleicht ging es dabei auch ein bisschen um Kindheitserinnerungen. Mussorgski ist ja auf dem Land geboren und aufgewachsen. Vielleicht war die Arbeit am Jahrmarkt auch der Versuch, sich in seine glücklichere Kindheit zurückzuversetzen, weg von der Metropole Petersburg. Aber trotzdem ist da auch im Jahrmarkt eine unglaublich düstere Seite. Das kommt von Gogol und dessen seltsamer Mischung aus Komik und Misanthropie. Ein paar Jahre zuvor hatte Mussorgski sich an Gogols Die Heirat versucht, aber das ist ein ganz anderer Gogol. Der Gogol der Abende auf dem Weiler bei Dikanka – Der Jahrmarkt von Sorotschinzi ist die erste von acht unter diesem Titel veröffentlichten Erzählungen – ist der Gogol des Aberglaubens, der Folklore, absonderlich und grotesk. Eine perfekte Mischung!

Ist diese Trostlosigkeit problematisch für Sie als Regisseur?

BARRIE KOSKY Nein, im Gegenteil! Das hat etwas ungemein Faszinierendes, weil es sich um eine ganz besondere Art der Grenzüberschreitung handelt. Es ist, als sei der Kampf längst verloren gegeben, als hätten die inneren Dämonen gewonnen. Mussorgskis Musik scheint in einem Zwischenland angesiedelt zwischen Realität und Nicht-Realität. Und in diesem Zwischenland fühlt er sich wohl. Nicht „wohl“ im Sinne von glücklich, aber er hat den Kampf hinter sich. Es ist, als hätte die Apokalypse bereits stattgefunden, und wir blicken auf eine tote Landschaft nach der Katastrophe. Deshalb kommt mir die Musik oft vor wie eine Prozession, eine Prozession von toten Seelen.

Wovon handelt Der Jahrmarkt von Sorotschinzi?

BARRIE KOSKY Ein Dorf wird in Angst versetzt durch den Aberglauben an einen Teufel, der einst seinen roten Kittel an einen Juden versetzt hat, um die Rechnung in der Kneipe zu bezahlen. Und nun sucht der Teufel jedes Jahr zur selben Zeit das Dorf heim, um seine Jacke einzufordern. In eben jener Nacht begegnen wir einer Familie, die sehr unzufrieden mit ihrem Leben ist. – Das ist alles! Es ist ein kleines Stück volkstümlichen Lebens in der Ukraine. Mir gefällt die Schlichtheit der Geschichte. Es ist das Gegenteil dessen, was wir meist auf der Bühne erleben. Die Handlung ist einfach und simpel, es passiert fast gar nichts. Aber wie so oft in slawischen Werken ist das ganze Leben darin enthalten: Religion, Aberglaube, Liebe, Sex, Familie, Essen, Trinken, Ignoranz und Massenhysterie ... Der Mikrokosmos des Dorfes als Spiegel des gesamten menschlichen Lebens!

Wie geht man mit einem so unvollendeten Werk wie Der Jahrmarkt von Sorotschinzi um?

BARRIE KOSKY Eigentlich hätte es ja nur noch einer halben Stunde mehr Musik bedurft und die zweistündige Oper wäre komplett gewesen. Aber das Fehlen gewisser Teile ist meiner Ansicht nach auch nicht so gravierend wie bei anderen Werken, weil Mussorgski hier – anders als bei Boris Godunow oder Chowanschtschina – keine psychologisch komplexe Handlung vertont hat. Das ist Puppentheater. Kleine Einblicke ins Leben, wie in einem Fotoalbum: Hier ist das Liebespaar. Und hier sind der Vater und die Stiefmutter. Und da! Da ist das Liebespaar nochmal. Hier sehen wir die frustrierte Ehefrau mit ihrem jungen Liebhaber. Oh, sie wird beinahe erwischt. Wo kommt jetzt das Schwein da im Hintergrund her? … kurze, kleine Schnappschüsse, als blättere man in einem seltsamen Fotoalbum. Aber es hätte sicher nicht geschadet, wenn Mussorgski die fehlenden 30 Minuten noch komponiert hätte. Das Fragmentarische ist kein Bestandteil des Werkes selbst. Ausgehend von der Vervollständigung durch Wissarion Schebalin haben wir versucht, den Abend so rund und interessant wie möglich zu gestalten, und deshalb auch zusätzliche Musik eingefügt: drei für Chor arrangierte Lieder und ein von Grizko gesungenes Lied.

Die Geschichte endet dann lapidar: Nach dem Albtraum kommen alle wieder zusammen. Das Liebespaar darf heiraten, die Mutter stürmt davon, die Dorfbewohner lachen sie aus, alle singen ein Lied und die Oper ist zu Ende. Es war einmal ein kleines Dorf am Ende der Straße ...“ Wie bereits gesagt: Es ist nichts als ein kleines Stückchen dörflichen Lebens, das hier gezeigt wird. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.