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Iko Freese | drama-berlin.de
25.01.2020 um 19:00 MEZ
Samstag, January 25, 2020 - 19:00

Komische Oper Berlin

Frühlingsstürme

Die „letzte Operette der Weimarer Republik“ kehrt zurück!

| Weinberger

In der stürmischen Mandschurei infiltrieren japanische Spione das russische Armeekommando, eine junge Witwe läßt das Blut der Offiziere rasen, und ein ekelerregender deutscher Reporter, der abgedroschene Witze erzählt, versucht, die kesse, großmäulige Tochter des Generals zu verführen.

 

Das Werk des überaus erfolgreichen jüdisch-tschechischen Komponisten Jaromír Weinberger wurde nur zehn Tage vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Berlin uraufgeführt. Der Vorhang fiel bald dauerhaft und unwiderruflich auf diese eigenwillige Operette. Jetzt, 87 Jahre später, wird er für die neue Produktion von Barrie Kosky wieder gelüftet.

In deutscher Sprache

Französische, englische und deutsche Untertitel sind bald verfügbar und zusätzlich automatische Übersetzungen in mehr als hundert andere Sprachen.

Verfügbar von
25.01.2020 um 19:00 MEZ

bis
24.07.2020 um 12:00 MEZ

General Wladimir KatschalowStefan Kurt
TatjanaAlma Sadé
Lydia PawlowskaVera-Lotte Boecker
Roderich ZirbitzDominik Köninger
ItoTansel Akzeybek
Großfürst MichailowitschLuca Schaub
Shibato und HotelconciergeArne Gottschling
Kawa-Kami und PeterYannik Heckmann
Oberst BaltischewTino Lindenberg
Rittmeister StrotzkySascha Goepel
TänzerinnenAlessandra Bizzarri, Claudia Greco, Marika Gangemi, Martina Borroni, Azzurra Adinolfi, Jaslyn Reader, Lauren Mayer, Sophie Merrison, Meri Ahmaniemi, Tara Randell, Livia Delgado, Sarah Stanley, Sara Pamploni
OrchesterKomische Oper Berlin


MusikJaromír Weinberger
LibrettoGustav Beer
Musikalische LeitungJordan de Souza
InszenierungBarrie Kosky
KostümeDinah Ehm
ChoreografieOtto Pichler
DramaturgieUlrich Lenz
Bühnenbild und LichtKlaus Grünberg
BühnenbildmitarbeitAnne Kuhn

Erster Teil

Lagebesprechung im Hauptquartier der russischen Armee in der Mandschurei: Die große Offensive gegen die feindlichen Japaner steht unmittelbar bevor. Nichtsdestotrotz hat die aus St. Petersburg stammende junge Witwe Lydia Pawlowska für den Abend zum Ball geladen. General Katschalow, der Oberbefehlshaber der russischen Armee, will der Einladung mit Hinweis auf die angespannte Lage nicht folgen, tatsächlich aber wurmt ihn, dass Lydia sein Werben zurückgewiesen hat. Das durchschaut auch sein Vertrauter, Oberst Baltischew, Chef des militärischen Geheimdienstes. Er hat selbst ein Auge auf Lydia geworfen, obgleich er sie wegen ihrer Verbindungen zu einem japanischen Offizier vor dem Krieg der Spionage verdächtigt..

Unter falscher Identität hat sich der deutsche Kriegsberichterstatter Roderich Zirbitz auf der Suche nach Informationen ins russische Hauptquartier eingeschlichen. Er wird jedoch schnell entlarvt und muss den Zorn von General Katschalow fürchten. Weil seine Tochter Tatjana Roderich auch noch schöne Augen macht, stellt er sie unter Hausarrest und verbietet ihr, zu Lydias Ball zu gehen.

Da erscheint Lydia selbst, um den General mit entwaffnender Direktheit umzustimmen, doch zum Ball zu kommen – was ihr tatsächlich gelingt. In einem chinesischen Diener erkennt sie den japanischen Major Ito, eben jenen Offizier, der ihr in St. Petersburg den Hof machte, und der nun als Chinese verkleidet im russischen Hauptquartier spioniert. Obwohl durch den Krieg auf feindlichen Seiten stehend, bricht sich die vormals unterdrückte Leidenschaft Bahn.

Durch Zufall stört General Katschalow ein konspiratives Treffen von Ito und zwei weiteren japanischen Spionen und wird von ihnen überwältigt. Das Erscheinen von Lydia in Begleitung zahlreicher russischer Offiziere wendet jedoch das Blatt. Das stürzt sie in einen großen Gewissenskonflikt, da Ito und seinen Gefolgsleuten die Todesstrafe droht. Ihre widerstreitenden Gefühle unterdrückend, gibt sie weiterhin die charmante Gastgeberin. Tatjana hat sich trotz des väterlichen Verbotes auf den Ball geschlichen, wo Roderich als chinesischer Zauberer verkleidet seine Annäherungsversuche ihr gegenüber fortsetzt. Die japanischen Spione können aus ihrer Haft entfliehen. Ito sucht Zuflucht bei Lydia, die ihn vor Oberst Baltischew und seinen Gefolgsleuten verbirgt. Erneut gesteht Ito Lydia seine Liebe.

Zweiter Teil

Um die feindlichen Linien passieren zu können und sich und seine Kameraden in Sicherheit zu bringen, benötigt Ito das Losungswort. Lydia verspricht es zu beschaffen, indem sie General Katschalow zum intimen Tête-à-tête nach dem Ball lädt. Als sie diesem das Losungswort zu entlocken versucht, hegt Katschalow Verdacht und nennt ihr statt des richtigen, „Frühlingsstürme“, ein falsches Losungswort. Lydia versucht Katschalow so lange wie möglich hinzuhalten, doch da Ito das falsche Losungswort erhalten hat, wird er gefasst. Wütend glaubt er sich von Lydia, die er nun für die Geliebte des Generals hält, betrogen. Der Tod scheint ihm gewiss. Als Katschalow Lydia gegenüber andeutet, dass er Ito möglicherweise laufen lassen könnte, wenn Lydia seinem Drängen tatsächlich nachgibt, zögert sie nur kurz bevor sie einwilligt.

Einige Zeit später treffen sich alle Beteiligten bei den Friedensverhandlungen in einem Hotel in San Remo wieder. Katschalow ist beim Oberkommandierenden des russischen Heeres, Großfürst Michailowitsch, in Ungnade gefallen, denn er hat Ito laufen lassen. Ito hingegen ist zum Oberst befördert worden und nun als Verhandlungsführer der japanischen Delegation in San Remo. Roderich hat seine Tatjana aus dem Schweizer Pensionat, in das sie ihr Vater gesteckt hat, entführt, und nun sind beide ebenfalls in San Remo gelandet, wo sich Tatjana vor ihrem Vater verstecken muss.

Lydia wiederum ist angereist, um Katschalows Ruf zu retten. Obwohl Katschalow sich als Kavalier erwiesen und für die Befreiung Itos keinerlei Gegenleistung verlangt hat, möchte sie die allgemeinen Gerüchte keineswegs dementieren. Katschalow bittet erneut um ihre Hand, die sie ihm zu seiner eigenen Überraschung reicht. Doch kurz darauf läuft sie Ito über den Weg. Nachdem die Missverständnisse geklärt sind, hofft Lydia auf eine gemeinsame Zukunft, weshalb sie dem verzweifelten Katschalow erneut einen Korb erteilt. Doch als sie zufällig einer Japanerin begegnet, die sich als Itos Frau Sayuri zu erkennen gibt, begreift Lydia, dass ihre Pläne mit Ito unmöglich sind. Roderich und Tatjana haben derweil heimlich geheiratet und bitten den tobenden Katschalow um seinen Segen. Lydia stimmt ihn milde und gibt ihm nun endgültig ihr Jawort. Ito schaut ihr wehmütig hinterher, bevor er Sayuri folgt.

5 Dinge, die man über Frühlingsstürme wissen sollte

1° Mit Freude erwartet

Obwohl heute in Vergessenheit geraten, sollte Jaromír Weinbergers Operette Frühlingsstürme aus dem Jahr 1933 ein großer Erfolg seiner Zeit werden. Weinberger hatte 1927 mit seiner Oper Schwanda der Dudelsackpfeifer internationalen Ruhm erlangt. Nach ihrer Premiere am Prager Nationaltheater wurde sie in ganz Europa und sogar bis nach New York und Buenos Aires aufgeführt. In der Spielzeit 1929-1930 war Schwanda die meistgespielte Oper auf deutschen Bühnen, noch vor Mozart oder Wagner. Frühlingsstürme war Weinbergers nächstes großes Werk nach diesem Erfolg und wurde mit großer Spannung erwartet.

Die Operette ist sowohl musikalisch als auch in Hinblick auf die Handlung originell. Die Vertonung der Geschichte inmitten des Russisch-Japanischen Krieges in der Mandschurei 1904-1905, weniger als 30 Jahre nach den schrecklichen Ereignissen, war eine besonders kühne Positionierung des Librettisten Gustav Beer angesichts der jüngsten Besetzung der Region durch die Japaner.

2° Kurzlebiger Erfolg

Frühlingsstürme wurde am 20. Januar 1933 im Admiralspalast in Berlin uraufgeführt, fast zeitgleich mit Paul Abrahams Operettenhit Ball im Savoy, mit einigen der populärsten Sänger der damaligen Zeit. Richard Tauber, der damals vielleicht berühmteste Operntenor, spielte den japanischen Spion Ito, während die gefeierte tschechische Sopranistin Jarmila Novotná als junge Witwe Lydia Pawlowska auftrat. Novotná hatte gerade die Titelrolle in Max Ophuls' Verfilmung von Smetanas Die verkaufte Braut aus dem Jahr 1932, dem ersten Operntonfilm überhaupt, verkörpert. Bei der Premiere waren die Musiknummern von Frühlingsstürme bereits auf Schallplatten erhältlich.

Doch schon bald fiel der Vorhang für Weinbergers Operette. Nachdem sie am Abend der Vereidigung Adolf Hitlers als Reichskanzler und des Reichtagsbrandes gespielt wurde, fand die letzte Aufführung zwei Wochen später statt. Tauber, Oskar Homolka, der den General Katschalow spielte, und die anderen jüdischen Besetzungsmitglieder verließen Deutschland und Europa bald, ebenso wie Weinberger und Beer.

3° General Katschalow: eine ungewöhnliche Sprechrolle

Bemerkenswerterweise ist die Partie von General Katschalow eine Sprechrolle. Wurde sie etwa speziell für den berühmten österreichischen Schauspieler Oskar Homolka geschrieben, der später in Hollywood Karriere machte und für einen Oscar nominiert wurde?

Barrie Kosky, der Regisseur dieser Produktion, spekuliert, der wahrscheinlichere Grund dafür sei, dass „die musikalische Landschaft sich so klar in das typische Operettenmuster aus komödiantischem Paar Roderich-Tatjana und lyrisch-romantischem Paar Ito-Lydia fügt, dass weder Weinberger noch sein Librettist Gustav Beer diese zwei musikalischen Sprachen durch eine weitere singende Figur stören wollte.“

4° Nachleben

Die Originalpartitur sowie die meisten Orchesterstimmen sind verloren gegangen. Lediglich der Klavierauszug, die Bassdrum-Stimme und ein ausführliches Begleitbuch zum Libretto blieben unversehrt. Der Pianist und Arrangeur Norbert Biermann nutzte diese sowie die Grammophonaufnahmen, um die fehlende Orchestrierung zu rekonstruieren und neue Ausschnitte für die Produktion der Komischen Oper Berlin zu komponieren. Dieses Zusatzmaterial beinhaltet ein Zwischenspiel zum zweiten Teil nach der Pause und ein neues Quartett für die vier Hauptrollen gegen Ende. Auch Tatjanas ursprünglich mit Chorbegleitung gesungene Nummer „Geliebter, hör das Lied“ hat Biermann zu einem Duett mit Lydia umgearbeitet und instrumentale Erweiterungen für Choreographien eingefügt.

Biermann schwärmt von der Musik von Frühlingsstürme, in ihr „klang und klingt die silberne Operettenära eines Franz Lehár oder Leo Fall ebenso mit wie der Jazz der frühen 1930er Jahre, findet man fernöstliche Klänge, böhmische Volkstümlichkeit, slawische Melancholie, Wienerischen Charme neben Foxtrott und Tango. Diese Umarmung der verschiedenen Stile, das macht Frühlingsstürme so einzigartig.“

5° Ein herrlich kompliziertes kulturelles Artefakt

Seit Sidney Jones' Die Geisha (1896) schwelgt die Operette im Orientalismus à la Madama Butterfly. Franz Lehárs Das Land des Lächelns (1929) diente eindeutig als Inspirationsquelle für Frühlingsstürme. Doch auch hier folgt die Operette nicht dem erwarteten Muster. Der Regisseur Barrie Kosky weist darauf hin, dass es „in der chinesischen Mandschurei spielt, allerdings in einem russischen Hauptquartier und nicht etwa in einem Tempel. Das ist doch interessant: Ein jüdisch-tschechischer Komponist schreibt eine deutsche Operette, die in der Mandschurei spielt, mit russischen Generälen und japanischen Spionen, die sich als Chinesen verkleiden. Ich finde das ist ein phantastisch kompliziertes kulturelles Artefakt!“