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The Grange Festival

The Grange Festival

Candide

Alles wendet sich zum besten in der besten aller möglichen Welten.

Rückblick | Bernstein

Diese Vorstellung ist nicht mehr als Video auf unserer Plattform verfügbar. Sie können aber weiterhin das zusätzliche Material der Produktion nutzen.

Als der Heiratsantrag des jungen Candide an die Tochter eines Barons nach hinten losgeht, wird der naive Student des Optimismus in eine augenöffnende Reise rund um den Globus geschleudert, auf der er auf Schritt und Tritt die Schrecken des Daseins entdeckt.

 

Voltaires Candide, ein scharfer Schlag gegen die Tyrannei und vorgetäuschte Moralisierung, in prickelndes Musiktheater zu verwandeln, ist eine verrückte Idee. Bernstein hat seine Operette unzählige Male überarbeitet, bevor er sich auf die endgültige Fassung festgelegt hat. Die halbszenische Produktion des Grange Festivals 2018 erinnert an den 100. Geburtstag des Komponisten.

Erzähler/Pangloss/Martin Richard Suart
Candide Rob Houchen
Kunigunde Katie Hall
Maximilian Charles Rice
Die alte Dame Rosemary Ashe
Paquette Kitty Whately
Cacambo/Gouverneur/Vanderdendur/Erster Agent Robert Murray
Chor The Grange Festival Chorus
Orchester Bournemouth Symphony Orchestra


Musik Leonard Bernstein
Libretto Richard Wilbur
Musikalische Leitung Alfonso Casado Trigo
Inszenierung Christopher Luscombe
Chorleitung Tom Primrose

I. Akt

In Westfalen, im Schloss Thunder-ten-Tronckh, dem Stammsitz des Barons, werden die Kinder des Barons, Kunigunde und Maximilian, zusammen mit ihrem unehelichen Cousin Candide und dem Dienstmädchen Paquette von ihrem Hauslehrer, Dr. Pangloss, belehrt, dass „in dieser besten aller möglichen Welten alles zum Besten steht‟.

Zur Bestürzung des Barons verlieben sich Candide und Kunigunde, und Candide wird aus Westfalen verbannt. Einmarschierende Bulgaren entführen Candide und schlachten den Rest der Familie ab, mit Ausnahme von Kunigunde, die entführt und schließlich zu einer beliebten Prostituierten wird.

Obwohl sie die Geliebte sowohl eines wohlhabenden Juden als auch des Kardinal-Erzbischofs von Paris wird, liebt sie Candide immer noch.

Candide, der von fahrenden Schauspielern gerettet wird, behält seinen Glauben an die Lehren von Dr. Pangloss, dem er zufällig begegnet. Candide und Dr. Pangloss werden wegen ihrer liberalen Philosophie verhaftet und nach Lissabon verschleppt, wo der Großinquisitor befiehlt, Pangloss hängen zu lassen und Candide auszupeitschen. Eine freundliche, aber exzentrische alte Dame rettet ihn und pflegt ihn wieder gesund, bevor sie ihn in Paris mit Kunigunde wiedervereint.

Als zuerst der wohlhabende Jude und dann der Kardinal-Erzbischof das Wiedersehen der Liebenden unterbricht, tötet Candide sie versehentlich. Candide, Kunigunde und die alte Dame fliehen aus Paris nach Cádiz und setzen dann die Segel in die Neue Welt.

II. Akt

Nach ihrer Ankunft in Montevideo, Südamerika, werden Paquette und Maximilian als Sklaven verkauft. Zufällig treffen Candide, Kunigunde und die alte Dame am gleichen Ort ein, aber Candide muss fliehen, als die alte Dame ihn davon überzeugt, dass er wegen Mordes an dem Juden und Kardinal-Erzbischof verfolgt wird. Als Candide gelobt, Kunigunde zu heiraten, erhebt Maximilian Einspruch und wird versehentlich von Candide getötet, als die beiden in ein Handgemenge geraten.

Candide flieht dann in den südamerikanischen Dschungel und stolpert über die sagenumwobene Stadt El Dorado, wo alles üppig und perfekt ist. Des Paradieses müde, bricht Candide, beladen mit Schafen, Gold und Edelsteinen, auf und begibt sich in die niederländische Kolonie Surinam. Dort erfährt er, dass Piraten Kunigunde nach Venedig verschleppt haben.

Vanderdendur, ein niederländischer Händler, bietet Candide ein Boot an, mit dem er Kunigunde retten kann, aber Candide entdeckt bald, dass die Großzügigkeit des Händlers ein Schwindel war. Candide findet Kunigunde, Paquette und die alte Dame in Venedig. Dort verwendet Candide all ihre verbliebenen Reichtümer, um Kunigunde und Maximilian, der doch nicht tot ist, freizukaufen.

Nun wieder vereint, schließen sich Kunigunde, Paquette, Maximilian, die alte Dame und Dr. Pangloss Candide an, als dieser beschließt, seinem neuen Glaubensbekenntnis zu folgen. Mit seiner zerlumpten „Familie‟ wird er sich in einem einfachen Bauernleben niederlassen und „unseren Garten wachsen lassen‟.

Eine Liebeserklärung an Bernsteins Candide

1953 schlug die bekannte Dramatikerin Lillian Hellman Leonard Bernstein vor, Voltaires Candide für das Musiktheater zu adaptieren. Voltaires Novelle von 1759 persiflierte die populären Philosophien seiner Zeit und richtete sich speziell gegen die katholische Kirche, deren Inquisition angebliche Ketzer in den berüchtigten Autos da fé (portugiesisch für „Akt des Glaubens“) zu Tode folterte. Hellman beobachtete eine unheimliche Ähnlichkeit zwischen der Scheinheiligkeit und Gewalt der Säuberungsaktionen der Inquisition und den vom Ausschuss für unamerikanische Aktivitäten des Repräsentantenhauses angewandten Taktiken, die durch antikommunistische Propaganda angeheizt wurden. Sie freute sich regelrecht über die Idee, Parallelen zwischen Voltaires bissiger Satire und der aktuellen US-Politik zu ziehen.

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„Das war die Zeit der Hollywood-Blacklist... Fernsehzensur, verlorene Jobs, Selbstmorde, Ausbürgerung und die Verweigerung von Pässen für jeden, der auch nur verdächtigt wurde, einmal einen mutmaßlichen Kommunisten gekannt zu haben. Dafür kann ich mich verbürgen; mir wurde von meiner eigenen Regierung ein Pass verweigert. Voltaire übrigens auch... Seine Antwort war Satire, Spott und in seinem Leser durch Lachen Selbsterkenntnis und natürlich Selbstrechtfertigung zu provozieren: „Wer, ich? Nicht ich.“ Was Diskussionen hervorruft, und Debatte ist schließlich der Eckpfeiler der Demokratie. So waren Lillian und ich natürlich von Voltaires... Witz und Weisheit magnetisiert und machten uns schnell an die Arbeit...“

 

– Bernstein in den Noten für eine Konzertfassung von Candide von 1989

Hellman begann mit der Arbeit am Libretto, unterstützt vom Dichter John Latouche und von Bernstein selbst, der zahlreiche musikalische Sketche schrieb. Bald ersetzte der Dichter Richard Wilbur Latouche. Hellman, Bernstein und Wilbur arbeiteten bis 1956 regelmäßig zusammen, wobei Bernstein gleichzeitig West Side Story komponierte. Als im Oktober desselben Jahres Candide in Boston aufgeführt werden sollte, steuerte die Dichterin und Schriftstellerin Dorothy Parker Texte zu Die Gavotte von Venedig bei, während Bernstein und Hellman Texte zu anderen Nummern ergänzten. Die Liste der illustren Texter wurde immer länger und länger.

Candide wurde erstmals am 1. Dezember 1956 als Musical am Broadway aufgeführt. Die Uraufführung wurde von Tyrone Guthrie geleitet und von Samuel Krachmalnick dirigiert. Ironischerweise war es gerade die Haltung gegenüber den Mächtigen für die Wahrheit einzutreten, die Hellman und Bernstein ursprünglich für das Projekt begeisterte, die die Aufführung nun bedrohte. Guthrie war besonders beunruhigt über die Auto da Fé-Szene mit ihrer schamlosen Verhöhnung des Ausschusses für unamerikanische Aktivitäten. Würde der dringende politische Impuls für die Entstehung des Musicals den Test der Zeit bestehen?

Wenn man etwas Unangenehmes zu sagen hat, sollte man stets ganz offen („candid“) sein.

Oscar Wilde, The Importance of Being Earnest

Auch wenn Candide vor Ideen sprüht, so lastete doch ihre umfangreiche Programmatik auf ihr. Wenn der Auftakt zu seiner Premiere langwierig war, dauerte die Arbeit an seinen zahlreichen Revisionen dnoch länger. Sie gilt als eine der arbeitsintensivsten Broadway-Shows der Geschichte, die viele Inkarnationen überdauerte, bevor Bernstein das schuf, was er die „Final Revised Version“ nannte. Er präsentierte sie zusammen mit dem Londoner Symphonieorchester, dem er vorstand, im Dezember 1989 im Barbican.

Was bleibt also von Bernsteins geist- und temporeicher Interpretation von Voltaires Satire? Obwohl Candide mit seinem gleißenden Porträt von moralischer Korruption und Naturkatastrophen alle Hoffnung zunichte macht, hinterlässt er den Zuhörer unerklärlicherweise in einer heiteren Stimmung. Die Partitur, die als „Liebeserklärung an die europäische Musik“ konzipiert ist, wimmelt von Verweisen auf verschiedene Tanzformen wie Gavotte, Walzer und Polka und ist mit Belcanto-Arien, Komödien nach Art von Gilbert und Sullivan, Grand Opéra und Bernsteins „jüdischen Tango“ verflochten. Bernsteins Fähigkeit, die Tiefen der menschlichen Verderbtheit so leichtherzig und frech zu erforschen, zeigt jedes Anzeichen eines Geniestreichs. Beginnend mit dem unverhohlenen Witz der Ouvertüre über das sarkastische „Auto-da-fé (Welch ein Tag)“ schließt Bernstein den Kreis mit dem Finale „Lass unseren Garten wachsen“. Zugegeben, im Kontext der Erzählung ist jede Utopie verdächtig und wird als Schwindel entlarvt. Aus dem Kontext gerissen, können sich die Zuschauer*innen jedoch einen Moment aufrichtigen Optimismus gönnen. Nur ist nicht mehr der Optimismus der Unschuld, sondern die Haltung eines Menschen, der trotz aller Widrigkeiten zu hoffen wagt.

Wir sind weder rein, noch weise, noch gut
Wir werden das Beste tun, was wir wissen.
Wir bauen unser Haus und hacken unser Holz
Und bringen unseren Garten zum Wachsen.

Leonard Bernstein, Candide