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Studio Amati Bacciardi

Rossini Opera Festival

Guillaume Tell

Himmlische Freiheit, komm zur Erde herab, auf dass dein Reich komme!

Rückblick | Rossini

Diese Vorstellung ist nicht mehr als Video auf unserer Plattform verfügbar. Sie können aber weiterhin das zusätzliche Material der Produktion nutzen.

Als Wilhelm Tell seine Eidesgenossen zur Rebellion aufruft, um sich vom Joch der Fremdbestimmung zu befreien, muss ein junger Mann zwischen der Liebe zur Schwester seines Unterdrückers und seinem Streben nach Freiheit wählen.

 

Rossinis letzte Oper, die zum Schlachtruf der Revolution von 1830 wurde, ist auch in sich eine Revolution. Guillaume Tell, der die Legende des Schweizer Volkshelden nach Schillers Stück neu erzählt, ist eine grandiose Ode an die Freiheit. Genießen Sie diese Produktion aus dem Jahre 2013 vom Rossini Opera Festival in Zusammenarbeit mit Unitel 3 Monate lang auf OperaVision.

Guillaume TellNicola Alaimo
Arnold MelchtalJuan Diego Flórez
Walter FurstSimon Orfila
MelchtalSimone Alberghini
JemmyAmanda Forsythe
GeslerLuca Tittoto
RodolpheAlessandro Luciano
Ruodi, ein FischerCelso Albelo
Leuthold / Ein JägerWojtek Gierlach
MathildeMarina Rebeka
ChorTeatro Communale di Bologna
OrchesterTeatro Communale di Bologna


MusikGioachino Rossini
LibrettoVictor-Joseph Étienne de Jouy & L. F. Bis
Musikalische LeitungMichele Mariotti
InszenierungGraham Vick
BühnePaul Brown
KostümePaul Brown
LichtGiuseppe Di Iorio
ChoreografieRon Howell
ChorleitungAndrea Faidutti

I. Akt

Guillaume Tell beklagt die Unterdrückung der Schweizer durch die Habsburger in Gesellschaft seiner Frau Hedwige und seines Sohns Jemmy. In ihrem Dorf werden drei Hochzeiten vorbereitet, die der alte Melcthal durchführen soll. Sein Sohn Arnold, Freund Guillaume Tells, liebt die Habsburger Prinzessin Mathilde, was mit den Freiheitsbestrebungen seines Volkes im Konflikt steht.
Während die Hochzeiten in vollem Gange sind, hört man aus der Ferne den Jagdzug Geslers, dem Reichsvogt und Anführer der Österreicher. Der Schäfer Leuthold eilt dem Zug voraus, er hat einen österreichischen Soldaten getötet, der seine Tochter entführen wollte. Tell bringt Leuthold über den Vierwaldstättersee in Sicherheit. Arnold ist heimlich zu seiner Geliebten aufgebrochen. Rodolphe, Anführer von Geslers Soldaten, sucht im Dorf nach Leuthold. Nachdem ihm keiner sagt, wer Leuthold zur Flucht verholfen hat, lässt Rodolphe das Dorf anzünden und nimmt den alten Melcthal fest.

II. Akt

Jäger und Hirten loben die Freuden der Schweizer Berge und Natur. Mathilde hat sich vom Jagdzug entfernt und trifft Arnold, sie gestehen einander ihre Liebe. Wenn Arnold einmal militärische Würden erlangt, darf er um Mathildes Hand bitten. Sie zieht sich zurück, als Tell und der Widerstandskämpfer Walter Furst herannahen. Die Männer informieren Arnold, dass sein Vater, der alte Melcthal, von den Österreichern getötet wurde und misstrauen ihm, weil er die Prinzessin liebt. Arnold ist tief getroffen und erklärt den Verschwörern seine Loyalität. Vertreter aller schweizer Kantone erscheinen, erklären Tell zu ihrem Anführer und schwören den Rütlischwur (EN Rütlischwur, FR Serment du Grütli), der ihren unerschrockenen Kampf für ihre Freiheit besiegelt.

III. Akt

Bei einer Burgruine warnt Arnold Mathilde, dass er trotz seiner Gefühle für sie seinen Vater rächen und seinem Land treu bleiben wird, und lehnt es ab, mit ihr zu fliehen. Sie trennen sich in dem Bewusstsein, dass es ein Abschied für immer ist.
Im Dorf Altdorf richtet Gesler ein Fest für die Habsburgische Souveränität aus und verfügt, dass alle Schweizer sich vor einem Standbild mit seinem Hut niederknien sollen. Tell und Jemmy weigern sich, und so zwingt Gesler Tell stattdessen, seinem Sohn einen Apfel vom Kopf zu schießen. Tell glückt der Schuss, aber als ihm ein weiterer Pfeil aus dem Ärmel rutscht, muss er gestehen, dass er damit Gesler ermorden wollte, wenn er sein erstes Ziel verfehlt hätte. Er wird zum Tode verurteilt und abgeführt, Mathilde nimmt Jemmy zu sich.

IV. Akt

Arnold beklagt die Festnahme Tells in seiner Hütte und ruft seine Kameraden zum bewaffneten Aufstand auf.
Hedwige, verzweifelt, will zu ihrer Familie und mit ihnen sterben, als Mathilde den unversehrten Jemmy zu ihr bringt. Jemmy zündet die Hütte an, was das vereinbarte Zeichen der Schweizer zum Kampf ist.
Tell soll von Gesler und seinen Männern über den Vierwaldstättersee gerudert werden, damit sein Urteil vollstreckt werden kann. Nebel und Sturm ziehen auf, und Tells Fesseln werden gelöst, weil nur er sicher das Boot navigieren kann. Kurz vorm Anlegen springt Tell auf einen Felsen an Land und überlässt das Boot sich selbst. Seine Frau und sein Sohn eilen zu ihm und geben ihm seine Armbrust. Tell sieht die brennende Hütte und erschießt Gesler, der sich noch an Land retten konnte. Walter und seine Leute erscheinen und jubeln über den Tod des Unterdrückers. Auch Arnold und seine Männer kommen hinzu und verkünden die Befreiung Altdorfs. Die Schweizer feiern Tell als ihren Befreier und besingen ein neues Zeitalter des Friedens und der Freiheit.

Guillaume Tell: Freiheit für alle

Rossini war gerade 31, als er in Paris Fuß fasste. Er blickte bereits auf eine illustre, gut 12jährige Karriere und über 30 Opern zurück. Sein brillanter zügiger Stil und schwindelerregenden Gesangsnummern hatten ihn in Italien zu beachtlichem Erfolg geführt. An der Pariser Oper erwartete ihn ein Publikum, das daran Gefallen fand, doch auch an große Oper mit prominentem Chor und langen Tanzeinlagen gewöhnt war. Mit Titeln wie Zelmira (Wien 1822) oder Semiramide (Neapel 1823) hatte Rossini seine Vision der grand opéra schon unter Beweis stellen können, und Rossini nahm sich Zeit, sich mit den neuen Gegebenheiten - nicht zuletzt auch mit der komplizierten Disposition im Hause - vertraut zu machen.

Die Oper umfasst in ihrer integralen Fassung gut fünf Stunden und kennt so viele verschiedene Versionen wie keine andere von Rossinis Opern. Er hangelte sich - zu durchaus üblichen ortstypischen Bedingungen - mit oft wechselnden Besetzungen auf der Bühne und im Graben von Probe zu Probe. So stellte sich erst im Laufe der Einstudierung heraus, welche Stücke es tatsächlich bis zur Eröffnung schafften und welche wegfielen. Das vollständig neue musikalische Material - die vorherigen Pariser Opern waren allesamt Bearbeitungen von älteren Werken - enthält auch ein paar folkloristische Noten: so findet u.a. der Kuhreihen, ein volkstümlicher Bauerntanz, seinen Weg auf die Pariser Bühne.

Auch wenn es keine Herzensangelegenheit Rossinis selbst war, machte er sich ein zeittypisches Sujet zu eigen: Die Freiheit und die damit verbundenen Kämpfe anderer Völker waren im Paris ein paar Jahre vor der Julirevolution absolut en vogue. Das spiegelt sich in den damals geschriebenen Opern Rossinis wider: In Le Siège de Corinthe (1826) sterben die Griechen lieber, als sich den Osmanen zu unterwerfen, in Moïse (1827) befreien sich die Hebräer aus der Unterdrückung durch die Ägypter und ziehen ins gelobte Land. Auch Guillaume Tell (1830), basierend auf Schillers Drama Willhelm Tell, über die Schweizer, die sich gegen die Habsburgische Fremdherrschaft auflehnen, passt in diesen Trend. Dabei etablieren die Librettisten keinen schweizer Nationalmythos, sondern bieten dem Publikum eine exotische Projektionsfläche für eigene Freiheitsträume; die Alpen mit ihren Schluchten waren den Pariser Zuschauern ähnlich fremd wie die Wüste Ägyptens.

Tell ist die letzte Oper, die Rossini komponierte, auch, wenn es ganz anders geplant war. 1829 unterschrieb er einen Vertrag, den Karl X höchstpersönlich gegenzeichnete, in dem er sich für die nächsten 10 Jahre ausschließlich der Académie Royale de Musique mit mindestens fünf Opern verpflichtete und sich eine lukrative monatliche Rente sicherte. Tell war damit 1830 die erste von geplanten fünf Opern, doch kurz danach wurde im Zuge der Julirevolution Karl X gestürzt und damit Rossinis Vertrag hinfällig. Während er gerichtlich für die Einhaltung, sprich Ausbezahlung seines Vertrages kämpfte, wollte er selbst nicht die darin enthaltene Exklusivitätsklausel brechen und stellte das Komponieren vorerst ein. Als 1835 der Rechtsstreit endlich zu seinen Gunsten beigelegt war, hatte sich Rossini in der Tat auch mental zur Ruhe gesetzt - somit war diese Oper auch eine Befreiung aus seinen beruflichen Pflichten für ihn.

Graham Vick, der Regisseur, erklärt in einem Interview zur Inszenierung in Pesaro: Il mio pubblico preferito è popolare [...] Nessuno possiede l’arte (Mein ideales Publikum ist nicht elitär […] Die Kunst gehört niemandem). Er zeigt in seinem Tell den Kampf zwischen einem aufbegehrenden Volk und einer gierigen, sadistischen Clique an Unterdrückern mit Pferdemodellen vor dem Hintergrund irgendwelcher schneebedeckter Gipfel - eher zufällig, scheint es, sind es Schweizer gegen Habsburger - so wie es schon bei der Pariser Uraufführung nicht primär um den Schauplatz, sondern ums Prinzip einer erkämpften Freiheit ging.

Dieser Artikel ist inspiriert von Programmhefttexten von Dr. hc. Reto Müller und Nicholas Payne.