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Hans Jörg Michel

Deutsche Oper am Rhein

Xerxes

In Persien haben die Könige einen größeren Schatten als ihre Bäume.

Rückblick | Händel

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Bei seinem Feldzug im Ausland ist ein exzentrischer König mehr darum bemüht, Frauen zu erobern als neues Land. Er bekommt immer seinen Willen, bis er es eines Tages auf die heimliche Geliebte seines Bruders abgesehen hat.

 

Xerxes strategische Manöver, die er so häufig wie seinen opulenten Kostüme wechselt, lassen seinem Gegner wenig Zeit zum Atemholen. Das gipfelt in einer „barocken Muppet-Show‟, wie der berühmte norwegische Regisseur Stefan Herheim seine spektakuläre Produktion beschreibt. Nach einer wirren Abfolge von Liebesspielen und Intrigen endet Händels Oper mit der Erkenntnis, dass man sich im Theater des Lebens nicht immer seine eigene Rolle aussuchen kann.

XerxesValer Sabadus
ArsameneTerry Wey
AmastreKatarina Bradic
AriodateTorben Jürgens
RomildaHeidi Elisabeth Meier
AtalantaAnke Krabbe
ElviroHagen Matzeit
ChorChor von der Deutschen Oper am Rhein
OrchesterNeue Düsseldorfer Hofmusik


MusikGeorg Friedrich Händel
Musikalische LeitungKonrad Junghänel
InszenierungStefan Herheim
DesignerStefan Herheim
KostümeGesine Völlm
LichtFranck Evin
ChorleitungPatrick Francis Chestnut
DramaturgieAlexander Meier-Dörzenbach

Akt 1

König Xerxes himmelt gerade seine geliebte Platane an, als ihn Romildas Lied tief berührt. Sie ist die Tochter von Ariodate, dem Kommandanten seiner Armee. Der König bittet seinen Bruder Arsamene, Romilda von seiner Liebe zu ihr zu erzählen, aber er weigert sich, dies zu tun, da Arsamene und Romilda bereits ineinander verliebt sind. Unbeirrt beschließt Xerxes, Romilda zu umwerben, und Arsamene warnt sie vor den Absichten des Königs. Leider ist Atalanta, Romildas Schwester, auch in Arsamene verliebt und bestärkt den König in seinem Beschluss. Romilda lehnt die Annäherungsversuche ihres neuen Bewunderers ab. Als Vergeltung beschließt Xerxes, seinen Bruder zu verbannen.

Amastre, eine Prinzessin aus einem anderen Land, der versprochen wurde, Xerxes zu heiraten, hat sich als Soldat seiner Armee verkleidet. Sie beobachtet ihn dabei, wie er Ariodate empfängt, der siegreich von einem Feldzug zurückkehrt. Xerxes kündigt an, dass er den Kommandanten belohnen wird, indem er Romilda einen Mann zum Ehegatten gibt, der einem König ebenbürtig ist. Amastre beschließt, ihre Identität nicht preiszugeben und schwört Rache. Arsamene lässt seinen Diener Elviro einen Brief an Romilda schicken, in dem er ihr mitteilt, wie verzweifelt er über ihre erzwungene Trennung ist, und verspricht, sie heimlich zu besuchen. Atalanta, in der Hoffnung, Arsamene für sich zu gewinnen, erzählt Romilda, dass Arsamene in ein anderes Mädchen verliebt ist, was Romilda aber nicht glaubt.

Akt 2

Als Blumenverkäuferin verkleidet, um die Botschaft seines Meisters zu übermitteln, zeigt Elviro deutlich, dass er den Entschluss des Königs, Romilda zu heiraten, nicht billigt, da sie aus dem einfachen Volk stammt. Prinzessin Amastre, in ihrer Verkleidung als Mann, hört Elviro und ist entsetzt über den Plan des Königs, eine andere zu heiraten, da er ja ihr versprochen war. Elviro übergibt den Brief an Atalanta, die verspricht, ihn Romilda zu geben. Stattdessen zeigt sie ihn dem König und sagt ihm, dass Arsamene ihn ihr geschickt hat und Romilda nicht mehr liebt. Xerxes nimmt den Brief und zeigt ihn Romilda und sagt ihr, dass Arsamene jetzt in Atalanta verliebt ist, nicht in sie. Romilda, die von dieser Nachricht erschüttert ist, lehnt dennoch die Verführungsversuche des Königs weiterhin ab. Amastre versucht, Selbstmord zu begehen, wird aber von Elviro gerade noch rechtzeitig gestoppt. Der Diener erzählt ihr, was Atalanta ihm gesagt hat, nämlich, dass Romilda sich nun dem König ergeben würde.

Matrosen salutieren der Fertigstellung der Brücke über den Hellespont, die auf Befehl von Xerxes gebaut wurde, und er befiehlt Ariodate, die Brücke mit seiner Armee zu überqueren und Europa zu erobern. Der König findet seinen an Liebeskummer leidenden Bruder und sagt ihm, er solle sich freuen, da er Atalanta heiraten darf, aber Arsamene besteht darauf, dass die Frau, die er liebt, Romilda ist. Xerxes rät Atalanta, Arsamene zu vergessen, was ihr aber unmöglich ist. Elviro wohnt einem heftigen Sturm bei, der droht, die neue Brücke einzureißen, und er beruhigt seine Nerven mit Alkohol.

Xerxes fleht Romilda erneut an, ihn zu heiraten, aber sie bleibt in ihrer Ablehnung standhaft. Amastre greift ein und richtet ihr Schwert auf den König. Es gelingt ihr dank Romilda zu entkommen, die die Wache überzeugt, sie freizulassen. Amastre findet, Romilda sollte nicht gezwungen werden, einen Mann zu heiraten, den sie nicht liebt, und Romilda lobt diejenigen, die ihren Herzen treu sind.

Akt 3

Romilda und Arsamene entdecken, dass Atalanta hinter ihrem Rücken intrigiert hat, um sie zu trennen. Xerxes beginnt Romilda zu bedrohen, sie stimmt verängstigt zu, ihn zu heiraten, wenn ihr Vater seine Erlaubnis gibt. Arsamene macht ihr dafür bittere Vorwürfe. Als der König Ariodate findet, fragt er ihn noch einmal, ob er glücklich ist, dass seine Tochter jemanden heiratet, der dem König gleichgestellt ist. Der Kommandant denkt, dass er Arsamene meint und gibt gerne seine Zustimmung. Als Xerxes zu Romilda zurückkehrt, erzählt sie ihm, dass Arsamene sie liebt und sie auch schon geküsst hat. Wütend befiehlt der König, seinen Bruder zu töten. Amastre bittet Romilda, einen Brief an den König zu schicken, und überzeugt sie, dass der Brief ihrer Sache helfen wird, und die verstoßene Prinzessin beklagt ihr Los. Romilda versucht, Arsamene vor der Gefahr zu warnen, der er ausgesetzt ist, aber er gibt ihr die Schuld für seine Verurteilung.

Im Tempel der Sonne wartet Ariodate auf die Braut und den Bräutigam. Als Romilda und Arsamene ankommen, ermahnt er sie zur Eile, damit die Hochzeit sofort gefeiert werden kann. Xerxes tritt ein, bereit, Romilda zu heiraten, und ist wütend, als er entdeckt, dass es zu spät ist, da Ariodate seine Tochter bereits mit Arsamene verheiratet hat. Der König prangert seinen Kommandanten an und ist noch wütender, als er den Brief von Amastre erhält, der ihn der Untreue beschuldigt. Xerxes befiehlt Arsamene, Romilda zu töten, aber Amastre tritt vor und offenbart ihre Identität. Beschämt wünscht der König seinem Bruder und Romilda Glück in ihrer Ehe und willigt ein, Amastre zu heiraten.

1° Xerxes der Persier

Die Figuren von Händels Xerxes basieren lose auf Herodots Beschreibung des persischen Königs Xerxes und seinem Feldzug gegen Griechenland. Seine Bewunderung für eine Platane, sein Bruder Arsamene und die Prinzessin Amastre sind auf historische Gegebenheiten zuraückzuführen. Er wollte auch eine Brücke über den Hellespont bauen, aber seine Baumeister konnten mit den üblichen Materialien keinen Erfolg erzielen. Als Gegenmaßnahme musste das raue Meer von 300 Mann bestraft werden. Sie peitschten das Wasser, denn Xerxes war entschlossen, einen Durchgang über die Meerenge zu erhalten.

Das Libretto konzentriert sich jedoch auf die fiktive Liebesgeschichte in Xerxes' Umfeld. Der König spielt selbst eine bedeutende Rolle, da seine Invasion in Griechenland ihm neue Liebhaberinnen zu seiner Eroberung bescheren sollte. Unterstützt von Intrigen, Crossdressing und in die Irre geführten Briefen verfolgen und erreichen die Protagonisten eher romantische Ziele als Ruhm für das Persische Reich.

Im Programmheft zur Premiere 1738 wurden die historischen Freiheiten des Librettos offengelegt: „Der Inhalt dieses Spiels ist so absolut einfach, dass es den Leser nur belästigen würde, gäbe man ihm eine lange Erläuterung zur Erklärung. Manche Blödheiten und die Kühnheit von Xerxes (wie beispielsweise seine tiefe Liebe zu einer Platane und der Brückenbau über den Hellespont, um Asien und Europa zu verbinden) sind die Grundlage der Geschichte; der Rest ist Fiktion.”

2° Ungewohnte Strukturen

Die Oper experimentiert mit neuen Ansätzen der musikalischen Dramaturgie. Auch wenn es sich um eine Opera Seria in tre atti handelt, laden die Mehrdeutigkeiten der Handlung zu komischen und satirischen Elementen ein und lockern die übliche Seriastruktur. Das Publikum bei der Premiere wusste nicht, wie das einzuordnen war. Es wird keine heroische Geschichte vorgestellt und entwickelt. Im Mittelpunkt der Handlung stehen vielmehr die Handelnden selbst mit ihren Absichten und Gefühlen.

Die Musik war anders als die, die das Publikum gewohnt war. Statt lang anhaltender da capo-Arien, in denen die Protagonisten über ihr Schicksal reflektieren, gibt es viele kurze Arien und konzise Rezitative. Diese treiben die Handlung auf eine Weise voran, die sich damals zu schnell anfühlte.

3° Schwerfällige Kostüme

Bei all seinen musikalischen Innovationen wusste Händel nicht zu stören, was das Publikum am meisten wollte - extravagante Kostüme. Trotz ihrer Umständlichkeit mussten Männer die Rüstung eines römischen Kapitäns tragen, und Frauen Reifröcke mit langen Schleppen, die von der französischen Mode inspiriert waren. All dies und noch mehr wurde von den Sängern ertragen und vom Publikum genossen, als Xerxes 1738 im Queen's Theatre in London uraufgeführt wurde.

Gesine Völlm aus Deutschland hat die Kostüme an der Oper am Rhein entworfen. „Xerxes' eigene opulente Kostüme wechseln so oft wie seine Taktiken, was seinen Gegnern wenig Zeit zur Ruhe lässt. Daraus ergibt sich eine „barocke Muppet Show", wie der gefeierte norwegische Regisseur Stefan Herheim seine spektakuläre Produktion beschreibt.

4° Nach den Sternen greifen

Die meisten Hauptfiguren Händels sind für hohe Stimmen komponiert, in der Regel direkt für Kastraten. Einer der berühmtesten von ihnen war Farinelli, der eine Entourage von weiteren Gesangsstars um sich scharte. Nachdem der Sänger London verließ und nach Madrid ging, wurde seine Position durch den Kastraten Gaetano Majorano ersetzt, der den Künstlernamen "Caffarelli" erhielt. Er war es, der die Rolle des Serse zum ersten Mal verkörperte. Wie bei allen Kastraten waren sein Auskommen und sein Status gesichert, sobald er in der Opernwelt Fuß gefasst hatte. Die Gesellschaft hat die Kastraten im Allgemeinen ausgegrenzt - ein einsames Schicksal erwartete alle, die auf der Bühne keinen Eindruck hinterließen, und das ohnehin nur, wenn sie ihre Kastration überlebten.

Komponisten hörten im 19. Jahrhundert auf, Rollen für Kastraten zu schreiben, Sängerinnen übernahmen weitgehend die heroischen Figuren des alten Repertoires. Seit dem Aufkommen der historischen Aufführungspraxis ersetzen Counter-Tenore Stück für Stück Frauen in diesen Rollen. Die Inszenierung der Oper am Rhein besteht aus einer gemischten Besetzung von Counter-Tenören und Sopranen, die den für die Oper erforderlichen hohen Stimmumfang klanglich vielfältig gestaltet.

5° Liebe fällt nicht weit vom Stamm

Trotz der komischen Elemente in der Oper und dem Crossdressing hat die Musik alle würdevollen Eigenschaften einer Opera seria, beginnend mit Serses inzwischen kanonischen 'Ombra mai fu'. In dieser Eröffnungsarie verehrt der König eine Platane, die ihm Schatten spendet, und er klingt nicht weniger angetan als wenn er über eine Frau singen würde, die er zutiefst liebt. An diese Vermischung der Genres nicht gewöhnt, hatte das Premierenpublikum Schwierigkeiten, die satirischen Aspekte zu würdigen. Aber im Laufe der Zeit wurde Händel als Genie des Humors angesehen, weil er absurde Situationen mit heroischen Melodien verband. ‘Ombra mai fu' ist klar, majestätisch und zeitlos. Die Arie ist nahezu identisch mit der Eröffnungsarie aus Giovanni Bonocinis Xerse, die 45 Jahre vorher komponiert wurde.