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Tristram Kenton

Opera North | Phoenix Dance Theatre

Le Sacre du printemps

Ein neuer, begeisternder Blick auf einen Grundstein der Moderne

Tanz | Stravinsky

Figuren aus der Folklore Haitis erwachen zum Leben und erzählen ihre Geschichte von Ritualen, Zeremonien und Festen. Alle warten darauf, vom weiblichen Geist Erzuli besiegt zu werden. Wer ist der oder die Auserwählte?

 

Der international gefeierte haitianische Choreograf Jeanguy Saintus inszeniert Le Sacre du printemps (Das Frühlingsopfer) neu in der ersten Zusammenarbeit der Opera North mit dem zeitgenössischen Tanzensemble Phoenix Dance Theatre. Zu Strawinskys bahnbrechender Partitur unterläuft Saintus' Neuinterpretation die Vorstellung der ursprünglichen Erzählung vom weiblichen Opfer und nähert sich dem Werk durch seine eigenen Wurzeln, indem er eine gemeinsame Vodou-Erfahrung mit den Tänzer:innen schafft.

Aufgezeichnet am 16. Februar 2019, Leeds Grand Theatre. Opera North in Zusammenarbeit mit Phoenix Dance Theatre.

Verfügbar von
23.07.2021 um 19:00 MEZ

bis
23.01.2022 um 12:00 MEZ

TänzerinnenManon Arianow
Natalie Alleston
Carmen Vasquez Marfil
Carlos J. Martinez
Michael Marquez
Vanessa Vince-Pang
Prentice Whitlow
Aaron Chaplin
OrchesterOrchester der Opera North


MusikIgor Stravinsky
Musikalische LeitungGarry Walker
KostümeYann Seabra
LichtRichard Moore
ChoreografieJeanguy Saintus
Proben- und TourneeleiterinTracy Tinker
Mit Genehmigung von Boosey & Hawkes Music Publishers Ltd

Teil I : Die Anbetung der Erde
Introduktion
Vorboten des Frühlings – Tanz der jungen Mädchen
Entführungsspiele
Frühlingsreigen
Spiele der rivalisierenden Stämme
Prozession des alten Weisen
Kuss der Erde
Tanz der Erde

Teil II : Das Opfer
Introduktion
Mystischen Reigen der jungen Mädchen
Verherrlichung der Auserwählten
Anrufung der Ahnen
Rituelle Handlung der Ahnen
Opfer

Das Frühlingsopfer: Eine Einführung

Eines der einflussreichsten Musikstücke und kulturellen Ereignisse des frühen 20. Jahrhunderts war zweifelsohne Strawinskys Frühlingsopfer (Le Sacre du printemps). Erfahren Sie mehr über das Stück, von der berüchtigten Uraufführung bis zur Produktion der Opera North in Zusammenarbeit mit dem Phoenix Dance Theatre.

Wie entstand Das Frühlingsopfer?

Das Frühlingsopfer wurde von Igor Strawinsky geschrieben, der zu dieser Zeit noch recht jung und relativ unbekannt war. Er war vom russischen Impresario Sergei Diaghilev in Paris entdeckt worden und hatte bereits zwei Ballettmusiken für Diaghilevs eigene Kompanie Ballets Russes komponiert: Der Feuervogel (1910) und Petruschka (1911).

Der dritte Auftrag - Das Frühlingsopfer (mit dem Untertitel „Bilder aus dem heidnischen Russland‟) - war eine ziemliche Abweichung von dem, was zuvor geschehen war. Das Konzept kam Strawinsky nach eigenen Worten folgendermaßen in den Sinn:

Ich sah in meiner Vorstellung einen feierlichen heidnischen Ritus: alte Weise, die in einem Kreis sitzen und einem jungen Mädchen zusehen, das sich zu Tode tanzte. Sie opferten sie, um den Gott des Frühlings zu besänftigen.

Daraufhin wandte er sich an den auf heidnische Themen spezialisierten Maler Nicholas Roerich, um mit ihm gemeinsam das Szenario zu erarbeiten - zwei Teile, unterteilt in eine Reihe von Episoden, die verschiedene Rituale darstellen. Als Choreograph wurde der gefeierte Tänzer Vaslav Nijinsky engagiert, obwohl sein letztes Werk, das Ballett L'après-midi d'un faune (Nachmittag eines Fauns) nach Debussys gleichnamigen symphonischen Dichtung kontroverse Reaktionen hervorgerufen hatte.

Gab es bei der Premiere wirklich Krawalle?

Die Uraufführung des Frühlingsopfers 1913 in Paris ist als eine der größten Theaterskandalen des 20. Jahrhunderts in die Geschichte eingegangen. In seiner Autobiografie von 1936 erinnert sich Strawinsky daran, dass schon nach den ersten Takten „höhnisches Gelächter‟ einsetzte und sich die Dinge schnell zu einem „furchtbaren Tumult‟ steigerten.

Ob es die radikale Musik oder Nijinskys kantige und bodenständige (statt in der Luft schwebende) Choreografie war - oder beides -, die die Vorstellung des Publikums von dem, was Ballett sein sollte, verletzte, ist unklar. Auf jeden Fall verließ Strawinsky seinen Platz, um von den Seitenflügeln aus zuzusehen, wo Nijinsky auf einem Stuhl stand und den Tänzer:innen Nummern zurief, die sie vor lauter Chaos im Zuschauerraum nicht mehr hören konnten. Währenddessen befahl Diaghilew offenbar immer wieder den Elektrikern, das Licht an- oder auszuschalten, in der Hoffnung, auf diese Weise dem Lärm ein Ende zu setzen.

Warum war die Partitur so revolutionär?

Als das Frühlingsopfer uraufgeführt wurde, kannte das Publikum so etwas noch nicht - in Rhythmus, Betonung und Tonalität war das Werk bahnbrechend. Strawinsky schrieb:

Hinter dem Frühlingsopfer steckt sehr wenig unmittelbare Tradition - und keine Theorie. Ich hatte nur mein Ohr, um mir zu helfen; ich hörte und ich schrieb, was ich hörte. Ich bin das Gefäß, durch welches das Opfer ging.

Das warf damals mehr als nur ein paar Probleme auf. Strawinsky fand es schwierig, Musik von solcher rhythmischen Komplexität zu notieren und auf dem Papier auszudrücken, was er meinte, und die ursprünglichen Orchestermusiker mussten gebeten werden, in den Proben nicht mehr zu unterbrechen, wenn sie glaubten, Fehler gefunden zu haben.

Für unser heutiges Ohr klingt es immer noch radikal - es ist eine ewig moderne Partitur. Das Stück beginnt mit einer Fagottmelodie, die in einem hohen Register gespielt wird (wodurch das Instrument zunächst schwer zu identifizieren ist), was fremdartig und verstörend klingt. Darauf folgt der erste Tanz, der durch einen wiederholten, stampfenden Akkord gekennzeichnet ist, wobei sich der Betonungsschlag ständig verschiebt. Der abschließende „Opfertanz‟ ist stark perkussiv. Der Dirigent der Produktion, Garry Walker, sagt:

Die Rhythmen vom Frühlingsopfer sind sehr elementar. Man muss einfach dazu tanzen - es ist fast hypnotisch.

Wie sieht diese Choreographie aus?

Opera Norths Frühlingsopfer, in Zusammenarbeit mit dem Phoenix Dance Theatre, wurde vom in Haiti geborenen Jeanguy Saintus choreografiert. Er weicht von Strawinskys ursprünglicher Opfererzählung ab, die er aus heutiger Sicht als sexistisch empfindet. Stattdessen nähert er sich dem Werk über seine eigenen kulturellen Wurzeln und lädt die acht Tänzer des Phoenix Theatre ein, den haitianischen Vodou mit seinen Geistern und Ritualen zu ergründen:

Ich sagte mir, anstatt ein Mädchen oder eine Frau zu opfern, warum stellen wir uns das Ritual nicht als eine Art Rufen und Antwort vor, als ein Geben und Nehmen zwischen dem Reich der Menschen und den „Unsichtbaren‟ (vermittelnde Geister zwischen dem Schöpfer und der Welt im haitianischen Vodou)? Warum geben wir nicht ein „Versprechen‟ als Opfergabe?

Jeder dieser Geister hat einen unverwechselbaren Charakter und eine Persönlichkeit, und das Publikum wird sie durch die Choreographie kennenlernen und wiedererkennen. Die Idee eines zentralen Kreises, der im haitianischen Vodou wichtig ist, ist ebenfalls prominent. Durch die Darstellung dieser Erzählungen fordert Saintus' Arbeit die düsteren westlichen Stereotypen heraus, die oft mit Vodou assoziiert werden, und präsentiert diese Rituale stattdessen in einem neuen, festlichen Licht..

Und wie sehen die Kostüme aus?

Die Kostüme von Yann Seabra für unser Frühlingsopfer sind unglaublich farbenfroh - mit unterschiedlichen Farben, die die verschiedenen Geister darstellen. Männliche und weibliche Tänzer tragen anfangs das Gleiche, aber diese Kostüme werden im Laufe des Stücks mit wallenden Röcken ergänzt.

Am auffälligsten ist, dass die Tänzer:innen jeweils zu ihrem Hautton passende Handschuhe tragen, die dann in Farbe getaucht wurden, so dass die Illusion von bemalten Händen entsteht.