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Andrew Shore, John Graham-Hall - photo: Hugo Glendinning

Death in Venice: Die verwobenen Leben von Mann und Britten

Manns „Tragödie der Entwürdigung‟

Die 1912 kurz vor dem Ersten Weltkrieg veröffentlichte klassische Novelle Tod in Venedig des deutschen Nobelpreisträgers Thomas Mann ist die ultimative Erforschung der Spannung zwischen apollinischer Rationalität und dionysischer Leidenschaft, die die westliche Kultur von Platon über Schelling bis hin zu Nietzsche geprägt hat.

Der Protagonist der Novelle, der bekannte Schriftsteller Gustav von Aschenbach, leidet unter einer Schreibblockade und besucht Venedig. Dort verstrickt er sich zunehmend in seine Besessenheit von einem schönen Jungen namens Tadzio, dem er sich nie zu nähern wagt. Aschenbach entwickelt sich von einem Bollwerk der Moral zu einem Bollwerk der emotionalen Raserei. Jahre später nennt Mann sein Werk eine „Tragödie der Entwürdigung‟.

Die Novelle ist zum Teil autobiografisch: Zahlreiche Begebenheiten, darunter die folgenschwere Begegnung mit dem jungen polnischen Baron Władysław (Adzio) Moes, gehen auf die Reise der Familie Mann nach Venedig im Jahr 1911 zurück. Selbst die in der Novelle zitierten literarischen Werke Aschenbachs decken sich mit den bereits vollendeten oder geplanten Werken Thomas Manns.

Es ist sicher gut, daß die Welt nur das schöne Werk, nicht auch seine Ursprünge, nicht seine Entstehungsbedingungen kennt; denn die Kenntnis der Quellen, aus denen dem Künstler Eingebung floß, würde sie oftmals verwirren, abschrecken und so die Wirkungen des Vortrefflichen aufheben.

Thomas Mann, Der Tod in Venedig

Unerwartete Überschneidungen...

Britten hatte lange darüber nachgedacht, eine Oper zu Der Tod in Venedig zu komponieren, da er den Autor für eine zentrale Figur der modernen europäischen Literatur hielt. Wenn auch Mann und Britten auf den ersten Blick in unterschiedlichen künstlerischen und persönlichen Welten zu leben scheinen, so gibt es in der Tat erhebliche Überschneidungen zwischen ihren jeweiligen Lebenswelten. Brittens enger Freund, der Dichter W.H. Auden, heiratete 1935, genau in dem Sommer, in dem sie sich kennen lernten, Manns älteste Tochter Erika. Auch wenn die Verbindung eine Vernunftehe zwischen zwei homosexuellen Künstlern war, die es der politisch engagierten Kabarettistin Erika Mann ermöglichte, dem Naziregime zu entkommen, so ließen sie sich dennoch nie scheiden und blieben lebenslange Freunde.

Als Britten und sein Partner, der Tenor Peter Pears, 1939 für eine Weile in die Vereinigten Staaten emigrierten, lebten sie schließlich mit einer Gruppe Exilkünstler*innen in Brooklyn Heights, darunter waren Auden, Erika Mann und ihre Brüder Golo und Klaus, die selbst Schriftsteller waren. Es ist zwar nicht dokumentiert, ob Thomas Mann, der zu dieser Zeit in Princeton, New Jersey, lebte, Britten getroffen hatte, obwohl es angesichts ihrer gegenseitigen Verbindungen wahrscheinlich ist. Damals schien Mann von Britten nicht allzu beeindruckt zu sein. In einem Brief von 1948 erinnert er sich: „Der junge Musiker scheint damals nicht den Eindruck eines Genies gemacht zu haben. Es war wohl die Geschichte vom hässlichen jungen Entlein.‟

1970 wandte Britten sich an Golo Mann, um Tod in Venedig endlich in eine Oper zu verwandeln, und erhielt eine herzerwärmende Bestätigung über die Wertschätzung Golo Manns Vaters für seine Musik.

Meine alte Mutter, ich und alle Beteiligten würden sich freuen, wären glücklich, wären begeistert, wenn Sie dieses Projekt realisieren könnten. Muss ich darauf hinweisen und erklären, warum es so ist? Mein Vater pflegte im Übrigen zu sagen, dass, wenn es jemals zu einer musikalischen Illustration seines Romans Doktor Faustus käme, Sie der Komponist wären, der das machen sollte [...] eine Oper Tod in Venedig von BB hätte den Autor von Tod in Venedig glücklich gemacht.

Golo Mann, Brief vom 14. September 1970

Gleichzeitig teilte Golo Mann Britten mit, dass Luchino Visconti an einer Verfilmung arbeite. Visconti hatte beschlossen, aus Aschenbachs Figur einen Komponisten zu machen, wobei er die Anspielungen Manns auf Gustav Mahler, enthalten in seinen Namen und seinem beschriebenen Aussehen, noch verstärkte. So suggestiv der Film sonst auch sein mag, verzerrt diese Umsetzung Manns Reflexion über Aschenbachs Konflikt zwischen der apollinischen Vernunft und der dionysischen Leidenschaft. Man kann argumentieren, dass die Musik dem dionysischen Geist von Anfang an innewohnt.

Vom Buch zur Bühne

Britten und seine langjährigere Librettistin Myfanwy Pipe schildern diesen inneren Konflikt in einer Traumszene, in der die Götter Apollon und Dionysos gemeinsam in einem Wettstreit gegeneinander antreten, in dem Apollon besiegt wird, was den endgültigen Niedergang Aschenbachs besiegelt. Alles in allem würde sich Brittens und Pipers Adaption als viel getreuer erweisen, da sie auf einem schmalen Grat zwischen Manns ursprünglichen Rahmen und Ästhetik sowie wichtigen Änderungen für die Bühne, verläuft. Sie strafften die Handlung, indem sie den Beginn von Aschenbachs Urlaub an der Adriaküste übersprangen.

In einem inspirierten dramaturgischen Schachzug mischen sie vier der ominösen Figuren der Novelle, die den Tod symbolisieren - den Reisenden, den älteren Gecken, den alten Gondoliere und den Anführer der fahrenden Gaukler - zu einer einzigen Baritonrolle. Indem sie auch Dionysos sowie den Hotelmanager und den Barbier einbeziehen, die beide unfreiwillig Aschenbachs Ruin heraufbeschwören, schufen Piper und Britten gegenüber Aschenbach eine substanzielle Rolle, die sonst einem Monolog gleichgekommen wäre.

Pipers Intuition, die Rolle des Tadzio als stummen Tänzer zu besetzen, erwies sich als ein Geniestreich, der Manns Absicht perfekt umsetzte. Indem er Britten eine ergänzende visuelle Ausdrucksform anbietet, wird Tadzio von seinem weltlichen Status abgehoben, um die Idee der Schönheit durch Bewegung zu verkörpern.

Ich verfolgte die Aufführung höchst ergriffen und empfand die Oper als dem Roman ebenbürtig. Die Interpretation von Aschenbach durch Peter Pears fand ich ausgezeichnet [...] die Idee, dass Tadzio nicht spricht (bzw. singt), sondern nur durch seine Erscheinung, seine Persönlichkeit und seine Bewegung wirkt, finde ich ganz und gar ideal.

Thomas Manns Witwe Katia, in einem Brief an Britten vom 8. November 1973, nach dem Besuch der Londoner Premiere

Der diskrete und kontrollierte Britten, nach außen hin so apollinisch wie Mann selbst, erwies sich als vollkommen fähig, die uralte Antinomie zwischen Vernunft und Leidenschaft auf den Punkt zu bringen.