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Stephanie Corley (Gayle), Ross Ramgobin (Yuri) - photo: Donald Cooper

The Ice Break: Eine prophetische Oper für die Gegenwart

Der britische Komponist Michael Tippett (2. Januar 1905 - 8. Januar 1998) ist vielleicht nicht jedem ein Begriff, doch verdient es sicherlich, heute wieder entdeckt zu werden. Zu seinen Lebzeiten galt er als führender britischer Komponist auf Augenhöhe mit seinem Zeitgenossen Benjamin Britten. Im 21. Jahrhundert wird sein Werk jedoch seltener aufgeführt.

Die Aufführung von The Ice Break durch die Birmingham Opera Company im Jahr 2015 ist ein wichtiger Schritt zur Wiederbelebung von Tippetts Musik. The Ice Break wurde in den 70er Jahren geschrieben und ist seit der Uraufführung 1977 fast vergessen. Die kühne Inszenierung des künstlerischen Leiters Graham Vick beweist nun, dass es unklug war, die Oper zu früh zu vernachlässigen. Vick, der für seine experimentellen Inszenierungen bekannt ist, entwarf ein Konzept, das die utopische Kraft der Oper widerspiegelte und ihre eindringliche politische Relevanz hervorhob.

Vick nennt es ein „visionäres Meisterwerk‟, aber das war weder bei der Uraufführung noch bei der Wiederaufnahme 1979 klar. Vick macht daraus ein stärkeres Plädoyer, als ich es für ein Stück, das aus den 1970er Jahren zu stammen schien, für möglich gehalten hätte.

Hugh Canning, The Sunday Times

In der Tat überwindet The Ice Break seinen historischen Kontext, um eine universelle, humanistische Botschaft der Bewältigung der sozialen Zersplitterung entlang generationen-, rassen- und geschlechtsspezifischer Verwerfungen zu vermitteln. Bereiten Sie sich darauf vor, unvorbereitet in Tippetts Universum einzutauchen. Seine poetische Handlung bricht absichtlich mit dem Realismus, was eine gute Dosis Aussetzung des Unglaubens in diesem Prozess erfordert. Die Geschichte beginnt auf einem Flughafen und mündet in eine Reihe von rassistischen Angriffen und Ausschreitungen. Wenn man die Aufführung 5 Jahre später im Lichte von Black Lives Matter sieht, ist es erstaunlich, wie aktuell die Oper heute erscheint.

Niemand ist geeigneter, The Ice Break aufzutauen, als die Birmingham Opera Company, deren Slogan aus gutem Grund „nicht das, was man von der Oper erwartet‟ lautet. Anstatt ihr Publikum vor eine Bühne zu setzen, lädt sie es in ein leeres Lagerhaus in Birmingham ein, das sich für diesen Anlass in eine belebte Flughafenlounge, in von Krawallen zerrissene Straßen und in ein Krankenhaus verwandelt hat. Das Publikum erlebt die Oper, während es sich durch die beeindruckende Kulisse schlängelt und mit den Darstellenden interagiert.

Die Besetzung ist natürlich ebenso einzigartig. Die Produktion, die von professionellen Musiker*innen und Sänger*innen zusammen mit Hunderten von Freiwilligen aus der ganzen Region aufgeführt wurde, involvierte über 5000 Menschen, von denen 98% die Werke des Opernhauses noch nie zuvor gesehen oder möglicherweise noch nie davon gehört hatten. Über einen Zeitraum von sechs Monaten im Jahr 2015 kamen Einheimische und Künstler*innen zusammen, um die Themen der Produktion zu vertiefen - das Brechen des Eises der Gesellschaft zu erforschen und Poesie, Tanz, Musik, bildende Kunst und Film zu teilen und zu schaffen. Kein Wunder, dass die Birmingham Opera Company derzeit in der engeren Auswahl für den FEDORA-Education Prize steht.

Die Spannung in dieser Oper besteht nicht nur zwischen den Generationen, sondern auch zwischen der ersten und zweiten Generation von Einwanderern... Diese Oper spricht das an vorderster Front an, und es ist ein potentes Thema, über das man in dieser Stadt singen kann.

Graham Vick

Vicks Inseznierung gedenkt dem 30. Jahrestag der Unruhen in Birmingham 1985, als im Sommer auf den Straßen von Handsworth ein gewaltsamer sozialer Konflikt aufflammte - inmitten brennender Armut, einer Arbeitslosenquote von über 50% unter schwarzen Jugendlichen und immer schlechter werdenden Beziehungen zwischen der Polizei und der Gemeinde. Die Inszenierung erforscht Auffassungen zu Rasse, Konflikt und Gesellschaft und unterstreicht die anhaltende gesellschaftliche Relevanz der Oper. Indem sie die Zersplitterung der Menschheit durch die seismischen Veränderungen in der Identitätspolitik poetisch darstellt, argumentiert sie für die Notwendigkeit, über die wahrgenommenen Unterschiede hinaus zu heilen und sich zu vereinen. Ihre Botschaft könnte heute nicht dringlicher sein.