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Marc Ginot

Gegen die Gleichgültigkeit

Ein Gespräch mit Marie-Ève Signeyrole

Vor drei Jahren, zur Weihnachtszeit, wollte ich mich nützlich machen. Ich ging in eine Suppenküche in meiner Nachbarschaft. Die verantwortliche Person erklärte mir, dass es zu spät sei, sich freiwillig zu melden, dass man als Freiwilliger nicht improvisieren könne. Da ich die Suppe nicht servieren konnte, wurde mir geraten, zu bleiben und mit den Leuten zu sprechen. So kam ich am nächsten Abend zurück, diesmal mit jemandem, der mich begleitete. Abend für Abend begannen wir mit den Freiwilligen und Bedürftigen zu sprechen. Wir stellten fest, dass das Gespräch fast genauso wichtig war wie das Essen, ebenso wie die tägliche Begegnung mit jemandem zu einer festen Zeit. Suppe ist auch eine Antwort auf die Einsamkeit. Die Geschichten, die wir Nacht für Nacht sammelten, wurden zum Rohmaterial für diese Vorstellung.

Unter den verschiedenen Suppenküchen, die wir in Paris beobachteten, erregte eine ganz besonders unsere Aufmerksamkeit: unter freiem Himmel, vor einer Kirche. Offensichtlich waren die Freiwilligen dieser „Suppe‟ alle Mitglieder der Gemeinde dieser Pfarrei. Es gab eine interessante Beziehung zwischen religiösen und ehrenamtlichen Tätigkeiten. Wir hatten den Wunsch, das Plateau der Comédie (das historische Operngebäude in Montpellier, adÜ) zu entdecken, um diese „Freiluftkapelle‟ zu verwirklichen. Je mehr wir die Empfänger*innen dieser Suppe kennen lernten, je mehr wir sie erlebten, desto mehr fragten wir uns: der soziale Abstieg, die die Bedürftigen getroffen hatte, könnte er uns nicht auch treffen? Ich denke, die Idee, eine partizipative, immersive Show zu machen, bei der sich das Publikum auf der Bühne trifft, um eine Schüssel Suppe mit den Schauspieler*innen zu teilen, rührte daher. 

Einige Szenen in der Show können heftig sein. Ich glaube nicht, dass Gewalt nur auf der Straße stattfindet. Sexistische und homophobe Äußerungen sind heute auch im politischen Diskurs im Parlament sehr präsent. Es mag paradox erscheinen, in dieser Festzeit ein eher düsteres und ironisches Spektakel zu präsentieren. So wie die Suppe eine Antwort auf Armut und Einsamkeit ist, so ist das Theater eine Antwort auf die Gewalt der heutigen Gesellschaft, ein Widerstand gegen das Vergessen. Zu keinem Zeitpunkt sollten wir unsere Position als Künstler*innen oder Zuschauer*innen mit der Position derjenigen verwechseln, die wir bei diesen „Suppen‟ getroffen haben. Aber durch Emotionen, Worte, Musik bietet uns das Theater auch die Möglichkeit, uns über diese alltäglichen Situationen, die wir nicht mehr sehen, erneut Gedanken zu machen.

Aufzeichnungen von Simon Hatab