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Hans Jörg Michel

Der Kaiser von Atlantis: Lachen im Weinen

Als einzige erhaltene Oper, die in einem Konzentrationslager komponiert wurde, ist es verlockend, Der Kaiser von Atlantis angesichts von Unterdrückung und Vernichtung zu einer Gedenkstätte zu erheben. Als leuchtendes Beispiel für Mut und schöpferischen Willen unter den schlimmsten Umständen verdient sie Anerkennung für ihre einzigartige Stellung im Opernrepertoire. Dies sollte jedoch ihre Besonderheit und ihren inhärenten künstlerischen Wert nicht überschatten.

Viktor Ullmann komponierte seine Opernparabel Der Kaiser von Atlantis in den Entbehrungen und Schrecken des Konzentrationslagers Theresienstadt zu einem Libretto von Peter Kien. Während das Werk von den Lagerbedingungen vom Sujet bis zur Instrumentierung bestimmt wurde, geht sein dramatisches und musikalisches Interesse über seine einzigartige Entstehungsgeschichte hinaus. 

In knapp einer Stunde erzählt die Oper auf geradlinige Weise eine komplexe Geschichte. Die „omnivore musikalische Sprache, die sich sowohl auf klassische als auch auf populäre Stile stützt‟ (Alan Kozinn, New York Times) erinnert mal an Kurt Weills Kabarettmusik, mal an den frühen Arnold Schönberg, bei dem Ullmann in Wien studierte.

Kunst als Widerstand

Der Kaiser von Atlantis erzählt die Geschichte des paranoiden totalitären Kaisers Overall, der den Krieg mit einer solchen Leidenschaft führt, dass sogar der Tod beschließt, sich gegen ihn zu stellen. Durch die stille Akzeptanz der Massen an Ort und Stelle gehalten, verlieren die Fäden des kaiserlichen Unrechtssystems ihre Spannung in dem Moment, in dem der Tod ihnen widerspricht. 

Dieses allegorische Duo von Tod und Harlekin, welches das Leben darstellt, spiegelt seine Schöpfer wider, die von den Mitgefangenen als pflichtbewusst, ernst und unlustig (Viktor Ullmann) und naiv, einfallsreich und hilfreich (Peter Kien) beschrieben wurden. Ungeachtet der Absicht, die hinter dieser Ähnlichkeit steht, liegt eine symbolische Gerechtigkeit darin, dass Ullmann und Kien das, was ihnen im wirklichen Leben nicht möglich war, in Kunst umsetzen konnten. 

Ihr künstlerischer Ausdruck war ein Mittel des Widerstands, mit dem sie ihre Menschenwürde bekräftigten und ihren Lebenswillen zum Ausdruck brachten. Damit bewiesen sie, dass sie der europäischen kulturellen Tradition angehörten, aus der sie von den Nazis so brutal herausgerissen wurden.

Zu betonen ist nur, dass ich in meiner musikalischen Arbeit durch Theresienstadt gefördert und nicht etwa gehemmt worden bin, dass wir keineswegs bloss klagend an Babylons Flüssen sassen und dass unser Kulturwille unserem Lebenswillen adequat war.

Viktor Ullmann, „Goethe und Ghetto“

Tragischerweise wurde dieser Wille viel zu früh vernichtet. Obwohl die Proben in vollem Gange waren, wurde das Projekt aus unbekannten Gründen vor der geplanten Premiere abgebrochen. Am 16. Oktober 1944 wurden Viktor Ullmann und sein Librettist Peter Kien im Rahmen der sogenannten „Künstlertransporte‟ nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Ein wichtiges Erbe

Auch wenn die Schöpfer von Der Kaiser von Atlantis wie die meisten ihrer Mitstreiter getötet wurden, lebt ihr Vermächtnis weiter. „Es ruft uns dazu auf‟, meint Dramaturgin Anna Grundmeier, „wie der Harlekin dem Schicksal ins Gesicht zu lachen; wie der Tod das Unrecht nicht widerspruchslos hinzunehmen und sich gegen Willkür und Terror zu stellen.‟

Während „Lautsprecher‟ wieder einmal aufrührerische Parolen an ein jubelndes Publikum verteilen und „Trommler‟ durch das Versprechen einfacher Lösungen für komplexe Probleme ein großes Publikum anlocken, sollten wir der Deutschen Oper am Rhein dafür applaudieren, dass sie Der Kaiser von Atlantis inszeniert hat und sich gegen Ungerechtigkeit und Populismus einsetzt.