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Courtesy of the Weill-Lenya Research Center, Kurst Weill Foundation for Music, New York

Der andere Weill

Für viele geht Kurt Weill Hand in Hand mit Bertold Brecht. Ihre gemeinsamen Werke, insbesondere Die Dreigroschenoper und Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny, sind bissige Gesellschaftssatiren, die Kapitalismus, Korruption und Wirtschaftskrisen kritisieren. In der Tat brachte die Begegnung zwischen dem jungen jüdischen Komponisten Weill und dem sozialistischen Dramatiker Brecht ein revolutionäres neues Genre des Musiktheaters hervor, das auch vor radikaler Politik und Kontroversen nicht zurückschreckte. Die Uraufführungen mit Weills Frau Lotte Lenya in der Hauptrolle machten Weill zu einem festen Bestandteil der pulsierenden Berliner Kulturszene der 1920er Jahre und zu einem der erfolgreichsten Komponisten der Weimarer Republik.
 

Courtesy of the Weill-Lenya Research Center, Kurst Weill Foundation for Music, New York

Mit dem Aufstieg des Nationalsozialismus wurden ihre Produktionen zunehmend angegriffen. Obwohl Weills Opern weiterhin populär waren, wurden ihre Aufführungen durch die Proteste der Nazis immer wieder unterbrochen und die Theaterdirektoren wurden immer unwilliger, seine Werke zu inszenieren. Wie viele andere Künstler in seiner Lage schätzte auch Weill die politischen Entwicklungen immer wieder falsch ein und glaubte, dass es schon besser werden würde. Als er schließlich erfuhr, dass er und seine Frau offiziell auf der Schwarzen Liste der Nazis standen und verhaftet werden sollten, reiste er im März 1933 nach Frankreich, in der Hoffnung, dass sein Aufenthalt in Paris nur vorübergehend sein würde. Dort arbeitete er ein letztes Mal mit Brecht an dem Ballett Die sieben Todsünden zusammen.

Weills Schaffen endete nicht mit dem Exil aus Deutschland, auch nicht mit dem Ende der Zusammenarbeit mit Brecht. Im September 1935 zog Weill mit seiner Frau nach New York, wurde 1943 eingebürgert und weigerte sich angeblich trotz seines gebrochenen Englisch, sich mit seiner Frau auf Deutsch, der „Sprache der Täter‟, zu unterhalten. 
 

Wie geht es für ihn weiter?

Dieser emotionale Bruch wurde von einem stilistischen Bruch begleitet. Die ersten Jahre in den USA waren für ihn ein Kampf, seine Stücke erfüllten nicht die Erwartungen und das Ehepaar hatte Mühe, sich selbst zu versorgen. Erst 1938 fand Weill mit seinem Musical Knickerbocker Holiday, das er zusammen mit dem Dramatiker Maxwell Anderson schrieb, Zugang zur Theaterszene am Broadway. Er arbeitete mit Ira Gershwin an dem Film Where do we go from here? und dem Musical Lady in the Dark, einer damals seltenen populären Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse. Einzigartig unter den Broadway-Komponisten seiner Zeit bestand Weill darauf, seine Orchestrierungen selbst zu komponieren. 

„Was mich betrifft, so komponiere ich für heute. Die Nachwelt interessiert mich nicht im Geringsten.‟

Kurt Weill

Viele Kritiker*innen haben Weills Frühwerk von seinem späteren, in Paris und den USA entstandenem Material abgegrenzt und die spätere Phase als oberflächlich bezeichnet. Doch Weills neuartiger musikalischer Ansatz verband sowohl kommerziellen Erfolg als auch künstlerischen Anspruch, wie in seiner 1946 entstandenen Oper Street Scene, die auf einem Stück von Elmer Rice mit Texten von Langston Hughes basiert. Für dieses Werk wurde Weill mit dem ersten Tony Award für die beste Original-Partitur ausgezeichnet. Sein Schaffen im Exil hat den Test der Zeit bestanden und die Entwicklung des amerikanischen Musicals geprägt. Auch wenn er sich vielleicht nicht für die Nachwelt interessiert hat, so interessiert sich die Nachwelt doch für ihn.