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Sören Vilks

Prima Donna, Der Sturz eines Stars

Rufus Wainwrights Hommage an die Operndiva.

Mårten Forslund, der Regisseur von Prima Donna, erläutert seine Auffassung vom Sturz eines Stars.

 

Die Primadonna, die Diva, der angebetete Star. Zu allen Zeiten war sie eng mit den darstellenden Künsten und der Musik verbunden, sowohl als Darstellerin als auch als fiktionale Figur. Als Publikum werden wir von ihrem Glanz angezogen, von der Perfektion im Ausdruck, von ihren übernatürlichen Fähigkeiten. Aber wir sind auch fasziniert von der Fallhöhe ihres Podests, fasziniert von den Opfern, die sie bringen musste, und von dem Preis, den sie bezahlt hat. Die Primadonna ist zu dieser Rolle geboren und wird gleichzeitig in sie hineingezwungen, und um sie herum befindet sich eine feste Besetzung von Nebendarstellern: die hingebungsvollen Fans und Kritiker, Kollegen und Manager, Rezensenten und Agenten, die alle ihre Rolle in dem Spektakel zu spielen haben, das die Idee des erhabenen Stars aufrechterhält.

In Rufus Wainwrights Oper Prima Donna erleben wir seine Faszination für die Diva, die Funktion, die sie in unserem Leben als Ikone, Heldin, Vorbild, Trost und Inspiration hat. Wir sehen die Welt auch aus ihrer Perspektive, wie sie gezwungen ist, den ständig wachsenden Erwartungen gerecht zu werden, die sie an sich selbst gestellt hat, und den realen und imaginären Erwartungen, die andere an sie gestellt haben. Wir begegnen ihr in einer Reihe von Situationen, umgeben von Menschen, die absurde Hierarchien und etablierte Strukturen ausleben und die ihrerseits versuchen, den ihnen zugewiesenen Rollen gerecht zu werden.

Unsere Primadonna, Régine Saint Laurent, ist ein Star, der sich im Sturzflug befindet. Ihr Leben dreht sich ganz um die Oper: Alles, was sie kann und will, ist die Ausübung ihrer Kunst. Gesang und Theater sind ihre ganze Identität. Wenn man sie ihr wegnimmt, verliert sie alles. Viele von uns können sich in ihrem Schicksal nur allzu gut wiedererkennen, nicht zuletzt während der Pandemie, die die Welt heimgesucht hat, wo so vielen Menschen Arbeit und menschliche Kontakte und damit ein großer Teil unserer Identität genommen wurden.

Für Régine werden die Erwartungen zu einem Gefängnis und die verlorene Identität zu einem schwarzen Loch. Doch irgendwo in dem Chaos spürt sie eine Chance, sich von ihrer Rolle zu befreien, sieht einen Lichtschein durch den dicken Vorhang. Und ihr Akt des Widerstands erzeugt eine Kettenreaktion, in der das Theater zusammenbrechen darf.

Hier wird die Situation der Diva zu einem Spiegel, in dem wir uns selbst entdecken können, und zu einem Vorbild für die Gestaltung unserer eigenen Identität. Eine Heldenrolle für das eigene Drama zu schaffen.

Vielleicht erklärt das, warum sie für so viele von uns fast ikonisch ist. Sie ist Opfer und Heldin, Mensch und Göttin zugleich. Und, wie wir alle, ist sie ein wenig größer als das Leben.

 

Mårten Forslund, Regisseur