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Wilfried Hösl

Der Fremde in uns

Sidi Larb Cherkaouis Inszenierung von Les Indes galantes erzählt eine Geschichte des Aufeinandertreffens von Kulturen.

In Les Indes galantes, einem 1735 komponierten französischen Barock-Opernballett, erzählt Jean-Philippe Rameau in vier verschiedenen Episoden und in ebenso vielen verschiedenen kulturellen Kontexten Geschichten über Liebe, Eifersucht und Erlösung. Wo der Komponist von der Exotik fremder Länder verführt wurde und seine Oper mit Türken, Peruanern, Persern und Indianern bevölkert, zeigt der belgische Regisseur und Choreograf Sidi Larbi Cherkaoui das Vertraute im Unbekannten.

Das Verhältnis zu fremden Kulturen in diesem Werk hat einen Hauch von Naivität. Ich liebe es, diese Naivität beizubehalten, weil sie etwas Schönes an sich hat, aber dann drehe ich sie um und vergleiche diese Kulturen viel mehr mit dem, was wir kennen.

Sidi Larbi Cherkaoui

Zusammen mit einem großen Gesangsensemble und den Tänzer*innen seiner Compagnie Eastman aus Antwerpen bringt Cherkaoui Rameaus Opernballett auf die Bühne des Prinzregententheaters in München. Cherkaoui setzt die Handlung in eine mehr oder weniger zeitgenössische Welt setzt und nähert sich ihr mit einer typisch barocken Fülle.

Cherkaoui verbindet die vier verschiedenen Episoden, die an weit entfernten Orten spielen, zu einer übergreifenden Geschichte. Die Solisten singen verschiedene Rollen, die jedoch zu einer einzigen Figur verschmelzen. „Es gibt weniger Figuren, dafür leben sie komplexere Liebesgeschichten‟, erklärt Cherkaoui. „Weil diese Liebesgeschichten vielschichtiger sind, sind sie tatsächlich realer und sie verbinden sich mehr mit dem, was Liebe heute ist.‟

Die Sopranistin Lisette Oropesa zum Beispiel verkörpert sowohl Hébé als auch Zima. Im Prolog wird die Jugendgöttin Hébé als Lehrerin dargestellt. „Sie versucht immer, die Ideen der Natur, des Friedens, der Liebe und der Harmonie hervorzubringen, denn in der Welt, die wir in dieser Oper aufgebaut haben, gibt es viele Spannungen. Die Menschen sind immer auf der Suche nach Liebe unter kulturellen Spannungen‟, sagt Oropesa. 

Da in diesem Opernballett die Bewegung eine zentrale Rolle spielt, ist Cherkaoui besonders auf den Rhythmus bedacht. Das Bühnenbild wechselt über den Tanz, da dieser die Bühnenausstattung gegen Ende jedes Aktes bewegt. Die Szenerie des folgenden Aktes wird in fließenden Übergängen vor dem Ende des vorhergehenden Aktes aufgebaut. Dies bricht nicht nur mit der Idee eines einzigen Raumes, sondern unterstreicht auch die Kontinuität des Themas zwischen verschiedenen Akten. Auch wenn wir von einem Kontinent zum anderen gebracht werden, bleiben wir unserem Thema treu: der Liebe.

Im zweiten Akt, zum Beispiel, verwandelt Cherkaoui den Inkapriester Huascar frech in einen katholischen Priester. Als dieser ein Ballett von Paaren heiratet, sehen wir, wie er einem schwulen Paar seinen Segen verweigert. Hier zeigt sich die für Cherkaouis Werk charakteristische scharfe Religionskritik.

Wenn Sie sich mit anderen Kulturen vergleichen, stellen Sie fest, dass Sie genauso sind wie sie. Sie haben den gleichen Handlungsrahmen. Was immer ihnen passieren wird, könnte auch Ihnen passieren.

Sidi Larbi Cherkaoui

Mit dem explosiven Titel Die Wilden zeigt Akt IV Migranten, die in als Putzkräfte tätig sind. Einmal choreographiert Cherkaoui den außergewöhnlichen Soloakt eines Reinigungstänzers um seinen Besen, und dort das Ballett einer Menschenkette, die sich wie in einer Kette von fallenden Dominosteinen bewegt.

Als Lisette Oropesa in der Rolle der Zima auf die Bühne zurückkehrt, ist sie immer noch eine Lehrerin. „Inzwischen ist mit unserer Flüchtlingsgruppe viel passiert,‟ erklärt Oropesa. „Mehrere verschiedene ethnische Gruppen sind in einen Konflikt verwickelt, und die Welt ist im Grunde zerstört. Zima versucht immer noch, diesen kleinen Kindern beizubringen, wie sie in dieser Welt voller Gewalt weiterleben können.‟

Die übergreifende Aussage, ist nicht so sehr eine verkürzende oder pessimistische Weltsicht als vielmehr eine bunte Darstellung der Menschlichkeit. Die Tänze sind zusätzliche Charaktere in dieser Vision. „Alle diese Sängerinnen und Sänger‟, so Cherkaoui, „sind Facetten unserer eigenen Menschlichkeit. Und ich glaube, die Tänzer sind es auch. Selbst wenn sie nichts sagen, sind sie sehr wichtig, denn manchmal sind es die Menschen in Ihrem Leben, die am wenigsten sagen, die am meisten bewirken‟.

Durch die Sprachen der Musik und des Tanzes erzählt Cherkaouis Inszenierung von Les Indes galantes eine Geschichte des Aufeinandertreffens von Kulturen und letztlich eine Geschichte über uns.