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Elsa Dreisig, Staatsoper Hamburg (Photo: Brinkhoff-Moegenburg)

Die starken Frauen der Oper: Manon

Die Oper ist sicherlich nicht die schmeichelhafteste Kunstform, was die Frauen angeht. Zwischen Opfern, Vergewaltigungen, Zwangsheiraten, Krankheiten, Selbstmorden und Morden werden Frauen oft als hilflose Opfer eines Schicksals dargestellt, das zwar schön und tragisch ist, aber außerhalb ihrer Kontrolle liegt. In dieser Hinsicht spiegelt die Oper natürlich oft ihre Entstehungszeit wider. Rebellische Frauen erhalten für gewöhnlich ihre wohlverdiente Strafe im letzten Akt, denken Sie nur an Carmen oder Violetta in La traviata.

Diese Artikelserie ist den starken Frauenfiguren der Oper gewidmet. Nach den Portraits von Mařenka aus Smetanas Die verkaufte Braut und die Prinzessin aus Puccinis Turandot beleuchten wir Manon aus Massenets gleichnamiger Oper.

3. Die Titelfigur in Massenets Manon

Manons einzigartiger Lebensweg könnte den strengen gesellschaftlichen Erwartungen, die an die Frauen ihrer Zeit gestellt werden, nicht fremder sein. Bereits im Alter von sechzehn Jahren bricht sie aus dem für sie vorgesehenen behüteten Leben aus und flieht auf dem Weg ins Kloster mit dem gutaussehenden Chevalier Des Grieux. Trotz ihrer aufrichtigen Liebe zu ihm verlässt sie ihn schließlich für ein Leben in Reichtum und Luxus, nur um später ihre Beziehung zu ihm wieder aufleben zu lassen.

Im Laufe der Oper zeigt Manon viele Gesichter, einige davon sind real, andere sind Masken. Als mysteriöses Wesen, als Sphinx und Sirene, wird sie oft entweder als flatterhaft und naiv oder manipulativ und unmoralisch dargestellt. In der Tat könnte man sie mit einer bloßen Projektionsfläche verwechseln, auf die die sie umgebenden Männer ihre eigenen Ängste und Wünsche übertragen können.

Doch nichts könnte der Wahrheit ferner sein. Manon ist einfach eine Frau, die versucht, ihren Weg in einer Männerwelt zu finden. Ihre Geschichte ist unweigerlich eine des Kompromisses. So gesehen ist die Wahl zwischen Liebe und Reichtum nicht mehr ein Zeichen ihrer wankelmütigen Natur, sondern eine auch heute noch brennende Frage: Was wollen wir im Leben priorisieren? Liebe? Erfolg? Reichtum?

Für die französische Sopranistin Elsa Dreisig, die in David Böschs Inszenierung an der Staatsoper Hamburg Manon wie keine vor ihr verkörpert, ist die Antwort klar: Das Einzige, was Manon nicht zu opfern bereit ist, ist ihre Freiheit. Ihr früher Tod wird nicht mehr als gerechte Strafe für ihre Verfehlung verstanden, sondern als frei gewählter Akt in einem selbstbestimmten Leben. Ihr Weg, ganz anders als der ihrer Zeitgenossen, beginnt, unserer eigenen Zeit zu ähneln.