Preloader Operavision
Bartek Barczyk/Poznań Opera House

LEGENDY: polnische Oper und Legenda Bałtyku

Mythen, Legenden und eine einzigartige Operntradition

Nur wenige Länder mit einer so reichen Operntradition wie Polen haben ein weltweit unbekanntes Repertoire.

Selten hatten Zuschauer der ganzen Welt schon einen Einblick auf das Erbe der Kultur und der Tradition der polnischen Opern.

Der Anfang der Opern begann in Polen etwas später als in den anderen Ländern. Für einen Großteil der Geschichte Polens dominiert volkstümliche und höfische Musik. Der Einfluss der Oper kam durch Italien, die die Oper während des Barocks nach Polen gebracht hat, doch die polnische Oper mit ihren heutigen Werten entwickelte sich erst später.

Vielleicht haben Sie schon von den beliebtesten polnischen Opern gehört: Moniuszkos Straszny Dwór (Das Gespensterschloss) und Halka oder Szymanowskis Król Roger (König Roger) - oder vielleicht auch nicht. Die polnische Oper ist voller Legenden. Beginnen wir mit den bekanntesten Opern mit Erzählungen, voller polnischer Kultur und Tradition!

Legenda Bałtyku von Teatr Wielki Opera Poznań. Diese Produktion wurde auf OperaVision am 10. Dezember 2017 live ausgestrahlt. Sämtliche Fotos von Bartek Barczyk.

Die Barockzeit

Interessanterweise ist die erste nachgewiesene Aufführung einer Oper außerhalb von Italien in Polen und wurde von einer Frau komponiert: Francesca Caccini. Ihre Oper La liberazione di Ruggiero gilt als älteste Oper einer Komponistin und wurde zu Ehren des polnischen Königs Władysław IV. geschrieben. 1628 wurde diese Oper in Warschau aufgeführt und brachte die Klänge, Sehenswürdigkeiten und die Theatralik von Polen den Zuschauern näher, die als finanzieller Förderer in Frage kamen.

Francesca Caccini as painted by Orazio Gentileschi Public Domain/ Wikimedia Commons

Romantische Opern Mitte 19. Jahrhunderts

Halka gilt als die wichtigste nationale Oper Polens. Komponiert von Stanisław Moniuszko, der selbst oft als Vater der polnischen Oper bezeichnet wird, bezieht sich Halka auf ein Libretto von Włodzimierz Wolski. Die Oper handelt von Adligen und Bewohner des Highlands und einer lang verlorenen Liebe. Die traurige Halka erscheint bei Janusz Verlobung mit Zofia. Sie sind beide Kinder von Gutsbesitzern. Halka ist eine arme Bergbewohnerin. Es ergibt sich viel Drama, das zu einem tragischen Ende führt. Diese Oper zeigt viele Symbole aus der heidnischen Vergangenheit Polens, wie den Raben, der bedrohlich über die Hochzeitsgesellschaft fliegt und das Schicksal voraussagt.

Im Gegensatz zu dieser Oper ist Straszny dwór (Das Geisterhaus) ein fröhlicheres Werk von Moniuszko, geschrieben nach einem Libretto von Jan Chęciński. Ein Herrenhaus hat den Ruf heimgesucht zu werden, doch das verdankt es nur der raffinierten Cześnikowa, die die zwei Brüder davon abhält, die zwei schönen Frauen zu treffen, die in diesem Anwesen leben. Natürlich durchschauen die zwei Brüder ihren Plan und die Oper endet mit einem Happy End und zwei frisch gebackenen Paaren.

Teatr Wielki - Polish National Opera

Polish National Opera: Straszny Dwór (Auszug)

Neue Einflüsse in die Musik der 1920er

Król Roger (König Roger) ist eine Oper eines anderen bekannten polnischen Komponisten, Karol Szymanowski, basierend auf ein Libretto von Jarosław Iwaszkiewicz. Das Libretto bezieht sich sowohl auf das Oratorium, als auch auf die Oper und erzählt die Geschichte des christlichen Königs Roger und seine Erleuchtung durch einen Hirten. Szymanowski selbst bezeichnete es als Misterium. Obwohl diese Oper selten inszeniert wurde, ist sie dennoch sehr wichtig. Szymanowski versucht musikalische Motive aus verschiedenen Völkern des Mittelmeerraumes miteinzubeziehen und die Geschichte ist mit dem verschollenen Roman Efebos, den der Komponist selbst geschrieben hat, verwandt.

Król Roger vom Royal Opera House London (2015). Sämtliche Fotos von Bill Cooper.

Legenda Bałtyku

Legenda Bałtyku (Die Baltische Legende) ist eine Oper von Feliks Nowowiejski, die als Thema den Mythos des „slawischen Atlantis", Vineta, als zentralen Handlungsort thematisiert. In der Oper will der arme Fischer Doman Bogna heiraten, aber der reiche Kaufmann Lubor versucht seine Braut für sich zu gewinnen. Domans einzige Hoffnung seinen Traum zu erfüllen, ist die Krone von Königin Jurata, dem legendären Herrscher von Vineta, wieder zu finden.

Doch woher genau kommt die Legende von Vineta wirklich her? Der polnische Historiker Jerzy Strzelcyk schreibt über die Entwicklung der Mythologie der verlorenen Stadt und wie diese Legende Teil der polnischen Kultur wurde.

Strzelczyk erwähnt, dass der Historiker Jan Długosz im 15. Jahrhundert beim Niederschreiben von polnischen heidnischen Mythen und Legenden feststellte, dass diese sich weit weniger auf anderen heidnischen Traditionen, wie der keltischen und germanischen Mythologie, beziehen. Somit begann er, eine Mythologie zu schreiben, die auf seinem eigenen Wissen basierte.

„Als unser großer Historiker Jan Długosz im fünfzehnten Jahrhundert die Lücken füllen wollte, konnte er auf keine verlässlichen Quellen zurückgreifen. Das von ihm beschriebene und tatsächlich geschaffene „Pantheon“ des polnischen Heidentums, ist vor allem das Ergebnis seiner Gabe, Kreatives zu Schaffen und seines Wissens über die alten Götter.“

Jerzy Strelczyk, „Around the Myth of Vineta- the “Slavic Atlantis”’ ("Der Mythos Vineta – das „slawische Atlantis” “)
Legenda Bałtyku von Teatr Wielki Opera Poznań. Diese Produktion wurde auf OperaVision am 10. Dezember 2017 live ausgestrahlt. Sämtliche Fotos von Bartek Barczyk.

Auch wenn schon seit vielen Jahrhunderten einige Geschichten über eine verlorene slawische Stadt an der Ostsee erzählt wurden, bestätigt Strzelczyk, dass die heutige bekannte Legende um Vineta höchstwahrscheinlich von den deutschen Bewohnern der slawischen Regionen (heutiges Polen) angepasst wurde. Der polnische Historiker Karol Szajnocha führte diese sogenannte Welle des Interesses an der Legende um Vineta an. Er brachte die Wikingerlegenden in seinem Werk Lechitic Beginnings of Poland von 1858 in die Erzählungen Polens. Vikar Helmond von Bosaus Werk Chronica Slavorum (Slwawenchronik) wurde unteranderem auch von Jan Papłoński ins Polnische übersetzt, inder Vineta zum ersten Mal namentlich erwähnt wurde.

Nachdem Polen 1918 seine Unabhängigkeit wiedererlangt hatte, hatte das Land plötzlich Zugang zur Ostsee und neue Geschichten und Legenden über das Wasser und dem Meer wurden erzählt. Die Legende um Vineta wurde in die Geschichte der polnischen Identität miteingebunden. Hier sehen wir Nowowiejski mit Baltische Legende und seinem zugehörigen Pantheon der slawischen heidnischen Götter, sowie dem starken Fokus auf den Mythos von Vineta.

„... an diesem Punkt ist es schwer zu übersehen, dass das Werk mit den Werten der Generation und des Geistes des „Jungen Polens“ aufgewachsen ist und von der Sicht von „Polen an der Ostsee“ inspiriert wurde, das sich schon in den vergangenen Jahrhunderten von der Thematik Ostsee abgewendet hatte und schon seit längerer Zeit getrennt war. Zur gleichen Zeit wurde der alte slawische Glaube wissenschaftlich, künstlerisch (z. Bsp.:  den Erfolg von Zofia Stryjeńska) und das literarische Interesse (Der Wind von See her von Stefan Żeromski, Auf den Spuren des traurigen Teufels von Melchior Wańkowicz) verstärkt.“

Jerzy Strelczyk, „Around the Myth of Vineta- the “Slavic Atlantis”’ ("Der Mythos Vineta – das „slawische Atlantis” “)

Nach dem Zweiten Weltkrieg, schreibt Strzelczyk, wurde Polens Territorium an der Oder eingenommen. Durch diese plötzliche Veränderung, wurden Legenden neu erzählt und in einen „polnischen“ Kontext gebracht.

„Obwohl viele Jahre lang das deutsche Erbe der „westlichen und nördlichen Regionen" abgelehnt worden war, wurden reelle oder vermeintliche Spuren der alten „polnischen", der der „Piasten“ oder einfach nur „slawischen "Vergangenheit eifrig gesucht und aufgenommen.“

Jerzy Strelczyk, „Around the Myth of Vineta- the “Slavic Atlantis”’ ("Der Mythos Vineta – das „slawische Atlantis” “)

Das Poznań Opera House bringt die verlorene Stadt Vineta als Inszenierung vom Choreographen Robert Bondara aus der Unterwasserwelt zurück, der sich von seinen Erfahrungen mit dem Freitauchen inspirieren ließ.

Poznan Opera

TRAILER | Opera Poznań | Legenda Bałtyku (Nowowiejski)

„Die Essenz des Freitauchens bietet einem einen Einblick in die Tiefe des Sees und seines eigenen Unterbewusstseins. In der Geschichte von Doman, der ins Wasser fällt und nach einer versunkenen Stadt sucht, sehe ich mehr als nur Tauchen in der Ostsee. Vielmehr ist es eine Aufgabe, sich den Ängsten und Schwächen zu stellen, die er überwinden will. Für mich ist Tauchen etwas symbolisches und nicht nur die einfache Ausübung des Tauchganges an sich.“

Robert Bondara

Hinter den Kulissen

Die Kulissen bilden ebenfalls einen wesentlichen Bestandteil der Geschichte. Besucher und Zuschauer können sich auf einen mysteriösen Aufbau freuen. Bühnenbildnerin Julia Skrzynecka und ihr Team eröffneten ihr Atelier für den Fotografen Bartek Barczyk, der die antike und mythische Stadt Vineta entmystifizierte, sowie das Leben der Figuren der Oper. Kostümskizzen für die Figuren von Baltische Legende von Martyna Kander. Die Kostüme für die Oper wurden von Zofia Fik-Kwiatowska handbemalt.

Legenda Bałtyku ist auf OperaVision bis 09.06.2018 um 23h00 MEZ verfügbar.