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Annemie Augustijns

Vergessen wir das Unvergessliche

Ein Interview mit Regisseur Luk Perceval über Infinite Now

Infinite Now ist keine herkömmliche Oper. Es gibt keine dramatische Handlung, Charaktere, Text oder Musik im klassischen Sinne. Können Sie Menschen ohne Vorkenntnisse sagen, um welche Art von Werk es sich genau handelt?

Luk Perceval: Ich würde es eine Art Pandämonium von Klängen, Stimmen, Fragmenten der Stille nennen. Ich kann nur sagen, was es für mich bedeutet. Es ist eine Darstellung dessen, wie die Psyche funktioniert, nämlich assoziativ, erinnernd, auf viele Ebenen zurückfallend; in dem Sinne, dass sie unter anderem Elemente des Zweiten Weltkriegs - kurz: Trauma - enthält. Aber auch Klänge oder Fragmente, die mit der Natur assoziiert werden. Es ist auch eine Geschichte über die Sehnsucht nach dem Tod, die Angst. Nach dem heutigen Stand der Neurowissenschaften ist unser Verstand in erster Linie darauf ausgerichtet, Gefahr oder das, was von der Angst diktiert wird, zu erkennen. Gleichzeitig geht es aber auch darum, sich vom Unbekannten angezogen zu fühlen. Diese Elemente sind Teil von Infinite Now.

Für mich sind dies alles Elemente, die, wenn man die Funktionsweise des Geistes untersucht, auftauchen und wieder verschwinden. Was geschieht in dem Moment, in dem man versucht, sich zu konzentrieren oder wahrzunehmen, was Stille ist? Das ist es, was ich mit dem Pandämonium der Stille meine. Stille an sich existiert nicht. Sie ist immer die Summe der realen Geräusche einerseits und der Assoziationen mit diesen Geräuschen andererseits sowie der Erinnerungen, die Geräusche und Emotionen hervorrufen.

Musikalisch würde ich sagen ist es ein assoziativer Raum, nicht gerade eine epische Geschichte oder eine Melodie, aber das ist für mich persönlich Musik. Denn es ist eine Meditation, in der die Musik uns mit der Musik des Lebens konfrontiert. Es geht nicht nur um die Musik, die man wahrnehmen kann, sondern auch um die Musik, die man mit ihr assoziiert.

Wie ist es, mit einer völlig neuen Komposition zu arbeiten? Welche Auswirkungen hatte dies auf die Regie?

Perceval: Ich wollte, dass sich der Schaffensprozess so einwickelt. Man hat als Künstler immer damit zu tun, dass das Publikum in der Regel mit dem bedient wird, was es kennt, mit dem Kanon des Repertoirebetriebs oder dem Repertoire der Literatur oder der Oper, wie es hier der Fall ist. Folglich geht man mit gewissen Erwartungen ins Theater. Ich wollte das Publikum mit etwas völlig Neuem konfrontieren, mit wirklich neuer Musik. Ich versuche das zu entdecken, was während der Proben passiert und welche Impulse auf mich zukommen. Es ist also keine Form der Regie, auf die man sich vorbereiten kann - aber eigentlich ist das etwas, was ich schon lange nicht mehr mache.

Der Unterschied besteht natürlich darin, dass man als Theatermacher ausgehend von einem Text während der Proben immer wieder streichen und anpassen kann, während man im Fall von Infinite Now in einen praktisch mathematisch vorgegebenen Entwurf eintitt: Es gibt die Partitur, die Musik als feste Vorgabe. Und das ist anders, weil man sich die Dynamik dieser Musik und das, was sie bewirkt, anschauen muss.

Wie ist die Beziehung zwischen den beiden Textquellen FRONT und Homecoming?

Perceval: Für mich ist es hier eine einzige Geschichte. Als Zuschauer wird man immer versuchen, die Dinge in dem Moment zu verstehen, in dem man sie beobachtet. In dem Moment, in dem Worte gesprochen werden, beginnt man nach einer Art Logik zu suchen und stellt sich die Frage: Was ist der Zusammenhang? Ich entdecke jeden Tag aufs Neue, wie es eine einzige Geschichte ist; denn sie ist Ausdruck der Suche nach der Verbindung zwischen den Dingen im Kopf - es geht um jemanden, der sie entdeckt. Und bei dieser Entdeckung spielen auch gewisse Anklänge aus der Vergangenheit, Anklänge an den Krieg eine Rolle. Es sind Echos, die uns alle in Europa vereinen - das Trauma des Krieges, das noch mehrere Generationen später nachklingt.

Andererseits ist es eine sehr intensive Suche, an der alle Menschen beteiligt sind: Wie kann ich mich davon befreien, wie kann ich mich von einer solchen Vergangenheit reinigen? Was ist überhaupt Entwicklung? Bedeutet das Vergessen, Zurückhalten, Erleben? Ich glaube, man kann Dinge nicht vergessen. In dieser Hinsicht läuft die Geschichte von Infinite Now auf eines hinaus: Es geht im Wesentlichen darum, zu suchen, die Angst und die Vergangenheit loszulassen.

Welche Rolle spielt die Musik in diesem Entdeckungs- und Reinigungsprozess? Welche Bedeutung sollte dieser Arbeit beigemessen werden?

Perceval: Ich entdecke mehr und mehr, dass Chayas Partitur äußerst introspektiv und daher gleichzeitig sehr komplex ist. Für mich ist sie immer noch ein Abenteuer, eine Art Entdeckungsreise. Für Infinite Now sollten Sie alle Erwartungen über Bord werfen. Anfänglich nannte ich das Meditation. Ich fand es bisher sehr inspirierend, dass das, was sie entwickelt hat, eine so große Konzentration erfordert. Diese Arbeit zwingt uns zum Innehalten und Nachdenken und zum bewussten Erleben mit allen unseren Sinnen.

Diese Arbeit kann natürlich eine ungeheure Provokation sein. Es gibt zum Beispiel sehr wenige Menschen, die noch stillsitzen können. Und hier fordern wir eine ganz andere Haltung, eine Haltung, von der ich überzeugt bin, dass sie in der Kultur und in der Zeit, in der wir leben, notwendig ist - eine Haltung, die nicht mehr kultiviert wird und daher gegen den Zeitgeist verstößt. Aber ich glaube, das ist auch der Grund, warum wir Kunst schaffen: Um gegen den Zeitgeist anzugehen. Um zu sagen: Schauen Sie, was passiert, wenn man alle Ablenkungen beiseite lässt und sich auf eine neue Erfahrung konzentrieren muss. Was ich faszinierend daran finde, ist, dass es Wahrnehmungsschichten gibt, die wir alle in uns haben, sie aber vergessen haben; dass es Dinge gibt, die in uns mitschwingen, die in uns vorhanden sind.