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Sakari Viika / Finnish National Opera

Finnish National Opera and Ballet

Autumn Sonata

Rückblick | Fagerlund

Diese Vorstellung ist nicht mehr als Video auf unserer Plattform verfügbar. Sie können aber weiterhin das zusätzliche Material der Produktion nutzen.

Leben, Tod und Familienverletzungen stehen im Mittelpunkt dieser jüngsten Kommission, die auf dem Film von Ingrid Bergman basiert, mit Anne Sofie von Otter in der Hauptrolle.

Charlotte AndergastAnne Sofie von Otter
EvaErika Sunnegårdh
ViktorTommi Hakala
HelenaHelena Juntunen
LeonardoNicholas Söderlund


MusikSebastian Fagerlund
LibrettoGunilla Hemming laut dem Spiel von Ingmar Bergman
Musikalische LeitungJohn Storgårds
InszenierungStéphane Braunschweig
BühneStéphane Braunschweig
KostümeThibault Vancraenenbroeck
LichtMarion Hewlett

Aufbauend auf dem Film von Ingmar Bergman ist Sebastian Fagerlunds Höstsonaten (Herbstsonate) eine elegische Meditation über Leben, Tod und familiäre Spannungen.

Der Herbst bildet den Rahmen für den ersten Akt.

Charlotte, eine frühere Konzertpianistin, besucht das Pfarrhaus, in dem ihre Tochter Eva mit ihrem Mann Viktor lebt. Die letzten Jahre war sie immer auf Konzertreisen, also hat Charlotte Eva und ihre andere Tochter Helena seit Jahren nicht mehr gesehen.

Helena hat eine Behinderung und spricht nicht. Ihre Mutter ist verblüfft zu sehen, dass Eva sie bei sich zu Hause aufgenommen hat, raus aus dem Pflegeheim, das Charlotte für sie arrangiert hatte. Helena, die unverständliche Wortfetzen ausstößt, frustriert Charlotte, die sich ein hingebungsvolles Publikum vorstellt, das jede ihrer Entscheidungen stützt und bejubelt. Ihre Töchter zu besuchen stellt sich für Charlotte als zu stressbeladen heraus. Sie entscheidet sich früher abzureisen, und natürlich stimmt ihr das hingebungsvolle Publikum zu.

An diesem Abend spielt Eva für Charlotte auf dem Klavier, aber die Pianistin ist nicht beeindruckt, sondern vielmehr besorgt wegen der langweiligen Technik von Evas Klavierspiel als um alles andere. Viktor öffnet sich Charlotte über den tragischen Verlust ihres vierjährigen Sohnes durch Ertrinken. Eva spürt die Gegenwart ihres Kindes immer noch.

Ein Schrei unterbricht Charlottes Ruhe, als sie sich zum Schlafengehen bereit macht: wieder ist es Helena. Eva geht sie trösten und stößt dabei auf Charlotte. Dies löst einen Streit zwischen den beiden aus.

“Mutter und Tochter, welch schreckliches Zusammenspiel der Gefühle!” – Eva, aus Herbstsonate

Der zweite Akt entwickelt sich mit einem hartnäckigen Streit zwischen Eva und Charlotte. Die Tochter ärgert sich über ihre Kindheit, die Mutter erinnert sich an eine Zeit, als ihre Karriere alles für sie war. Dunkle Geheimnisse aus der Vergangenheit kommen ans Licht. Und in einem umwerfenden Moment spricht Helena.

Charlotte reist in der Nacht ab, und als die Familie aufwacht, stellen sie fest, dass sie schon weg ist. Als sie später mit ihrem Agenten spricht, erzählt sie vom Besuch bei ihrer Familie.

Der finnische Komponist Sebastian Fagerlund schafft eine Klangwelt, die das Publikum tief in das Drama der Oper Herbstsonate eintauchen lässt. Die Librettistin Gunilla Hemming hat das Drehbuch von Ingmar Bergmans Film adaptiert, um durch die Oper die gleiche beunruhigende Atmosphäre und das gleiche Nachdenken über zwischenmenschliche Beziehungen, die in Bergmans Werk so gut dargestellt worden waren, hervorzurufen. Die Mezzosopranistin Anne Sophie von Otter singt die Rolle der Charlotte, einer pensionierten Konzertpianistin und Mutter zweier erwachsener Töchter, Eva und Helena, die in ihrem Leben beide schon viel erleiden mussten. Die Welturaufführung fand am 8. September 2017 an der Finnischen Nationaloper statt.

Der 1978 erschienene Film Herbstsonate wurde von Ingmar Bergman geschrieben, die Hauptrollen spielten Ingrid Bergman, Lena Nyman und Liv Ullman. Es war Ingrid Bergmans letzte größere Filmrolle. Herbstsonate gewann einen Golden Globe und wurde zweimal für den Academy Award nominiert.

“Der Konflikt des Dramas dreht sich um zwei Frauen, die einander schmerzlich nahe stehen. Sie fühlen beide die Notwendigkeit Anschluss zu finden, aber sie finden es unmöglich schwierig, auf das heftige Verlangen der anderen zu reagieren.

Die zwei Frauen sehnen sich verzweifelt danach geliebt zu werden, doch keine ist sich ihrer eigenen Liebe sicher. Sind sie fähig zu lieben – oder wollen sie überhaupt lieben? Die Antwort ist, vor allem im Fall Evas, ambivalent. Will sie vergeben? Wie können die beiden ihre Rollen tauschen, so dass die Tochter zur Mutter ihrer eigenen Mutter wird?”

- Gunilla Hemming, Librettistin der Oper Herbstsonate

Die Qual der Unvermeidlichkeit

Ein Interview mit Sebastian Fagerlund

Text: Pekka Hakko, mit freundlicher Genehmigung der Finnischen Nationaloper

Ingmar Bergmans herunterskaliertes und realistisches Drehbuch stellt eine Herausforderung für einen Opernkomponisten dar. Welche Freiheiten hat Ihnen das große Instrumentarium der Oper gelassen?

- In der Oper gibt es mehr Gelegenheiten, surreale Mittel einzusetzen. Ich kann Musik verwenden, um gleichzeitig stattfindende Ereignisse an verschiedenen Orten darzustellen und Ereignisse, die am gleichen Ort zu verschiedenen Zeiten stattgefunden haben, was bedeutet, dass ich verschiedene Zeitschichten miteinander vermischen kann. Bergmans Filmdrehbuch zum Beispiel spielt nur auf Leonardo an, den kürzlich verstorbenen Liebhaber der Konzertpianistin und Mutter Charlotte. In der Oper wollte ich, dass er eine stärkere Präsenz hat, also kommentiert der Tote das Leben der Lebenden aus einiger Entfernung. Die Oper erlaubt mir mit der Grenze zwischen Realem und Imaginärem zu spielen und diese bis zum Äußersten zu dehnen. Das finde ich enorm faszinierend.

In Herbstsonate manifestiert sich das vor allem in der Musik um Charlotte. Die Konzertpianistin und Mutter ist zum Haus ihrer Tochter gereist, aber sie lebt immer noch sehr in ihrer eigenen Welt.

Ja. Der Chor ist eine Erweiterung von Charlottes Ego, das Konzertpublikum, das sie begleitet, wo auch immer sie hingeht. Das ist so, weil Charlotte ihr Publikum braucht, es bedeutet ihr alles. Es tritt in ihre Fußstapfen, anfangs nur in ihrer Vorstellung. Später infiltriert es auch Schritt für Schritt die Realität im Pfarrhaus und die der anderen Charaktere, sodass diese auch mit dem Chor zu kommunizieren beginnen. Solch eine Erweiterung der ungezügelten Phantasie kann in einer Oper sehr bedeutsam werden, hier zeigt sie den Egoismus der Mutter in tragikomischen und absurden Szenen.

Die Oper ist surrealer als Bergmans Film. Die stumme Helena zum Beispiel wird gesund, steht aus ihrem Bett auf und beginnt ihre Geschichte zu erzählen.

Das ist einer dieser erstaunlichen Momente, die einen fühlen lassen, dass in der Oper alles möglich ist. Am Ende halten sie weder ihre Unfähigkeit sich zu bewegen oder zu sprechen noch ihre traumatischen Erfahrungen davon ab, zum Leben zu erwachen und sehr farbenreich die glücklichen Erinnerungen aus ihrer Vergangenheit zu erzählen. Eigentlich ist also Helenas Welt das einzige vollkommen reine und schöne Element der gesamten Oper.

Als die Familienmitglieder aus der Oper nach Jahren der Trennung unter einem Dach zusammenkommen, beginnen sie in der Vergangenheit zu wühlen. Trotz guter Absichten brechen alte Wunden wieder auf.

Es ist tragisch, aber leider ist es sehr realistisch. Diese Unvermeidlichkeit hat mich durch den ganzen Kompositionsprozess hindurch verfolgt und ist so wichtig geworden wie die Handlungen der Charaktere. Ihre Ziele sind nobel, doch sie sind von dieser Unvermeidlichkeit in Ketten gelegt. Am Ende macht ihre Unfähigkeit den letzten und entscheidenden Schritt zu setzen die Dinge noch schwieriger.

Ich habe mich wegen der Parallelen gefragt, die das in der realen Welt hat. Wir haben dieses große Bedürfnis etwas zu erreichen oder einen Unterschied zu machen, weil wir uns im Prinzip unseren Ängsten stellen und unsere Gefühle herauslassen wollen. Der letzte Schritt ist jedoch eine unüberwindliche Herausforderung für uns, also bleibt alles beim Alten. Es ist so viel einfacher weiterzumachen wie bisher oder in die Fußstapfen Anderer zu treten – egal ob wir nun über Umweltthemen oder politische und soziale Angelegenheiten sprechen.

Herbstsonate wird während des hundertjährigen Jubiläums der finnischen Unabhängigkeit aufgeführt. Hat das Ihren Kompositionsprozess beeinflusst?

Nein, das hat es nicht. Natürlich bin ich glücklich, dass ich die Gelegenheit bekommen habe, diese Oper für die Jahrhundertfeier zu komponieren. Auf der anderen Seite regt es mich nicht sehr an, nur etwas zu feiern, das in der Vergangenheit passiert ist. Für mich ist es viel wichtiger in die Zukunft zu schauen. In Höstsonaten (Herbstsonate) geht es um Interaktion zwischen Menschen, die Wichtigkeit aufeinander zu schauen und an die Gefühle und Bedürfnisse Anderer zu denken. Könnte es ein geeigneteres Thema geben, über das man während der Jahrhundertfeier nachdenken kann? Ich hoffe, dass unsere Oper interessante Fragen aufwirft, die dann in der Zukunft beantwortet werden.

Ich rufe zu Mut auf, die richtigen Fragen zu stellen und die richtigen Entscheidungen zu treffen, nicht nur in der Kunst, sondern auch in anderen Lebensbereichen. Seien Sie tapfer, gehen Sie ein Risiko ein!