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Daniel Senzek

Deutsche Oper am Rhein

A simple piece

Ein einzigartiges filmisches Tanzerlebnis

Rückblick

Diese Vorstellung ist nicht mehr als Video auf unserer Plattform verfügbar. Sie können aber weiterhin das zusätzliche Material der Produktion nutzen.

Ständig bewegt sich ein Filmemacher inmitten der Tänzer auf akribisch abgesteckten Pfaden, konzentriert sich mal auf Soli, mal auf Gruppenstrukturen. Wie aus dem Nichts füllt die doppelte Anzahl von Tänzern die Bühne, um bei der nächsten Einstellung wieder zu verschwinden und sich mit größter Leichtigkeit zwischen Illusion und Realität zu bewegen.

 

In einer elektrisierenden halbstündigen Choreografie für sechzehn Tänzerinnen und Tänzer schuf der neue Ballettdirektor der Deutschen Oper am Rhein, Demis Volpi, A simple piece zu der höchst einfallsreichen Vokalkomposition „Partita for 8 voices“ der Pulitzer-Preisträgerin Caroline Shaw. Von Filmemacher Ralph Goertz in einer einzigen Einstellung gedreht, wird die Kamera - und der Zuschauer - auf magische Weise Teil des Ensembles auf der Bühne.

Tänzer*innenBallett am Rhein:
Yoav Bosidan
Rubén Cabaleiro Campo
Maria Luisa Castillo Yoshida
Feline van Dijken
Evan L'Hirondelle
Futaba Ishizaki
Niklas Jendrics
Norma Magalhães
Pedro Maricato
Clara Nougué-Cazenave
Rose Nougué-Cazenave
Marié Shimada
Courtney Skalnik
Daniel Smith
Edvin Somai
Eric White


ChoreografDemis Volpi
Choreographischer AssistentBrent Parolin
MusikCaroline Shaw
KostümeCarola Volles
LichtVolker Weinhart
DramaturgieCarmen Kovacs
FilmemacherRalph Goertz

In mehrtägiger Probenarbeit haben der Direktor und Chefchoreograph des Ballett am Rhein Demis Volpi und der Filmemacher Ralph Goertz gemeinsam mit Ballettmeister Brent Parolin und sechzehn Tänzerinnen und Tänzern des Ballett am Rhein eine eigenständige Version von A simple piece entwickelt. Der Filmemacher bewegt sich darin permanent auf minutiös ausgearbeiteten Wegen zwischen den Tänzer*innen, setzt den Fokus mal auf Soli, mal auf Gruppenstrukturen. Auf magische Weise durchdringt er mit der Kamera den von Volker Weinhart subtil ausgeleuchteten Bühnenraum und macht den menschenleeren Zuschauerraum des Düsseldorfer Opernhauses ästhetisch erlebbar.

Als dramaturgische Besonderheit ist A simple piece mit nur einer Kamera als so genannter One Take aufgenommen. Das bedeutet, die Zuschauer*innen erleben die Choreographie durch die Linse der Kamera in einem Durchlauf, ohne Schnitte und Unterbrechungen. Daraus entsteht ein intensives Filmerlebnis, das suggeriert, live auf der Bühne dabei zu sein.

The detail of the pattern is movement

Zur Choreographie von Demis Volpi
 
Inspiriert von dem A-capella-Stück „Partita for 8 Voices“ der Komponistin Caroline Shaw hat Demis Volpi eine Choreographie für acht Tänzer*innen kreiert, die am 15. Oktober 2020 im Opernhaus Düsseldorf zur Uraufführung gebracht wurde. Für die Verfilmung gemeinsam mit dem Düsseldorfer Filmemacher Ralph Goertz hat Demis Volpi die Choreographie für 16 Tänzer*innen und Kamera im Lockdown, der kurz nach der Premiere begann, neu entwickelt. Beide Künstler haben sich von der Idee leiten lassen, ein Tanzerlebnis zu schaffen, das es ohne das hinzugezogene Medium Film so nicht gegeben hätte. Ein bloßes Abfilmen des Stücks aus Zuschauerperspektive war deshalb keine Option.

A simple piece ist ein ganz und gar nicht simples Stück geworden, sondern eine stark konzeptuell durchdrungene und entschiedene Arbeit, hinter der sich ein beinahe mathematisches System und viele Wochen Proben verbergen. Obwohl das Zählen der Counts, also der Zählzeiten ständiger Begleiter einer jeden Probe ist, ist es hier besonders präsent, wenn nicht sogar zwingend notwendig. Demis Volpi geht nicht nur den unmittelbar emotionalen Eindrücken der Musik nach, sondern orientiert sich auch an bestimmten musikalischen Strukturprinzipien und choreographiert zu großen Teilen mit der Partitur in der Hand.

In dieser präzisen Arbeit, die viel Kommunikation zwischen Choreograph, Tänzer*innen und Ballettmeister verlangt, muss jede Bewegungsqualität einzeln gesucht und gefunden werden. Nach und nach entsteht so ein Pool von Bewegungsmustern – Material, das durchdekliniert und verarbeitet wird und in streng formal komponierte Bewegungsabfolgen mündet, die miteinander verkettet werden. Eine Bewegung oder Geste wird in Zählzeiten aufgebrochen und wandert wie eine Strömung durch die Gruppe. So wird der Körper durch die Vereinzelung der Bewegung auf sich selbst zurückgeworfen und in seine Einzelteile zerlegt – fast schon ein skulpturaler oder anatomischer Zugang – und gleichzeitig entsteht ein kraftvoller Sog innerhalb der Gruppe, der Gemeinschaft herstellt.

„The detail of the pattern is movement“ lautet eine Zeile in der Partitur, die aus einem Gedicht von T.S. Eliot stammt und sich wie ein Credo liest. In der Choreographie entsteht dieses belebte Verhältnis zwischen Detail und Struktur durch Wiederholung und Verschiebung. Ein „pattern“, das nur über die Distanz vollkommen wahrgenommen werden kann. In der Allemande, dem ersten Satz, wird das kanonartige System eingeführt, indem sich die einzelnen Schritte und Gesten durch die Gruppe transportieren – wie ein Wind, der durch die Gräser zieht und eins nach dem andern in Schwingung versetzt. Dieses Prinzip funktioniert gut mit den vielen schnellen und kleinmaschigen Bewegungen, die comic-artig in Endlosschleife geloopt werden, während eine lang gehaltene Arabesque durch einen synchronisierten Moment kraftvoller wirkt.

Jeder der vier Sätze hat sein Bewegungsmaterial. Während der erste Satz beispielsweise den Fokus auf Oberkörper, Arme und Hände legt, sehen wir im dritten Satz Knie, Hüften, Tendus (gestreckte Beine), Rond de jambes (Beinkreise). Das musikalische Atmen der Musik wird nicht physisch gemimt oder gedoppelt, sondern durch eine strenge akademische Bewegung der Beine kontrastiert. Es entsteht der Eindruck von beinahe maschineller Arbeit – eine Assoziation, die durch die Kostüme noch verstärkt wird. Die steife und schwere Materialität der hohen Hosen und groben Taschen wird allerdings durch die sichtbaren Nähte und feine, netzartig pudrige Tops kontrastiert. Carola Volles hat für die Tänzer*innen etwas zwischen Arbeiterkleidung und high fashion kreiert, inspiriert von Peter Lindberghs schwarzweißen Modefotografien im industriellen Setting des Ruhrgebiets.