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Trois Contes - Opéra de Lille, février 2019 © Simon Gosselin

Opéra de Lille

Trois Contes

WELTPREMIERE Drei zeitlose Märchen, verwoben zu einer großen Erzählung.

Rückblick | Pesson

Diese Vorstellung ist nicht mehr als Video auf unserer Plattform verfügbar. Sie können aber weiterhin das zusätzliche Material der Produktion nutzen.

Eine sensible Prinzessin, ein berühmter Schriftsteller und ein unerwünschter Teufel, etwas verloren unter den Menschen, versuchen ihren Platz in einer ungewohnten Welt zu finden.

 

Der französische Komponist Gérard Pesson hat mit seiner zugänglichen und gewollt witzigen Musik ein Opernabenteuer aus drei Märchen geschaffen. Ihre Geschicke werden mit Phantasie und Vorsicht von Librettist und Regisseur David Lescot in Szene gesetzt.

Die Königin, Prinzenmutter | Guérins Sekretärin | HostessCamille Merckx
Der König, Prinzenvater | Jacques Guérin | GlockenturmwächterMarc Mauillon
Der Prinz | Werner | JungeEnguerrand de Hys
Die Prinzessin | Besucher, Bibliothek | JungeMaïlys de Villoutreys
Die andere Prinzessin, Magd | Museumsführerin, Marthe Dubois | JungeMelody Louledjian
Diener | Robert Proust, Kurator des Museums | Herrn des HausesJean-Gabriel Saint Martin
Tänzerin / ChoreographinSung Im Her
Der ErzählerJos Houben
OrchesterIctus Ensemble


MusikGérard Pesson
LibrettoDavid Lescot in drei Teilen nach Die Prinzessin auf der Erbse von Hans Christian Andersen, Prousts Mantel von Lorenza Foschnini und Der Teufel im Glockenturm von Edgar Allan Poe.
Musikalische LeitungGeorges-Elie Octors
InszenierungDavid Lescot
BühneAlwyne de Dardel
KostümeMariane Delayre
LichtPaul Beaureilles
Video-DirektorSerge Meyer
Make-up und FrisurierungElisabeth Delesalle
RegieassistentinLinda Blanchet
Assistentin des SetdesignersClaire Gringore
Musikalische Assistent und GesangscoachChristophe Manien

Die Prinzessin auf der Erbse

Ein Prinz kehrt von einer Reise um die Welt zurück, auf der er nicht die Prinzessin seiner Träume traf. Kurz darauf taucht eine junge Frau am Portal seines Schlosses auf, vom Gewitter überrascht bittet sie um Unterkunft für die Nacht. Die Königin lässt sie auf einem Bett aus 20 Matratzen übernachten, worunter sie heimlich eine Erbse versteckt hat.

Prousts Mantel

Prousts Mantel ist eine Ermittlung voller Zufälle und unerwarteter Wendungen und einer gewissen Spannung um das Verschwinden von persönlichen Gegenständen aus dem Besitz von Marcel Proust nach seinem Tod: die Manuskripte, die Möbel, und auch der berühmte Pelz, „Prousts Mantel‟, eine Art zweiter Geist des Verstorbenen.

Der Teufel im Belfried

Der Tagesablauf der Bewohner des Weilers Vondervotteimittis wird von der Zeit des Belfireds bestimmt. Diese Regelmäßigkeit - Sauerkraut kochen, Pfeife rauchen und Sauerkraut essen - wird von einem Geige spielenden Teufel gestört, der mit seinem Spiel das unerbittlich gleichförmige Leben der Dorfbewohner stört.

Ein offenes Kunstwerk

David Lescaut, Librettist und Regisseur der Oper Trois Contes erklärt, wie er die drei in sich geschlossenen Geschichten in dieser Oper zu einer zusammenbringt

Trois Contes ist ein Kammeropernprojekt in Form eines Triptychons, komponiert von Gérard Pesson. Es ist eine sehr freie Adaption von 2 Geschichten: Andersens Prinzessin auf der Erbse und Der Teufel im Belfried von Edgar Allan Poe sowie ein Buch von Lorenza Foschini über dem Mantel des Schriftstellers Marcel Proust, Le manteau de Proust. Die drei Geschichten sind unterschiedlich, autonom, doch sie weisen gemeinsame Elemente auf, es gibt Echos, sich überschneidende Themen. Es soll eine Einladung sein, das, was wir hören und sehen, zu interpretieren, Verbindungen zu knüpfen, selbst Bedeutungen zu finden. Trois Contes wäre also das, was Umberto Eco als ein offenes Kunstwerk bezeichnete, eine Eigenschaft als Bedingung für die Modernität des Werks.

Die Prinzessin auf der Erbse, eine kurze Geschichte von Andersen, ist ein Bild, das in 6 Variationen wiederholt wird. Jede Version hat ein anderes Verhältnis zwischen Musik und Text. Die Musik im Thema-Bild ist hypnotisch, schnell, fast mechanisch. Die erste Variation hingegen ist mehr als langsam, und die Geschichte hört, als ob sie erschöpft wäre, noch vor dem Ende auf. Die dritte ist eine Express-Version von Die Prinzessin auf der Erbse in einer Minute. Die vierte nutzt die gleiche Gestik, Positionen und Licht wie die vorherige, ändert aber Text und Musik, als ob der Soundtrack eines Films geändert worden wäre, die fünfte ist ein Musical, bestehend aus einer Reihe von sonnigen und fröhlichen Liedern, bis hin zum Absurden. Die sechste und letzte Variation ist eine schwarze Version, in der die Prinzessin nicht von der Familie des Prinzen begrüßt und als Ausländerin abgelehnt wird.

Die Geschichte von Prousts Mantel beginnt im Untergeschoss des Carnavalet-Museums, wo dieser zu empfindliche Mantel in einem großen Karton aufbewahrt wird. So macht das Museum, in dem die Erbse platziert ist, den Übergang zwischen dem ersten und zweiten Teil. In diesem Teil ist die Stimme im Gegensatz zum ersten weniger präsent. Der Text wird mal gesungen, mal gesprochen, mal zum Vorlesen und mal zum Entschlüsseln angeboten. Der Rhythmus ist sanft, bis zum Verschwinden, ein Schattenspiel. Wir können uns das wie ein Bilderbuch vorstellen, in dem wir die Seiten nacheinander umblättern und jeweils ein Bild vor uns haben. Die Objekte, ihre Zerbrechlichkeit, ihre religiöse Überhöhung, sind ebenso die Protagonisten der Geschichte wie die Figuren. Die Musik ist verwischt, geheimnisvoll, andeutungsvoll, besteht aus Silhouetten und Erinnerungen.

Der dritte Teil, Der Teufel im Belfried, ist der Kurzgeschichte von Edgar Allan Poe nachempfunden, die mit ihrer Ironie und ihrem Sinn für das Karikaturale einen Comic-Strip oder Cartoon vorzeichnet. Hier wird eine sechsstimmige Chorgruppe die Geschichte eines Erzählers, des belgischen Schauspielers Jos Houben, einstreuen. Die Geschichte wird durch Refrains, Lieder sowie eine erdachte Folklore ausstaffiert. Wie in Poes Kurzgeschichte wird die Struktur der Geschichte die einer Konferenz sein. Der Erzähler entlehnt der akademischen Sprache das Gelehrsame, den Spaß an manischen bibliographischen Referenzen, die etymologischen Hypothesen. Wenn der Sprecher sein Thema beschreibt, erscheint es und erwacht um ihn herum zum Leben. Er lässt auch zu, dass es von Innen zerstört wird, indem er den Teufel einführt.

Das Bild muss genau wie die Musik die Distanz, die so besondere und wirklich innovative Ironie von Poes Kurzgeschichte rüberbringen. Hier wird das Eindringen des Teufels, ein Geiger in Poes Kurzgeschichte, durch einen choreografischen Moment übersetzt. Der Teufel hat einen einzigartigen Rhythmus, der sich vom allgemeinen Rhythmus abhebt, dabei ist er sowohl destruktiv als auch befreiend: eine Idee, die sich im Tanz widerspiegeln könnte, im Gegensatz zur gängigen Unbeweglichkeit des Dorfchores. Der Rhythmus wird hier auf wilde Weise behandelt: Der Rhythmus von Vondervotteimittis ist die Litanei, die sich jeden Tag aufs Neue vor dem Hintergrund der puritanischen Zufriedenheit immer wieder wiederholt.

Es ist am Betrachter, die thematischen und symbolischen Verbindungen herzustellen, von denen es viele gibt, welche die drei Werke über ihre Verschiedenartigkeit hinaus verbinden. Aber wir können auf der Idee bestehen, dass die Figur des Fremden zwischen den drei Geschichten zirkuliert:

  • die Prinzessin, die aus dem Nichts kam und einen Test bestehen muss, um zu beweisen, wer sie ist.
  • der Schriftsteller Marcel Proust, wegen seiner Kunst und seiner Moral, ist ein Fremder in seiner eigenen Familie.
  • der als Teufel dargestellte Fremde, der in eine mechanisch an seine Gewohnheiten gebundene Gemeinschaft eindringt und durch seine Störung (über die der Erzähler vorgibt, sich zu ärgern, während er sich eigentlich darüber freut) das befreiende Prinzip der Kunst als Lebenskraft wieder einführt.

David Lescot, Jahrgang 1971, ist Dramaturg, Musiker und Regisseur. Seine Schreib- und Bühnenarbeit verbindet Musik, Tanz und dokumentarisches Material mit Theater. Er hat seine Stücke Les Conspirateurs (1999, TILF), L'Association (2002, Aquarium) und L'Amélioration (2004, Rond-Point) inszeniert. Im Jahr 2011 inszeniert er seine erste Oper: The Rake's Progress von Strawinsky an der Opéra de Lille. 2012 und 2013 folgten Le Système de Ponzi, ein Chorwerk, in dem es um den gierigen Finanzmarkt geht, und Il Mondo Della Luna von Haydn im MC93-Bobigny, sowie La Finta Giardiniera von Mozart, wiederum an der Opéra de Lille 2014 unter der Leitung von Emmanuelle Haïm.