Iolanta
Eine junge blinde Prinzessin, die von ihrem Vater vor der Welt abgeschirmt wird, lebt versteckt in einem magischen Garten. Sollte man ihr sagen, dass sie blind ist? Könnte Liebe ihr helfen, die Welt mit anderen Augen zu sehen?
1890 beauftragte das Kaiserliche Theater in St. Petersburg Tschaikowski mit der Komposition eines zweiaktigen Balletts, Der Nussknacker; mit dem Opern-Einakter Iolanta ergänzte er den Doppelabend. Tschaikowski, den menschliche Dramen stets inspiriert haben, entwirft in Iolanta eine Botschaft über die heilende Kraft der Liebe. Iolanta selbst – eine weitere seiner jungen, verletzlichen Heldinnen – eroberte das kreative Herz des Komponisten und inspirierte ihn zu seiner besten Opernmusiken. Die Neuproduktion der Opéra national de Bordeaux, die live auf OperaVision übertragen wird, steht unter der Regie von Stéphane Braunschweig, der mithilfe von Licht eine poetische Initiationsreise schafft. „Iolanta endet mit einem Blick zum Himmel und einem Lobgesang auf das göttliche Licht“, schreibt Stéphane Braunschweig. „Darin sehe ich eine Art heilige Kommunion oder den Wunsch nach Versöhnung mit der Welt. Meiner Meinung nach verleiht dies der Oper ihre Tiefe, die unter ihrer scheinbaren Einfachheit die schillernde Schönheit eines Meisterwerks verbirgt.“
BESETZUNG
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Iolanta
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Claire Antoine
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René
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Ain Anger
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Robert
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Vladislav Chizhov
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Vaudémont
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Julien Henric
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Ibn-Hakia
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Ariunbaatar Ganbaatar
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Almerik
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Abel Zamora
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Bertrand
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Ugo Rabec
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Martha
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Lauriane Tregan-Marcuz
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Brigitte
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Franciana Nogues
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Laura
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Astrid Dupuis
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Orchester
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Orchestre National Bordeaux Aquitaine
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Chor
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Chorus of Opéra national de Bordeaux
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Musik
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Pjotr Iljitsch Tschaikowski
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Text
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Modest Tschaikowski
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Regie
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Stéphane Braunschweig
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Musikalische Leitung
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Pierre Dumoussaud
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Bühne
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Stéphane Braunschweig
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Kostüme
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Thibault Vancraenenbroeck
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Licht
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Marion Hewlett
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Chorleitung
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Salvatore Caputo
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Video
HANDLUNG
15. Jahrhundert, im Süden Frankreichs. Iolanta, die Tochter von König René von Provence, ist blind, ohne es zu wissen. Sie lebt zurückgezogen mit ihrer Amme Martha und ihren Zofen Brigitte und Laura und hat das vage Gefühl, dass etwas in ihrem Leben fehlt. In Erwartung eines Besuchs ihres Verlobten, Herzog Robert von Burgund, ruft der König den Arzt Ibn-Hakia zu sich, der erklärt, dass eine Heilung möglich wäre – vorausgesetzt, die Prinzessin würde über ihren Zustand aufgeklärt. Der König lehnt dies ab. Robert von Burgund kommt mit der Absicht im Palast an, seine Verlobung zu lösen, da er eine Andere liebt. Sein Begleiter, der Graf von Vaudémont, verfällt dem Charme von Iolanta, als er sie schlafend im Garten vorfindet. Als sie aufwacht, erkennt er schnell ihr Leiden: Sie kann die Farbe der Rosen nicht erkennen. Er preist die Wunder des Lichts und die Freude, seine Geliebte zu sehen, aber sie besteht darauf, dass sie kein Augenlicht braucht. Der König nutzt jedoch die Situation, um sie zu einer Behandlung zu überreden, und behauptet, dass er Vaudémont töten werde, wenn Iolanta nicht zustimme. Iolanta gibt nach und folgt dem Arzt. Weit davon entfernt, den jungen Grafen hinrichten zu lassen, gewährt ihm der König tatsächlich die Hand seiner Tochter. In diesem Moment ertönen Freudenschreie: Iolanta hat ihr Augenlicht wiedererlangt. Alle preisen den Herrn.
EINBLICKE
Eine Geschichte über Blindheit und Erwachen
Eine Begegnung mit dem Regisseur Stéphane Braunschweig und dem Dirigenten Pierre Dumoussaud.
Der eine schafft einen Bühnenraum, der sowohl schützend als auch bedrückend wirkt, der andere offenbart klare, innere Musik. Gemeinsam machen Stéphane Braunschweig und Pierre Dumoussaud Tschaikowskis Oper zu einem Erlebnis, das uns einlädt, unsere Augen zu öffnen.
Zwischen Paradies und Gefängnis
Das Libretto verlegt die Handlung in einen paradiesischen Garten, einen abgeschiedenen Zufluchtsort, in dem Iolanta lebt, ohne zu wissen, dass sie blind ist. Stéphane Braunschweig entscheidet sich dafür, diesen Raum abstrakt darzustellen, nicht als bezaubernden Zufluchtsort, sondern als sterilen und künstlichen Ort. Auf der Bühne: eine große weiße Kiste, ein grüner Teppich, der Geräusche dämpft, künstliche Blumen. „Es ist schön, hell und glatt, aber dieser Raum erinnert an ein Gefängnis, einen Ort, der von der Außenwelt und der Realität abgeschnitten ist. Ich wollte etwas, das gleichzeitig voluminös wie leer ist.“
Diese szenische Leere drückt die grundlegende Melancholie der Hauptfigur aus, ihr Bewusstsein für einen Mangel, der zur treibenden Kraft hinter ihrer Suche wird. Das Bühnenbild gerät so zu einem Spiegelbild von Iolantas Zustand: geschützt vor der Welt, aber gefangen in einer Illusion.
Licht als dramaturgisches Mittel
Stéphane Braunschweig macht Licht zu einem theatralischen Erlebnis. Er nutzt es als sensibles dramaturgisches Mittel, um die Bewusstseinszustände der Figuren zu vermitteln. „Als Vaudémont entdeckt, dass Iolanta blind ist, habe ich mir vorgestellt, dass die Bühne in Dunkelheit getaucht wird. Das Publikum nimmt dann Vaudémonts Blick ein und spürt sein gefühltes Erstaunen.“ Nach Iolantas Genesung öffnet sich das Bühnenbild zu einem Gegenlicht, verschwommen und zögerlich, wie ein schwieriger erster Kontakt mit der Wirklichkeit. Schließlich durchflutet ein blendendes Licht den Zuschauerraum, bricht die Barriere zwischen Bühne und Publikum und zieht alle in diese Offenbarung hinein. Für den Regisseur spiegelt diese Lichtgestaltung die Partitur selbst wider, „in der Tschaikowski eine wahre Poetik des Chiaroscuro einsetzt und uns von der Dunkelheit zum Licht führt“.
Eine Partitur, die sich dem Impressionismus öffnet
„Ich habe zum ersten Mal eine Oper auf Russisch dirigiert. Das ist eine ebenso aufregende wie schwindelerregende Entdeckung“, bemerkt Pierre Dumoussaud. „Wir sind an Tschaikowskis extravagante Werke gewöhnt. Diese Oper aber ist kurz und nüchtern. Deshalb möchte ich nah am Gefühl bleiben.” Er sieht Iolanta als „die russische Pelléas et Mélisande“ – eine leichte, nie überwältigende Orchesterkomposition, die die intime Reise zweier Kinder begleitet, die zur Liebe und zu sich selbst erwachen. Die musikalische Nüchternheit lenkt die Aufmerksamkeit der Zuhörenden wieder auf die Stimmen. Dumoussaud betont, dass er „die Sänger:innen vor allem als Stimmen, als Vermittelnde von Emotionen und Symbolen und weniger als psychologische Charaktere“ sehen möchte.
Von der Einleitung an schafft eine Serenade für Blasinstrumente eine sanfte Atmosphäre, die von den Streichern und der Harfe auf der Bühne weitergetragen wird. Dann weitet und hellt sich die Partitur auf, bis sie, so Dumoussaud, zu einer „Hymne an das Licht mit einer ganzen Palette von Klangfarben wird, die dem Impressionismus ähnelt”.
Innere Schatten und spirituelles Licht
Unter der sanften Oberfläche erinnert Braunschweig an das latente Gefühl der Angst, das das Werk durchzieht: die Angst vor dem, was fehlt; die innere Zerrissenheit des Vaters zwischen übertriebener Fürsorglichkeit und Schuldgefühlen; die Angst, die Augen für die Welt zu öffnen. „Die Melodie des Englischhorns versetzt das Publikum von der Einleitung an in eine Melancholie, die vielleicht mehr als die Blindheit die Krankheit ist, unter der Iolanta leidet.“ Er identifiziert diese unterschwellige Spannung als die dramatische Triebkraft. „Die behütete Iolanta ahnt vage, dass etwas fehlt, und diese Abwesenheit wird zu ihrer Stärke.“
Diese Angst spiegelt auch Tschaikowskis eigene Qualen am Ende seines Lebens wider. „Wir sollten nicht vergessen, welchen inneren Konflikt er durchlebte, insbesondere im Zusammenhang mit seiner verborgenen Homosexualität“, betont Dumoussaud. Der Kontrast zwischen den ersten Szenen verdeutlicht diese intime Dimension: ein erstes feminines, blumiges, jungfräuliches Tableau, gefolgt von maskulinen Szenen, die von väterlicher Überfürsorglichkeit und dem Eroberungsgeist junger Männer geprägt sind. „Diese Gegensätze der Geschlechter finden ihre Auflösung in der symbolischen Vereinigung von Iolanta und Vaudémont, einer Vereinigung, die nicht fleischlich ist, sondern sich dem Licht und dem Erwachen zuwendet.“ Darüber hinaus hat das Werk eine spirituelle Dimension, in der Religion und Pantheismus verschmelzen. Inspiriert vom Glauben Iolantas Vaters, der orientalischen Zeichnung des Arztes und den durch die sowjetische Zensur ausgelöschten Nuancen des Glaubens, bietet das Werk eine universelle Öffnung. „Es ist ein Werk, in dem der Glaube im Mittelpunkt steht, unabhängig von seiner Spiritualität. Das Gefühl der Angst weicht in einem Finale, in dem alle Kräfte zusammenlaufen, dem Gefühl der Ruhe, einem wahren Happy End“, betont der Dirigent.
Eine zeitlose Suche
Zwischen Bühne und Orchestergraben teilen Braunschweig und Dumoussaud eine gemeinsame Interpretation: Das Werk ist vor allem eine Geschichte der Versöhnung mit sich selbst und mit der Welt. Für den Regisseur ist „Iolanta keine passive Figur, die eine Offenbarung empfängt, sondern eine aktive, die sich trotz der Risiken dafür entscheidet, ins Licht zu treten.“ Der Dirigent ergänzt: „Dieses Werk enthält keine Sozialkritik. Es drückt die innere Suche nach Liebe, die Entdeckung der Sinnlichkeit, die Erkenntnis seiner selbst und anderer aus.“
In diesem Sinne steht die Oper, die sowohl intim als auch grandios ist, im Einklang mit aktuellen Fragen wie der Versuchung, sich selbst zu blenden, und der Notwendigkeit, voll und ganz in der Welt zu leben. Braunschweig erklärt: „Iolantas Schicksal als Frau ist untrennbar mit ihrer Beziehung zu ihrem Vater verbunden, der sie in einer Welt, in der die Realität beängstigende Formen annimmt, übermäßig beschützen will. Dieser Wunsch, sich in sich selbst zurückzuziehen, spricht uns offensichtlich an; er ist eine tödliche Gefahr. Iolanta gibt uns zu verstehen, dass wir trotz unserer Ängste unsere Augen für die Welt öffnen müssen.“
Tschaikowskis letzte Oper ist weder ein extravagantes Fresko noch eine erbauliche Moralgeschichte, sondern ein feinfühliges und symbolisches Werk des Übergangs, das die Sensibilität des 20. Jahrhunderts ankündigt. Es erinnert uns daran, dass trotz unserer Ängste die Entscheidung für das Licht der größte Akt von allen sein kann.
Vinciane Laumonier
Übersetzt aus dem Französischen
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