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5 wiederentdeckte Opern

Die moderne Erstaufführung von Luigi Rossis wiederentdeckter Oper Il palazzo incantato (Der verzauberte Palast) wurde von den Medien überschwänglich positiv aufgenommen. Kein Zweifel, es gibt einen Appetit auf die ausgegrabenen musikalischen Perlen, die bei der Erstellung des Opernkanons übersehen wurden. 
So wie Il palazzo incantato, der 380 Jahre lang in der Vatikanischen Bibliothek schlummerte, bis der Dirigent Leonardo García Alarcón praktisch darüber stolperte, ist die Musikgeschichte voller Wunder, die wir immer noch (wieder)entdecken. Dies ist die Geschichte von fünf solchen vergessenen Schätzen und den Menschen, die geholfen haben, sie zu entdecken.

1° Teilen und herrschen
Giovanni Legrenzi: La divisione del mondo 

Die prächtige Oper La divisione del mondo des venezianischen Komponisten Giovanni Legrenzi schildert, wie Jupiters Versuche, die zerrüttete Welt zwischen den sich bekriegenden Titanen und Göttern aufzuteilen, immer wieder durch den Auftritt der sinnlichen Venus vereitelt werden. Die Oper hat alles, um ihr Publikum zu verblüffen: Sänger*innen, die in Falltüren verschwinden, Götter, die von oben erscheinen und sogar Raucheffekte...

Trotz des Erfolges nach ihrer Entstehung im Jahr 1675 blieb Legrenzis Oper mehrere Jahrhunderte lang nahezu unbekannt. Nach einer Uraufführung bei den Schwetzinger SWR-Festspielen im Jahr 2000 brachte der französische Cembalist und Dirigent Christophe Rousset die Oper 2019 an der Opéra national du Rhin in einer Inszenierung von Jetske Mijnssen (die später auch den Barbier von Sevilla in Oslo inszenierte) wieder ins Rampenlicht. 

2° Kommt Ihnen das bekannt vor?
Gioachino Rossini: Aureliano in Palmira 

Vom Barbier von Sevilla zu Aureliano in Palmira: Was hat Rossinis berühmteste Oper mit seinem viel weniger bekannten Werk gemeinsam? Nicht die Handlung: Im Zentrum von Aureliano steht die Rivalität zwischen dem römischen Kaiser und dem Prinzen von Persien um die schöne Königin von Palmyra, die Tausende von Meilen und Jahrhunderte vom spanischen Barbier entfernt spielt. Wenn auch viele Opernliebhaber*innen Figaros „Largo al factotum‟ unter der Dusche singen könnten, hätten sie Schwierigkeiten, eine Arie aus Aureliano zu intonieren. 

Die beiden Werke teilen sich eine Ouvertüre und einiges mehr. Rossini bediente sich frei bei seiner früheren Oper, die am zweiten Weihnachtsfeiertag 1813 an der Mailänder Scala uraufgeführt wurde, also etwa zwei Jahre vor dem Barbier. Aurelino in Palmira wurde komponiert, als er 22 Jahre alt war, und zeigt Rossini vielleicht nicht auf dem Höhepunkt seiner kreativen Kräfte. Nichtsdestotrotz wurde sein unglaubliches Talent in Duetten wie „Se tu m'ami, o mia regina‟ deutlich, das Stendhal als sein schönstes je komponiertes Werk bezeichnete.

Der amerikanische Maestro und Musikwissenschaftler Will Crutchfield dirigierte Aureliano in Palmira beim Rossini Opera Festival 2014 in der Weltpremiere der kritischen Ausgabe der Partitur, die er selbst herausgegeben hat. Diese Aufführung und die anschließende Aufnahme der Oper wurden 2015 bei den International Opera Awards als bestes wiederentdecktes Werk ausgezeichnet.

3° Nicht jedermanns Favoritin
Gaetano Donizetti: L’Ange de Nisida

Dass es von Donizettis französischer Oper La Favorite (1840) eine Vorgängerfassung - L'Ange de Nisida - gab, ist nicht überraschend. Sie erzählt die Geschichte der Mätresse des neapolitanischen Königs, die sich in einen jungen Soldaten verliebt, der aus dem Exil zurückkehrt. Geplant für das Théâtre de la Renaissance in Paris, erblickte es nie das Licht der Welt, da das Theater noch vor der Premiere bankrott ging. Obwohl Donizetti die Partitur aufgab, flossen das Libretto und die Musik bald in seine nächste Oper, La Favorite, ein. Er behielt die Handlung bei, änderte aber den Schauplatz und die Figuren erheblich. 

Über viele Jahre hinweg hat die Musikwissenschaftlerin Candida Mantica die Oper akribisch restauriert, indem sie die zu L'Ange de Nisida gehörenden Teile isoliert und mit anderen verworfenen, aber erhaltenen Teilen kombiniert hat. Nach einer konzertanten Aufführung im Royal Opera House 2018 fand die szenische Weltpremiere 2019 beim Donizetti Opera Festival in Bergamo in Francesco Michelis Inszenierung statt.

4° Noch auf keiner Liszte 
Franz Liszt: Sardanapalo 

Er ist bekannt als ein produktiver Komponist, vor allem der romantischen Klaviermusik, und als virtuoser Pianist. Weniger bekannt ist Franz Liszt als Opernkomponist. Sein frühes Abenteuer in die Welt der Oper - Don Sanche -, geschrieben als er 14 Jahre alt war, wird bestenfalls als historisch wertvoll angesehen. Das war der Stand der Dinge, bevor Sardanapalo, eine italienische Oper über den letzten König von Assyrien, vor kurzem wieder aufgetaucht ist. 

Im Jahr 1845 war Liszt bereit, sein Leben als reisender Musiker gegen die Stabilität und Anerkennung einzutauschen, die ihm das Schreiben einer Oper bringen würde. Als Stoff wählte er ein Versdrama von Lord Byron, das unter anderem auch Werke von Delacroix, Berlioz und Ravel inspirierte. Es ist nicht geklärt, warum Liszt das Projekt 1852 aufgab, obwohl einige vermuten, dass der Librettist seinen Text nicht überarbeitet hatte. Das Manuskript blieb unangetastet in einem Archiv, weil Experten es für zu unübersichtlich hielten, um es zu rekonstruieren, bis der Musikwissenschaftler David Trippett das vollständige Aufführungsmaterial für Orchester erstellte.

Kirill Karabits, der dem OperaVision-Publikum als Dirigent des Kirsten-Flagstad-Jubiläumskonzerts bekannt ist, leitete am 19. August 2018 die Uraufführung des Werks in der Staatskapelle Weimar, die symbolischerweise Liszts eigenes Orchester von 1848 bis 1858 war. Die anschließende Aufnahme wurde von der Kritik hoch gelobt und bei Gramophone als Aufnahme des Jahres nominiert.

5° Ein ferner Klang
Franz Schrecker: Der Schmied von Gent

Bei vielen dieser Opern gibt es unglaubliche Berichte darüber, wie sie zuerst verloren gingen und später wiederentdeckt wurden. Doch manchmal kommt das Vergessen stückweise und es gibt auch keine spektakuläre Rettungsgeschichte. Als der gefeierte jüdische Komponist Franz Schrecker am 29. Oktober 1932 seine Oper Der Schmied von Gent in Berlin uraufführte, störten rechte Hetzer die Aufführung. Innerhalb weniger Jahre wurde Schreckers Musik in Deutschland verboten und das Werk geriet in Vergessenheit.

1981 von der Berliner Staatsoper wiederentdeckt, erhielt Der Schmied von Gent im Februar 2020 seine 4. moderne Aufführung in einer farbenfrohen Inszenierung des Opera Ballet Vlaanderen. OperaVision hat die Produktion im Frühjahr 2020 exklusiv gestreamt.