Hamlet, Prinz von Dänemark, erfährt, dass sein Vater, der König, von seinem Onkel ermordet wurde, um die Königin zu heiraten und den Thron an sich zu reißen. Um den Mörder zu entlarven, ist der junge Prinz gezwungen, alles zu opfern, auch die Liebe der treuen Ophelia.
Mit seinen lebhaften Tänzen, Geisterszenen und rührenden Arien war Hamlet der einzige große Erfolg von Ambroise Thomas an der Pariser Oper, wo er sich nach der Premiere 1868 jahrzehntelang im Repertoire hielt. Am Premierenabend wurde die Titelrolle von einem Bariton gesungen, wie es seither üblich geworden ist. Durch die Wiederentdeckung der Originalpartitur in den letzten Jahren hat sich jedoch herausgestellt, dass Thomas die Rolle des Hamlet ursprünglich für einen Tenor geschrieben hat. In dieser Neuinszenierung des Teatro Regio Torino ist der Tenor John Osborn der gequälte Prinz, der den berühmten Monolog „Sein oder nicht sein“ („Être ou ne pas être“) singt. Sara Blanch singt die Ophélie, deren feurige Arie in der Wahnsinnsszene ein echtes Glanzstück für Koloratursoprane darstellt. Die Inszenierung von Jacopo Spirei steht unter der musikalischen Leitung von Jérémie Rhorer.
BESETZUNG
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Hamlet, Prinz von Dänemark
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John Osborn
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Ophélie, Polonius' Tochter
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Sara Blanch
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Gertrude, Königin von Dänemark und Hamlets Mutter
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Clémentine Margaine
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Claudius, König von Dänemark
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Riccardo Zanellato
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Laërte, Polonius' Sohn
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Julien Henric
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Der Geist des verstorbenen Königs, Hamlets Vater
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Alastair Miles
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Marcellus, Offizier und Hamlets Freund
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Alexander Marev
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Horatio, Offizier und Hamlets Freund
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Tomislav Lavoie
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Polonius, Oberkämmerer des königlichen Haushalts
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Nicolò Donini
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Erster Totengräber
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Janusz Nosek
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Zweiter Totengräber
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Maciej Kwaśnikowski
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Orchester
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Orchester des Teatro Regio Torino
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Chor
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Chor des Teatro Regio Torino
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Musik
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Ambroise Thomas
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Text
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Jules Barbier, Michel Carré
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Regie
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Jacopo Spirei
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Musikalische Leitung
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Jérémie Rhorer
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Bühne
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Gary McCann
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Kostüme
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Giada Masi
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Choreografie
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Ron Howell
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Licht
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Fiammetta Baldiserri
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Chorleitung
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Ulisse Trabacchin
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VIDEOS
HANDLUNG
I. Akt
1. Szene – Helsingör
Während der Hof die Hochzeit von Gertrude – der Witwe von König Gonzague – und dessen Bruder und Nachfolger Claudius feiert, denkt Prinz Hamlet, Sohn von Gertrude und dem verstorbenen König, bitter über die übereilige Heirat seiner Mutter nach. Zu ihm gesellt sich Ophélie, die von den Gerüchten, er wolle den Hof verlassen, beunruhigt ist und befürchtet, dass er das Interesse an ihr verliert. Mit einem plötzlichen Anflug von Zuneigung beruhigt Hamlet sie: Man kann an allem zweifeln, aber nicht an seiner Liebe zu ihr. Dann taucht Laërte auf, der in diplomatischer Mission nach Norwegen geschickt wurde, um dem Prinzen Lebewohl zu sagen und seine Schwester Ophélie in Hamlets Obhut zu geben. Eine Fanfare kündigt den Beginn des Hochzeitsmahls an. Ophélie und Laërte fordern Hamlet auf, sich ihnen anzuschließen, aber er weigert sich, an den Feierlichkeiten teilzunehmen. Während die Gäste feiern, kommen Marcellus und Horatio und suchen Hamlet: Sie wollen ihm von einer Geistererscheinung berichten, die sie in der Nacht zuvor gesehen haben. Von den anderen Gästen ausgelacht, brechen sie auf, um den Prinzen zu suchen.
2. Szene – Die Zinnen
Horatio und Marcellus erzählen Hamlet von ihrer übernatürlichen Vision. Um Mitternacht erscheint der Geist des Königs erneut: Hamlet wendet sich inbrünstig an ihn, aber der Geist signalisiert, dass er in Gegenwart der anderen nicht sprechen wird. Widerstrebend ziehen sich Horatio und Marcellus zurück. Allein mit seinem Sohn offenbart der Geist, dass er von Claudius ermordet wurde. Nun fordert er Rache: Hamlet soll den unrechtmäßigen König töten. Was die ebenfalls schuldige Gertrude betrifft, so muss ihre Bestrafung der göttlichen Gerechtigkeit überlassen werden. Der Prinz gelobt feierlich, den Willen seines Vaters auszuführen.
II. Akt
1. Szene – Die Gärten des Schlosses
Ophélie trauert über Hamlets zunehmend kaltes und distanziertes Verhalten und versucht sich mit Lesen abzulenken. Hamlet erscheint, spricht aber nicht mit ihr und geht schnell wieder. Ophélie denkt wehmütig darüber nach, wie schnell die Versprechen der Liebe vergehen. Sie vertraut der Königin ihren Kummer an und bittet darum, den Hof verlassen zu dürfen. Besorgt um den Geisteszustand ihres Sohnes drängt sie Gertrude zu bleiben, da sie überzeugt ist, dass Ophélies Anwesenheit Hamlet helfen wird, sich zu erholen. Als sie den König kommen sieht, entlässt die Königin sie. Claudius glaubt, Hamlets Verhalten sei auf geistige Instabilität zurückzuführen, und ist beruhigt, dass der Prinz keinen Verdacht schöpft. In der folgenden Unterhaltung ist Hamlet jedoch Claudius gegenüber distanziert und antwortet seiner Mutter rätselhaft, als sie Ophélie erwähnt. Dann kündigt er an, er habe eine reisende Schauspieltruppe zur Unterhaltung des Hofes einberufen. Marcellus stellt sie vor, und die Komödiant:innen begrüßen ihn mit ironischer Ehrerbietung. Hamlet, der davon überzeugt ist, dass Claudius sich selbst verraten wird, wenn er sein Verbrechen nachgespielt sieht, weist sie an, den Mord an Gonzague aufzuführen. Er selbst wird das Signal geben, wenn das Gift zu wirken beginnt. Dann ruft er zu einem Trinkspruch auf und singt ein Trinklied, in dem er alle einlädt, ihren Kummer in Wein zu ertränken.
2. Szene – Ein festlich geschmückter Thronsaal des Palasts
Der König und die Königin treten ein, gefolgt von den Höflingen. Hamlet setzt sich zu Füßen von Ophélie – sie erschrickt vor seinem Blick – und weist Marcellus an, die Reaktionen des Königs genau zu beobachten. Die Schauspieltruppe führt die Pantomime wie geplant auf. Der sichtlich erschütterte Claudius gesteht seine Schuld: Verzweifelt befiehlt er den Schauspielern sich zu entfernen, während Hamlet ihn in einem Anfall von Raserei als Mörder seines Vaters anzeigt und seine Krone an sich reißt. Die Höflinge sind schockiert und verwirrt von Hamlets Verhalten. Während Horatio und Marcellus versuchen, ihren Freund zurückzuhalten, der in seinem neu aufkeimenden Wahnsinn erneut das Trinklied singt, verlassen der König und die Königin eilig den Saal.
III. Akt
Ein Zimmer in den Gemächern der Königin
Hamlet fragt sich, warum er Claudius noch nicht getötet hat, und denkt über seine Verantwortung und das Schicksal des Menschen nach dem Tod nach. Als er den König herankommen sieht, versteckt er sich. Von Schuldgefühlen geplagt bittet Claudius seinen Bruder, für ihn bei Gott Fürsprache einzulegen. Hamlet könnte ihn leicht erschlagen, aber er hält sich zurück: Wenn Claudius beim Beten stirbt, könnte seine Seele gerettet werden. Im folgenden Gespräch zwischen Claudius und Polonius – der den König auffordert, Ruhe zu bewahren und weder sich selbst noch seine Komplizen zu verraten – erfährt Hamlet mit Entsetzen, dass Ophélies Vater in den Königsmord verwickelt war.
Gertrude und Ophélie treten ein. Die Königin bittet Hamlet, das Mädchen zu heiraten, aber er lehnt kühl ab. Ophélie verlässt ihn unter Tränen. Als Hamlet mit seiner Mutter allein ist, offenbart er ihr, dass er die Wahrheit kennt. Gertrude wirft sich ihm zu Füßen und fleht ihn an, ihr Leben zu verschonen. Daraufhin erscheint der Geist wieder und fordert den Prinzen erneut auf, Claudius zu töten, aber seine Mutter zu verschonen.
IV. Akt
Eine bewaldete Landschaft an einem See
Eine Gruppe von Bauern begrüßt den Frühling mit einem Tanz am Ufer des Sees. Ophélie bittet darum, an den Feierlichkeiten teilnehmen zu dürfen, und verteilt Blumen aus ihrem Kranz. Dann singt sie eine traurige Ballade; vom Wahnsinn befallen beendet sie ihr Leben, indem sie sich sanft ins Wasser gleiten lässt.
V. Akt
Der Friedhof von Helsingör
Zwei Totengräber singen ein zynisches Trinklied: Liebe, Reichtum, Ruhm – alles ist Eitelkeit, außer den Freuden des Weins. Als Hamlet fragt, wessen Grab sie ausheben, können sie nicht antworten. Hamlet weiß noch nichts von Ophélies Tod und bedauert, dass er sie mit seiner Ablehnung verletzt hat. Laërte ist von seiner Mission zurückgekehrt, stellt Hamlet zur Rede und macht ihn für den Tod seiner Schwester verantwortlich. Die beiden jungen Männer wollen sich gerade streiten, als ein Leichenzug, angeführt vom König und der Königin, mit dem Sarg von Ophélie eintrifft. In diesem Moment erscheint der Geist zum letzten Mal. Hamlet gehorcht seinem Befehl, tötet Claudius und ergreift die Krone, während die Höflinge ihn als König bejubeln.
EINBLICKE
Angst und Delirium in Helsingör
Einführung von Regisseur Jacopo Spirei
Sein oder nicht sein? Die größte Frage unseres Lebens. Was sollen wir tun, wenn eine Aufgabe, die größer ist als wir selbst, auf unseren Schultern lastet? Müssen wir so werden wir unsere Eltern, wie ihr rachsüchtiger Geist?
Hamlet steckt voller unbeantworteter Fragen, überwältigender Verantwortung und einer traumatischen Realität, die jegliche Art von Albtraum gebiert. Dieser Hamlet ist eine Reise zu uns selbst – durch Selbstbeobachtung, Hinterfragen und Suchen.
Kann ein Mann, dessen einziger Fehler es ist, der Sohn eines geliebten Königs zu sein, wirklich Rache üben? Wie kann er seiner Mutter am Tag ihrer Hochzeit mit seinem Onkel in die Augen blicken? Wie können wir mit dem Geist unserer Verantwortung sprechen?
Diese Inszenierung taucht ein in die tiefsten Winkel des menschlichen Geistes: Durch Hamlets endlose Monologen suchen wir nach einem Weg, um zu verstehen, wer wir sind und was richtig oder falsch ist.
Hamlets Geschichte ist eine Geschichte des ständigen Scheiterns – verortet in einer in sich zusammenfallenden Welt, in der nach und nach die Werte ihre Bedeutung verlieren. Wir wandern durch das Labyrinth seines Geistes – eine Welt des Schauers und Verfalls, in der Albträume Wirklichkeit werden. Ein Labyrinth, aus dem es kein Entrinnen gibt, das sich ständig verändert und nie stabil ist.
Hamlet ist fast eine Nicht-Oper, voller unvollendeter Geschichten, unerzählter oder gar unaussprechlicher Wahrheiten. Vielleicht können wir nur klar sprechen, wenn alles verloren gegangen ist – sogar die Vernunft, wie bei Ophélie. Es ist eine Geschichte, die existiert, indem sie sich selbst verleugnet: eine Geschichte von unerfüllter Rache, aber vor allem eine Geschichte des Scheiterns.
Hamlet ist in vielerlei Hinsicht der ursprüngliche Außenseiter, der erste Zauderer. Seine Geschichte ist eine Geschichte des Scheiterns und der Niederlage, die Art des Scheiterns, die uns auch heute noch in Angst und Schrecken versetzt; uns, die wir uns verloren haben in unseren digitalen Labyrinthen, wo die Stimmen von Hass zu mächtigen Geistern werden, die unsere Psyche zum ultimativen Akt der Selbstzerstörung treiben. Suizid ist ein ständiger Begleiter Hamlets, während er den Sinn des Lebens und die Sinnhaftigkeit eines aussichtslosen Kampfes infrage stellt. Er ist der Spiegel einer existenziellen Krise, auf die wir alle früher oder später eine Antwort finden müssen – in der Stille und Dunkelheit unserer eigenen Einsamkeit.
Hamlet lebt in einer Welt, die von Monstern und Visionen heimgesucht wird, die mit der Realität verwoben sind. Wir wissen nie, ob das, was wir sehen und hören, Wirklichkeit, Einbildung oder Erinnerung ist. Er bewegt sich durch einen Königspalast, der sich ständig verändert und immer derselbe bleibt. Die einzigen Momente der Freude finden sich im Rausch, in den künstlich erzeugten Paradiesen des Drogenkonsums oder im Tod.
Im dritten Akt sagt Hamlet zu seiner Mutter: „In die Tiefen deiner Seele wage zu schauen und erkenne dich selbst!“ Das ist es, was die Handlung von uns verlangt: Sie zwingt uns, uns unserer eigenen Einsamkeit und Passivität zu stellen, zur Suche nach uns selbst in einer Welt, die nicht mehr zuhört – einer Welt, die Ungerechtigkeit ohne mit der Wimper zu zucken hinnimmt und sich schnell dem Gesetz der Macht beugt. Eine Welt, in der unsere Ängste die monströsen und übertriebenen Dimensionen unserer Obsessionen annehmen.
In Hamlets Unfähigkeit, sich dem Leben zu stellen, sehen wir unsere eigene. In seinem Zögern, in seiner Untätigkeit erkennen wir unsere eigenen Grenzen – auch Grenzen der modernen Gesellschaft, immer in Verbindung miteinander, aber ohne emotionale Bindung. Vor allem sehen wir die Realität, die junge Menschen tagtäglich erleben, in ihrem verzweifelten Versuch, in einer von Krisen geplagten und ständig kollabierenden Welt einen Sinn zu finden, während sie einer Erwachsenenwelt gegenüberstehen, die sie ignoriert, klein hält oder zu ersetzen versucht.
Am Ende ist Hamlets Schicksal nicht sein eigenes; es wird ihm von einem zu perfekten und zu anspruchsvollen Vater aufgezwungen, der die Schwächen des Sohnes nur noch mehr hervorhebt. Dennoch wird Hamlet die Aufgabe übertragen, sich zu rächen, die Welt zu verändern, für Gerechtigkeit zu sorgen. Hamlet scheitert zwar, doch wird Rache verübt; trotz seines Widerwillens fällt das vom Vater beschlossene Schicksal auf den Sohn.
Durch sein Versagen lehrt uns Hamlet, dass die Zukunft bereits geschrieben ist – außer wir entscheiden uns zu handeln und sie zu verändern.
Übersetzt aus dem Englischen
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