A Myth
Willkommen in einem poetischen und doch befremdlichen Universum. Echos von Stimmen erklingen in der Ferne. Eine Posaune ruft aus der Dunkelheit. Eine Sirene verwandelt sich in Engelsgesang. Ein Klavier wird nach vorne gezogen. Eine Erinnerung an etwas, doch nichts ist so wirklich wie es scheint. Alles, was du zu greifen, zu verstehen versuchst, gleitet dir durch die Finger.
A Myth ist eine sinnliche musikalische Performance des O. in Rotterdam, in der Gesang, Bewegung, Schlagwerk und Blech-Sounds in einer gewaltigen körperlichen Komposition zusammenfließen. Mit sechs Ausführenden kreiert Komponist und Regisseur Mees Vervuurt eine träumerische, mythologische Welt, in der unsere Beziehung mit der Welt um uns herum in Frage gestellt wird. In A Myth erklingen Echos von widerhallenden Arien und schreienden Sirenen. Mit Intensität verzögerte Barock-Harmonien gehen in den knarrenden Klang einer startenden Maschine über. Schlagweg und Posaune erschaffen einen Klangsturm, der am Ende in eine bedeutsame Stille mündet. Die Performance beleuchtet einen der hartnäckigsten Mythen unserer Zeit, in dem die Menschheit im Zentrum steht und die Natur außerhalb von uns ist. Wie sind wir als menschliche Wesen in der Welt? Was sind die Geschichten, die Mythen, die wir uns selbst erzählen, um zu dem, was uns umgibt, eine Verbindung herzustellen? Und was passiert, wenn wir diese aufgeben?
BESETZUNG
|
Sänger:innen
|
Arturo den Hartog
Marthe Koning
Anat Spiegel
|
|---|---|
|
Posaune
|
Salvoandrea Lucifora
|
|
Perkussion
|
Mees Siderius
|
|
Darstellerin
|
Charlotte Gillain
|
| ... | |
|
Musik
|
Mees Vervuurt
|
|---|---|
|
Regie
|
Mees Vervuurt
|
|
Dramaturgie
|
Roel Meijvis
|
|
Licht
|
Wout Panis / StageMate
|
|
Kostüme
|
Lisanne Bovée
|
|
Produktion
|
Belle Lammers
|
| ... | |
Produziert von Studio Vacuüm / Mees Vervuurt. Koproduziert von Muziekgebouw Productiehuis und O. Festival für Oper. Musik. Theater.
Videos
EINBLICKE
Auszüge aus einem Essay des Philosophen und Dramaturgen Roel Meijvis.
A Myth ist eine musikalische Performance im und mit dem Raum. Mit den Mitteln von Klang, Luft, Licht, Stimme, Stoff, Atem, Zeit und Körper untersucht die Aufführung die Frage, wie wir Menschen mit unserer Umgebung in Beziehung treten. Was bedeutet es, präsent zu sein? Wie verhalte ich mich zu der Welt um mich herum? Welche Rolle spielen Sprache, Mythen und Geschichten beim Verständnis dieser Welt? Und sind andere Arten der Beziehung möglich?
„Uns überfüllts. Wir ordnens. Es zerfällt. / Wir ordnens wieder und zerfallen selbst.“
Rainer Maria Rilke
1.
Zur Premiere beim O. Festival in Rotterdam befinden wir uns in einem 12 Meter hohen ehemaligen Getreidespeicher, der als Kathedrale bezeichnet wird – einem großen Betonraum, der ungemütlich und kalt wirkt. Der Raum hat etwas Verschlossenes und Schweres, wie ein Bunker, ein Versteck, aber ohne die warme Intimität einer Hütte auf dem Dachboden. Es ist ein Ort, der nicht für Menschen gedacht ist, und das spürt man.
Draußen ist es hell. Draußen geht das Leben weiter. Aber hier befinden wir uns in einer anderen Welt. Die Tatsache, dass hier schon lange kein Getreide mehr gelagert wurde, deutet darauf hin, dass Zeit vergangen ist. Wir befinden uns in einer Ruine, einem Überbleibsel einer Zeit und einer Welt, die nicht mehr existiert. Dieses Kommen und Gehen von Welten, diese zyklische Abfolge von Göttern, Epochen und Jahreszeiten, ist ein Merkmal vieler mythologischer Erzählungen.
Diese Geschichten sind unsere Urgeschichten über das Dasein; über den Anfang (und oft auch das Ende) von allem. In diesen Geschichten gehen Menschen oft den Göttern voraus, und Götter selbst gehen oft titanischen Urkräften oder kosmischen Energien voraus. Am Anfang ist nichts. Aber das Nichts ist immer zugleich alles. Später wird aus Einheit Vielheit, aus Ewigkeit ein Augenblick und aus dem Leben selbst ein Lebewesen, ein Individuum. Dann ist man plötzlich irgendwo. Aber wo?
Und so betreten wir diesen dunklen Raum, vorsichtig, mit langsamen Schritten und gespitzten Ohren. Wir hören etwas in der Ferne. Oder kommt es ganz aus der Nähe? Ich suche mir einen Platz und bleibe stehen. Hier versuche ich zu sehen, was ich höre, und zu hören, wo ich bin. Langsame Töne breiten sich vor mir aus wie eine Landschaft, aus der mit jedem Klang ein neuer Berg erwächst. Gestalten tauchen aus der Dunkelheit auf, antworten auf den Ruf aus der Tiefe. Eine Welt erwacht. Einzigartige Stimmen – sind es Stimmen? –, menschlich und unmenschlich zugleich, zeichnen sich in dem Klang ab, der einst eins war. Ich kann immer mehr voneinander unterscheiden. Ich suche, ich fasse, ich ordne. Aber hilft mir das, präsent zu sein?
2.
A Myth untersucht Beziehungen und das Sich-Beziehen. Die Rolle der Zuschauenden ist dabei wesentlich. Ebenso wie meine Rolle als Zuschauer, denn wie verhalte ich mich zu all dem? Inwiefern bin ich Teil dieses Werks oder dieser Erfahrung?
Wir sehen eine Gestalt, die sich durch die musikalische Landschaft bewegt, neugierig. Auch sie scheint sich zu fragen, wo sie ist. Gemeinsam begegnen wir einer Welt, die verschlossen, aber nicht feindselig ist. Wir versuchen, sie zu erfassen, zu verstehen, Teil von ihr zu sein. Aber ist das möglich? Und wie? […]
Wir werden an dem Tag, an dem wir auf die Erde kommen, in die Welt hineingeboren, aber wir werden auch aus der Welt herausgeboren, wenn wir ein Selbstbewusstsein entwickeln, das uns von den Dingen um uns herum unterscheidet.
Wie passen diese beiden Zustände zusammen? Geht bei dieser zweiten Geburt etwas verloren? Und ist es möglich, zurückzukehren? Nicht zu einem romantischen „Naturzustand“, sondern zu einer Einheit, einer Fülle, in der ich den Wind in der Welt als Atem in mir erlebe und meinen Atem als eine Erweiterung meiner selbst in der Welt, mit der ich mich mit allem und jedem vermische.
Atem und Wind sind wichtige Motive in dieser Performance, ebenso wie im Werk des deutschen Dichters Rainer Maria Rilke. Mit diesen Begriffen verweist Rilke stets auf unsere Teilhabe an der Einheit und Fülle der Welt. Wenn wir einatmen, nehmen wir von ihr, und wenn wir ausatmen, geben wir Raum zurück. Auf diese Weise schaffen wir Raum. Aber es ist auch etwas, das unbewusst geschieht, ohne dass wir darüber nachdenken. Der Atem ist die absolute Quelle. Das hebräische Wort Ruach (רוח) aus der Bibel kann daher gleichzeitig Atem, Luft und (Gottes) Geist bedeuten. Es ist eine Bewegung der Luft, eine Manifestation der Welt in ihrer reinsten Form.
3.
Geht es bei A Myth im Grunde um Sprache? Ist Sprache – und alles, was damit einhergeht – unsere primäre Beziehung zur Welt? Ist Wahrnehmung immer eine Form des Lesens, Verstehens und Interpretierens? Und welchen grammatikalischen und logischen Regeln folgt diese Wahrnehmung? „Die Sprache ist das Haus des Seins“, schreibt der deutsche Philosoph Martin Heidegger in seinem Brief Über den Humanismus (1947). „In ihrer Behausung wohnt der Mensch.“ Andererseits ist dieses Haus ein sogenanntes „zweites Zuhause“. Kann dieses Haus wirklich ein Zuhause sein? Ist dort Platz für alle? Und gibt es für den Menschen eine Möglichkeit, dieses Haus zu verlassen? Gibt es noch Orte, die frei von Mythen sind? Räume, frei von Bedeutung und Botschaft? Gibt es noch Wüsten? Und ist es vielleicht das, wonach in dieser Performance gesucht wird?
In seinem Standardwerk Mythen des Alltags (1957) definiert der französische Philosoph Roland Barthes den Mythos als Sprache, und zwar insbesondere als eine Art der Bedeutung, als eine Form. Es ist eine Form der Aneignung der Welt. Indem wir Dinge benennen, integrieren wir sie in die menschliche Struktur. Ein Baum ist ein Baum, schreibt er, aber ein Baum, den wir mit unserem kulturellen Blick betrachten, ist längst nicht mehr nur ein Baum. Er ist ein geschmückter Baum. Wir haben ein bestimmtes Bild und Gefühl von ihm, er verweist auf etwas, er ist kein fremdes, schweigsames Objekt mehr.
4.
Ein Orkan aus Klang und Bewegung fegt an uns vorbei. „Wirf aus den Armen die Leere / zu den Räumen hinzu, die wir atmen“, schreibt Rilke. Es erfüllt uns. Wie ein Wind, der die Konturen meines Körpers verwischt und mich in alle Ecken des Raumes bläst. Der Raum, der ich bin, der Raum, der wir sind. Ein letzter Versuch und das Gefühl, dass etwas überwunden wurde.
Dann die Stille nach dem Sturm. Der Abstieg nach dem Aufstieg. Erleichterung. Ein neuer Raum, oder: so neu im Raum. Und erst jetzt sehen wir, wo wir wirklich sind – oder erst jetzt sehe ich jenen Raum, den wir mit jenem kleinen Wort zu bezeichnen glauben. Licht. Höhe. Breite. Hier bin ich. Hier sind wir.
Es könnte ein Anfang sein.
Übersetzt aus dem Englischen
GALERIE