Les Contes D'Hoffmann - Opernhaus Zürich

Aberglaube und kuriose Bräuche in der Oper

Freitag, der 13., Spiegelscherben, schwarze Katzen und angelehnte Leitern … Aberglaube, der Glaube an die Glück oder Unglück bringende Eigenschaft bestimmter Symbole oder symbolischer Handlungen, hat schon immer unser Leben geprägt – und nirgends ist er so verdichtet und lebendig anzutreffen wie in der Oper.

Ich erinnere mich gut, wie ich selbst im Kinderchor einer Opernproduktion sang. Bei einer der Proben pfiff ich auf dem Weg durch die Gänge zur Bühne eine Melodie aus dem Stück, als mich eine Choristin mit jahrzehntelanger Theatererfahrung am Arm packte: „Hier wird nicht gepfiffen!“ Vor der Generalprobe konnte ich von allen Seiten hören: „Hoffentlich geht heute etwas schief, dann wird die Premiere gut.“ Und am Tag der Premiere erntete ich einen bösen Blick, als ich mich für ein wohlgemeintes „Toi, toi, toi“ bedankte, was ich seitdem nie wieder gemacht habe. Zum Glück war die Premiere ein Erfolg! Jahre später, als ich am Opernhaus arbeitete, lernte ich, dass dies ein kleiner Teil der abergläubischen Rituale ist, die in der Oper gepflegt werden. Oft steckt dahinter mehr, als man auf den ersten Blick vermutet.

Pfeifen bei der Arbeit verboten

 

Für diesen Brauch gibt es sehr praktische Hintergründe. Vor der Erfindung der elektrischen Beleuchtung, als noch Gaslampen das Theater erhellten, konnte ein Pfeifton auf ein Gasleck hindeuten, was eine Brandgefahr darstellte. Außerdem: Mit der Entstehung der Barockoper wurde ab dem 17. Jahrhundert auch die Bühnenmaschinerie immer weiterentwickelt, die durch ein ausgeklügeltes System von Seilzügen schnelle Wechsel von Kulissen und Bühnenbildern ermöglichte. Für die anspruchsvolle Arbeit wurden damals oft Leute als Bühnentechniker angeheuert, die sich mit Knoten und Takelage bestens auskannten, auch auf der höchsten Beleuchtungsbrücke schwindelfrei waren und in den chaotischsten Situationen einen kühlen Kopf bewahren konnten: Seeleute. Ihre übliche Kommunikationsart auf hoher See – nämlich durch Pfeifsignale – behielten sie in der Arbeit am Theater bei. Pfiff eine Sängerin auf der Bühne, konnte dies die Männer im Schnürboden verwirren, die daraufhin zu früh ein Szenenbild wechselten oder den Vorhang schlossen – und Unfälle waren vorprogrammiert.

À propos. Mit den Seeleuten gelangte auch ein weiterer Aberglaube in die Oper: Obwohl es über und neben der Bühne gerade so von Seilen wimmelt, gilt in französischen Theatern das Wort „corde“ (Seil) als absolutes Unwort. Denn nur ein einziges Teil im Tauwerk eines Segelschiffes heißt „corde“: das kurze Seilende unter der Glocke, die im Gedenken an verstorbene Seeleute geläutet wird. Und dieses Unglück will man auf keinen Fall im Opernhaus heraufbeschwören.

The Flying Dutchman - Klaipėda State Music Theatre

Die Farben von Pech

 

Kostüme in kräftigen Farben können echte Hingucker sein. Aber wussten Sie auch, dass mancherorts bestimmte Farben als Unglücksbringer gelten? Während auf den heutigen Opernbühnen kein explizites „Farbverbot” herrscht, finden sich für diesen Aberglauben einige gute Erklärungen. In Italien beispielsweise gilt besondere Vorsicht bei Violett. Nicht nur, weil diese Farbe dort mit Beerdigungen assoziiert wird. Eine Erklärung für diesen Aberglauben geht zurück auf Zeiten, als die katholische Kirche Theatertruppen während der Fastenzeit das Spielen verbot und die Künstler:innen somit 40 Tage lang ohne Arbeit waren. Aus Solidarität mit den betroffenen Theaterleuten trug man in der Oper weder auf der Bühne, noch im Publikum Violett – bis heute die liturgische Farbe während der Fastenzeit. Gelb gilt ebenfalls als gefährliche Farbe, besonders in Spanien. Im Stierkampf, der corrida de toros, wird der Stier mithilfe eines großen Tuches – meist außen purpurrot und innen gelb – durch eine Arena gelenkt. Da diese Veranstaltungen für den Stierkämpfer nicht immer ohne Blessuren verlaufen und manchmal sogar tödlich enden, ist für einige die letzte Farbe, die sie sehen, bevor sie von einem Stier auf die Hörner genommen werden, Gelb. Grund genug, darauf auch auf der Opernbühne zu verzichten.


Vor Jahrhunderten war Blau noch eine der am teuersten herzustellenden Farben. Die Finanzen eines Theater zu verwalten war (und ist noch) immer eine Herausforderung; ging ein Theater pleite, wurde nicht selten gemunkelt, dass daran die extravaganten blauen Kostüme Schuld gewesen seien. Um einem drohenden Aus entgegenzuwirken, konnte eine Kompanie ihre blauen Kostüme mit Dekorationen aus Silber versehen – selbstverständlich aber nur aus echtem Silber, da man so beweisen konnte, liquide zu sein. Auch Kostüme in Grün haben nicht immer nur Glück gebracht. Noch bis ins 19. Jahrhundert wurden grüne Stoffe mit giftigen Substanzen gefärbt, die über den Hautkontakt nicht selten Unwohlsein oder Krankheiten bei ihren Träger:innen auslöste – daher der Name „Giftgrün“. Eine in Frankreich gern zitierte Geschichte ist die vom legendären Tod des großen französischen Dramatikers und Schauspielers Molière: Der brach am 17. Februar 1673 während einer Vorstellung zusammen und erlitt noch am selben Tag einen tödlichen Blutsturz. Die bittersüße Ironie: Molière hatte in der Titelrolle des Eingebildeten Kranken, seines letzten Werkes, auf der Bühne gestanden – natürlich in einem grünen Kostüm.

Verfluchte Opern
 


Es gibt auch komplette Opern, die als verflucht gelten – aufgrund einer schwierigen Entstehungsgeschichte oder weil Aufführungen dieser Stücke Unfälle regelrecht anzuziehen scheinen. So wie Puccinis Tosca. Das Stück hatte im Laufe der Jahrzehnte eine beträchtliche Anzahl an Vorkommnissen zu verzeichnen, wie am 18. Januar 1964, als die Perücke von Maria Callas bei einer Probe im Londoner Royal Opera House Feuer fing. Die New York Times berichtete: „Als sie sich für eine hohe Note nach hinten lehnte, hing ihre schwarze Perücke über einem Kerzenständer. Flammen erschienen um ihren Kopf. Immer noch singend schlug sie mit einer Hand nach der Glut. Mr. Gobbi [der Bariton] half dabei, die Flammen auszuklopfen. Miss Callas sang unter ihrer verkohlten Perücke weiter.“ Das Gleiche passierte Galina Vishnevskaya in den 1970ern in Wien, die von dem Zwischenfall Verbrennungen an der Kopfhaut davontrug. 1986 erlitt Eva Marton an der New Yorker Met einen Kieferbruch, als sie der Sänger des Scarpia aus Versehen mit dem Ellbogen schlug. 1993 verfehlte Elisabeth Knighton Printy an der Minnesota Opera bei ihrem Sprung im letzten Akt über die Brüstung der Engelsburg die hinter der Bühne versteckte Matratze und brach sich beide Beine.

Die Liste der Zwischenfälle ist noch nicht zu Ende. Verdis Forza del destino schien bereits unter einem schlechten Stern zu stehen, als die Uraufführung aufgrund schwerer Krankheit der Sopranistin um ganze neun Monate verschoben werden musste. Fast ein Jahrhundert später, im Jahr 1960, verstarb der Bariton Leonard Warren an einer Hirnblutung, während er in der Rolle des Don Carlo an der Met sang; ironischer Weise klappte er ausgerechnet zusammen, als er seine Arie beendete, die mit den Worten „morir, tremenda cosa” begann – „sterben, welch furchtbare Sache“.

Auch Wagners Tristan und Isolde umweht ein Hauch von schlechtem Karma: Während Wagner an seiner Oper schrieb, trennte sich seine Frau von ihm, nachdem sie von seiner engen Beziehung zu seiner Muse Mathilde Wesendonck erfahren hatte. 1959 musste eine ausverkaufte Vorstellung an der Met fast abgesagt werden, als alle drei Tenöre – der geplante Karl Liebl sowie die Zweitbesetzungen Ramón Vinay und Albert da Costa – bekanntgaben, dass sie zu krank seien, die komplette Partie zu stemmen. Ein großes Fiasko konnte abgewendet werden dank der einzigartigen Lösung, jeden Tenor nur einen Akt singen zu lassen. Der allererste Tristan-Sänger, Ludwig Schnorr von Carolsfeld, verstarb plötzlich, nur wenige Wochen nach der Uraufführung der Oper 1865 und die Dirigenten Felix Mottl (1911) und Joseph Keilberth (1968) erlitten beide während des 2. Akts einen Herzinfarkt – ob das aber nun einem Fluch oder der schieren Komplexität und Länge der Oper zu verdanken war, bleibt wohl ein Geheimnis …


Hinweis: Keine Sänger:innen sind bei der Erstellung folgender Aufnahmen zu Schaden gekommen.

Die Glücksformel: gebrochene Beine, Pferdeäpfel und Wölfe?



Wenn Sie nun allen bösen Omen zum Trotz jemandem am Opernhaus eine gelungene, unfallfreie Vorstellung wünschen wollen, gibt es dafür auch wieder klare Regeln: ein schlichtes „Viel Glück“ gilt es unter allen Umständen zu vermeiden! Gut, dass sich die abergläubischen Opernleute in der Annahme, dass sich in solchen Situationen der geäußerte Wunsch ins Gegenteil umkehrt, alternative Sprüche einfallen lassen, drohendes Pech zu umschiffen.

Einer der bekanntesten ist „Hals- und Beinbruch”, im englischen Sprachgebrauch „break a leg“. Hierbei handelt es sich vermutlich um eine falsche Übersetzung des jiddischen „hazloche un broche“ (Erfolg und Segen) ins Deutsche; einmal kräftig genuschelt kommt dies dem absurden Wunsch doch ziemlich nahe. Mit dem wohlwollenden „Brechen des Knies“ könnte vielleicht aber auch das Beugen des Knies gemeint sein – eine Bewegung, die auf viele Verbeugungen während des Schlussapplauses verweist. Oder ist es dem Theaterpublikum im Elisabethanischen Zeitalter zu verdanken, das seine Begeisterung darin äußerte, das Gestühl auf den Boden zu schlagen – je mehr gebrochene Stuhlbeine, desto besser die Show? Oder kommt es von den Vaudeville-Acts, die ihre Gage erst erhielten, nachdem sie auf der Bühne aufgetreten waren und damit die – im Englischen als „leg“ bezeichneten – Vorhänge der Seitenbühne durchbrochen hatten?

Im Ballett, wo gebrochene Gliedmaßen Karrieren beenden können, wünscht man einander eher das der Ballettsprache Französisch entlehnte „Merde!“ (Scheiße), auf Spanisch sogar „Mucha mierda!“ Es wird angenommen, dass der wenig elegante Fluch aus Zeiten stammt, als das Publikum von Kutschen zur Oper gebracht wurde. Je mehr Kutschen vor dem Opernhaus standen, desto höher waren die Ticketeinnahmen und desto mehr Pferdeäpfel dekorierten die Straßen. In Italien wiederum wünscht man das Gegenüber „in bocca al lupo“ (in das Maul des Wolfes), was im Jägerjargon eine gute Jagd verheiße. Die entsprechende Antwort darauf lautet: „Crepi il lupo!“ (Möge der Wolf sterben!). In Australien ist es üblich, „Chookas!“ zu rufen, was vom Slang „chook“ für „chicken“ abgeleitet wird. Damit soll auf eine möglichst ausverkaufte Vorstellung verwiesen werden, die den Darstellenden garantiert, sich statt trockenen Brotes ein ordentliches Hühnchen leisten zu können.

Die Macht des „Toi, toi, toi”

 

Wenn Sie sich nun keine Wörter in verschiedenen Sprachen merken wollen, gibt es immer noch die in der Theater- und Opernwelt weit verbreitete Glückwunschformel des „Toi, toi, toi“. Diese Silben, die spätestens seit dem 19. Jahrhundert im deutschen Sprachgebrauch herumgeistern, sollen einerseits die dreifache Warnung vor dem Leibhaftigen darstellen, dem Teu-fel. Andererseits können sie als lautmalerische Alternative zum dreifachen Spucken verstanden werden, das traditionell böse Geister fernhalten soll. Achtung: Ob feucht oder trocken, für optimalen Erfolg wird immer über die linke Schulter des Gegenübers gespuckt, denn dort sitzt der Teufel, der so „weggespuckt“ wird. Als Antwort darauf erwidern Opernprofis entweder dieselbe Phrase oder wünschen: „Wird schon schiefgehen“. Doch wehe denen, die sich dafür bedanken und damit womöglich noch Unglück heraufbeschwören. Die können die Situation nur retten, indem sie ein Ritual ausführen, das unter anderem daraus bestehen kann, sich dreimal um die eigene Achse zu drehen, dreimal um das Theater laufen oder die Schlussverse des Puck aus Shakespeares Sommernachtstraum zu rezitieren … Wie gut, dass es an einigen Opernhäusern üblich ist, zur Premiere kleine Geschenke an die Kolleg:innen zu überreichen – so kann man sich auch in letzter Sekunde noch retten: „Danke … für dein Premierengeschenk!“

Und die Sache mit der misslungenen Generalprobe? Eine historische Erklärung gibt es dafür nicht. Hierbei handelt es sich vermutlich weniger um Aberglaube, als um eine psychologische Angelegenheit. Liefe die Generalprobe perfekt, würden sich die Mitwirkenden einer Produktion vielleicht zu selbstsicher darauf verlassen, dass die Premiere genauso gut läuft. Eine holprige Generalprobe hingegen sorgt für geschärfte Aufmerksamkeit und Anspannung und verspricht eine unter energetische, unter Adrenalin stehende erste öffentliche Aufführung.

Letztendlich gilt: Aberglaube muss sich nicht immer begründen lassen. Manchmal lohnt es sich, sich diesen kleinen kuriosen Ritualen einfach hinzugeben und zu merken, auf welch wunderbare Weise Aberglaube eine so diverse Gruppe von Menschen wie in der Oper zusammenzuschweißen vermag. Probieren Sie bei der nächsten Premiere doch einmal aus. Und dabei wünsche ich Ihnen: Toi, toi, toi!

 

Hannes Föst