

Was macht die Nächste Generation?
Was macht die Nächste Generation?
Vielleicht ist Ihnen dieses neue, strahlend blaue Logo schon aufgefallen: Opera Europa Next Generation? Nein, das ist keine Science Fiction und hat nichts mit Raumschiffen oder fremden Galaxien zu tun. Dahinter verbirgt sich ein neues, von der Europäischen Kommission unterstütztes Programm, das OperaVision ermöglicht, sein digitales Angebot zur Förderung von jungen Künstler:innen auszuweiten – der nächsten Generation der Opernwelt. Auf OperaVision genießen Sie viele vollständige Aufführungen, die von Künstler:innen mit fantastischen Karrieren produziert wurden. Solche Karrieren müssen irgendwo beginnen, neue Talente werden nicht einfach so auf die Erde gebeamt! Auf dem Weg zu den großen Rollen in einem großen Opernhaus durchlaufen sie einige Stationen. Erfahren Sie hier mehr über die Schritte der aufstrebenden Stars.
Die Ausbildung – mehr als nur Stimmtraining
Eine zentrale Rolle in der Ausbildung von Opernsänger:innen an Hochschulen und Konservatorien spielt die technische Schulung ihres Hauptwerkzeugs, der Stimme. Vom Zwerchfell, das für die sogenannte Stütze sorgt, über die Stimmlippen bis hin zur Zunge und den Lippen: beim Singen sind viele Muskeln beteiligt, deren Zusammenspiel gut koordiniert werden muss, damit die Stimme von einer Opernbühne aus über viele Meter in den Zuschauerraum hinaus strahlt. Und das ist Hochleistungssport! Genauso wie eine Leichtathletin, die täglich ihre Runden im Stadion dreht, um sich auf einen Wettbewerb vorzubereiten, lernt eine Opernsängerin, wie sie ihre Stimme stark, flexibel und gesund hält – denn ein dreistündiger Opernabend kann sich für die Ausführenden manchmal wie ein echter Marathon anfühlen.
So individuell jeder Körper ist, so individuell ist auch jede Gesangsstimme: Ob sich ein Sänger etwa zu einem lyrischen Tenor oder zu einem Heldentenor entwickelt, ist sicher anatomisch bedingt, kann aber auch durch entsprechende Ausbildung trainiert und definiert werden. Mehr über die unterschiedlichen Stimmfächer lesen Sie hier.
Als Opernsänger:in braucht man aber noch mehr als nur eine sichere Stimme: Musiktheaterproduktionen erfordern schauspielerische Fähigkeiten, die in der Ausbildung durch szenischen Unterricht trainiert werden. Oft lernen Sänger:innen schon eine neue Rolle, während sie noch in den Proben für eine andere stecken: Das Rollen- und Repertoirestudium bereitet sie auf die Bandbreite der Stile und Partien der Oper vor. Meist vertiefen die jungen Künstler:innen auch ihre Sprachkenntnisse, die ihnen beim Verstehen und Singen in fremden Sprachen helfen. Den Abschluss der Ausbildung bildet in der Regel eine eigene Opernproduktion mit den Studierenden.
Das Opernstudio – zwischen Studium und Festanstellung
Selten bekommt eine Sängerin oder ein Sänger sofort nach der Ausbildung eine Festanstellung an einem Opernhaus. Eine gute Unterstützung für die jungen Talente während des Berufseinstiegs ist das sogenannte Opernstudio, manchmal auch Akademie, Junges Ensemble oder Young Artists’ Programme. Das Opernstudio ist eine Möglichkeit für Sänger:innen, ihre in der Ausbildung erlangten Fähigkeiten im professionellen Kontext anzuwenden. Die jungen Künstler:innen sind für eine begrenzte Zeit (meistens ein oder zwei Jahre) an einem Opernhaus angestellt, wo sie weiter in den wichtigsten Disziplinen ausgebildet werden. In Meisterkursen – individuelle Coachings mit erfahrenen Sänger:innen – erhalten sie zusätzliche Impulse. Außerdem werden die Mitglieder des Opernstudios für kleinere Rollen in regulären Produktionen besetzt – was für viele das erste Mal, ihr Debüt, auf einer großen Opernbühne sein kann.
Manchmal zählen zu den Mitgliedern des Opernstudios auch Pianist:innen, die danach an einem Haus als sogenannte Korrepetitor:innen arbeiten, d. h. Sänger:innen beim Lernen neuer Partien unterstützen oder in Proben ohne Orchester die musikalische Begleitung spielen. Für sie ist es genauso wichtig, ein großes Repertoire zu kennen sowie zu lernen, sich schnell auf verschiedene Gesangstypen einzustellen und gemeinsam mit den Sänger:innen zu atmen.
Coaching – ein Leben lang lernen
Über die Ausbildung und Opernstudios hinaus begleiten Coaching und Mentoring professionelle Opernsänger:innen ein Leben lang. Dabei gibt es eine Vielzahl an spezialisierten Coaches, die mit ihrer Expertise in den verschiedensten Tätigkeitsfeldern des Opernbusiness arbeiten:
• Viele Sänger:innen haben private Gesangslehrkräfte, die ihren Schüler:innen regelmäßig wertvolle Tipps und Tricks für eine gut trainierte Stimme liefern.
• Belcanto, Alte Musik, Barock, romantische oder zeitgenössische Oper: Jede Epoche und jedes Genre hat unterschiedliche Anforderungen an die Interpret:innen, die unmöglich komplett in den Jahren der Ausbildung abgedeckt werden können. Daher gibt es auch hier wieder Stil-Expert:innen, von denen Nachwuchstalente lernen können, etwa in Meisterkursen.
• Sprach-Coaches (oft selbst ehemalige Sänger:innen) helfen bei der korrekten Aussprache und geben Tipps, wie bestimmte Sprachen am besten gesungen werden. Denn nicht jede:r Sänger:in spricht die Sprachen aller Opern, die sie singen, fließend. In der internationalen Opernwelt kann es schon einmal vorkommen, dass eine französische Sopranistin an einem Tag in Spanien Mimì singt (auf Italienisch) und am nächsten Tag in Deutschland Rusalka (auf Tschechisch).
• Bewegungstraining hilft, nicht nur die Stimme, sondern auch den Körper fit zu halten und gut auf szenische Aktionen auf der Bühne vorbereitet zu sein.
• Darüber hinaus gibt es auch weiterführende Kurse zu Bühnenpräsenz, Vertragsmanagement oder Buchhaltung – und vieles mehr!
Vorsingen – eine Kunst für sich
Zum alltäglichen Geschäft von aufstrebenden Opernstars gehört das Vorsingen. Ob in Wettbewerben, auf Einladung oder im Rahmen eines offenen Vorsingens – die Künstler:innen haben oft nur wenige Minuten Zeit, mit einer ausgewählten Arie bei einer Jury, einem Publikum oder der Intendanz eines Opernhauses einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen und im besten Fall engagiert zu werden. Dabei ist das Vorsingen ein komplexer Prozess, dessen Erfolg von vielen Faktoren abhängig ist. Einige Schritte sind:
• Die Wahl des Wettbewerbs bzw. des Opernhauses. Wettbewerbe können ganz verschiedene Schwerpunkte hinsichtlich Epoche (z. B. Barock- oder zeitgenössische Musik) oder Stilistik (z. B. Lied, Oratorium oder Oper) haben. Auch Opernhäuser können unterschiedliche Erwartungen an ein neues Ensemblemitglied haben: Vielleicht hat das Haus schon genug festangestellte Tenöre und braucht dringend einen soliden Bariton oder es werden besonders spielfreudige Sänger:innen gesucht, weil das Haus viele interaktive Produktionen für junges Publikum anbietet.
• Die Wahl des Titels. Wenn es kein Pflichtstück gibt, bleibt die Qual der Wahl: Welche Musik passt besonders gut zur Stimme? Möchte man sich als Expertin für romantische Musik oder genreübergreifende Sängerin präsentieren? Welche Arie kann man auch nach einer langen Zugfahrt am Morgen früh um 8 sicher singen?
• Der Live-Auftritt. Eine Jury oder Intendanz, die vielleicht schon hunderte Vorsingen miterlebt hat, schaut ganz genau darauf, wie die Sänger:innen die Bühne betreten. Welche Haltung haben sie, wirken sie schüchtern oder selbstbewusst, wie nehmen sie Kontakt zur Jury auf – und wie verlassen sie nach dem Singen die Bühne?
• Die Entscheidung. Manchmal erhalten Sänger:innen eine Absage, manchmal gleich mehrere Zusagen. Dann gilt es für die jungen Künstler:innen stark zu bleiben und für die wenigen Glücklichen abzuwägen, wofür sie sich entscheiden. Während die eine Rolle stilistische Weiterentwicklung verspricht, wartet womöglich woanders eine Festanstellung?
Besonders für junge Sänger:innen ist es wichtig, sich in Wettbewerben und Vorsingen auszuprobieren, und dabei auch geduldig zu sein: Denn manche Rollen, die man unbedingt haben möchte, kommen erst nach vielen Jahren Berufserfahrung!
Das richtige Alter für die richtigen Rollen, oder:
Warum mit 22 noch keinen Wagner singen?
Vielleicht kennen Sie die Geschichte des tragischen Liebespaares Tristan und Isolde? Vielleicht haben Sie schon einmal Richard Wagners berühmte gleichnamige Oper gesehen und sich gewundert, warum in den Rollen der jugendlichen Liebenden ausnahmslos ältere Sänger:innen zu sehen waren? Nun, nicht jede Oper ist für Berufsanfänger:innen geeignet. Besonders Wagner-Partien gelten als anspruchsvolle Rollen, die den Ausübenden viel abverlangen. Die norwegische Sopranistin Kirsten Flagstad, eine der größten Wagner-Interpretinnen des 20. Jahrhunderts, äußerte 1950 in einem Interview: „Mein erster Hinweis an junge und unerfahrene Sänger kann in drei Worte gefasst werden: Lasst Wagner sein. Das bedarf einer Kraft, die sich erst nach vielen Jahren des Singens entwickeln kann. […] Für die richtig schwierigen Partien wie Isolde oder Brünnhilde braucht es sogar mehr: eine perfekt sitzende Stimme, absolute Kontrolle des Atems und ein immenses Durchhaltevermögen.“
Es gibt nicht die richtige Oper für einen jungen Sänger oder eine junge Sängerin – allerdings haben sich an den Hochschulen und Konservatorien einige Konventionen etabliert. Beispielsweise eignen sich besonders Werke mit vielen kleineren Rollen, die schnell einstudiert werden können, und Chören, in denen viele Studierende eingesetzt werden können. Gerne wird auf Opern der Klassik und des Barock zurückgegriffen, da diese Art des Gesangs meist sanfter für die Stimme ist als eine wuchtige Wagner- oder Strauss-Partie, die sich zudem meist auch über ein größeres und lauteres Orchester durchsetzen muss. Auch Werke des 20. und 21. Jahrhunderts finden sich in den Programmen der Hochschulen, die sich aus verschiedenen Gründen für die Ausbildung anbieten. Neben echten Klassikern wie Mozarts Zauberflöte oder Puccinis Gianni Schicchi zählen auch Opern von Rossini, Monteverdi, Purcell oder Britten zu beliebten Hochschulproduktionen – und viele mehr …
Welches Repertoire die Talente von morgen präsentieren, welche Karrierewege sie einschlagen, wie sie sich auf ihre große Gesangskarriere vorbereiten und welche Überraschungen die nächste Generation der Opernwelt auf Lager hat, all das können Sie auf OperaVision entdecken. Bleiben Sie dran!
Hannes Föst