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Christian Kleiner

Nationaltheater Mannheim

Der fliegende Holländer

Traft ihr das Schiff im Meere an, blutrot die Segel, schwarz der Mast?

Opern | Wagner

Ein Kapitän ist dazu verflucht, für immer auf den Meeren der Welt zu segeln, er darf nur alle sieben Jahre an Land gehen. Wird er die Liebe einer treuen Frau finden, um den Fluch zu brechen?

 

Richard Wagner stieß 1838 durch Heinrich Heines Aus den Erinnerungen des Herrn von Schnabelewopski auf die Legende des Fliegenden Holländers. Nach einer stürmischen Reise von Riga nach London - Wagner war wieder einmal auf der Flucht vor Gläubigern - wählte er den Stoff für seine nächste Oper aus und begann zu komponieren, die unberechenbare Kraft des Meeres noch vor Augen. Vor dem Hintergrund dieser wilden Natur entlarvt Wagner im Holländer seine Utopie einer Liebe, die über sich hinauswächst und als Gegengift zum Zeitgeist des 19. Jahrhunderts angeboten wird. Roger Vontobels neue Inszenierung aus Mannheim wird am Premierenabend live übertragen, und das Publikum in aller Welt kann einige der mitreißendsten Musikstücke erleben, die je für die geschrieben wurden.

Wird auf OperaVision am 24. April 2022 LIVE gestreamt.

 

In deutscher Sprache. Mit englischen Untertiteln.

Verfügbar von
24.04.2022 um 19:00 MEZ

bis
24.10.2022 um 12:00 MEZ

DalandSung Ha
Senta, seine TochterDaniela Köhler
Erik, ein JägerJonathan Stoughton
Mary, Sentas AmmeMarie-Belle Sandis
SteuermannJuraj Hollý
Der HolländerMichael Kupfer-Radecky
Traum-SentaDelphina Parenti
Traum-HolländerMichael Bronczkowski
ChorOpernchor des Nationaltheaters Mannheim
OrchesterNationaltheater-Orchester


MusikRichard Wagner
TextRichard Wagner
Musikalische LeitungJordan de Souza
InszenierungRoger Vontobel
Stellvertretender RegisseurMaren Schäfer
BühneFabian Wendling
KostümeEllen Hofmann
LichtFlorian Arnholdt
ChoreografieZenta Haerter
ChorleitungDani Juris
DramaturgieDeborah Maier / Marion Tiedtke
Video-DirektorStefan Bischoff

Akt I

Ein Sturm hat das Schiff des Marinekapitäns Daland an Land getrieben. Die Reise hat die Crew erschöpft und bald legen sich alle zur Ruhe. Der Steuermann versucht sich mit einem Lied wach zu halten, doch er schläft während seiner Wache ein. Plötzlich zieht ein seltsames Schiff an Dalands Schiff vorbei. Sein Kapitän ist der fliegende Holländer, der dazu verdammt wurde auf ewig Umherzuirren, ungehindert von Stürmen oder Piraten. Alle sieben Jahre ist es im erlaubt an Land zu gehen. Der Holländer bietet Daland unglaubliches Reichtum im Gegenzug für eine Unterkunft und die Hand seiner Tochter Senta. Daland akzeptiert das Angebot des Holländers und die Schiffe stechen in See.
 

Akt II

Auf die Rückkehr von Dalands Schiff wartend, arbeiten die Mädchen an ihren Spinnrädern und singen. Sentas Freundinnen ziehen sie mit dem Jäger Erik auf, ihrem leidenschaftlichen Verehrer. Senta, die scherzhaften Bemerkungen nicht beachtend, singt eine Ballade über den Fliegenden Holländer, den sie schon in der Kindheit zu lieben lernte, und offenbart ihr innerstes Geheimnis: mit treuer Liebe will sie den gequälten Seemann retten. Sentas Worte überraschen Erik, der von einer seltsamen Vorahnung ereilt wird. Er erzählt von einem Traum, in dem er sah, wie sie den geheimnisvollen Kapitän umarmte. Der Holländer und Sentas Vater erscheinen und der Vater kündigt die Heirat an. Senta ist vom Holländer wie gebannt. Der Holländer wendet seine Augen nicht von Senta ab und hofft, dass ihre Liebe und Treue seinen Fluch brechen wird.
 

Akt III

Die Seemänner feiern ihre sichere Rückkehr. Sie rufen dem Schiff des Holländers zu, die Mannschaft solle sich doch zu ihnen gesellen, aber das Schiff bleibt dunkel und still. Dalands Matrosen verspotten die mysteriöse Crew und ihren Kapitän. Ein Sturm zieht auf und Gestalten nähern sich über die Wellen dem Ufer und damit sind die geladenen Gäste angekommen.
Erik versucht Senta davon abzuhalten, ihr Leben mit dem unheimlichen Fremden zu teilen. Senta ist nicht bereit auf ihn zu hören, denn sie hat einen Eid geschworen und hat nun einer höheren Berufung zu folgen. Erik erinnert sie an seine Liebe zu ihr. Der Holländer, der Senta zusammen mit Erik sieht, ist von verzweifelter Eifersucht und einem Gefühl des Verlustes geplagt, weil er glaubt, dass auch Senta es versäumt hat, ihm unsterbliche Treue zu geben. Er enthüllt sein Geheimnis und macht sich auf den Weg zu seinem Schiff, um dieses vom Fluch vorgeschriebene endlose Umherirren fortzusetzen. Senta stürzt sich von der Spitze einer Klippe ins Meer und begleicht mit ihrem Tod die Sünden des Holländers. Das Schiff des Fliegenden Holländers zerbricht an den Klippen und seine Odyssee geht zu Ende.

Alles nur ein Traum?

Einige Fragen der Dramaturgin Marion Tiedtke an das Produktionsteam – den Regisseur Roger Vontobel, den Bühnenbildner Fabian Wendling, die Kostümbildnerin Ellen Hofmann, die Choreographin Zenta Haerter und an den Videokünstler Stefan Bischoff.

Marion Tiedtke: In unseren Vorarbeiten haben wir uns immer wieder die Frage gestellt: Wie können wir diese fast 180 Jahre alte, vielfach aufgeführte Oper für unsere heutige Zeit ausdeuten?

Roger Vontobel: Mein Ansatz in der Beschäftigung mit diesen alten Geschichten hat immer etwas mit einer bewusst gewählten Erzählperspektive zu tun – eine Art Einflugschneise für die Ausdeutung der Oper. Wagner hat schon früh sehr kritisch auf die Entwicklung des Kapitalismus geschaut, wie wir es heute angesichts der Klimakatastrophe auf andere Weise tun: Auch wir wollen aus den uns umgebenden, uns krank machenden und bedrängenden Verhältnissen ausbrechen, aber fliehen in unserer Ohnmacht eher in eine Ersatz- oder Scheinwelt, um uns abzulenken und wegzuträumen. Sentas Geschichte ist die Flucht aus einer patriarchalen und kapitalistischen Welt, in der es keine anderen Werte gibt als die materiellen. Sie sehnt sich nach einer größeren Bedeutung, nach einem Glück der anderen Art. Sie verliert sich in diesem Sehnen, betäubt sich mit Tagträumen, die Züge eines schizophrenen, letztlich letalen Zustandes tragen, aus dem es kein Entkommen zu geben scheint.

MT: Wie bist Du auf die Seile im Bühnenraum gekommen, und was stellen sie alles dar?

Fabian Wendling: Die Idee des Bühnenraumes fußt auf unserem Wunsch, die Spinnerei als Arbeitslager der Frauen zu Beginn des zweiten Aktes zum Ausgangspunkt unserer Interpretation der Oper zu  machen. Wir bleiben eigentlich nah an den gesponnenen Fäden, wählen aber die rohere Variante des Taus, womit wir die raue Arbeitswelt der Männer auf See sowie die raue Fabrikwelt der Frauen in der  Spinnerei gleichermaßen als Bild zusammenfassen können. In dieser Fabrik findet Sentas Alltag statt, aus dem sie mit dem fliegenden Holländer entfliehen will. So erschien es konsequent, ihre Traum- und Wunschbilder als Verzerrungen dieses Grundbildes darzustellen. Das Seil wird schließlich zu dem Strick, mit dem die Frauen sich ihre Taillen schnüren und mit dem sich Senta schließlich umbringt.
Im Grundbild formen 53 Seilwinden eine Art Gefängnisraum und eine erhöhte Plattform dient den Aufseherinnen als Überwachungsposten.

MT: Da die Ballade der Senta für Wagner der Ausgangspunkt seiner Komposition war, haben wir dies zum Anlass genommen, die Oper als Kopfkino von Senta zu deuten: Wir erleben ihren Blick auf die Welt, in der Traum und Wirklichkeit sich verschränken. Das schafft neue Freiheiten auch für die Kostüme, die oftmals wie Zitate aus unserer heutigen Medienwelt erscheinen. Was waren für Dich die entscheidenden Vorbilder?

Ellen Hofmann: »Der fliegende  Holländer« ist für mich ein Schauermärchen, das genauso gut in einem dystopischen Roman der achtziger Jahre wie in einem heutigen Hollywoodfilm von Quentin Tarantino spielen könnte. Im Produktionsteam haben wir häufig über den Roman von Margaret Atwood »The Handmaid’s Tale« (Der Report der Magd) und die daraus entstandene Serie gesprochen, als es um die Gruppe der spinnenden Mädchen im zweiten Akt ging. Sie sind im Grunde Zwangsarbeiterinnen im Hause Dalands, die ihre eigenen Mieder und Kleider herstellen, um den ankommenden Matrosen zu gefallen. Sie werden ›zugerichtet‹, um auf dem Heiratsmarkt bestmöglich ›an den Mann‹ gebracht zu werden. Bei uns sind das Kostüme im Stil der fünfziger Jahre, als die Damen sich noch sehr weiblich gekleidet haben. Sentas Gouvernante Mary ist Aunt Lydia in Atwoods Roman abgeschaut: eine Aufpasserin, die einerseits das Vertrauen ihrer Mädchen genießt, andererseits strafen und foltern kann, damit niemand aus dem System auszubrechen wagt.
Die Kostümidee für unseren Daland ist von Leonardo Di Caprios Darstellung des Calvin Candie in »Django Unchained« inspiriert.

MT: Welche stilistischen Tanztechniken verwendest Du in Deiner Arbeit, und wie entwickelst Du daraus Deine Choreographie?

Zenta Haerter: Ich bin geprägt vom Klassischen Tanz und vom Modern Dance, aber im Laufe der Jahre hat sich daraus meine eigene choreographische Sprache entwickelt. Seit einiger Zeit arbeite ich vor allem mit Tänzer*innen, die neue Tanztechniken kennen, die ich in meiner Ausbildung nicht gelernt habe. Ich empfinde es als Reichtum, von den mir unbekannten Tanztechniken profitieren zu können und suche die Tänzer*innen entsprechend aus.

MT: In der Ouvertüre, die alle musikalischen Elemente der Oper vereint und oft als „Meeressinfonie“ bezeichnet wurde, erlebt das Publikum eine filmische Reise durch Sentas Augen in ihre Gedankenwelt, die uns schließlich in den ersten Akt führt. Welche visuellen Assoziationen und Techniken waren für Sie bei der Gestaltung der Traumreise in Sentas Kopf wichtig?

Stefan Bischoff: Mit dem Video haben wir einen Einstieg in die Oper geschaffen, in dem sich Traum- und Albtraummotive in Sentas Kopf verschränken, eine Collage also.
Wir haben mit der Sängerin gefilmt und Aufnahmen aus den Tiefen des Meeres, Fjordlandschaften und eine Reise zu dem Ort, an dem die Geschichte beginnt, hinzugefügt. Es fühlt sich an wie ein Rausch, eine Reise, bevor Senta sich das Leben nimmt. Am Ende wird alles in einem rasanten Tempo zurückgespult. Diese Techniken kennen wir zum Beispiel aus dem Kinofilm. Sie ermöglichen es uns, mehrere Ebenen zu verbinden: Realität und Traum, Zeit und Raum.